Fidelity hat die Anlageportfolios von Versicherungsgesellschaften untersucht. Das Ergebnis: Versicherer, die Kapital für zukünftige Forderungen parken, haben soziale Risiken zu wenig im Blick.

Insbesondere in der Corona-Krise könnte der fehlende Fokus auf soziale Risiken für Versicherungen problematisch werden. Dies könnte zu Liquiditätsproblemen führen, sagen Julie Pursaill, Equity Research Associate und Luca Romano, Sustainable Investing Analyst, bei Fidelity.

dpn: Fidelity hat sich mit den wachsenden ESG-Risiken in der Versicherungsbranche beschäftigt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Positiv überrascht hat uns, wie weit die ESG-Integration bei einer Reihe von Versicherern bereits fortgeschritten ist. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Marktkapitalisierung kein Hindernis für eine zukunftsorientierte ESG-Strategie sein muss. Außerdem sehen sich alle Akteure in der Branche mit den gleichen Schwierigkeiten konfrontiert. Da ist das Thema Benchmarking, der Bereich Szenarioanalyse und, dass ein einheitlicher Rahmen zur Impact-Messung benötigt wird.
Ein wachsendes Risiko, das seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und der massiven Verlagerung von Arbeit ins Homeoffice zugenommen hat, ist der Bereich Cyber-Risiko. Die meisten Versicherer, mit denen wir sprachen, meinten zwar, dass die Umstellung auf Homeoffice weitgehend reibungslos verlaufen sei. Dabei hätten sie jedoch einen Anstieg der Cyber-Vorfälle beobachtet. Viele müssen hier mit entsprechenden Maßnahmen gegensteuern. Das heißt, sie verstärken ihre IT-Infrastrukturen und Kontrollen und bieten zusätzliche Schulungen für Mitarbeiter an.

dpn: Sind die Ergebnisse weltweit gültig oder gibt es regionale Unterschiede? Wie wichtig ist die Größe einer Versicherungsgesellschaft?

Wir haben uns auf Europa konzentriert, wo die Versicherer in punkto ESG schon weiter sind als in den USA und Asien. Die ESG-Vorreiter auf dem alten Kontinent setzen Standards, die über den reinen Versicherungssektor hinausgehen. Hinzu kommt, dass sich auch die Regulierungsbehörden in Europa mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen und die Bedrohung durch den Klimawandel bei ihren Stresstests berücksichtigen. In den USA hat Nachhaltigkeit für institutionelle Anleger und Kunden einen geringeren Stellenwert.

Juliet Pursaill Bildquelle: Fidelity

Natürlich ist es so, dass die ESG-Vorreiter der europäischen Versicherungsbranche vorwiegend große Gesellschaften sind. Allerdings stellten wir fest, dass Größe nicht der wichtigste Faktor ist, der den Grad des ESG-Bewusstseins und der ESG-Integration bestimmt. Auch unter den ganz Großen gibt es Nachzügler und unter den mittelgroßen Vorkämpfer.

Für einige kleine und mittelgroße Versicherer sind fehlende Ressourcen zwar eine Herausforderung. Aber sie schaffen es trotzdem immer wieder, durch aktiven Dialog auf lokaler Ebene spürbare Veränderungen zu bewirken. Ein gutes Beispiel dafür ist die mittelständische NN Group. Sie geht in Nachhaltigkeits-Fragen voran, indem sie den aktiven Dialog als Instrument nutzt, um Verhaltensänderungen bei Beteiligungsunternehmen anzustoßen.

dpn: Wie sind Sie methodisch bei Ihrer Studie vorgegangen und welchen Marktanteil deckt sie ab?

In die Studie gingen zehn Versicherungen aus verschiedenen Kapitalisierungssegmenten und Teilsektoren ein. Sie repräsentieren zusammen eine Marktkapitalisierung von rund 150 Milliarden Euro. Alle sind in Europa gelistet, einige jedoch stärker international tätig. Wir wollten uns Gesellschaften mit einem Anlagehorizont von über fünf Jahren ansehen, weil wir davon ausgehen, dass sich die regulatorischen Entwicklungen infolge des Klimawandels  speziell in den nächsten fünf Jahren auf Asset-Preise auswirken werden. Außerdem ist wichtig, dass alle untersuchten Unternehmen bei der ESG-Integration noch Verbesserungspotenzial haben. Wir haben die „Musterschüler“ also bewusst außenvorgelassen.

dpn: Was sind Ihre Empfehlungen für Versicherer in der DACH-Region?

Angesichts der ab 2021 geltenden zweiten Aktionärsrechterichtlinie (ARUG II) werden viele Firmen, die bisher eine Abstimmung über ihr Vergütungssystem umgehen konnten, bei der Hauptversammlung im nächsten Jahr nicht mehr darum herumkommen. Die an unserer Studie beteiligten Versicherungen aus der DACH-Region zeigten sich bereit und offen für einen Dialog.

Erfreulich ist auch, dass immer mehr von ihnen bei ihrem Vergütungssystem für Führungskräfte ESG-Kennzahlen berücksichtigen. Wir würden jedem anderen Unternehmen in der DACH-Region unabhängig von der Branche empfehlen, seine Aktionäre vor der nächsten Hauptversammlung zu kontaktieren, wenn diese bislang noch nicht über das Vergütungssystem abstimmen konnten oder die letzte diesbezügliche Abstimmung schon mehrere Jahre zurückliegt. So können sie im Vorfeld über mögliche Bedenken diskutieren und vor der nächsten Hauptversammlung gemeinsam eine Lösung finden.

Wir würden auch jeder Versicherung, die dies noch nicht getan hat, dringend empfehlen, sich der PRI oder einer anderen Organisation zur Förderung verantwortungsbewussten Investierens anzuschließen. Vor allem aber tritt sie für verantwortungsbewusstes Investieren bei ihren Direktbeteiligungen beziehungsweise bei denen ein, die von Dritten verwaltet werden.

Versicherern empfehlen wir zudem eine Szenarioanalyse. Das hat sich als Best-Practice durchgesetzt. Damit lässt sich das Erwärmungspotenzial des Gesamtportfolios im Hinblick auf das Pariser Klimaabkommen bewerten. Darauf aufbauend sollten angemessene, quantifizierbare und zeitgebundene Ziele für die Portfolioemissionen festgelegt werden.

dpn: Stichwort 1,5 Grad Ziel?

Uns ist bewusst, dass die derzeit verfügbaren Daten und Instrumente keine umfassende und exakte Analyse der potenziellen künftigen Emissionen und des Value at Risk aus dem Klimawandel – sowohl physisch als auch vorläufig – ermöglichen. Aber sie ist definitiv hilfreich und gibt Anlegern eine Vorstellung von der künftigen Herangehensweise eines Versicherers an ein Thema, das die Branche auf Jahre hinaus stark beeinflussen wird.

Luca Romano Bildquelle: Fidelty

Um es kurz zu machen: Versicherer sollten nicht auf die perfekten Daten warten, sondern mit dem arbeiten, was verfügbar ist, um sich langfristige, ambitionierte Ziele zu setzen. Diese können dann im Laufe der Zeit angepasst werden, wenn verlässlichere Daten und branchenweit einheitliche Berichtsrahmen verfügbar sind.

Inwieweit hat sich das Risiko für Versicherer in letzter Zeit verändert?

Der Druck, den Klimawandel zu berücksichtigen, nimmt rasant zu. 2018 äußerte sich der UN-Umweltchef folgendermaßen: „Seit Generationen dient die Versicherungswirtschaft der Gesellschaft als Frühwarnsystem und Risikomanager, indem sie Risiken versteht, reduziert, bepreist und übernimmt.“ Sowohl Regierungen als auch Unternehmen müssen in den nächsten zehn Jahren handeln, um ein Szenario zu verhindern, in dem der Klimawandel unsere Welt derart verändert, das sie nach den Worten des AXA-Chefs von 2015 nicht mehr versicherbar ist.
Die Regulierung wirkt bereits als ein Katalysator, der ESG auf der Agenda von Versicherungsunternehmen nach oben pusht. Zudem nehmen Brancheninitiativen enorm an Fahrt auf. Im Februar 2019 veröffentlichte die Finanzinitiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen einen Arbeitsentwurf ihres Papers „Underwriting ESG risks in non-life insurance business“. Das ist der erste ESG-Leitfaden für die globale Versicherungsbranche. Es folgte im Mai der von der Prudential Regulation Authority (PRA) veröffentlichte Bericht „A Framework for assessing the financial impacts of physical climate change, A practitioner’s aide for the general insurance sector“. Hinzu kommt, dass Beratungsgesellschaften Veränderungen auf Branchenebene fordern – zum Beispiel Mercer 2019 in einem Update zu Klimarisiken. Die Einführung einer langfristigen Strategie, die klimabedingte Risiken berücksichtigt, hat inzwischen absolute Priorität.

Welche Rolle kommt der Pandemie zu?

Unabhängig davon veranschaulichen die Corona-Pandemie und die anschließenden Lockdowns die Bedeutung der sozialen Komponente. Sie rücken die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, Stichwort „Corporate Citizenship“, stärker in den Vordergrund. Das beschleunigt den Perspektivwechsel von den Aktionären hin zu den Interessengruppen. Zahlreiche Beispiele belegen, dass ein schlechtes Management mit Blick auf die Interessengruppen Kurseinbrüche zur Folge hat.

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