Ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung hält die Reform der Altersvorsorge für notwendig. Höhere Beiträge der Berufstätigen billigt aber nur die Hälfte. Ein höheres Pensionierungsalter akzeptiert nur knapp ein Drittel, und Renten-Kürzungen finden bei weniger als einem Fünftel Zustimmung.

Die Reform der Altersvorsorge ist vor dem Hintergrund der demografischen Herausforderungen auf politischer Ebene ein Dauerthema. 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung finden, dass eine Reform der Altersvorsorge notwendig ist; 19 Prozent der Befragten haben keine Meinung dazu. Die Akzeptanz einer Reform ist unter Männern und in der jüngsten Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen leicht höher als bei Frauen und älteren Befragten. Auch nichtberufstätige, schlechter verdienende und politisch eher links ausgerichtete Personen erachten eine Reform als notwendiger als die anderen Bevölkerungsgruppen. Dies geht aus dem «Ruhestandsmonitor 2021» von AXA Investment Managers hervor.

Trotz Ablehnung werden höhere Beiträge einem höheren Rentenalter vorgezogen

Die im Rahmen der Vorsorgereform vorgeschlagenen Massnahmen zur Sicherung der Rentenniveaus stossen auf unterschiedliche Akzeptanz. Höhere Beiträge der Berufstätigen billigen nur 50 Prozent der Befragten. Ein höheres Pensionierungsalter wird lediglich von 31 Prozent akzeptiert. Die Förderung von freiwilliger Teilzeitarbeit ab 65 Jahren bejahen immerhin 66 Prozent. Einzahlungen schon vor dem 25. Lebensjahr finden gar 81 Prozent gut. Mit einer Zustimmungsquote von nur 16 Prozent am wenigsten populär ist die Kürzung der Renten. Die beliebteste Variante dagegen ist das freiwillige, steuerbegünstigte Sparen in der 3. Säule. Dieser Massnahme stimmen 83 Prozent der befragten Personen «sicher» oder «eher» zu.

Zwei Drittel können sich vorstellen, nach der Pensionierung Teilzeit zu arbeiten

Fragt man Schweizerinnen und Schweizer nach ihrem Wunsch-Pensionierungsalter, geben berufstätige Personen im Durchschnitt 61 Jahre an. Zwischen den einzelnen Altersgruppen gibt es aber signifikante Unterschiede: Die 18- bis 39-Jährigen wünschen sich ein Pensionierungsalter von 59 Jahren, die 40-bis 64-Jährigen ein Pensionierungsalter von 61 Jahren, und die Befragten der ältesten Gruppe (65 Jahre und älter) würden gerne erst mit 64 Jahren in Pension gehen. «Tatsächlich lag das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt 2020 gemäss dem Bundesamt für Statistik bei 65,2 Jahren. Die Befragten wünschen sich also ein Pensionierungsalter, das 4,2 Jahre unter dem aktuellen Durchschnitts-Pensionierungsalter liegt», erläutert Dr. Werner E. Rutsch von AXA Investment Managers. Er fährt fort: «Zwei Drittel der Befragten könnten sich vorstellen, nach der Pensionierung einer bezahlten Tätigkeit im Teilzeitpensum nachzugehen. Unternehmen sind gefordert, entsprechende Angebote bereit zu stellen.»

Gruppen mit niedrigem Einkommen sind schlecht abgesichert

Denn was die finanzielle Absicherung für den Ruhestand angeht, gibt es grosse Unterschiede. Auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht gut abgesichert) bis 10 (sehr gut abgesichert) liegt der Durchschnittswert aller Befragten gemäss Selbstdeklaration bei 5,8. Männer geben mit einem Wert von 6,1 eine deutlich höhere finanzielle Sicherheit als Frauen (5,5) an. Besonders offensichtlich ist der Unterschied zwischen den Einkommensgruppen: Die tiefste Kaufkraftkategorie gibt einen Wert von nur 3,3 an, die höchste Kaufkraftklasse einen Wert von 8,1. Werner E. Rutsch sieht auch hier Handlungsbedarf: «Das Problem, dass Frauen in der beruflichen Vorsorge nach wie vor schlechter gestellt sind, und die finanzielle Absicherung von Personen mit niedrigeren Einkommen oft lückenhaft ist, muss dezidiert angegangen werden.» Hier dürfte vor allem die Politik gefordert sein.

Stiftungen nutzen die Anlagemöglichkeiten nicht voll aus

Die aktuellen Studienergebnisse suggerieren, dass eine Reform der zweiten Säule schwierig bleiben dürfte. Die Versicherten wollen Leistungskürzungen kaum akzeptieren. Was also rät Werner E. Rutsch den Pensionskassen zu tun? «Pensionskassen müssen bei ihren Vermögensanlagen mehr Risiken eingehen, um gute Renditen zu erzielen», sagt er. So würden etwa die vorgegebenen Bandbreiten der BVV2 Anlagevorschriften nicht voll genutzt. «Sie erlauben beispielsweise eine Aktienquote von 50 Prozent, doch nur eine Handvoll der Stiftungen nutzt diese», erläutert er. Stattdessen verblieben die meisten Stiftungen beim herkömmlichen Anlageschema von einem Drittel Obligationen, einem Drittel Aktien und einem Drittel Immobilien. «Sie könnten die Aktien- und Immobilienquoten erhöhen und bei Obligationen auch andere Varianten berücksichtigen, beispielsweise hochverzinsliche oder Schwellenländer-Anleihen», ergänzt er. Er betont jedoch, wie wichtig eine gute Diversifikation dabei sei. Er räumt auch ein, dass es auf die Zusammensetzung der jeweiligen Stiftung und ihrer Versicherten ankomme, etwa deren Altersstruktur, um zu bestimmen, für wie lange das Anlagekapital gebunden werden könne.

Kapitalbezug ist gegenüber der monatlichen Rente auf dem Vormarsch

Entgegenkommen dürfte den Vorsorgeeinrichtungen daher, dass der Kapitalbezug wieder auf dem Vormarsch ist. Würden die Befragten heute in Pension gehen, entschieden sich 41 Prozent für die Auszahlung des Vorsorgevermögens in Form einer monatlichen Rente, 17 Prozent für den reinen Kapitalbezug, und 28 Prozent würden eine Mischung aus Rentenzahlung und Kapitalbezug wählen. Männer sind gemäss Studie eher für den reinen Kapitalbezug als Frauen. Auch besserverdienende Personen und Vollzeitarbeitende tendieren stärker zum Kapitalbezug als Befragte mit tieferer Kaufkraft oder einem Teilzeitpensum und Nichtberufstätige. Somit sei der Anteil der Personen, die den reinen Kapitalbezug wählen würden, wieder deutlich gestiegen, erklärt Werner E. Rutsch. Er führt dies auf das gute Börsenjahr 2020 zurück. Er weist allerdings darauf hin, dass ein direkter Vergleich zu den Studienresultaten der Vorjahre wegen der neuen Befragtenbasis (Gesamtbevölkerung statt nur PK-Versicherte) nicht möglich sei.

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