Eine durch die Corona-Krise beschleunigte Deglobalisierung würde eine internationale Ausrichtung des institutionellen Portfolios wichtiger denn je machen, argumentiert Union Investment.

Wegen der Corona-Pandemie schrumpft der globale Warenhandel. Deutschland als exportabhängige Wirtschaft ist besonders von dieser Tendenz zur Deglobalisierung betroffen. Ob sich der weltweite Handel schnell erholen wird, ist alles andere als sicher. „Corona stellt die Globalisierung auf den Prüfstand – und damit auch das erfolgreiche deutsche Exportmodell“ sagt Dr. Jörg Zeuner, Chefsvolkswirt der Union Investment.

Die deutsche Wirtschaft werde aber nicht nur durch die kurzfristigen Folgen der Corona-Krise herausgefordert. Vielmehr deuten sich in der Weltwirtschaft grundlegende Verschiebungen an, wie eine Studie “Systemschock für den Welthandel. Wie verändert Covid-19 die Globalisierung?” von Union Investment zeigt. Deutschland als einer der großen Profiteure der Globalisierung ist besonders verwundbar. Aber auch die Politik auf der anderen Seite des Atlantiks spielt eine große Rolle für den heimischen Markt. Grundsätzlich gilt: Ein demokratischer Sieg bei der US-Wahl könnte den Druck auf die deutsche Wirtschaft tendenziell erhöhen.

Bestehende strukturelle Probleme, die bereits vor der Corona-Krise bestanden, werden noch einmal verschärft. So argumentiert Union Investment, dass die ohnehin durch Dieselskandal und Elektromobilität geschwächte deutsche Automobilindustrie durch Corona einen zusätzlichen Dämpfer erleidet.  Auch im Wachstumsbereich Technologie wird der Rückstand der deutschen Unternehmen eher größer. Während die Technologieriesen aus den USA zu den Gewinnern der Corona-Krise gehören, sind viele deutsche Unternehmen nicht auf der Höhe der Zeit bei Digitalisierung und Automatisierung. Auch China, das in den vergangenen Jahren stark aufgeholt hat, hat die Nase vorn.

Deglobalisierung: Automatisierung wird wichtiger

Aber Automatisierung wird in der Welt nach Corona noch wichtiger sein als heute. Denn viele Staaten werden ihre Lehren aus der Krise ziehen – so auch Deutschland. Dazu gehört, die Versorgungssicherheit bei lebensnotwendigen und strategischen Gütern zu verbessern. Wie die Krise gezeigt hat, gehören hierzu etwa der Pharma- oder Medizintechnikbereich, aber auch Technologie.

Zudem wird das Augenmerk auf Lieferketten liegen, um ein Zusammenbrechen wie während des Lockdowns künftig zu verhindern. Die Rückführung von Produktion in das eigene Land (reshoring) oder in nahe liegende Länder (nearshoring) wird zunehmen, so Union Investment.

Allerdings: Reshoring lohnt vor allem für strukturell wachsende Unternehmen, die vor entsprechenden Neuinvestitionen stehen. Hier stoßen Deutschland und die europäischen Nachbarn wegen der Rückstände in der technologischen Entwicklung an Grenzen. Zudem ist in diesen Hochlohnländern ein Schub an Automatisierung nötig. Denn Roboter können die Produktion in Billiglohnregionen überflüssig machen und darüber hinaus im einem Pandemiefall das Social Distancing vereinfachen.

Außerdem verschärft die Krise den Konflikt zwischen den USA und China. Damit erhöht sich das Risiko für deutsche Unternehmen, die besonders auf China setzen. China hat das Corona-Virus früh unter Kontrolle gebracht und versucht wie schon nach der Finanzmarktkrise, die Schwäche der Industriestaaten aggressiv auszunutzen. Deutschland wird daher in diesem neuen Protektionismus ein großes Interesse daran haben, dass sich die EU als Absatzmarkt erhöht.

Hoffnungsträger Klimatechnologie

„Grüne“ Technologien bieten Deutschland als eines der wenigen Branchen gute Chancen, in einem alles in allem wachsenden Markt eine führende Rolle zu spielen. Beispiele sind Elektromotoren, Recyclinganlagen oder Wasserstoff. Allerdings hängt vieles auch am Ausgang der US-Wahl. So hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs 2,4 Billionen US-Dollar in nachhaltige Infrastruktur und erneuerbare Energien investieren zu wollen. Damit könnte Europas Vorsprung in dem Bereich schnell eingeholt sein.

Internationale Portfolios gerade im Falle der Deglobalisierung

Institutionelle Anleger sollten angesichts der Niedrigzinsen und der europäischen Schwäche im Technologiebereich ihre Portfolios noch internationaler ausrichten. Die Deglobalisierung könnte letztlich auch die Korrelation von Investments im globalen Kontext reduzieren. Die Vorteile durch Diversifikation steigen damit.

Deutsche Unternehmen, die von der Deglobalisierung direkt oder indirekt profitieren könnten, werden wohl in den Bereichen Medizintechnik, Pharma, Automatisierung und Klimatechnologie zu finden sein. Vorsicht geboten ist bei Unternehmen mit hohem China-Exposure und im Transportbereich, vor allem in der Schifffahrt.

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