Das Schweizer Vorsorgesystem kämpft mit einem Anlageumfeld, in dem die benötigten Renditen nur noch mit mehr Risiko zu erzielen sind. Der Aktienanteil hat 2020 einen Rekordstand erreicht, und Immobilien-Investments nehmen stetig zu. Liegt darin die Lösung?

Schweizer Pensionskassen sind aktuell in einer guten Verfassung. Der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Kassen belief sich 2020 auf 116,1 Prozent. Er hat sich im ersten Quartal 2021 sogar auf 119,1 Prozent verbessert. Auch die öffentlich-rechtlichen Kassen mit Voll- und Teilkapitalisierung haben rekordhohe Deckungsgrade gemeldet, wie im Swisscanto Pensionskassen-Monitor von Ende März 2021 nachzulesen ist. Die gute Performance ist jedoch vor allem der positiven Entwicklung der internationalen Aktienmärkte zu verdanken, die sich rasch vom Corona-Schock erholt haben, und inzwischen teilweise auf historischen Höchstständen notieren. Aktienkurse unterliegen aber bekanntlich einer hohen Volatilität.

Anteil der Realwerte hat zugenommen

Ein Blick auf die Vermögensallokation der Pensionskassen zeigt, dass der Anteil an Realwerten in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen hat. So ist der Aktienanteil in den Portfolios von durchschnittlich 26,0 Prozent 2011 auf 32,7 Prozent im Jahr 2020 gestiegen, und hat damit einen Rekordstand erreicht. Vor 10 Jahren lag er noch bei 26 Prozent, wie Iwan Deplazes, Leiter Asset Management bei Swisscanto Invest von der Zürcher Kantonalbank, an der Fachmesse 2. Säule erklärt. Diese Aktienaufstockung ging in erster Linie zulasten von risikoarmen Obligationen, deren Anteil von 37,2 Prozent 2011 auf 28,9 Prozent im letzten Jahr gesunken ist. Auch der Anteil an Immobilien hat kräftig zugelegt, von 20,7 Prozent 2011 auf 24,4 Prozent im letzten Jahr. Damit ist es den 514 Schweizer Pensionskassen, die sich an der Swisscanto Pensionskassenstudie beteiligt haben, gelungen, durchschnittlich knapp 4 Prozent Rendite zu erzielen. Das Spektrum der Renditen reichte 2020 allerdings von -6,5 Prozent bei der schlechtesten bis zu +12,3 Prozent bei der besten Pensionskasse. Laut Deplazes war die Bandbreite der erzielten Renditen so hoch wie selten zuvor.

Höhere Renditen fördern die Performance der Kassen

Höhere Renditen bedeuten auch einen höheren Deckungsgrad und bessere Leistungen für die Versicherten, führt Deplazes weiter aus. Kassen mit einer guten Performance könnten die Altersguthaben besser verzinsen und den Umwandlungssatz höher halten. Dieser lag 2020 im Schnitt über alle Pensionskassen bei 5,5 Prozent, bei den 10 Prozent der Kassen mit der höchsten Rendite aber bei 5,7 Prozent. Auch haben letztere die Altersguthaben zu 2,2 statt zu 2,1 Prozent verzinst. Weil die Wertschwankungsreserven dank höherer Renditen gestiegen sind, können die Pensionskassen den Versicherten mehr von der Rendite gutschreiben.

Umverteilung hat abgenommen

Die jährliche Umverteilung der Vorsorgekapitalien, von den aktiv-Versicherten hin zu den Rentnern, hat gemäss Heini Dändliker, Leiter Key Account Management Firmenkunden Markt Schweiz der Zürcher Kantonalbank, abgenommen. Laut Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge betrug sie 2020 rund 4,4 Milliarden Franken. Wie Dändliker aufzeigt, würden die Pensionskassen inzwischen handeln. Er bezieht dies auf drei wesentliche Komponente: Die Verzinsung der Vorsorgekapitalien der aktiv-Versicherten gegenüber den Rentnern, den Kapitalbedarf aus Bewertungsveränderungen bei der Neubewertung von Rentenverpflichtungen durch die Senkung des technischen Zinssatzes, sowie auf die zu hohen Umwandlungssätze, die im Überobligatorium sukzessive reduziert werden. Obwohl die Schweizer Pensionskassen heute so gut dastünden wie seit 10 Jahren nicht mehr, würden die Renten ohne Kompensationsmassnahmen weiter sinken, räumt er ein.

Simple Erhöhung der Aktienquote ist keine Lösung

Um den Deckungsgrad stabil zu halten, benötigt eine Pensionskasse gemäss der Swisscanto Pensionskassenstudie 2021 eine jährliche Sollrendite von 1,9 Prozent. Um die Pensionskasse im Gleichgewicht zu halten, müsse sie im aktuellen Tiefzinsumfeld jedoch eine jährliche Risikoprämie von gegen 2,2 Prozent erwirtschaften, sagt Martin Roth, Geschäftsführer der Pensionskasse Manor. Ausgehend von einer durchschnittlichen Risikoprämie von 4 Prozent für den Aktienmarkt, entspreche die Risikoprämie von 2,2 Prozent einer Aktienquote von 55 Prozent, rechnet er vor. Damit liege die Aktienquote mehr als 20 Prozentpunkte über der durchschnittlichen Aktienquote 2021 von rund 33 Prozent. Roth sieht keine Lösung in einer simplen Erhöhung der Aktienquote. Er verweist auf die jährliche Performance des MSCI All Countries World von durchschnittlich 9,6 Prozent über die letzten 10 Jahre, die deutlich mache, dass es in den nächsten Jahren wohl schwierig werde, mit Aktienanlagen eine durchschnittliche Risikoprämie von 4 Prozent zu erzielen. Der Ansatz seiner Pensionskasse gehe dahin, zusätzliche Risikoprämien zu erzielen. Im Vordergrund stehen da alternative Risiko- und Illiquiditätsprämien.

Zukunft birgt geringes Wachstum, tiefe Zinsen und mehr Risiko

Auch Frank Häusler, Chief Investment Strategist bei Vontobel, ist überzeugt, dass sich Pensionskassen künftig wohl auf geringes Wachstum und tiefe Zinsen einstellen müssten. Eine Analyse der langfristigen Renditeerwartungen zeigt demnach, dass höhere Allokationen in Aktien, High-Yield- und Schwellenländeranleihen am vielversprechendsten sind, obwohl diese mit erhöhtem Risiko einhergehen. Häusler propagiert zudem Anlagen in High-Growth-Themen, wie künstliche Intelligenz, da diese Bereiche das Potenzial hätten, schneller als die allgemeine Wirtschaft zu wachsen.

Die Diskussionen um mehr Rendite beziehungsweise um den «dritten Beitragszahler» in der reformbedürftigen 2. Säule zeigen, dass Lösungen in jedem Fall teuer sind.

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