Die AHV ist in Schieflage. Doch wer soll dafür zahlen? Die UBS hat mit der Universität Freiburg im Breisgau die demografisch bedingte Finanzierungslücke in der AHV und anderen Schweizer Sozialsystemen neu berechnet.

Die staatliche Vorsorge hat sich seit ihrem geschichtlichen Ursprung kaum verändert, die demografische Struktur der Gesellschaft umso mehr. Dies führt dazu, dass die 1. Säule heute vor allem aus der Perspektive der Älteren noch ein Sicherheitsnetz darstellt, für die Jungen jedoch zu einer immer grösseren Bürde wird. Die Reform AHV 21 bringt zwar eine begrüssenswerte Verbesserung, doch wer zahlt den Preis?

Rentenversprechen übersteigen Einnahmen um 126 Prozent des BIP

Die Anzahl Personen in der Schweiz mit Alter 65 und älter wird bis 2040 um etwa 51 Prozent ansteigen. Die Anzahl der Personen im Erwerbsalter wird gemäss dem mittleren Szenario der Bevölkerungsprognose des Bundesamts für Statistik (BFS) im gleichen Zeitraum jedoch praktisch stagnieren. Das untergräbt den Mechanismus des Umlageverfahrens der 1. Säule.

Die AHV-Rentenversprechen übersteigen laut aktueller Gesetzgebung die künftigen Einnahmen um circa 126 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) oder etwa 900 Milliarden Franken (in Preisen von 2019). Berücksichtigt man das Vermögen des AHV-Ausgleichsfonds, das mit fast 50 Milliarden Franken auf den ersten Blick enorm erscheint, angesichts der Verpflichtungen aber schnell aufgebraucht sein wird, sprechen wir immer noch von einer Nachhaltigkeitslücke von etwa 120 Prozent des BIP. Wer diese Kosten tragen soll, ist eine Frage der gesellschaftlichen Perspektive in Bezug auf die Altersvorsorge.

Leistungsversprechen sind zu hoch

Hinter den impliziten Schulden stecken zu hohe Leistungsversprechen, denn die derzeitige Gesetzgebung sagt jedem heute lebenden Altersjahrgang im restlichen Lebensverlauf mehr Leistungen aus der 1. Säule zu, als sie ihm im Gegenzug an Zahlungsverpflichtungen auferlegt. Seit 2014 übersteigen die laufenden Ausgaben der AHV die laufenden Einnahmen. Das Jahr 2020 und wenige weitere Folgejahre werden wieder ein positives Umlageergebnis ausweisen, vor allem durch das Inkrafttreten der Steuerreform und AHV-Finanzierung (STAF), welche zusätzliche Beiträge in die Kassen lenkt, allerdings nur für eine kurze Zeitspanne. Reformen sind somit unerlässlich, so das Fazit der UBS-Vorsorgeexperten.

AHV 21 soll Verbesserung bringen

Die derzeit diskutierte Reform AHV 21 kann die Finanzierungssituation der 1. Säule verbessern. Vor allem zwei Massnahmen (die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre und die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte) würden die aktuelle Finanzierungslücke um circa 37 Prozentpunkte reduzieren. Mit fast 90 Prozent des BIP bleibt die Lücke aber immer noch gross. Genauso wichtig wie der Blick auf die Veränderung der Lücke ist allerdings auch, darauf zu achten, wer sie füllen wird. Die Kosten dieser Reform würden wohl auf den Schultern der jüngeren Bevölkerung lasten.

Verteilungspolitisch problematisch finden die Vorsorgeexperten insbesondere die vorgesehene Mehrwertsteuererhöhung, die als Anteil am Einkommen vorwiegend einkommensschwache sowie junge Haushalte trifft. Junge Personen bezahlen diese Abgabe über eine längere Zeit, während ältere Jahrgänge bereits einen Grossteil ihres Lebens ohne diese Zusatzbelastung konsumieren und sparen konnten. Zudem tragen die Jungen die Kosten der STAF. Noch bedeutender finden die Experten, dass auch die verbleibende AHV-Finanzierungslücke mehrheitlich von den jungen Generationen gedeckt werden muss, da weitere Reformen unvermeidlich sind.

AHV ist nicht der einzige Schuldenberg

Die Diskussion um die Finanzierung einer Vorsorgereform lässt laut den Vorsorgeexperten auch ausser Acht, dass die zukünftigen Generationen die Kosten einer alternden Gesellschaft nicht nur durch die Altersvorsorge spüren werden, sondern auch durch die Gesundheits- und Pflegekosten sowie die Ergänzungsleistungen. So kommen zusätzlich zur AHV noch implizite Schulden von gut 175 Prozent des BIP hinzu. Die Kosten für den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Noch steht die Schweiz gut da

Mit einer expliziten Staatsverschuldung von 26 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Basisjahr 2019 steht die Schweiz im internationalen Vergleich vorbildlich da. Die implizite Verschuldung wird jedoch ausgeblendet. Rechnet man die implizite Staatsschuld von über 300 Prozent hinzu, so beläuft sich die tatsächliche Schuldenquote der Schweiz auf fast 330 Prozent des BIP, wie die Experten vorrechnen. Abzüglich der bestehenden expliziten Vermögen in Höhe von 48 Prozent des BIP beträgt die Nachhaltigkeitslücke hierzulande somit rund 280 Prozent des BIP.

Was bringt die Zukunft?

Kinder sind unsere Zukunft, doch brauchen sie auch Zukunftsperspektiven ohne starke finanzielle Belastung, so die Meinung der Experten. Um dies zu gewährleisten, braucht es weitere Reformen, die verteilpolitisch fairere, schneller implementierte und langfristig wirksame Lösungen bringen. Mögliche Massnahmen, mit denen sich die rentennahen Jahrgänge und die Pensionierten an der Sanierung beteiligen können, umfassen eine Verkürzung der Rentenbezugszeit, eine Reduktion der Renten oder eine temporäre Dämpfung der AHV-Rentenanstiege, schlagen sie vor. Zu den Massnahmen, die primär die jungen Generationen belasten, zählen sie die Anhebung der Mehrwertsteuer und der AHV-Beitragssätze sowie die Finanzierung der AHV über den Staatshaushalt oder die Zentralbankgewinne.

Die zentrale politische Herausforderung besteht in ihren Augen darin, die Perspektive der wählerstarken Über-50-Jährigen auszuweiten, und die jüngeren Generationen am gesellschaftlichen Zukunftsnarrativ der Schweiz teilhaben zu lassen.

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