Über die Auswirkungen des Niedrigzinses auf Versorgungswerke spricht Dr. Hans Wilhelm Korfmacher, Vorsitzender der Geschäftsführung, Versorgungswerk der Wirtschaftsprüfer und der vereidigten Buchprüfer im Lande Nordrhein-Westfalen (WPV), mit Dr. Guido Birkner.

Angesichts des langfristigen Niedrigzinses und der Volatilität der Kapitalmärkte pochen immer mehr Versorgungseinrichtungen gegenüber ihren Aufsichten auf größere Handlungsfreiräume bei der Kapitalanlage. Was wünschen Sie sich für das Versorgungswerk der Wirtschaftsprüfer und der vereidigten Buchprüfer?

Hans Wilhelm Korfmacher: Aufgabe des Versorgungswerk der Wirtschaftsprüfer und der vereidigten Buchprüfer im Lande Nordrhein-Westfalen (WPV) ist die Sicherstellung einer angemessenen Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung für seine Mitglieder. Die Betonung liegt dabei aus meiner Sicht auf dem Wort „Sicherstellung“, das heißt, die gesamte Tätigkeit muss sich an diesem Hauptziel ausrichten. Es dürfen nach meiner Auffassung also keine Risiken übernommen werden, die den gesetzlichen Auftrag gefährden könnten. Daher kommt es selbstverständlich nicht in Betracht, die Kapitalanlage vollständig zur Disposition der Entscheidungsträger in den einzelnen Versorgungseinrichtungen freizugeben.

Es wird aber in den Versorgungswerken, namentlich auch in der Dachorganisation, der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV), intensiv diskutiert, ob nicht eine eigene Anlageverordnung für die berufsständischen Versorgungswerke sinnvoll wäre. In einem ersten Schritt wird derzeit in Nordrhein-Westfalen ein Erlass der Aufsichtsbehörde diskutiert, mit dem unter Aufrechterhaltung der Risikokapitalquote von 35 Prozent eine der insoweit maßgeblichen Subquoten, nämlich die Beteiligungsquote, aufgehoben wird.

Dr. Hans Wilhelm Korfmacher Bildquelle: WPV

Wie reagiert das WPV auf den Niedrigzins als neue Normalität?

Hans Wilhelm Korfmacher: Das WPV hat frühzeitig den Rechnungszins abgesenkt, zunächst auf 2,5 Prozent für zehn Jahre unter Beibehaltung des Rechnungszinses von 4 Prozent für den längeren Anlagehorizont. Diese Absenkung für die nächsten zehn Jahre haben wir sodann rollierend fortgeführt, bis wir erkannt haben, dass es sich bei der Niedrigzinsphase nicht um eine temporäre Erscheinung, sondern um eine langfristig zu berücksichtigende „neue Normalität“ handelt. Den auf 3,5 Prozent für das gesamte Kollektiv – also nicht nur für Neubeiträge – herabgesetzten Rechnungszins haben wir jedes Jahr um weitere 0,05 Prozent – zu Lasten von Erhöhungsmöglichkeiten für Anwartschaften und Renten – abgesenkt.

Derzeit beträgt der Rechnungszins 3,35 Prozent, die tatsächlich erforderliche Nettoverzinsung rund 2,9 Prozent. Wir arbeiten mit den neuesten berufsständischen Sterbetafeln, die eine Prospektivität hinsichtlich der zu erwartenden weiteren Verlängerung der Lebenserwartung enthalten, sind also auf der Passivseite gut aufgestellt. Auf der Aktivseite, also bei den Vermögensanlagen, haben wir durch eine zunehmend verstärkte Diversifikation unter Reduzierung der festverzinslichen Anlagen auf aktuell rund ein Viertel des Gesamtportfolios und durch den Aufbau von illiquiden Investments reagiert.

Unseren Anteil an Immobilien-Investments haben wir deutlich auf rund 25 Prozent der Vermögensanlagen aufgestockt. Des Weiteren haben wir unsere alternativen Anlagen auf mehr als 20 Prozent hochgefahren. Die lliquiden Anlagen setzen sich dabei überwiegend aus Equity-Anlagen, daneben aber auch aus Debt-Anlagen zusammen. Neben Equity- und Debt-Investments im Infrastruktursegment, davon ein erheblicher Teil im Bereich erneuerbarer Energien, und Immobilien-Debt-Anlagen ist der Aufbau eines auch regional diversifizierten Portfolios im Bereich Private Equity zu nennen. Wir haben dem Aufbau von Private-Equity-Investments gegenüber dem Aufbau volatilerer Positionen in Aktien den Vorzug gegeben. Die Aktienquote beträgt entsprechend nur rund 11 Prozent.

Wie stark diversifizieren Sie?

Hans Wilhelm Korfmacher: Die Antwort auf diese Frage ist einfach: so stark wie möglich. Nach mehr als 25 Jahren Tätigkeit im Bereich der Vermögensanlage und in dieser Zeit mehreren Jahrhundertkrisen bin ich überzeugt, dass Diversifikation – selbstverständlich nachrangig nach einer professionellen strategischen Allokation auf der Grundlage von ALM-Studien – der Schlüssel zu einer langfristig erfolgreichen
Vermögensanlage ist. Meine persönliche Devise lässt sich mit der Sokrates zugeordneten Weisheit „ Ich weiß, dass ich nichts weiß“ am Besten kennzeichnen. Eine professionelle Vermögensanlage sollte, weil niemand die Zukunft vorhersehen kann – alles andere ist nach meiner Überzeugung „Scharlatanerie“ –, hinsichtlich Asset-Klassen, Sektoren innerhalb der Asset-Klassen und auch regional so breit wie für das konkrete Anlageportfolio angemessen aufgestellt sein.

Die Vermögensanlagen des WPV sind entsprechend, wie bereits an anderer Stelle gesagt, sehr breit diversifiziert. Als Nachteil einer breiten Diversifikation muss man dabei in Kauf nehmen, dass man viele Asset-Klassen abdecken muss, was bei einer professionellen Herangehensweise mit dem Aufbau entsprechender
interner Ressourcen oder Inanspruchnahme externer Beratung verbunden ist. Wir haben uns, von Ausnahmen bei exotischen Asset-Klassen abgesehen, für den Aufbau interner Ressourcen entschieden. Die mit Fragen der Kapitalanlage im Portfoliomanagement bzw. im Risikomanagement befassten Geschäftsführer werden daher von einem Team hochqualifizierter Experten intern unterstützt.

Wie wird die Anlagestrategie des WPV in den nächsten Jahren aussehen?

Hans Wilhelm Korfmacher: Ich glaube nicht, dass wir unsere Strategie grundsätzlich ändern müssen. Falls sich die Niedrigzinsphase nicht in Luft auflöst, wovon ich nicht ausgehe, werden wir im Rahmen der Anlageverordnung bzw. unter Nutzung der Möglichkeiten, die uns das nicht aufsichtsrechtlich gebundene Vermögen bietet, sicherlich weiter den Anteil an illiquiden Anlagen, also Immobilien und alternative Anlagen, aufstocken. Hierbei sind aus meiner Sicht – auch dies folgt dem Grundsatz der Diversifikation – Anlagen in derzeit noch als Nischenmärkte angesehenen Asset-Klassen interessant.

Eine professionelle Investition in Nischenmärkte setzt voraus, dass man sich mit den Chancen und Risiken entsprechender Anlagen mit genügend Zeit befassen kann. Ob dies im Hinblick auf das weiterhin sehr starke jährliche Neuanlagevolumen des WPV in den nächsten Jahren möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

Werfen wir noch einen Blick über den Tellerrand auf die berufsständische Versorgung insgesamt. Welche Trends sehen Sie dort?

Hans Wilhelm Korfmacher: Berufsständische Versorgungswerke stehen wie alle Altersvorsorgeeinrichtungen und sonstige Kapitalsammelstellen vor der Herausforderung, in einem zunehmend schwierigeren Kapitalmarktumfeld, geprägt insbesondere durch eine lang andauernde und nicht enden wollende Niedrigzinsphase, ausreichende Vermögenserträge zu erzielen.

Ich gehe davon aus, dass die regulatorischen Rahmenbedingungen insoweit an die Spezifika der Versorgungswerke angepasst werden müssen und eine eigene Anlageverordnung geschaffen werden sollte. Diese spezifische Anlageverordnung und die immer komplexer werdenden Kapitalmarktbedingungen
werden die in den letzten Jahren deutlich gestiegenen Anforderungen an das Portfoliomanagement und Risikomanagement innerhalb der berufsständischen Versorgungswerke weiter erhöhen.

Im WPV haben wir dem durch die zu Beginn dieses Interviews beschriebenen Änderungen innerhalb der Struktur der Organisation, die mit einer Übertragung der Geschäftsführungsfunktion auf eine hauptamtliche Geschäftsführung verbunden ist, Rechnung getragen. Dabei haben wir, um den berufsständischen Selbstverwaltungscharakter von Versorgungswerken hervorzuheben, keine aktienrechtlichen Strukturen übernommen, sondern die wesentlichen Grundlagenentscheidungen – strategische Allokation und Risikoneigung – dem ehrenamtlichen gewählten Vorstand zugeordnet. Ich bin überzeugt, dass diese Struktur für das WPV zukunftsweisend ist. Letztlich können aber nur die gewählten Gremien der einzelnen Versorgungswerke entscheiden, mit welchen Strukturen und mit welcher Strategie die Herausforderungen der Zukunft, nicht nur in der Kapitalanlage, am besten gemeistert werden können.

In der Begründung zum Gesetzentwurf, mit dem das WPVG NRW im letzten Jahr geändert worden ist, wird an zahlreichen Stellen darauf hingewiesen, dass der Gesetzgeber den Versorgungswerken nur einen Mindestrahmen vorgeben kann, die Verantwortung aber den Selbstverwaltungsgremien obliegt. Ich maße mir nicht an, anderen Versorgungseinrichtungen, in denen ich keine Verantwortung trage, Ratschläge zu geben.

 

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