Die Nationalbank erhöht den Leitzins um 50 Basispunkte auf −0,25 Prozent. Sie tat dies letztmals vor 15 Jahren. Damit will sie dem gestiegenen inflationären Druck entgegenwirken. Sie warnt zudem vor konjunkturellen Risiken global wie national.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat an ihrer heutigen geldpolitischen Lagebeurteilung bekanntgegeben, dass sie die Geldpolitik straffen und den Leitzins sowie den Zins auf Sichtguthaben bei der SNB um einen halben Prozentpunkt auf −0,25 Prozent anheben wird. Die Zinsänderung gilt ab dem 17. Juni 2022. Das letzte Mal hat sie die Zinsen vor 15 Jahren erhöht, am Vorabend der Finanzkrise im September 2007. Die straffere Geldpolitik soll verhindern, dass die Inflation in der Schweiz, die mittlerweile auf 2,9 Prozent angestiegen ist, breiter auf Waren und Dienstleistungen übergreift. Die SNB schliesst dabei nicht aus, dass in absehbarer Zukunft weitere Zinserhöhungen nötig werden, um die Inflation auf mittlere Frist im Bereich der Preisstabilität zu stabilisieren. Um für angemessene monetäre Bedingungen zu sorgen, ist die Nationalbank bereit, bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv zu sein.

Die Nationalbank passt zudem per 1. Juli 2022 den Freibetragsfaktor an, der zur Berechnung der vom Negativzins befreiten Sichtguthaben der Banken bei der SNB dient. Er wird von 30 auf 28 gesenkt. Damit wird sichergestellt, dass die kurzfristigen besicherten Geldmarktzinsen in Franken nahe am SNB-Leitzins liegen.

Inflation dürfte erhöht bleiben

Die Inflation erreichte im Mai 2,9 Prozent und dürfte gemäss SNB zunächst erhöht bleiben. Die neue bedingte Inflationsprognose der SNB beruht auf der Annahme, dass der SNB-Leitzins über den gesamten Prognosezeitraum −0,25 Prozent beträgt. Die Prognose liegt für die nächsten drei Jahre über derjenigen vom März, und zwar bei 2,8 Prozent für 2022, bei 1,9 Prozent für 2023 und bei 1,6 Prozent für 2024. Ohne die heutige Zinserhöhung läge die Inflationsprognose deutlich höher, so die SNB.

Globales Wirtschaftswachstum hat sich merklich verlangsamt

Wie die SNB weiter erklärt, habe sich das globale Wirtschaftswachstum jüngst merklich verlangsamt. Sie führt diese Abschwächung einerseits auf die hohe Inflation zurück. Diese belaste die Kaufkraft und reduziere so die Nachfrage. Andererseits würden die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Unsicherheit sowie die Corona-Lockdowns in China die weltwirtschaftliche Entwicklung bremsen.

Die Inflation habe in vielen Ländern seit März nochmals deutlich und breit angezogen. Auch hier sieht die SNB einen wesentlichen Faktor im Ukraine-Krieg, indem er viele Rohstoffpreise habe ansteigen lassen. Zusätzlich führten die anhaltenden Lieferkettenprobleme zu weiteren Preiserhöhungen bei verschiedenen Waren.

Positive Konjunkturentwicklung sollte sich insgesamt fortsetzen

Die SNB geht in ihrem Basisszenario für die Weltwirtschaft davon aus, dass die Energiepreise vorerst hoch bleiben, dass es aber in den grossen Wirtschaftsräumen nicht zu einer akuten Energieknappheit kommt. Damit sollte sich die positive Konjunkturentwicklung insgesamt fortsetzen. Die Inflation dürfte infolge der gestiegenen Preise für Energie und Nahrungsmittel und der Lieferengpässe noch einige Zeit hoch bleiben. Mittelfristig sollten diese Faktoren aber an Bedeutung verlieren. Auch unter dem Einfluss der vielerorts zunehmend strafferen Geldpolitik dürfte die Inflation allmählich wieder auf moderatere Niveaus zurückkehren.

Weltwirtschaft unterliegt bedeutenden Risiken

Dieses Szenario für die Weltwirtschaft unterliege jedoch bedeutenden Risiken, räumt die SNB ein. So könne die Inflation weiter steigen und damit die realen Einkommen und die Konsumnachfrage noch stärker belasten. Gleichzeitig könne sich die hohe Inflation über vermehrte Zweitrundeneffekte verfestigen und stärkere geldpolitische Reaktionen im Ausland erfordern. Schliesslich gingen vom Krieg in der Ukraine und der Pandemie weiterhin wichtige Abwärtsrisiken für das Wachstum aus.

SNB rechnet mit 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum für die Schweiz

Nach Ansicht der SNB hat sich die seit Jahresbeginn günstige Wirtschaftsentwicklung in der Schweiz fortgesetzt. Nach einem bescheidenen Wachstum im vierten Quartal 2021 habe das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal dieses Jahres um knapp 2 Prozent zugelegt. Für das laufende Quartal blieben die Signale positiv. Auch am Arbeitsmarkt verbessere sich die Lage weiter. Der Krieg in der Ukraine habe die Wirtschaftsaktivität in der Schweiz bisher vergleichsweise wenig beeinträchtigt. Am deutlichsten spürbar seien die Folgen bei den gestiegenen Energiepreisen und bei den Lieferengpässen. Die Nationalbank rechnet für dieses Jahr unverändert mit einem BIP-Wachstum von rund 2,5 Prozent. Auch dürfte die Arbeitslosigkeit niedrig bleiben.

Prognose für die Schweiz unterliegt grossen Risiken

Die SNB räumt allerdings wiederum ein, dass die günstige Prognose für die Schweiz grossen Risiken unterliege. Die Prognose beruhe unter anderem auf der Annahme, dass die Weltwirtschaft weiterwachse, und dass der Krieg in der Ukraine nicht weiter eskaliere. Weiter könne eine Beeinträchtigung der Energieversorgung in Europa auch die Schweizer Wirtschaft empfindlich treffen. Die globalen Lieferengpässe und weitere Preiserhöhungen bei den Rohstoffen könnten das Wachstum bremsen. Darüber hinaus könne auch ein erneutes Aufflackern der Corona-Pandemie nicht ausgeschlossen werden.

Risiken drohen auch am Hypothekar- und Immobilienmarkt

Die SNB warnt zudem vor Risiken am Hypothekar- und Immobilienmarkt. Die Hypothekarkredite und Wohnliegenschaftspreise seien in den letzten Quartalen weiter angestiegen. Die Nationalbank will die Entwicklung am Hypothekar- und Immobilienmarkt deshalb genau beobachten.

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