Die Anleihenmärkte sind heute deutlich attraktiver, als sie es in den letzten Jahren waren, urteilen Experten. Anleger sollten jedoch behutsam und nicht überstürzt zu festverzinslichen Papieren zurückkehren, und dabei selektiv vorgehen.

Die Marktbereinigung des letzten Jahres hat die Renditen im gesamten Anleihenuniversum auf Niveaus steigen lassen, bei denen Anleger erhebliche Sicherheitsmargen haben. «Selbst bei hartnäckiger Inflation und weiteren Zinsanstiegen können Anleger immer noch positive Erträge erwirtschaften», sagt Raymond Sagayam, CIO Fixed Income bei Pictet Asset Management. Doch er warnt: «Angesichts der geopolitischen und makroökonomischen Turbulenzen ist Vorsicht angesagt.» Auch wenn sich der Preisauftrieb in gewisser Hinsicht zu mässigen scheine, werde er wohl nicht so schnell zurückgehen, wie es die Zentralbanker letztes Jahr erwartet hätten. Und Sagayam ergänzt: «Deshalb ist es auch noch zu früh, die Inflation als besiegt anzusehen. Die Gefahr besteht, dass die Zentralbanken jetzt die Zinsen länger höher halten.»

Länger laufende Staatsanleihen könnten später attraktiver aussehen

Anleger sollten daher behutsam und nicht überstürzt zu festverzinslichen Papieren zurückkehren, und dabei selektiv vorgehen, rät Sagayam. Und er fährt fort: «Vorerst scheinen kurzlaufende Anleihen angesichts der inversen Renditekurve und der sehr attraktiven Breakeven-Renditen fast über das gesamte Spektrum hinweg attraktiv. Weil die Zentralbanken der Industrieländer möglicherweise 2023 das Ende ihres Straffungszyklus zu erreichen scheinen, werden länger laufende Staatsanleihen zu einem späteren Zeitpunkt attraktiver aussehen – und zwar unabhängig davon, ob sich die Zinsen nun seitwärts entwickeln oder schnell wieder sinken.»

Schwellenländeranleihen scheinen interessant

Aus taktischer Sicht scheinen Schwellenländeranleihen gemäss Sagayam schon heute interessant. Die Volkswirtschaften der Schwellenländer seien nämlich wesentlich besser aufgestellt als in früheren Zyklen, und ihre Zentralbanken seien der Inflationskurve weiter voraus, sodass ihre Realzinsen deutlich über denen der Zentralbanken der Industrieländer lägen. «Überdies sind Schwellenländerwährungen stark unterbewertet, insbesondere zum Dollar», so Sagayam.

Unternehmensanleihen dürften hinter anderen Märkten zurückbleiben

Der Anleihenspezialist erwartet, dass Unternehmensanleihen hinter den anderen Märkten zurückbleiben: «Auf kurze Sicht werden die Unternehmen unter Druck geraten, denn steigende Zinsen, Inflation und eine rückläufige Nachfrage werden ihre Gewinne und Margen belasten.» Ganz abgesehen von der grossen Zahl an Anleihen, die in den kommenden Jahren refinanziert werden müssten, fügt er an, und fährt fort: «Die Spreads weiten sich schon in Vorwegnahme steigender Ausfallquoten – wobei Erstere ihren Höchstwert deutlich früher erreichen werden als Letztere, wie schon in der Weltfinanzkrise.»

Anleihemärkte sind für Anleger wieder attraktiv

Es sei noch früh, aber Sagayam erachtet die Anleihemärkte für Anleger so attraktiv wie seit Jahren und in manchen Fällen seit Jahrzehnten nicht mehr: «Volatilität und das Risiko der Ausbreitung einer Stagflation sind vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Lage nach wie vor eine Gefahr für alle risikobehafteten Anlagen. Doch jetzt werden Anleger für die von ihnen eingegangenen Risiken belohnt – insbesondere an den Anleihenmärkten.»

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