Die RAG-Stiftung in Essen hat den Auftrag, die Ewigkeitsaufgaben des deutschen Steinkohlenbergbaus zu finanzieren. Dafür muss sie ihr Vermögen klug anlegen und mehren. Guido Birkner sprach auf der dpn ASSETS & LIABILITIES Convention mit Dr. Jürgen Rupp, Chief Financial Officer der RAG-Stiftung, über die strategische Rolle von Investoren in der Nachhaltigkeitsdebatte.

Seit fast drei Jahren steht Jürgen Rupp der RAG-Stiftung in Essen als Finanzvorstand vor. Im Jahr seines Amtsantritts 2019 begann die Stiftung auch mit ihren Kernleistungen, der Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben des Deutschen Steinkohlenbergbaus. „Die 200 Jahre währende Bergbaugeschichte hat im Ruhrgebiet Aufgaben
hinterlassen, die dauerhaft zu bearbeiten sind“, sagt der studierte Jurist.

Die RAG-Stiftung müsse laut ihrer Satzung hierfür finanziell aufkommen. Beim Start der privatrechtlichen Stiftung im Jahr 2007 belief sich deren Vermögen auf rund 5 Milliarden Euro. „Im Wesentlichen handelte es sich dabei um die Aktien des Spezialchemiekonzerns Evonik“, sagt Jürgen Rupp. „Wir bezahlen die Ewigkeitsaufgaben, indem wir unser Vermögen anlegen und damit die benötigten Erträge erwirtschaften.“

Heute investiert die RAG Stiftung in alle Asset-Klassen mit Ausnahme von Hedgefonds und Rohstoffen. Ihr bewertetes Vermögen beläuft sich inzwischen auf über 20 Milliarden Euro – Stand Juni 2021. Seit 2019, dem Jahr, in dem der deutsche Steinkohlenbergbau endete, muss die Stiftung jährlich zwischen 250 und 300 Millionen Euro für die Ewigkeitsaufgaben bezahlen. Ihre Anlagestrategie zielt also zum einen auf die Vermehrung des Vermögens ab, zum anderen wird ein Cash-in benötigt, der es der Stiftung erlaubt, die jährlichen Verpflichtungen aus
liquiden Mitteln zu bedienen.

Eigenständigkeit in der Kapitalanlage

Die RAG-Stiftung managt ihre Kapitalanlage weitgehend eigenständig. Ihr Kuratorium bestellt den Vorstand und stellt den Jahresabschluss fest. Es greift aber nicht in die Investitionstätigkeit der Stiftung ein. „Wir stimmen mit dem Kuratorium die Anlagerichtlinie und die Quoten für die einzelnen Asset-Klassen ab, jedoch nicht die Frage, in welche Assets wir innerhalb dieser Leitplanken investieren“, betont der Finanzvorstand.

Die Stiftung hat aus einer Asset-Liability-Studie und im Hinblick auf ihren Cash-Bedarf abgeleitet, welche
Gesamtaufstellung sie in der Kapitalanlage vornehmen will. Zu ihrem breit gestreuten Anlageportfolio gehören heute zudem rund 57 Prozent an Evonik, 40 Prozent an der Wohnungsgesellschaft VIVWEST, ein eigener Spezialfonds sowie mehrere Mittelstandsbeteiligungen über eine stiftungseigene Beteiligungsgesellschaft.
Im Jahr 2014 entschloss sich die Stiftung angesichts des Niedrigzinses dazu, vermehrt in illiquide Anlagen wie Immobilien, Infrastruktur und Private Equity zu investieren. „Wir sind also in höher verzinste Anlagen hineingegangen, die auch eine andere Risikostruktur haben“, so Jürgen Rupp.

Dank der langfristigen Laufzeiten illiquider Anlagen konnte sich die Stiftung nachhaltig in diesen Asset-Klassen positionieren. Der große Baranteil der Stiftung zahlte sich im ersten Corona-Lockdown im März 2020 aus. „Dank unserer hohen Liquidität und der Risikotragfähigkeit wegen erheblicher stiller Reserven waren wir in dieser Phase
in der Lage, weiter zu investieren.“ Dabei legt die RAG-Stiftung immer stetig und diversifiziert an, aber „nie schlagartig und nie auf einzelne Investmentziele beschränkt“.

Als Beispiel nennt Jürgen Rupp Private Equity: „Wir haben von 2014 bis heute mehr als 130 solcher Fonds gezeichnet und verteilen so Chancen und Risiken.“ Das Kernteam der RAG-Stiftung für die Kapitalanlage setzt sich aus fünf Personen zusammen. Sie kooperieren mit zahlreichen Fonds- und Asset-Managern bei verschiedenen Asset-Klassen.

Klare Position zur Nachhaltigkeit

Die Lasten des Bergbaus kennt das Ruhrgebiet seit Jahrhunderten. Entsprechend wissen Jürgen Rupp und seine Kollegen fast auf den Euro genau, welche jährlichen Kosten vor allem das dauerhafte Pumpen von unter- und obertägigem Wasser verursacht. Auch die Kosten für das Filtern von Wasser aus verunreinigten Böden ist
gut kalkulierbar, so dass die Stiftung die Verpflichtungsseite genau kennt. Finanzielle Risiken ergeben sich für die Stiftung also weniger aus den Kernaufgaben gemäß dem Stiftungszweck, sondern aus möglichen neuen und verschärften Vorschriften der EU oder des nationalen Gesetzgebers. Etwa zur Nachhaltigkeit und zu ESG.

Hierzu vertritt Jürgen Rupp eine klare Position: „Nachhaltigkeit entwickelt sich stetig weiter, ebenso die öffentliche Diskussion darüber. Wenn mir jemand von sich sagt, er sei nachhaltig, dann stellt das für mich nur eine Momentaufnahme dar.“ Die Stiftung habe ihre Kernaufgabe zu erfüllen, nämlich sehr langfristig Geld zu verdienen
und zu vermehren, um die Verpflichtungen zu erfüllen. „Schon deshalb – vor dem Hintergrund unserer sehr langfristig angelegten Tätigkeit – müssen wir nachhaltig denken und handeln. Dasselbe erwarten wir von unseren Partnern.“ Der Stiftung und ihrem Zweck bringe ein Eintags-Highflyer nichts, wenn der langfristig schlecht aufgestellt sei und dann keine Rendite bringe.

Mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, den Sustainable Development Goals, kurz SDGs, beschäftigt sich die RAG-Stiftung auch. „Diese Ziele setzen sich selbstverständlich nicht nur mit dem Klimaschutz auseinander, sondern greifen viel weiter.“ Die RAG-Stiftung nehme all diese Themen sehr ernst und prüfe das eigene Anlageportfolio entsprechend. „Das führt auch dazu, dass wir uns von einzelnen Titeln trennen, wenn diese unseren Nachhaltigkeitskriterien nicht oder nicht mehr entsprechen.“

Ganz klar: Nachhaltigkeit und unternehmerisches Handeln schließen sich nicht aus, sondern bedingen einander. „Für die RAG-Stiftung liegt nachhaltiges Handeln vor dem Hintergrund ihrer Aufgaben sozusagen in der DNA“, so Rupp. Auch deshalb sei es für die Stiftung wichtig, sich bei allen Investmentüberlegungen bewusst zu
machen, welche Chancen und Risiken ein Investment auch mit Blick auf das Thema Nachhaltigkeit mit sich bringt.

 

Herr Dr. Rupp. Foto: Catrin Moritz.

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