Rudolf Henke, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen, ABV, zeigt im dpn-Gespräch auf, wie sich die Versorgungswerke für eine auch langfristig gedeihliche Zukunft aufstellen

Rudolf Henke ist seit November 2020 Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen, ABV. Der Bundestagsabgeordnete steht zudem der Ärztekammer Nordrhein vor. Im Gespräch mit Guido Birkner zeigt der Mediziner auf, wie sich die Versorgungswerke für eine auch langfristig gedeihliche Zukunft aufstellen.

Multifunktionär

Rudolf Henke ist in Sachen Medizin und Politik in vielen Führungsfunktionen tätig. Zu seinen zahlreichen Ämtern kam im November 2020 ein weiteres hinzu: Der CDU-Bundestagsabgeordnete übernahm den Vorsitz des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen (ABV). „Sicher werde ich nicht alles umstürzen“, sagt der Facharzt für Innere Medizin. „Die operative Arbeit liegt bei den einzelnen Versorgungswerken, und wir als ABV koordinieren für sie den Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie die Beratung.“

Trotz der Eigenständigkeit und der Vielfalt der Versorgungswerke sieht Rudolf Henke Gemeinsamkeiten der Alterssicherung der verkammerten freien Berufe mit der gesetzlichen Rentenversicherung. „Dabei denke ich an die Beitragsfinanzierung der Rentenabsicherung und an das Äquivalenzprinzip zwischen Beitrag und Versorgungsleistung“, sagt der 66-Jährige. Auch sei das Grundprinzip der Selbstverwaltung den Versorgungswerken und der gesetzlichen Rentenversicherung gemein. Allerdings: „Wir freien Berufe sind seit der großen Reform der Gesetzlichen Rentenversicherung im Jahr 1957 in unserer Altersversorgung unabhängig, weil der Gesetzgeber uns damals nicht gewollt hat und weil wir freiberuflich arbeiten – anders als Arbeiter und Angestellte.“ Einer freiberuflichen Tätigkeit sei eine vorrangige Orientierung am Profit fremd, sondern „für unsere freie Berufstätigkeit stehen Kompetenz und Verlässlichkeit immer im Vordergrund“.

Umso wichtiger muss den freien Berufen ihre Altersvorsorge sein. „Wenn die körperliche oder auch geistige Alterung es unmöglich macht, den eigenen Beruf weiter auszuüben, sind Versorgungswerke die besseren Vehikel als nur die individuelle Vorsorge jedes Einzelnen“, so Henke. Natürlich könnten Architekten klug in Immobilien investieren oder Steuerberater günstige Investments für ihre Altersvorsorge tätigen. „Doch wir wollen vermeiden, dass ein Mitglied eines freien Berufsstandes im Alter finanziell in den Seilen hängt, weil es sich in der Kapitalanlage einmal vergaloppiert hat.“ Die kollektive Vorsorge der freien Berufe sei auch der sozialverträglichste Weg der Vorsorge.

„Ein untauglicher Versuch an einem untauglichen Objekt“

Grundsätzlich vermeide die ABV Stellungnahmen zur Entwicklung der Gesetzlichen Rentenversicherung und respektiere den Primat der Politik. Umgekehrt erwarten die Versorgungswerke Respekt für das eigene Existenzrecht. „In der Bundespolitik sollte es längst unumstritten sein, dass berufsständische Versorgungswerke notwendig sind“, sagt der Mediziner, „und deshalb in ihrer Unabhängigkeit erhalten bleiben sollen.“ Seit den 1960er Jahre gab es immer wieder Überlegungen in der Politik, die Versorgungswerke der Gesetzlichen Rentenversicherung einzuverleiben. In der jüngeren Diskussion über eine Reform der gesetzlichen Rente kam in den vergangenen Jahren die Idee einer allgemeinen Erwerbstätigenversicherung auf. In diese sollten alle Erwerbstätigen einzahlen, so der Vorschlag von Sozialverbänden und aktuell auch der SPD in ihrem Entwurf zum Wahlprogramm 2021 – also neben Angestellten auch Beamte und die Versicherten von Versorgungswerken.

Die Gedankenspiele um den Einbezug der Versorgungswerke in die Gesetzliche Rentenversicherung hält Henke für unrealistisch. „Das wäre ein untauglicher Versuch an einem untauglichen Objekt“, so der ABV-Vorsitzende. „Natürlich gibt es bei der Umlage gewisse Parallelen zwischen beiden Systemen.“ Doch die berufsständische Versorgung stütze sich auch auf das Prinzip der Kapitalbildung. „Das unterscheidet uns markant von der reinen Umlage.“ Zudem seien die berufsständischen Versorgungswerke im Maßstab so klein, dass sie die demographischen Probleme der Gesetzlichen Rentenversicherung nicht lösen könnten. Hinzukomme, dass die Mitglieder der Versorgungswerke aufgrund ihrer Langlebigkeit nicht nur keine Entlastung, sondern im Gegenteil mittelfristig sogar eine versicherungsmathematische Belastung für die Gesetzliche Rentenversicherung darstellten.

Der Bundestagswahl in diesem Jahr schaut der Berufspolitiker aus seinem Aachener Wahlkreis entspannt entgegen. „Die amtierende Große Koalition hat den Respekt vor der obligaten Absicherung in berufsständischen Versorgungswerken in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen und diese Zusage auch eingehalten.“ Jetzt wünsche man sich aus allen Parteien das Signal, dass man die berufsständische Versorgung keinen anderen politischen Zielen opfern wolle. Zumindest eine Sicherung des Status quo für die Versorgungswerke sollte Aufnahme in den nächsten Koalitionsvertrag finden – so die Forderung der ABV.

Kapitalanlagen weiter diversifizieren und verbreitern

Neben dem Gespenst einer Erwerbstätigenversicherung bereitet der langfristige Niedrigzins den Versorgungswerken Kopfschmerzen. Dabei kommt ihnen das Prinzip der Teilkapitaldeckung mit Umlageelementen in der Zinssituation zugute. In Zukunft werden die Versorgungswerke ihre Kapitalanlage noch stärker diversifizieren müssen, um die Rendite für ihre Verpflichtungen zu erwirtschaften. „Wir sehen an den Finanzmärkten in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten nicht nur eine höhere Volatilität, sondern auch eine Zunahme an Krisen, die zeitweise Dellen in den institutionellen Portfolios verursachen“, sagt Henke. Deshalb stellen sich die Versorgungswerke in der Kapitalanlage noch breiter und noch professioneller auf als bislang. „Die Werke nehmen immer mehr hauptamtliche Kapitalmarktexperten für ihr Portfoliomanagement unter Vertrag.“

Bildquelle: dpn

Auch registriert die ABV deutlich mehr Kooperation zwischen den einzelnen Versorgungswerken in der Kapitalanlage. „Nur so können auch kleinere Werke die steigenden Anforderungen an das Risikomanagement und das Asset-Liability-Management meistern“, betont der Internist. „Die ABV steht dabei als Sparringspartner zur Verfügung und führt einen vertrauensvollen Dialog mit den Aufsichtsbehörden in den Landesministerien.“

Die Aufsichtsbehörden aus den Landesministerien nehmen regelmäßig an den Sitzungen der Aufsichtsgremien vieler Versorgungswerke teil. „Somit kennen beide Seiten die Belange der jeweils anderen Seite noch besser“, erklärt Henke. Doch das Grundproblem der Versorgungswerke im Niedrigzins, nämlich die veralteten Anlagevorschriften, ist damit nicht aus dem Weg geräumt. „Natürlich lässt sich darüber streiten, ob die Verantwortlichen damals die Grenzwerte und Vorschriften risikotechnisch exakt festgelegt haben“, räumt der Politiker ein. Heute sehen sich viele Versorgungswerke durch die Vorschriften in der Kapitalanlage übermäßig eingeschränkt. „Dennoch nehme ich den Dialog zwischen den Versorgungswerken und den Aufsichten als sehr konstruktiv wahr.“ So seien die Behörden offen dafür, Anpassungen in der Asset-Allocation an das veränderte Kapitalmarkt-umfeld zu ermöglichen.

„Natürlich müssen wir alle uns heute Gedanken über neue Herausforderungen für die Kapitalanlage machen, etwa über den Rechnungszins oder für den Renditeverfall festverzinslicher Anleihen“, sagt Henke. „Gemeinsam können wir mit den Versorgungswerken und den Aufsichten bessere Lösungen finden als jeder für sich allein.“ Auch mache der offene Austausch in den Gremien Probleme und Handlungsbedarf schnell transparent. „Im gesamten deutschen Sozialsystem ist der Weg der Versicherten zu den Versorgungseinrichtungen und den Aufsichten nirgendwo so kurz wie in der berufsständischen Versorgung.“ Deshalb gelte für keine der beteiligten Seiten mehr die Ausrede, nicht über die relevanten Themen und Lösungen informiert zu sein. „Am Ende des Tages ist jeder Fall individuell, doch wir haben genügend Informationen und Kooperationsangebote im Markt, um jedem eine Lösung anzubieten.“

Den berufsständischen Versorgungswerken kommen – im Vergleich zu Versicherungen und Banken – die extrem langen Zeithorizonte für die Kapitalanlage zugute. Das erfordert eine besonders hohe Prognosequalität. Entsprechend wächst der Anteil der Kapitalanlagen mit einer langfristigen Bindung kontinuierlich – immer unter Berücksichtigung der jeweiligen Risikoprämien.

„Wir sind erst sicher, wenn alle sicher sind“

Der Mediziner Henke hält den Einschnitt für die Welt durch die COVID-19-Pandemie für außerordentlich, aber ebenso die schnelle Erholung der Kapitalmärkte und der meisten Wirtschaftszweige. „Ich gehe heute davon aus, dass wir in Deutschland im dritten Quartal dieses Jahres wieder zu einer gewohnten Lebensweise zurückkehren können, sobald die Impfkampagne abgeschlossen ist.“ Ähnlich optimistisch zeigt sich der Internist für Europa, während ihm der mangelnde Impfschutz auf anderen Kontinenten Sorgen bereitet. „Wir sind erst sicher, wenn alle auf der Erde sicher sind.“

Für die deutsche Wirtschaft und auch für die Versorgungswerke zeichnen sich trotz der Pandemie relativ glimpfliche Bilanzen für 2020 ab – so das vorsichtige Fazit von Rudolf Henke. „Wir können der Krise auch Positives abgewinnen, etwa in der Digitalisierung.“ Hier hatten ABV und viele Versorgungswerke noch vor einigen Jahren Nachholbedarf, den sie inzwischen decken konnten. Doch die nächsten Schritte in der digitalen Transformation stehen bereits an. Es stellt sich die Herausforderung, den Aktenbestand zu digitalisieren und in Datenbanken zu speichern.

Offen ist noch die wirtschaftliche Bilanz des Jahres 2020 für das Gesundheitswesen insgesamt und für die niedergelassenen Ärzte im Speziellen. „Die Kliniken haben durch die finanziellen Schutzschirme des Bundes und einzelner Länder ein wichtiges Maß an Sicherheit erhalten“, sagt der Mediziner. „Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen haben so umsichtig gehandelt, dass die niedergelassenen Ärzte trotz hoher Einnahmeausfälle finanziell nicht in die Enge gedrängt wurden.“ Natürlich hätten viele Menschen in der Pandemie verzichtbare Arztbesuche vermieden. „Doch ich erwarte, dass aufgeschobene Operationen und Therapien in der zweiten Jahreshälfte 2021 nachgeholt werden.“ Dadurch sollte auch die Einnahmesituation der niedergelassenen Ärzte wieder aufholen.

„Ich hoffe, dass die Pandemie alle Entscheider im Gesundheitswesen und in der Politik zu der Erkenntnis führt, dass wir in der Medizin mehr Wasser unter dem Kiel brauchen, um im Notfall angemessen navigieren zu können“, unterstreicht Henke. Das gelte für die Kapazitäten ebenso wie für die finanzielle Situation. „Wir dürfen im Gesundheitswesen nicht zu knapp auf Kante rechnen.“ Henke verdeutlicht die Lage im Gesundheitssystem mit einem Bild der Feuerwehr. „Wer ständig nur Feuer löschen muss und nie in der Zentrale ist, der ist irgendwann überfordert.“

Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage hat einen hohen Stellenwert

Der Parlamentarier macht im Gespräch deutlich, dass die Pandemie nicht das einzige Problem unserer Zeit ist: Ihm liegt der Klimaschutz am Herzen. Dabei geht er auch mit institutionellen Investoren wie seinen berufsständischen Versorgungswerken hart ins Gericht. „Der ökologische Fußabdruck jedes Einzelnen wird immer wichtiger, das gilt auch für die Versorgungswerke.“ Dabei geht es mit Blick auf die Reduktion von CO2-Emissionen nicht nur um den Verbrauch fossiler Brennstoffe zur Stromerzeugung. „Auch bei der Produktion von Zement und Beton, Stahl und Kunststoff werden Treibhausgase in großen Mengen emittiert. In der Industrieproduktion, in der Landwirtschaft und bei Transport und Verkehr können wir Forschungsergebnisse und Innovationen praktisch ohne Ende brauchen. Wir werden unsere institutionellen Portfolios im Hinblick auf das Engagement für solche Innovationen hinterfragen müssen. Vor allem brauchen wir bessere Lösungen für die Speicherung und den Transport von Energie.“

Daraus leitet Henke die These ab: Wer auch im Alter in Wohlstand leben will, der muss sich bereits jetzt Gedanken über alternative Wege der Energieversorgung machen – und darin investieren. „Der Verzicht auf fossile Brennstoffe allein wird den Energiehunger der Welt nicht stillen.“ Die heutigen Technologien und die Einsparungen beim Energieverbrauch reichten dafür nicht aus. „Innovationen, wie wir sie für den Klimaschutz benötigen, werden einen globalen Absatzmarkt haben, doch zuerst brauchen sie kluge Investoren.“

Somit begrüßt der ABV-Vorsitzende die Umschichtung institutioneller Portfolios in ESG-konforme Anlagen in den vergangenen Jahren. „Nachhaltig investieren heißt nach meinem Verständnis nicht, nicht mehr in Energiekonzerne zu investieren, nur weil sie auch fossile Energiequellen nutzen“, betont er. „Richtig wäre es, in die Energieversorger zu investieren, die ihre Sache im Hinblick auf Nachhaltigkeit am besten machen.“

Dass die Bewertung alternativer Anlageziele für institutionelle Anleger aufwendiger ist als die von Staatsanleihen, ist dem Politiker bewusst. „Aber den Asset-Managern liegen inzwischen immer bessere Methoden vor, um Anlageziele im Hinblick auf die ESG-Kriterien zu bewerten.“ Wenn institutionelle Anleger im Gros klug in nachhaltige Anlagen investierten, dann werde das auch in der Wirtschaft und in vielen Ländern ein Umdenken in Sachen Klimawandel befördern.

Klimawandel, Gesundheit und Kapitalanlage

Henke sieht hier seine eigene Profession in der Verantwortung. „Ein zentrales Thema auf dem nächsten Deutschen Ärztetag wird der Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit werden.“ Die Konsequenzen des Klimawandels für die Gesundheit beschäftigt Ärzte in vielen Facetten. Dazu gehört auch eine nachhaltige Anlagestrategie der ärztlichen Versorgungswerke. „Die Ärztekammern streben ihre eigene Klimaneutralität bis 2030 an, nur so bleiben wir uns selbst und der Gesellschaft gegenüber glaubhaft.“

Im Arbeitskreis „Vermögensanlage-Fragen“ beschäftigt sich die ABV seit langem mit der Frage der Nachhaltigkeit. „Die Arbeit daran wird zu keinem Zeitpunkt abgeschlossen sein, weil Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ein fortlaufender Entwicklungsprozess ist.“ Dort haben die berufsständischen Versorgungswerke laut Rudolf Henke weiteren Diskussionsbedarf. „Wir haben hier noch nicht an jeder Stelle die dauerhaftesten Antworten parat.“ Je eher sich die freien Berufe auch in ihrem Berufsumfeld und in ihrer Altersvorsorge mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz beschäftigen, desto besser sind sie auf die Veränderungen vorbereitet, die zwangsläufig auf die Menschheit zukommen. „Aber es fehlt vereinzelt noch am Rüstzeug, um damit angemessen umzugehen“, sagt der Mediziner. „Das müssen, das werden wir uns noch zulegen.“ Auch sieht Henke bisweilen fehlendes Zutrauen in die entsprechenden Kapitalmarktinstrumente in manchem Versorgungswerk. Deshalb wird sich die ABV auch weiterhin intensiv mit Nachhaltigkeit befassen.

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