Die Entwicklung in der Ukraine trifft auf eine fragile Weltwirtschaft. Angesichts der jüngsten Ereignisse rechnen Experten auch in den kommenden Wochen mit einer erhöhten Volatilität an den internationalen Märkten.

“Die Dimension, die die neue Schlechtwetterlage an den Märkten einnehmen könnte, bleibt noch ungewiss”, sagt Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St. Galler Kantonalbank Deutschland AG. “Schließlich trifft diese auf einen für die Weltwirtschaft nicht ganz unproblematischen Nährboden, der aus weltweit gestörten Lieferketten, Materialmangel, einer deutlich erhöhen Inflation und einem sich ändernden Zinsumfeld besteht.“

Dennoch lautet Winklers Losung für die kommenden Wochen: Nicht in den Panikmodus schalten. Zwar wirken sich geopolitische Konflikte zumeist auch auf die Börsen aus. Dennoch habe sich in der Vergangenheit immer wieder auch gezeigt, dass diese oft nur von kurzfristiger Natur gewesen sind. Dass es diesmal genauso sein könnte, unterstreichen etwa die durchaus soliden Unternehmenszahlen, die nach wie vor vollen Auftragsbücher sowie die allmählich beginnende Post-Corona-Phase, die von einer wieder aufkommenden Reiselust und einem steigendem Konsumverhalten bestimmt sein dürfte. Eine mögliche Korrektur in Folge des Konflikts um die Ukraine könnte daher weniger dramatisch ausfallen, als von vielen Marktteilnehmer bisher befürchtet, so Michael Winkler. Kursrücksetzer sollten dann als antizyklische Kaufgelegenheiten angesehen werden.

Blackrock sieht aufgrund geopolitischen Spannungen von Käufen ab

Auch das BlackRock Investment Institute (BII) beobachtet, wie sich die Spannungen in der Ukraine auf die Märkte auswirken. “Die militärische Konfrontation in der Ukraine-Krise hat Anleger verschreckt und die Aktienkurse fallen lassen. Sie hat auch dazu geführt, dass die kurzfristigen Anleiherenditen von ihren jüngsten Höchstständen zurückgingen”, schreiben Jean Boivin (Head, BII) , Wei Li (Global Chief Investment Strategist, BII), Alex Brazier (Deputy Head, BII) und Natalie Gill (Portfolio Strategist) in ihrem Marktausblickt. “Wir haben unsere strategische Übergewichtung von Aktien aus Industrieländern erhöht, sehen aber aufgrund der kurzfristig erhöhten geopolitischen Spannungen taktisch von Käufen ab.”

Auch wenn die Ukraine-Krise eskaliert und weitere Schritte Russlands wahrscheinlich sind, sieht Vates Invest GmbH keinen Grund hektisch zu verkaufen. „Geopolitische Krisen sind keine Auslöser für Bärenmärkte, sie verstärken höchstens bestehende Abwärtstendenzen kurzzeitig“, sagt Benjamin Bente, Geschäftsführer der Vates Invest GmbH. Es komme vor allem darauf an, in welche makroökonomische Großwetterlage die konkreten Krisen fallen. “Die Krise trifft die Märkte aber in einer Phase der Schwäche, was das vorhandene Korrekturpotenzial noch weiter verstärken kann“, sagt Bente. Die 180-Grad-Wende  von ultralockerer zu restriktiver Geldpolitik belaste die Märkte mehr als die Geschehnisse rund um die Ukraine. Sollte der Konflikt mit immer härteren Wirtschaftssanktionen weiter eskalieren, träfe das auch irgendwann die Konjunktur. Das gelte zum Beispiel, wenn die russische Wirtschaft aus dem Zahlungsverkehrssystem Swift ausgeschlossen werden und im Gegenzug kein Gas mehr nach Europa liefern würde. „Dann könnte sich eine sichtbare Verwerfung entwickeln“, prognostiziert Benjamin Bente.

Neuberger Berman gewichtet ukrainische Hartwährungsanleihen stärker

Das Emerging Markets Debt Team des unabhängigen US-amerikanischen Vermögensverwalter Neuberger Berman hält Szenarien, die entweder eine diplomatische Lösung mit einer vollständigen Deeskalation Russlands oder eine vollständige Invasion der Ukraine mit einem Regime-Wechsel in der Ukraine vorsehen, für gering wahrscheinlich. „Wir halten daran fest, ukrainische Hartwährungsanleihen stärker zu gewichten, da wir davon ausgehen, dass (1) eine weitere Eskalation durch Russland keinen Regime-Wechsel nach sich ziehen wird, (2) sich die politische und makroökonomische Situation im Vergleich zu 2014 deutlich verbessert hat und (3) die finanzielle Unterstützung durch den Westen wahrscheinlich weiter anhält“, schreibt das Emerging Markets Debt Team in seinem aktuellen Kommentar. 

 

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