Verwaltungsräte im europäischen Finanzdienstleistungssektor erzielen Fortschritte, bleiben in Bezug auf Nachhaltigkeit, Technologie und Diversität aber hinter den Erwartungen zurück. Das betrifft auch die Schweiz.

Viele Verwaltungsräte der grössten europäischen Finanzdienstleister sind hinsichtlich Kompetenzen, Erfahrung und Diversität in Bereichen, die Anleger als wichtig erachten, unterbesetzt. Der erstmals publizierte «EY European Financial Services Boardroom Monitor» kommt zum Schluss, dass die Verwaltungsräte zwar gut qualifiziert in Bezug auf Politik, Finanzen, Rechnungswesen, Recht und Compliance sind. Bezüglich Geschlechterdiversität, Nachhaltigkeit oder technologisches Fachwissen herrscht jedoch Nachholbedarf. Doch gerade diese Themen sind den Anlegern wichtig wenn es um die Entscheidung geht, ob ein Unternehmen eine attraktive Anlage ist.

Der Boardroom Monitor von EY in der Schweiz gibt Aufschluss über die Erfahrung, die Ausbildung und die Kompetenzen von Verwaltungsratsmitgliedern im MSCI European Financials Index und in mehreren weiteren grossen nationalen Institutionen. Zu den von der Studie erfassten Unternehmen gehören zehn grosse Schweizer Unternehmen aus der Finanz- und Versicherungsbranche mit insgesamt 110 Verwaltungsratsmitgliedern. Neben dem Boardroom Monitor hat EY die Meinung von mehr als 300 institutionellen Anlegern in Finanzunternehmen in Grossbritannien (202), in Deutschland (33), der Schweiz (34) und Frankreich (33) eingeholt, und ihre Erwartungen an die Verwaltungsräte von Finanzdienstleistern mit dem Status quo in Europa verglichen.

Verwaltungsräte bleiben hinter den Erwartungen der Anleger zurück

Beinahe die Hälfte (44 Prozent) der befragten Anleger geben an, dass die Geschlechterdiversität eines Verwaltungsrats ihre Entscheidung, in ein Finanzdienstleistungsunternehmen zu investieren, erheblich beeinflusse, während nur 16 Prozent sagen, dass dies ihre Entscheidung überhaupt nicht beeinflusse. Obwohl in allen untersuchten europäischen Finanzdienstleistungsunternehmen Frauen in den Verwaltungsräten vertreten sind, liegt das Verhältnis der Geschlechter in allen Unternehmen derzeit bei 37 Prozent Frauen und 63 Prozent Männern. Bei den Schweizer Banken und Versicherungen ist der Anteil der weiblichen Verwaltungsratsmitglieder noch geringer: Die Geschlechterverteilung liegt bei 28 Prozent Frauen und 72 Prozent Männern.

Diversität betrifft auch das Alter und die Kompetenzen

«Geschlechterdiversität in Verwaltungsräten ist wichtig, aber Diversität betrifft nicht nur das Geschlecht. Es geht auch um Diversität in Bezug auf Alter und Kompetenzen», erklärt Andreas Blumer, Verwaltungsrats-Präsident von EY in der Schweiz. In der Schweiz sei auch regionale Vielfalt sehr wichtig, damit ein Verwaltungsrat wirksam agieren könne, so Blumer. Was die Altersvielfalt betrifft, so sind 45 Prozent der Aktionäre der Meinung, dass in den Verwaltungsräten von Finanzdienstleistern ein breites Altersspektrum vertreten sein muss, damit der Verwaltungsrat im digitalen Zeitalter effektiv agieren kann. Knapp ein Drittel (31 Prozent) der Aktionäre ist der Ansicht, dass in den Verwaltungsräten keine Vertreter aus einem breiten Altersspektrum vertreten sein müssen. Insgesamt verfügen nur 8 Prozent der untersuchten Unternehmen über Verwaltungsratsmitglieder, die jünger als 40 Jahre sind.

Die meisten Verwaltungsräte verfügen über politische Erfahrung

Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der institutionellen Anleger geben an, dass politische Erfahrung im Verwaltungsrat für die Attraktivität eines Unternehmens «wichtig» sei, ein Viertel (25 Prozent) hält dies sogar für «sehr wichtig». 97 Prozent der untersuchten Finanzdienstleister haben mindestens ein Verwaltungsratsmitglied mit Erfahrung in der Politik oder einem staatlichen Industriegremium, und in 44 Prozent aller untersuchten Unternehmen besteht der Verwaltungsrat zu mehr als einem Drittel aus Personen mit politischer Erfahrung.

Auch Erfahrung im Bereich Rechnungswesen und Finanzen ist wichtig

Rund die Hälfte der Anleger (50 Prozent) ist der Meinung, dass Erfahrungen im Rechnungswesen einen «bedeutenden» oder «sehr bedeutenden» Einfluss auf die Attraktivität eines Unternehmens haben. Nur gerade 17 Prozent der Anleger geben an, dass dies «überhaupt keinen bedeutenden» Einfluss habe. Alle untersuchten Finanzunternehmen verfügen über mindestens ein Verwaltungsratsmitglied mit Erfahrung im Bereich Rechnungswesen und Finanzen, und bei 70 Prozent der Unternehmen sitzen zwei oder mehr Mitglieder mit Erfahrung im Rechnungswesen im Verwaltungsrat.

Viele haben Know-how in den Bereichen Recht und Compliance

Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Aktionäre sehen es als ein «erhebliches Problem» an, wenn ein Unternehmen auf Verwaltungsratsebene wenig oder gar keine Erfahrung in den Bereichen Recht und Compliance hat, wobei 22 Prozent dieser Gruppe institutioneller Anleger das sogar als ein «sehr erhebliches» Problem erachten. 59 Prozent der untersuchten Unternehmen verfügen über mindestens ein Verwaltungsratsmitglied mit Berufserfahrung in den Bereichen Recht und Compliance.

Erfahrung in Nachhaltigkeit dürfte künftig gefragter sein

Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Anleger sind der Meinung, dass die Erfahrung des Verwaltungsrats im Bereich der Nachhaltigkeit einen «bedeutenden» Einfluss auf die Attraktivität eines Unternehmens hat, wobei 22 Prozent sogar finden, dass dies einen «sehr bedeutenden» Einfluss auf die Anlageentscheidung für oder gegen ein Unternehmen habe. Allerdings verfügt weniger als ein Fünftel (19 Prozent) der untersuchten Unternehmen über Verwaltungsratsmitglieder mit Erfahrung im Bereich Nachhaltigkeit. Die Daten des EY Boardroom Monitor deuten jedoch darauf hin, dass sich der Trend zur Ernennung von Verwaltungsratsmitgliedern mit Nachhaltigkeitserfahrung in ganz Europa beschleunigt. Die Analyse zeigt, dass 45 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder mit Nachhaltigkeitserfahrung in den letzten drei Jahren in ihr Amt berufen wurden. «Oft ist das erforderliche Fachwissen sehr spezifisch. Verwaltungsratsmitglieder müssen über ein breites Wissen verfügen, um in vielen Bereichen kompetent handeln zu können», weiss Blumer. Und er fährt fort: «Es ist manchmal besser, vertieftes Wissen in einem bestimmten Bereich wie zum Beispiel der Nachhaltigkeit einzukaufen. Wenn ein Verwaltungsrat über ein ESG-Thema entscheiden muss, dann zieht man ESG-Spezialisten von aussen hinzu, die das Thema beleuchten, damit der Verwaltungsrat anschliessend seine Entscheidung fällen kann.»

Gefragt ist heute auch Erfahrung mit FinTech und Technologie

Die Mehrheit (54 Prozent) der Anleger in Finanzunternehmen ist der Meinung, dass Unternehmen über Erfahrungen im Bereich FinTech auf Verwaltungsratsebene verfügen sollten. Allerdings verfügen nur 9 Prozent der untersuchten Finanzdienstleister in ihren Verwaltungsräten über Erfahrungen in diesem Bereich. Die Daten deuten darauf hin, dass die FinTech-Erfahrung für Verwaltungsräte europäischer Finanzdienstleister immer wichtiger wird.

Berufserfahrung im Bereich Cybersicherheit ist kaum vorhanden

Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Aktionäre ist der Ansicht, dass es ein «erhebliches Problem» darstellt, wenn der Verwaltungsrat eines Unternehmens wenig oder gar keine Erfahrung im Bereich der Cybersicherheit hat. Doch während 53 Prozent der Finanzdienstleistungsunternehmen mindestens ein Verwaltungsratsmitglied mit Tech-Erfahrung haben, gibt es in keinem der untersuchten europäischen Finanzdienstleistungsunternehmen Verwaltungsratsmitglieder mit Berufserfahrung im Bereich Cybersicherheit. Auch hier deuten die Daten darauf hin, dass die Verwaltungsräte Massnahmen ergreifen, um diese Kompetenzlücke zu schliessen.

Human Resources ist ein neuer Schwerpunktbereich

Der EY Boardroom Monitor ergibt, dass 20 Prozent der Verwaltungsräte europäischer Finanzdienstleister derzeit über mindestens ein Verwaltungsratsmitglied mit Berufserfahrung im Bereich Human Resources (HR) verfügen, von denen die Hälfte (50 Prozent) in den letzten drei Jahren in diese Funktion berufen wurde, was darauf hindeutet, dass HR in den letzten Jahren auf Verwaltungsratsebene immer mehr in den Mittelpunkt gerückt ist. «Der effektivste Verwaltungsrat im Finanzdienstleistungssektor ist einer, der in der Lage ist, dem Markt vorauszudenken, Veränderungen vorwegzunehmen, die Strategie zu beeinflussen und Risiken besser zu managen. Um dies tun zu können, benötigen Verwaltungsräte zunehmend ein besseres Verständnis von Nachhaltigkeit und Technologie, fasst Bruno Patusi, Country Leader Financial Services bei EY in der Schweiz, zusammen. Und er ergänzt: «Dies kann am besten dadurch erreicht werden, dass die Verwaltungsratsmitglieder dieses Wissen direkt vertreten.»

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