Zwischen dem Vermögensaufbau von Männern und jenem von Frauen bis zum Zeitpunkt des Renteneintritts klafft eine grosse Lücke. Die Schweiz liegt mit 76 Prozent sogar einen Punkt unter dem europäischen Durchschnitt.

Der Unterschied zwischen dem Vermögensaufbau von Männern und Frauen bis zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung ist laut der neuen globalen Studie «Global Gender Wealth Equity» von WTW erschreckend: So gehen Frauen im Durchschnitt mit nur 74 Prozent des von Männern angesammelten Vermögens in den Ruhestand. Der Unterschied liegt in allen untersuchten Ländern zwischen 60 Prozent im schlechtesten und 90 Prozent im besten Fall.

Vermögensgefälle nimmt mit dem Dienstalter zu

Darüber hinaus zeigt die Studie, dass das geschlechtsspezifische Vermögensgefälle bei der Pensionierung mit dem Dienstalter zunimmt. Es wurde festgestellt, dass Frauen in leitenden Fach- und Führungspositionen weniger als zwei Drittel (62 Prozent) des akkumulierten Vermögens haben, das ihre männlichen Kollegen im Ruhestand geniessen. Bei den mittleren beruflichen und technischen Positionen war der Unterschied mit 69 Prozent immer noch beträchtlich, verringerte sich jedoch erheblich auf 89 Prozent bei den operativen Funktionen an vorderster Front.

Europa weist das geringste Wohlstandsgefälle aller Regionen auf

Insgesamt wies Europa das geringste durchschnittliche geschlechtsspezifische Wohlstandsgefälle aller Regionen auf. Frauen erreichen hier etwas mehr als drei Viertel (77 Prozent) des Wohlstandsniveaus der Männer. Die Schweiz liegt mit 76 Prozent einen Punkt unter dem europäischen Durchschnitt und weist eine wesentlich grössere Kluft auf als Länder wie Spanien, Österreich und Irland.

Schweiz liegt unter dem europäischen Durchschnitt

Wie David Pauls, Senior Director bei WTW in der Schweiz erklärt, tragen in der Schweiz der Mangel an erschwinglichen und zugänglichen Kinderbetreuungseinrichtungen und der unverhältnismässig hohe Anteil an unbezahlter Betreuungsarbeit durch Frauen zu den Herausforderungen beim Aufbau eines gerechten Altersvorsorgevermögens bei. Und er ergänzt: «Für viele Frauen wird dies noch dadurch verschärft, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen weniger Möglichkeiten haben, beruflich voranzukommen, und dass ihre Gehälter niedriger sind. Dies muss sich ändern, um gerechtere Vermögensergebnisse zu erzielen.»

Gefälle ist in Afrika, Südamerika und der Türkei besonders gross

Weltweit gesehen liegt das geschlechtsspezifische Wohlstandsgefälle in den USA mit 75 Prozent knapp über dem globalen Durchschnitt, während Kanada mit 78 Prozent etwas besser abschneidet. Nigeria weist mit 60 Prozent das höchste geschlechtsspezifische Wohlstandsgefälle in der Studie auf, dicht gefolgt von Argentinien mit 61 Prozent sowie Mexiko und der Türkei mit 63 Prozent.

Laut Manjit Basi, Senior Director, Integrated & Global Solutions WTW, sind die Ergebnisse der globalen Analyse erschreckend: «Sie zeigen, dass es in den 39 untersuchten Ländern durchweg ein geschlechtsspezifisches Vermögensgefälle gibt. Zu den wichtigsten Faktoren die dazu beitragen gehören geschlechtsspezifische Lohnunterschiede und verzögerte Karriereverläufe. Darüber hinaus beeinflussen Lücken in der finanziellen Allgemeinbildung und familiäre Betreuungsaufgaben ausserhalb des Arbeitsplatzes die Beteiligung von Frauen an der Erwerbsarbeit und damit ihre Fähigkeit, Vermögen aufzubauen.»

Entlohnung ist ein grundlegender Faktor

Und Basi fährt fort: «Es ist zwingend erforderlich, dass die Aktivitäten in den Bereichen Geschlechtervielfalt, Gleichberechtigung und Integration erweitert werden, um den wirtschaftlichen Wohlstand am Ende der beruflichen Laufbahn von Frauen zu berücksichtigen.» Die Entlohnung ist nach seiner Ansicht ein grundlegender Faktor, der dem geschlechtsspezifischen Wohlstandsgefälle zugrunde liegt. Dennoch: Die Beseitigung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles werde das Wohlstandsgefälle zwar teilweise schliessen, aber nicht vollständig beseitigen, mahnt er.

Geschlechterdiskriminierung rückt unter ESG vermehrt ins Licht

Die Studie hebt hervor, dass der Trend zur Geschlechterdiskriminierung durch das jüngste Erwachen in Sachen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) zunehmend in den Mittelpunkt gerückt ist. Darüber hinaus haben die Bemühungen der Unternehmen zur Förderung von Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration dazu beigetragen, das geschlechtsspezifische Lohngefälle und die Unterrepräsentation von Frauen in Vorständen und Führungspositionen zu verringern. Doch es bleibt noch mehr zu tun.

«Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei der Vermögensbildung ist zu wenig erforscht und wird übersehen. In Wirklichkeit sind das Problem der ungleichen Vermögensverteilung und seine Ursachen und Auswirkungen multidimensional und sollten als solche untersucht und angegangen werden», erklärt Basi. Und er fährt fort: «Indem man sich auf das akkumulierte Vermögen im Ruhestand konzentriert, kann die Ungleichheit quantifiziert werden, und es können Massnahmen durch die Gesellschaft, die Regierung und Organisationen ergriffen werden, um die Vermögensergebnisse anzugleichen.» Es gebe zwar keine Einzellösung, die das Wohlstandsgefälle zwischen den Geschlechtern beseitigen könne, aber effektive Führungskräfte müssten eine Reihe von Ansätzen anwenden, um es zu verringern.

Über die Studie

Die WTW-Studie folgt auf eine Zusammenarbeit zwischen dem Weltwirtschaftsforum (WEF) und WTW Anfang des Jahres, die in ihrem «Global Gender Gap Report» erste Einblicke in das Vermögensgefälle veröffentlichte. Der WTW-Wealth-Equity-Index (WEI), der in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum entwickelt wurde, betrachtet die Lebensarbeitszeit von Frauen ganzheitlich und versucht, das Ausmass der geschlechtsspezifischen Vermögensunterschiede für eine Auswahl von Ländern weltweit zu quantifizieren. Der WEI analysiert die quantitativen und qualitativen Aspekte der geschlechtsspezifischen Vermögensgleichheit und geht dabei auf 39 einzelne Länder ein.

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