Dank guter Börsenentwicklungen haben die Pensionskassen auf ihren Kapitalanlagen im letzten wie in diesem Jahr hohe Renditen erzielt. Der durchschnittliche Deckungsgrad stieg dadurch auf 116,3 Prozent. Ist damit alles gut? Mit Nichten, erklären Experten.

Pensionskassen stehen vor vielen Herausforderungen. Tatsache ist, dass die Lebenserwartung in der Schweiz von Jahr zu Jahr steigt. Hinzu kommen die Babyboomer, die ins Rentenalter kommen. Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung bezieht also immer länger Rente. Gleichzeitig verharrt das allgemeine Zinsniveau auf sehr tiefem Niveau. Daran ändert auch der jüngste, vorübergehende Zinsanstieg nichts. Zehnjährige Eidgenossen rentieren seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Jahr 2015 zumeist im negativen Bereich. Im Jahr 2019 lag die Verfallrendite zeitweise bei -1,0 Prozent, aktuell liegt der Wert bei -0,35 Prozent. Pensionskassen müssen ihre Vorsorgeverpflichtungen deshalb immer höher bewerten.

Aktien und Immobilien sollen es richten

Um den «dritten Beitragszahler» zu optimieren, setzen Pensionskassen auf globale und breit diversifizierte Anlagen. Aufgrund des tiefen Zinsniveaus haben sie ihre Obligationenbestände in den letzten zehn Jahren stark reduziert. Hielten sie 2010 noch rund 48 Prozent in festverzinslichen Anlagen oder als Liquidität, waren es Ende 2020 nur noch 38,7 Prozent. Die freigewordenen Anteile verteilten sich auf Aktien, ausländische Immobilien und Alternative Anlagen, wie Private Equity, Infrastrukturanlagen und Private Debt.

Infrastrukturinvestments dürften in Zukunft an Attraktivität gewinnen, sagen die Experten des Pensionskassenberatungsunternehmens Complementa, da sie seit dem 01.10.2020, gemäss gesetzlicher Klassifizierung (BVV2 Artikel 53 und 55), nicht mehr als «Alternative Anlage» eingestuft werden. Dadurch ist es Vorsorgeeinrichtungen erlaubt, bis zu 10 Prozent des Gesamtvermögens in Infrastrukturanlagen anzulegen. Die Immobilienquote liegt bereits das dritte Jahr in Folge über 20 Prozent (aktuell 20,6 Prozent), und Alternative Anlagen schwanken in den letzten Jahren zwischen 9 und 10 Prozent (aktuell 9,4 Prozent). Die Aktienquote lag per Ende 2020 mit 31,2 Prozent nahe dem historischen Mittel.

Erzielte Renditen sind erfreulich aber kaum nachhaltig

Die Corona bedingten Markteinbussen liessen im Frühling 2020 den durchschnittlichen Deckungsgrad an die Grenze zur Unterdeckung abgleiten. Umso positiver werten die Experten von Complementa, dass Schweizer Pensionskassen per Ende 2020 durchschnittlich 4,5 Prozent Rendite verbuchten. Dies entspricht der jährlichen Rendite (4,5 Prozent annualisiert) während der vergangenen Dekade. Die Gesamtrendite in den ersten acht Monaten dieses Jahres beträgt gar 7,1 Prozent. Doch die Experten warnen: «Die Renditen müssen vor dem Hintergrund nach wie vor anfälliger Finanzmärke gesehen werden. Inflationsängste und erneut steigende Covid-Fallzahlen sowie die hohe Staatsverschuldung sind nur einige der Herausforderungen.»

Complementa schätzt, dass Pensionskassen eine Rendite von mindestens 2,1 Prozent erwirtschaften müssen, um den Deckungsgrad konstant zu halten. Beim aktuellen Anlagemix können Pensionskassen damit auch ungefähr rechnen, sagen die Experten.

Kapital von Arbeitnehmern und Rentnern wurde gleich verzinst

Pensionskassen haben das Vorsorgekapital der Arbeitnehmenden im Jahr 2020 mit 1,8 Prozent verzinst, was deutlich über dem vom Bundesrat festgelegten BVG-Mindestzinssatz von 1,0 Prozent liegt. Der technische Zinssatz wurde nochmals um 0.1 Prozentpunkte auf 1,8 Prozent gesenkt. Somit wurden die Kapitalien der Arbeitnehmer und jene der Rentner gleich verzinst.

Umwandlungssätze sinken weiter

Ebenfalls weiter gekürzt wurde der Umwandlungssatz, wodurch sich die jährlichen Pensionierungsverluste reduzieren. Mit durchschnittlich 5,50 Prozent liegt der Umwandlungssatz 2021 nochmals fast 0.1 Prozentpunkte tiefer als im Vorjahr. Die Pensionskassen entfernen sich damit weiter vom BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent, der nach der gescheiterten Rentenreform zwar weiterhin Gültigkeit hat, jedoch weder der gestiegenen Lebenserwartung noch dem Zinsniveau Rechnung trägt. «Der versicherungstechnisch korrekte Umwandlungssatz liegt bei einem technischen Zins von 1,75 Prozent bei 4,77 Prozent. Ein zu hoch angesetzter Umwandlungssatz führt zu Pensionierungsverlusten, die jüngere Jahrgänge indirekt durch tiefere Verzinsungen bezahlen müssen», erklärt Complementa. Und die Experten wissen: «Pensionskassen haben für die nächsten fünf Jahre bereits Reduktionen beschlossen, um dieser Umverteilung entgegen zu wirken. Dadurch dürfte der durchschnittliche Umwandlungssatz bis 2026 auf 5,22 Prozent sinken.»

Pensionskassen fordern Anpassungen in der 2. Säule

Pensionskassenvertreter fordern auch in der diesjährigen Umfrage die Entpolitisierung der Vorsorge. Einzelne Exponenten empfinden das Aufschieben von Anpassungen wie einer Senkung des Mindestumwandlungssatzes oder Erhöhung des Rentenalters als nicht nachhaltig. Begrüssen würden die Pensionskassenvertreter auch eine Senkung – oder gar Aufhebung – des Koordinationsabzugs sowie ein früher einsetzender Sparprozess, etwa ab dem 20. Altersjahr. Drei von vier der Befragten stimmen zu, dass die Umverteilung für jede Vorsorgeeinrichtung gemessen und auch ausgewiesen werden sollte. Sie würden sich dadurch Transparenz und eine Förderung des Bewusstseins in der Politik und bei den Wählern erhoffen. 68 Prozent wünschen sich zudem die Abschaffung von Eigenmietwert und Abzugsfähigkeit von Hypothekarzinsen, um Wohneigentümer verstärkt zur Tilgung von Hypotheken zu motivieren. «Die dadurch ausgelösten potenziellen Mittelabflüsse aus der 2. Säule könnten theoretisch die Finanzierungsrisiken insgesamt senken», sagt Complementa.

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »