Nick Stansbury, Head of Commodity Research, Legal & General Investment Management (LGIM), sprach mit dpn über die erwartete Nachfrage nach Rohöl.

Herr Stansbury, Sie gehen davon aus, dass die Spitze der Ölnachfrage früher da sein wird als von vielen angenommen, da viele den künftigen Bedarf an Rohöl zur Kunststofferzeugung überschätzen. Woraus leiten Sie dies ab?

Weltweit steigt der Druck zur Begrenzung der CO2-Emissionen und des Kunststoffverbrauchs. Wir gehen deshalb davon aus, dass Kunststoffe in Zukunft häufiger wiederverwendet, recycelt oder durch andere Materialien ersetzt werden. Langfristig werden diese Entwicklungen die Nachfrage nach Kunststoffen dämpfen. Vorherzusagen, wie stark die Nachfrage nach Öl – als einer von drei Quellen für die Kunststoffproduktion – durch eine zunehmende Veränderung des Verbraucherverhaltens und der Regulierung bedroht wird, ist jedoch schwierig.

Was die Sache noch komplizierter macht: Durch wachsende Umweltsorgen in Asien, insbesondere in China, sinkt dort das Interesse am Import minderwertiger Recyclingmaterialien. Und das wirkt sich vor allem auf Europa aus, da wir etwa die Hälfte aller Kunststoffe, die wir zum Recycling sammeln, exportieren. Dementsprechend zeigen die Daten einen dramatischen Rückgang der nach China exportierten Kunststoffmengen. Wir können zwar nicht genau sagen, wann der Höhepunkt der Ölnachfrage erreicht wird, sicher sind wir jedoch, dass sie erreicht wird.

Warum sind Sie skeptisch hinsichtlich des künftigen weltweiten Kunststoffbedarfs?

Einwegkunststoffe haben viele Vorteile. Sie sind leicht, billig und flexibel. Doch sie sind auch mit erheblichen Kosten für die Umwelt verbunden. Diese Kosten wurden in der Vergangenheit überall auf der Welt ignoriert, aber inzwischen hat sich die Stimmung dramatisch verändert. Infolgedessen könnte die Nachfrage nach Einwegkunststoffen aus unserer Sicht zurückgehen, da Verbraucher und Regulierungsbehörden rund um den Globus allmählich die volle Umweltbelastung von Kunststoffprodukten erkennen – und zwar insbesondere von Verpackungen, die nach nur einem Gebrauch weggeworfen werden.

Der Bedarf für Kunststoffvorprodukte wird also geringer ausfallen als gedacht, und der Einsatz von Ölprodukten im Transportsektor fällt ohnehin. Wie sollte die Öl- und Gasindustrie Ihrer Einschätzung nach ihre Geschäftsmodelle anpassen?

Kunststoff spielt als einzelner Faktor der Ölnachfrage keine große Rolle. Allerdings können schon kleine Änderungen der Erwartungen, wie sich die Nachfrage nach Kunststoffen entwickeln wird, einen großen Einfluss darauf haben, wann der Höhepunkt der Ölnachfrage erreicht wird – und wie schnell die Ölnachfrage nach diesem Höhepunkt zurückgeht.

In vielen Prognosen wird immer noch davon ausgegangen, dass die steigende Nachfrage nach Kunststoffen dies ausgleichen wird, weil die Nachfrage nach Öl beispielsweise von Pkw zurückgeht und stattdessen Elektrofahrzeuge Marktanteile gewinnen. Es ist, als ob die Ölnachfrage in einem „Tauziehen“ zwischen rückläufigem Nachfragewachstum für den Verkehr und steigendem Nachfragewachstum für Kunststoffe gefangen ist – und beide Kräfte sind lange Zeit gleich stark.

In diesen Prognosen führt dies zu einem „Plateau“ bei der Ölnachfrage, nicht zu einem raschen Rückgang nach dem Höhepunkt der Nachfrage. Wir sind skeptischer und denken, dass die Nachfrage nach Kunststoffen wahrscheinlich nicht so schnell wachsen wird. Die Nachfrage nach Öl wird vermutlich eher schneller sinken, als einige Prognostiker erwarten.

ESG gewinnt unter vielen Investoren immer stärker an Bedeutung. Dies führt nach Einschätzung Ihres Hauses zu höheren Finanzierungskosten für die Branche. Können Sie diesen Sachverhalt in ein paar Sätzen erläutern?

ESG, und dabei insbesondere Umwelterwägungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, werden zu einem viel einflussreicheren Faktor bei Investitionsentscheidungen. Anleger konzentrieren sich zunehmend vor allem darauf, zu prüfen, inwieweit die Unternehmen, in die sie investieren, ihre eigene Geschäftstätigkeit auf „Paris“ ausrichten, also auf ein akzeptables Klimaergebnis.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnten die Unternehmen, die sich am stärksten am Klimaabkommen ausrichten, durchaus sinkende Kapitalkosten verzeichnen und daher bei ansonsten gleichen Bedingungen andere Unternehmen übertreffen, die sich wenig an Paris ausrichten und daher steigende Kapitalkosten aufweisen.

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