Die Zahl der Fusionen und Übernahmen von KMU erzielte im ersten Halbjahr 2022 erneut einen Rekord. Die weltweite wirtschaftliche und geopolitische Instabilität könnte den Appetit der KMU auf Übernahmen nun allerdings dämpfen.

Die Schweiz hat im ersten Halbjahr 2022 einen historischen Anstieg an M&A-Aktivitäten von kleinen und mittelgrossen Unternehmen (KMU) erlebt. 133 KMU haben gemäss der neuen Deloitte MidCap-M&A-Studie andere Firmen gekauft oder wurden selbst übernommen, verglichen mit 117 im ersten und 116 im zweiten Halbjahr 2021. Das ist die höchste Halbjahreszahl seit Erstpublikation der Studien 2013. Die in die Schweiz gerichteten M&A-Aktivitäten legten um einen Viertel zu auf einen neuen Höchstwert von 59 Transaktionen. Und die Zahl aller grenzüberschreitenden Aktivitäten (99 Transaktionen) entspricht ebenfalls dem höchsten Wert seit Beginn der Studien.

Für die regen M&A-Aktivitäten gibt es einige Gründe: «Tiefere Börsenbewertungen für Akquisitionskandidaten, in der Schweiz nach wie vor günstige Finanzierungskosten und der starke Franken haben die Übernahme ausländischer Unternehmen attraktiv gemacht und das Transaktionsfieber bei den Schweizer KMU angeheizt», erklärt Anthony West, Partner und Leiter Corporate Finance Schweiz bei Deloitte. Rein inländische Transaktionen nahmen mit einem Minus von knapp 11 Prozent hingegen wieder leicht ab.

Käuferschaft von Schweizer KMU stammt vor allem aus Europa

In der Schweiz wurden im ersten Halbjahr insgesamt 93 KMU gekauft. Der Grossteil der ausländischen Käuferschaft waren europäische (61 Prozent) und nordamerikanische (29 Prozent) Firmen. Die USA und Deutschland sind schon seit längerer Zeit die wichtigsten in der Schweiz investierenden Länder; aus den Nachbarstaaten kommen zahlenmässig 34 Prozent der Investitionen. Deloitte M&A-Experte Anthony West sieht die robuste Schweizer Wirtschaft sowie die starke Spezialisierung von Schweizer KMU als Hauptgründe für diese Entwicklung.

Gleichzeitig übernahmen Schweizer KMU am häufigsten Betriebe in Europa (85 Prozent). Die übrigen Transaktionen umfassen vorwiegend nordamerikanische Firmen. Rund 40 Prozent der Akquisitionen betreffen Unternehmen in den Nachbarländern, wobei allein Deutschland für 27 Prozent der Transaktionen steht. Viele Schweizer KMU bevorzugen ausländische Firmen im Industriesektor. Ebenfalls sehr beliebt sind weiterhin Unternehmen im Gesundheitswesen und in den TMT-Branchen, die beide von der COVID-19-Krise profitiert haben.

M&A-Aktivitäten halten trotz Gegenwind an

Die globalen M&A-Aktivitäten haben sich aufgrund der grassierenden Inflation und der steigenden Zinsen, der höheren Finanzierungskosten, des Ukraine-Kriegs und der wachsenden Angst vor einer Rezession bereits im laufenden Jahr stark verlangsamt. Global gesehen sei der grosse Optimismus daher verflogen, wie Anthony West klarstellt.

Für die Schweiz schätzt er die allgemeinen Aussichten durchweg positiver ein, wenn auch weniger optimistisch als noch zu Jahresbeginn. Neu hinzugekommen seien seither viele Risiken rund um den Ukraine-Krieg und dessen vielfältige Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. «Unsicherheit ist Gift für Unternehmenstransaktionen: Aktienmarkteinbrüche, Lieferkettenengpässe und der Kostenanstieg für Rohstoffe, Primärgüter und Dienstleistungen belasten viele Unternehmen – weltweit noch stärker als in der Schweiz. Das sind alles Gründe für eine geringere globale M&A-Aktivität und einen auch etwas schwächeren Appetit von Schweizer KMU auf Akquisitionen in der zweiten Jahreshälfte», erläutert Anthony West.

Tiefere Firmenbewertungen bieten günstige Kaufgelegenheiten

Nachdem viele Zentralbanken im Kampf gegen die Inflation die Zinsen angehoben haben, ist die Finanzierung von Akquisitionen grundsätzlich teurer und riskanter geworden. Durch die steigenden Kapitalkosten sind aber auch viele Firmenbewertungen gesunken: Das sind spannende Übernahmegelegenheiten sowohl für Investmentfonds mit grossem Bargeldreserven als auch für finanzstarke Unternehmen mit einem strategischen Fokus. Der Wertverfall vieler Währungen wie des Euro oder des britischen Pfunds gegenüber dem Schweizer Franken macht ausländische Firmen für Schweizer Unternehmen zusätzlich attraktiv.

Über die Studie

In der halbjährlichen Analyse von Deloitte zu M&A-Aktivitäten von Schweizer KMU wurden die Fusions- und Übernahmetransaktionen von Schweizer Klein- und Mittelunternehmen in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni 2022 untersucht. Deloitte definiert KMU wie folgt: ein Umsatz von mehr als 10 Millionen Franken, weniger als 250 Mitarbeitende und ein Unternehmenswert zwischen 5 Millionen und 500 Millionen Franken.

Aktuelle Beiträge

dpn Newsletter – Kompetent & unabhängig – Jede Woche neu
Jetzt anmelden »
dpn Newsletter
Jetzt anmelden »
Kompetent – unabhängig – jede Woche neu