Michael Haigh, Global Head of Commodities Research & Strategy, Société Générale, über Chancen und Risiken am Rohölmarkt.

Die Spreads zwischen WTI und Brent waren während der Turbulenzen am Rohölmarkt im März und April 2020 sehr weit auseinander gelaufen. Inzwischen nähern sich die Preise wieder an. Was führte zur relativen Schwäche im US-amerikanischen Markt und zu dessen vergleichsweise guter Erholung im Mai und Juni?

Der US-amerikanische Markt für die Sorte WTI ist ein Binnenmarkt ohne Zugang zum Meer, an dem das Öl physisch in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma gelagert wird. Diese Ölspeicher füllten sich im Vergleich zur Nordseesorte Brent, deren Handel in Bar ausgeglichen wird, rapide an.

Aber im Grund genommen ist der Ölmarkt global, und wenn regionale Probleme gelöst sind, bewegen sich die Preise wieder aufeinander zu. Die Maßnahmen der OPEC+ haben also das Überangebot absorbiert, so dass sich die Nachfrage erholt hat – aus diesem Grund haben wir eine Konvergenz gesehen.

Wenn ein Markt nicht mit einem anderen im Gleichgewicht ist, kann man auf dem Niedrigkostenmarkt kaufen und auf den Hochkostenmarkt liefern und somit einen Gewinn erzielen. Die Differenz sollte die Kosten für die Rohrleitungen zur Golfküste und den Transport zu den Brent-Märkten widerspiegeln. In der Regel sind dies etwa 3 bis 5 US-Dollar pro Barrel, abhängig von den Frachtkosten.

Um wie viel ist die US-Ölproduktion in der Zeit eingebrochen? Wie viel des Produktionsrückganges wird permanent sein?

Die US-Produktion ging im April/Mai um 1,25 Millionen Barrel pro Tag zurück. Einige Produzenten haben Berichten zufolge aber damit begonnen, die Schritte, die sie zur Drosselung der Produktion unternommen hatten, wieder rückgängig zu machen. Einige Produktionsausfälle werden von Dauer sein, da Insolvenzen im 2. Quartal erheblich zugenommen haben und der Appetit auf die Emission von Anleihen und Aktien in diesem Sektor nachgelassen hat.

US High-Yield Anlagen aus dem Sektor Energie: Chance oder Risiko?

Im Moment denke ich, dass sich der US-High Yield-Energiesektor noch etwas weiter verschlechtern wird, bevor er wieder viel besser wird. Die Chesapeake-Insolvenz ist eine Warnung für die gesamte Branche. Die Preise sind eindeutig sehr niedrig und diskontieren ein hohes Risiko, wobei viele Anleihen unter 20 US-Dollar gehandelt werden. Wahrscheinlich werden sie in naher Zukunft allerdings auf einem notleidenden Niveau bleiben.

Letztendlich wird der Sektor einige gute Gelegenheiten bieten. Dazu müssen sich jedoch die Ölpreise stabilisieren und die Produktion eingestellt werden.

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