Kehrt das vermeintliche Schreckgespenst Inflation zurück, ändern sich die Anlageperspektiven an den Kapitalmärkten, so Dr. Jörg Zeuner von der Union Investment. Fünf Punkte zur aktuellen Debatte vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie.

Kurzfristig ist kein Anstieg der Inflation in Folge der Corona-Krise zu erwarten. Davon ist Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei Union Investment, überzeugt. Auch im Jahr 2021 dürfte die Teuerungsrate gering bleiben. Danach allerdings sei mit einem leichten Anziehen zu rechnen. Ein sprunghafter Anstieg sei aber auch dann unwahrscheinlich.

Für institutionelle Investoren bedeutet dies, dass es für Zentralbanken auf absehbare Zeit keinen Bedarf geben wird, die Geldpolitik zu straffen. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Inflationsbekämpfung sei für Notenbanken in den Hintergrund getreten. Im Fokus stehe die Wachstumsförderung. Die Zeichen stehen daher laut Zeuner weiter gut für Anleihen mit Renditeaufschlag, Aktien und Edelmetalle. Denn das Schreckgespenst der Inflation wurde schon lange nicht mehr gesehen, so die Union Investment. Und es müsse auch niemandem mehr Angst einjagen.

Die nachfolgenden fünf Fragen und Antworten fassen die aktuelle Debatte vor dem Hintergrund der Corona Pandemie zusammen.

1. Beeinflusst die Pandemie die Inflation?

Die Corona-Pandemie beeinflusst Inflation über mehrere Kanäle. Zum einen hat sie eine schwere Wirtschaftskrise ausgelöst, die einhergeht mit steigender Arbeitslosigkeit und rückläufiger gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, da aus Vorsicht vermehrt gespart wird. Dies wirkt inflationsdämpfend.

Gleichzeitig stärkt die Krise gesunde Unternehmen und schwächt bereits angeschlagene Firmen. Eine größere Marktkonzentration ist die Folge. Man sieht dies etwa bei den Fluggesellschaften. Und da meist gilt: Je geringer der Wettbewerb, desto höher die Preise, könnte mit etwas Zeitverzug Corona  in den stärker konzentrierten Branchen auf der Mikroebene zu höheren Margen und auf der Makroebene zu stärkerem Inflationsdruck führen.

Auf kurze Sicht verändert Corona zudem die relativen Knappheiten bestimmter Güter und damit auch ihre Preise. Einige dieser Entwicklungen führen zu steigender Teuerung, wie etwa bei Gemüse. Andere wirken in die Gegenrichtung. Hier sei das Beispiel Flugreisen genannt. Ob diese Trends dauerhaft sind und ob sie insgesamt eher inflationstreibend wirken oder die Inflation eher dämpfen, ist derzeit noch offen. Somit beeinflusst Corona als Dekadenereignis die Preisniveaus kurz- und langfristig, fasst Dr. Zeuner zusammen.

2. Führt die noch weiter gelockerte Geldpolitik zwangsläufig zu Inflation?

Laut US-Ökonom Milton Friedman führt jeder geldpolitische Impuls führt über kurz oder lang zu steigenden Preisen. Denn das Geldangebot steigt, steht aber einer unveränderten Menge an Gütern und Dienstleistungen gegenüber. Nach dieser Logik müssten also die Preise steigen.

Dies treffe in der Praxis aber nicht immer zu, auch nicht jetzt. “Die Menge an produzierten Gütern und Dienstleistungen ist in der Pandemie erheblich gesunken, aber die Kapazitäten dafür sind da. In diesem Fall führen Geldspritzen zu Nachfrage und letztendlich zu mehr Produktion und sicheren Einkommen, nicht zu höheren Preisen. Wichtigster Impulsgeber ist dabei derzeit die Fiskalpolitik”, argumentiert Dr. Zeuner.

Liquiditätshilfen für die Banken zählen dabei nicht sondern erweitern nur die Zentralbankgeldmenge. Erst eine anziehende Kreditvergabe der Banken – die sogenannte Giralgeldschöpfung – könne inflationär wirken, sofern das Geld ausgegeben wird. Dies passiert zurzeit aber nicht, vielmehr halten Kreditnehmer Liquidität als Vorsichtsmaßnahme. Folglich schafft lockere Geldpolitik allein noch keine Inflation.

3. Hat Inflation durch Corona für Geldpolitiker an Stellenwert verloren?

Laut Dr. Zeuner hat sie das nicht. Schon vor der aktuellen Krisen sprang die Inflation trotz guter Konjunktur nicht an. Ein dauerhaftes Verfehlen des Inflationsziels einer Notenbank birgt aber ein Risiko für die Wirksamkeit von Geldpolitik: Die Inflationserwartungen „entankern“ sich. Unternehmen, Arbeitnehmer und Konsumenten rechnen mit immer tieferer Teuerung. Es droht eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Die US-Notenbank Fed hat daher im Spätsommer 2020 einen Strategiewechsel bekannt gegeben. Künftig versieht sie ihr Inflationsziel mit einem „Gedächtnis“, lässt die Teuerung also nach Phasen niedriger Inflation bewusst zumindest moderat überschießen. Die Inflationstoleranz steigt damit und ermöglicht einen stärkeren Fokus auf die Wachstumsförderung. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre neue Strategie noch nicht verkündet. Aber in Frankfurt gehen die Überlegungen wohl in eine ähnliche Richtung.

4. Führt Deglobalisierung im Zuge von Corona zu mehr Inflation?

Ohne Zweifel hat die Globalisierung dazu geführt, dass die Inflation in den westlichen Industrienationen sehr niedrig blieb. Der Effekt fußte auf zwei Entwicklungen. Zum einen auf niedrige Güterpreise durch günstige Importe und zum anderen auf einen gedämpften Lohnanstieg durch eine Ausweitung des international verfügbaren Arbeitsangebots. Verliert die Globalisierung an Wirkung, entsteht neuer Preisdruck.

Und es ist bereits absehbar, dass der seit einigen Jahren laufende Deglobalisierungstrend sich durch Corona verstärkt. Unternehmen drängen auf eine Verkürzung der Lieferketten, während Staaten kritische Produktionskapazitäten vorhalten wollen. Immer liegt den Anstrengungen der Wunsch nach mehr Sicherheit und mehr wirtschaftlicher Resilienz zugrunde. Als Folge nimmt der Inflationsdruck für unregulierte Produkte zu.

Diess sagt aber noch nichts über die Stärke des Effekts. Denn: Auch wenn westliche Unternehmen Produktion, etwa von medizinischer Schutzausrüstung, zurückverlagern sollten, werden sie das nicht mit der Technologie der 1970er Jahre tun. Stattdessen könnte es zu einem massiven Einsatz automatisierter Fertigung kommen. Im Endergebnis dürften weder Löhne noch Güterpreise durch diese Entwicklung nennenswert steigen. Auch der Digitalisierungsschub durch Corona wird in diese Richtung wirken und die Inflation dämpfen.

“Somit dämpfen Automatisierung und Digitalisierung die Teuerung stärker, als die Deglobalisierung sie treibt.”
Dr. Jörg Zeuner

5. Gibt es regionale Unterschiede zwischen den USA und Europa?

Die gibt es. Die US-Volkswirtschaft ist deutlich flexibler, dienstleistungs- und damit lohngetrieben, hat mehr Unternehmen mit Marktmacht und weniger regulierte Preise, wie beispielsweise im Gesundheitswesen. Das macht sie anfälliger für Preisveränderungen. In den USA dürfte die Inflation daher schneller wieder anspringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »