Die finanzielle Lage der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen hat sich 2021 verbessert. Dank einer höheren Verzinsung der Vorsorgekapitalien kam es kaum zu Umverteilung. Doch die Oberaufsichtskommission sieht auch Risiken.

Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) hat neben ihrem jährlichen Tätigkeitsbericht auch die aktuellen Zahlen zur finanziellen Lage der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen veröffentlicht. Die Behörde sorgt zusammen mit den regionalen Aufsichtsbehörden und den Fachverbänden der zweiten Säule für eine erhöhte Transparenz und Qualitätssicherung in der beruflichen Vorsorge. Die Zahlen zeigen auf, dass ein sehr gutes Anlagejahr die finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen weiter verbessert hat. So erzielten sie 2021 eine durchschnittliche Netto-Vermögensrendite von 8,0 Prozent (Vorjahr: 4,4 Prozent). Die ausgewiesenen Deckungsgrade erreichten per Ende 2021 mit durchschnittlich 118,5 Prozent (gegenüber 113,5 Prozent Ende 2020) einen neuen Höchstwert. Die aktiv Versicherten erhielten mit 3,69 Prozent eine deutlich höhere durchschnittliche Verzinsung ihrer Vorsorgekapitalien als im Vorjahr mit 1,84 Prozent. Dadurch kam es im Jahr 2021 praktisch zu keiner Umverteilung von den aktiven Versicherten zu den Rentenbeziehenden.

Durchschnittlicher Deckungsgrad ist seit Anfang 2022 gesunken

Nachdem die Deckungssituation der Vorsorgeeinrichtungen per Ende 2021 im Durchschnitt sehr positiv ausfiel, und mittlerweile bereits 51 Prozent (Vorjahr: 30 Prozent) der Vorsorgeeinrichtungen ihre Wertschwankungsreserven für Turbulenzen an den Finanzmärkten vollständig aufgebaut haben, zeichnen sich laut OAK BV seit Anfang 2022 negative Entwicklungen ab: Sie erwartet aufgrund der steigenden Inflation weitere Zinsanstiege und fürchtet, dass der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland die Inflation noch erhöhen und sich negativ auf die konjunkturelle Entwicklung auswirken werden. Gemäss Hochrechnungen der OAK BV, die auf den individuellen Anlagestrategien der Vorsorgeeinrichtungen sowie der effektiven Entwicklung der Anlagemärkte fussen, sank der durchschnittliche Deckungsgrad der Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie und ohne Vollversicherungslösung bereits von 118,5 Prozent per Ende 2021 auf 112,9 Prozent per Ende März 2022.

Umverteilung fällt tiefer aus

Die hohen Verzinsungen im Berichtsjahr haben dazu geführt, dass 2021 nur noch geschätzte 0,2 Milliarden Franken von den aktiven Versicherten zu den Rentenbeziehenden umverteilt wurden (Vorjahr: 4,4 Milliarden Franken). Der Fünfjahres-Durchschnitt liegt dadurch aktuell bei 4,7 Milliarden Franken (Vorjahr: 6,3 Milliarden Franken). Gleichzeitig geht die OAK BV davon aus, dass die Umverteilung auch künftig weniger stark ausfallen wird, da die Vorsorgeeinrichtungen in den letzten Jahren die technischen Zinssätze kontinuierlich gesenkt und somit die laufenden Renten nachfinanziert haben. Durch das weitgehende Schliessen dieser Finanzierungslücke seien die technischen Parameter ökonomisch, respektive aktuariell, wieder deutlich realistischer geworden, erklärt die OAK BV. Gleichwohl wurden gemäss den Schätzungen der Behörde allein von 2014 bis 2021 insgesamt 45,3 Milliarden Franken von den aktiven Versicherten zu den Rentenbeziehenden umverteilt.

Lastenverteilung ist einseitig

Getragen wurde diese Umverteilung von denjenigen aktiven Versicherten, die über Jahre mit einer tiefen Verzinsung und gleichzeitig teilweise markant gesunkenen Umwandlungssätzen konfrontiert waren und sind. Die Solidaritätsmechanismen des BVG-Systems wurden damit einseitig strapaziert, findet die OAK BV. Sie fordert die obersten Organe deshalb auf, bei künftigen Überschüssen für einen Ausgleich zwischen den unterschiedlich behandelten Jahrgängen zu sorgen.

Konzentrationsprozess bei den Vorsorgeeinrichtungen hält an

Zwischen 2014 und 2021 hat sich die Anzahl der Vorsorgeeinrichtung von rund 2.000 auf 1.500 reduziert, während die Bilanzsumme von rund 800 auf rund 1.200 Milliarden Franken gestiegen ist. Dieser Konzentrationsprozess hat Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen wachsen lassen. Obwohl diese nur 18 Prozent der Vorsorgeeinrichtungen ausmachen, sind 72 Prozent der aktiven Versicherten bei ihnen versichert. Bei diesen stellen sich für die obersten Organe grosse Herausforderungen im Bereich Governance und finanzielle Stabilität. Viele dieser Einrichtungen sind zudem von ihrer Grösse und Komplexität her vergleichbar mit grossen Versicherungsgesellschaften, die viel strenger reguliert sind.

Aufsichtsinstrumente sind limitiert

Im Gesetz sei dieser veränderten Vorsorgelandschaft bisher nicht Rechnung getragen worden, beklagt die OAK BV. Das BVG gehe grundsätzlich vom Modell der Firmen-Vorsorgeeinrichtung aus. Die Aufsichtsinstrumente seien im Vergleich zur Banken- und Versicherungsaufsicht, aber auch zur Aufsicht über die sozialen Krankenversicherer, deutlich limitiert. Zudem erschwere das dezentrale Aufsichtssystem mit regionalen Behörden, die bezüglich Kompetenzen und Ressourcen teilweise sehr unterschiedlich aufgestellt seien, die notwendige Weiterentwicklung der Aufsicht im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung.

Der Handlungsspielraum der OAK BV sei sowohl gegenüber den regionalen Aufsichtsbehörden als auch gegenüber den Vorsorgeeinrichtungen beschränkt. Dadurch könne die OAK BV die in der Botschaft zur Strukturreform formulierte Zielsetzung, wonach die Oberaufsichtsbehörde sicherstellen solle, dass das System der beruflichen Vorsorge als Ganzes sicher und zuverlässig funktioniere, nur bedingt erfüllen.

Reformstau gefährdet die Interessen der Destinatäre

Die OAK BV kritisiert auch, dass der Stau bei den Reformen des BVG dazu geführt habe, dass Anpassungen in der Aufsicht der beruflichen Vorsorge nicht in Angriff genommen worden seien. Nach zehn Jahren Erfahrungen mit der Strukturreform sei es nun an der Zeit, im Aufsichtsbereich die notwendigen Anpassungen in Angriff zu nehmen, um die Interessen der Destinatäre auch künftig wirkungsvoll schützen zu können.

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