Die Marktturbulenzen haben dem SNB-Finanzergebnis im 2. Quartal zugesetzt. Es droht ein Verlust von 50 Milliarden Franken, nach -32.8 Milliarden im 1. Quartal. Ist der Jahresverlust zu hoch, muss die SNB auf eine Ausschüttung verzichten.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) publiziert am 29. Juli 2022 ihr Finanzergebnis für das zweite Quartal und das erste Halbjahr 2022. Alessandro Bee, Ökonom bei der UBS Switzerland schätzt, dass die SNB im zweiten Quartal einen Verlust in der Grössenordnung von rund 50 Milliarden Franken ausweisen wird, womit sich der Gesamtverlust für das erste Halbjahr auf 80 bis 85 Milliarden Franken belaufen würde.

Marktturbulenzen belasten das zweite Quartal

Das zweite Quartal war von verschiedenen Turbulenzen geprägt: steigende Zinsen, Rückschläge an den Aktienmärkten, fallende Goldnotierungen und ein gegenüber vielen Währungen stärkerer Franken, führt Bee aus. Der Weltaktienmarktindex MSCI World verlor von April bis Juni 2022 rund 14 Prozent an Wert. «Bei einem Aktienportfolio von gut 240 Milliarden Franken wäre das ein Verlust von circa 35 Milliarden Franken», rechnet Bee vor. Und er fährt fort: «Gold in Schweizer Franken bemessen verlor im zweiten Quartal rund 3 Prozent an Wert, was bei einem Goldvorrat von 60 Milliarden Franken rund 1.8 Milliarden Franken Verlust bedeuten würde.»

Straffung der Geldpolitik hat zu einem Zinsanstieg geführt

Bee führt auch die Zentralbanken in den Industriestaaten an, deren Trendumkehr in der Geldpolitik zu einem signifikanten Zinsanstieg geführt habe: «Die Zinsen von 5-jährigen Staatsanleihen sind um 50 bis 80 Basispunkte gestiegen, was das SNB-Ergebnis mit rund 15 bis 20 Milliarden Franken belasten dürfte.» Der Einfluss der Währungen auf das Ergebnis der SNB sei allerdings unterschiedlich ausgefallen, wie Bee erklärt: «Der Franken wertete sich zwar gegenüber dem US-Dollar deutlich ab, gegenüber den meisten Währungen jedoch auf. Das dürfte in einem leichten Währungsverlust resultieren. Gestützt wird das Ergebnis von wiederkehrenden Erträgen wie Zins- und Dividendenzahlungen sowie den Negativzinsen.»

Ausschüttungen an Bund und Kantone sind in akuter Gefahr

Aufgrund der Entwicklungen sieht Bee die Ausschüttungen an Bund und Kantone in Gefahr. Das Eidgenössische Finanzdepartement und die SNB hätten im Januar 2021 die Modalitäten für die Gewinnausschüttung der SNB an Bund und Kantone für die Periode 2020 bis 2025 erneuert. Eine Ausschüttung erfolge nur, wenn ein Bilanzgewinn vorliege, so Bee. Dieser setze sich aus dem Gewinnvortrag aus dem letzten Jahr und dem ausschüttbaren Jahresergebnis zusammen. Dieses wiederum stelle das Jahresergebnis nach Zuweisung an die Rückstellung für Währungsreserven dar. Die SNB habe 2020 eine jährliche Mindestzuweisung an die Rückstellungen für Währungsreserven beschlossen, die 10 Prozent der bereits bestehenden Rückstellungen betrage. Der Gewinnvortrag aus dem Jahr 2021 betrage 102.5 Milliarden Franken. «Die SNB dürfte wohl an der bisherigen Praxis der Rückstellungen festhalten, wofür sie rund 9.5 Milliarden bereitstellen müsste. Stand heute sind die Ausschüttungen zumindest gefährdet», warnt Bee.

Marktvolatilität dürfte im zweiten Halbjahr hoch bleiben

UBS GWM CIO erwartet in der zweiten Jahreshälfte zwar eine Erholung der Aktienmärkte, mahnt aber, dass die SNB-Ausschüttung im nächsten Jahr aus der Perspektive einer vorsichtigen Fiskalpolitik nicht als gesetzt angesehen werden sollte. Dieser Punkt werde noch dadurch verstärkt, dass SNB-Gewinne sehr sensibel auf kleine Veränderungen in den Finanzmärkten reagierten. So würde bereits eine 1-Rappen-Aufwertung des Frankens gegenüber dem US-Dollar und Euro zu einem Verlust von rund 7 Milliarden Franken führen. Ein Anstieg der globalen 5-jährigen Zinsen um 10 Basispunkte bei einem Rückgang des globalen Aktienmarktes (MSCI World) um 1 Prozent würde einen Gewinnrückgang von 6 Milliarden Franken bedeuten. «Die hohe Volatilität der letzten Monate dürfte deshalb zu massiven täglichen Bewertungsänderungen geführt haben. Aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheiten erwarten wir auch im zweiten Halbjahr eine hohe Volatilität», sagt Bee.

Tiefere Inflation dürfte zu Frankenaufwertung führen

UBS GWM CIO rechnet auf Basis ihrer eigenen langfristigen Renditeerwartungen für verschiedene Anlageklassen mit einem jährlichen Renditepotenzial für das SNB-Portfolio von rund 1 bis 1,5 Prozent. Der Ausverkauf an den Anleihen- und Aktienmärkten habe deren Überbewertung deutlich reduziert und den Ausblick verbessert. Doch Bee räumt ein: «Die Performance dürfte darunter leiden, dass die deutlich tiefere Inflation in der Schweiz im Vergleich zum Rest der Welt in den nächsten Jahren zu einer klaren Aufwertung des Frankens gegenüber dem US-Dollar und dem japanischen Yen führen dürfte. Gegenüber dem Euro ist der Franken inzwischen fair bewertet, die Aufwertung des Frankens dürfte deswegen nur mässig ausfallen.»

Langfristig sollten wieder Ausschüttungen erfolgen

Bei einem Portfolio von fast einer Billion Franken bedeute ein längerfristiges Potenzial von 1 bis 1,5 Prozent einen durchschnittlichen jährlichen Gewinn von 10 bis 15 Milliarden Franken, sagt Bee, doch relativiert: «Dies, sofern die SNB nicht beschliesst, ihre Devisenreserven deutlich zu reduzieren.» Sein Fazit: «Langfristig dürfen Bund und Kantone damit weiterhin mit Ausschüttungen rechnen, im nächsten Frühjahr aber möglicherweise nicht.»

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