Trotz geopolitischer Unsicherheiten, steigender Energiepreise und zahlreicher wirtschaftlicher Herausforderungen blicken Schweizer Unternehmen vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Doch ihre Geschäftslage könnte sich verschlechtern.

Während der Blick nach vorne von verhaltener Zuversicht geprägt ist, ist die Beurteilung der Gegenwart von Unternehmen aus der Lebensmittel-, Chemie-, Stahl- und Metall sowie der Transportbranche eher zurückhaltend. So macht den Unternehmen der Schweizer Agrar- und Ernährungswirtschaft eine Verlangsamung der Zahlungen ihrer B2B-Kunden zu schaffen. «Auslöser sind Liquiditätsengpässe bei den Kunden aufgrund der steigenden Inflation, der Energiekrise und der veränderten Konsumentennachfrage», erklärt Mathias Freudenreich, Generalbevollmächtigter und Geschäftsführer vom Kreditversicherer Atradius Schweiz. Als Reaktion darauf habe sich die Zahl der Unternehmen vervierfacht, die die Zahlungsfristen gegenüber ihren Kunden verkürzt hätten, um den Cashflow zu beschleunigen. Viele würden zudem eine Verlängerung des Überziehungskredits beantragen. Insgesamt betragen die Zahlungsfristen für B2B-Kunden in der Lebensmittelbranche derzeit durchschnittlich 28 Tage ab Rechnungsstellung.

Zahlungseingänge lassen länger auf sich warten

Die Verlangsamung führte dazu, dass die Unternehmen im Durchschnitt zwei Wochen über das Fälligkeitsdatum hinaus auf Zahlungen von B2B-Kunden warteten. Und: 40 Prozent der befragten Schweizer Agrar- und Ernährungsunternehmen berichteten über eine deutliche Verlängerung des durchschnittlichen Zahlungseingangs (Days Sales Outstanding, DSO), weiss Freudenreich. «Die Veränderung spiegelt auch wider, wie Rechnungen von B2B-Kunden behandelt werden: Kleinere Rechnungen werden tendenziell schnell bezahlt, während grössere Rechnungen langsamer beglichen werden.» Immerhin: 74 Prozent des Gesamtwerts aller B2B-Kundenrechnungen in der Schweizer Agrar- und Lebensmittelindustrie wurde 2022 pünktlich bezahlt. Dennoch zeigen sich die Unternehmen besorgt, sagt Freudenreich: «Die Branche hat die Bedrohung für den Cashflow durch den Aufwärtstrend bei den Forderungsverzögerungen erkannt, der durch eine geringere Effizienz bei der Einziehung langer ausstehender Rechnungen mit hohen Beträgen verursacht wird.»

Insolvenzen könnten ansteigen

Mit Blick auf die Zukunft ist die Hauptsorge der Schweizer Agrar- und Ernährungsindustrie, dass die Störung durch die Pandemie anhalten könnte. 43 Prozent der befragten Unternehmen befürchten, dass sie die Erholung der heimischen Wirtschaft stark beeinträchtigen und zu einem Anstieg der Insolvenzen führen könnte. Auch der anhaltende Abschwung der Weltwirtschaft angesichts der geopolitischen Spannungen und der steigenden Inflation könnte den Aufschwung weiter verlangsamen. Dennoch überwiegt die Zuversicht: Nur knapp 30 Prozent der befragten Unternehmen äussern sich entweder negativ oder unsicher über die Aussichten für 2023.

Schweizer Chemiebranche gibt sich zuversichtlich

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in der Schweizer Chemiebranche. Ein langsamer oder ausbleibender Aufschwung der Binnenwirtschaft ist die Hauptsorge der Schweizer Chemieindustrie. 32 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass dies die Geschäftserholung verzögern oder behindern könnte. Befürchtet wird auch, dass der Abschwung der Weltwirtschaft durch geopolitische Spannungen, Unterbrechungen der Lieferketten und durch den Inflationsdruck aufgrund steigender Energie- und Rohstoffpreise verlängert werden könnte. Gleichwohl geben 64 Prozent der befragten Unternehmen an, dass sie das Geschäftswachstum im kommenden Jahr positiv einschätzen.

Verschlechterung der Zahlungsmoral ist wahrscheinlich

Gleichzeitig teilen doppelt so viele Unternehmen der Schweizer Chemiebranche wie im Vorjahr mit, dass sie mit einer Verschlechterung der Zahlungsmoral von B2B-Kunden rechnen. Gerade die Forderungslaufzeit bereitet ihnen zunehmend Sorgen. Fast 40 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie länger auf ihre Zahlungen warten müssen. «Diese Zahlungsverzögerungen werden meist durch Liquiditätsengpässe der Kunden oder administrative Verzögerungen verursacht, und der negative Trend setzt den Cashflow in der Branche zunehmend unter Druck», erklärt Freudenreich. Die Verschlechterung der DSO erfolgte trotz anderer, besserer Indikatoren in der Schweizer Chemieindustrie. Der Anteil der B2B-Umsätze, die auf Kredit abgewickelt werden, blieb in den letzten zwölf Monaten stabil. Die Zahlungsfristen für B2B-Kunden blieben bei 42 Tagen ab Rechnungsstellung, wobei die befragten Unternehmen der Branche angaben, dass sie während des Wartens auf Zahlungen externe Finanzierungen in Anspruch nehmen.

Verlängerte Zahlungsfristen führen zu Cashflow-Problemen

In der Schweizer Stahl- und Metallindustrie bereitet die Verschlechterung der DSO den Unternehmen erhebliche Sorgen. Die Forderungslaufzeiten haben sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich verschlechtert, was auf einen Liquiditätsengpass der Unternehmen der Stahl- und Metallindustrie hindeutet. 55 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass sie mindestens drei Wochen länger auf die Zahlungen ihrer B2B-Kunden warten müssen. Hauptursache sind steigende Energie- und Transportkosten sowie Unterbrechungen der Lieferkette. «Für die Schweizer Stahl- und Metallindustrie bedeutete dies eine deutliche Verschlechterung ihrer eigenen Liquiditätslage und möglicherweise den Beginn eines negativen Trends», fürchtet Freudenreich. Die befragten Unternehmen geben an, dass sie bestehenden B2B-Kunden längere Zahlungsfristen gewähren, um Wiederholungsgeschäfte zu fördern. Die Zahlungsfristen betragen jetzt durchschnittlich 37 Tage ab Rechnungsstellung.

Für 2023 befürchtet die Schweizer Stahl- und Metallindustrie eine Verschlechterung der DSO. Die Unternehmen geben an, dass sie angesichts der turbulenten Wirtschaftslage einen Anstieg der Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle von B2B-Kunden erwarten. Die störenden Auswirkungen der geopolitischen Spannungen auf die globalen Lieferketten sowie die steigenden Energiepreise könnten zu Liquiditätsengpässen führen und die Erholung der Binnenwirtschaft behindern.

Zuversichtlicher zeigt man sich in Bezug auf das Zahlungsverhalten: Nur 15 Prozent der Unternehmen der Schweizer Stahl- und Metallindustrie rechnen mit einer Verschlechterung der Zahlungsmoral von B2B-Kunden. 44 Prozent der befragten Unternehmen erwarten keine signifikanten Schwankungen der DSO, aber eine klare Mehrheit der Unternehmen rechnet damit, dass jede Bewegung der DSO viel eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung darstellt. Das allgemeine Geschäftsvertrauen ist stabil, und etwa drei Viertel der befragten Unternehmen gaben an, dass sie dem kommenden Jahr positiv gegenüberstehen.

Transportbranche ist für 2023 pessimistischer

In der Transportbranche sinkt das Vertrauen in die Aussichten für 2023. Die Zuversicht über die Entwicklung des Transportgewerbes ist deutlich geringer als vor zwölf Monaten: 33 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie die Zukunft negativ einschätzen oder keine klare Meinung dazu haben – vor einem Jahr waren es 9 Prozent. Aufgrund des turbulenten wirtschaftlichen Umfelds wird einen Rückgang der Nachfrage der wichtigsten weltweiten Handelspartner der Schweiz erwartet. Befürchtet wird zudem, dass geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise die Erholung der heimischen Wirtschaft stark beeinträchtigen könnten. Mit einer Verschlechterung der Zahlungsmoral der B2B-Kunden rechnen 23 Prozent der befragten Unternehmen. 2021 waren es nur 3 Prozent. Trotzdem ist die Sorge um die Entwicklung der DSO im kommenden Jahr nicht gross: 53 Prozent der Unternehmen erklären, dass sie keine signifikanten Schwankungen der DSO erwarten.

Die Skepsis in der Transportbranche hat Gründe: Die Verkäufe an Geschäftskunden auf Kredit stiegen in diesem Jahr um 22 Prozent. «Angesichts der Unterbrechungen der globalen Lieferketten und der schwierigen Bedingungen, die derzeit das globale Handelsumfeld beeinflussen, kann ein grösseres Volumen an Kreditverkäufen jedoch mit einem erhöhten Risiko von Zahlungsausfällen bei Kunden und daraus resultierenden Cashflow-Problemen einhergehen», warnt Freudenreich.

Über Atradius

Atradius ist ein globaler Anbieter von Kreditversicherungen, Bürgschaften, Inkassodienstleistungen und Wirtschaftsinformationen mit einer strategischen Präsenz in mehr als 50 Ländern.

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