Verhalten optimistisch ist das europäische Asset Management hinsichtlich der weltweiten Konjunkturentwicklung. Das Wachstum wird sich abgeschwächt fortsetzen, aber die geopolitischen Risiken bleiben hoch.

Mit dem anstehenden geregelten Brexit im Januar 2020 und der Annäherung zwischen USA und China im Handelskonflikt haben sich zwei der großen politischen Unsicherheiten des Jahres 2019 zum Jahresende zumindest abgeschwächt. Wenn diese zerbrechliche Ruhe bis ins Jahr 2020 andauert, sollte es eine weiche Landung für das globale BIP-Wachstum geben, resümiert Fidelity International.

Die akkommodierende Geldpolitik und das hohes Verbrauchervertrauen, dass durch die starken Arbeitsmärkte getragen wird, sollten zunächst ausreichen, um eine Rezession in wichtigen Volkswirtschaften zu verhindern. Allerdings gebe es nach wie vor Schwächen, vor allem in den Bereichen Produktions- und Industriebereiche. So könnte Inflation im Jahr 2020 wieder ein Thema werden, da sich der Lohndruck angesichts der guten Beschäftigungslage bei gleichzeitig eher niedrigem Gehaltsniveau erhöht, so Fidelity.

Da den Zentralbanken die Munition ausgeht, um Wachstum zu stimulieren, erwartet Fidelity, dass sich die Aufmerksamkeit auf die Fiskalpolitik verlagert.

“Mein Motto für 2020 wäre: es ist hauptsächlich fiskalisch … Wir unterschätzen wahrscheinlich den fiskalischen Handlungsspielraum in China und den USA, während die Zentralbanker in Japan und Europa ihre Regierungen auffordern, mehr auszugeben.”

Romain Boscher, Global CIO, Equities bei Fidelity International

Eine Lockerung der Fiskalpolitik ist aber vor allem in Europa vorerst nicht zu erwarten, so Lombard Odier IM. Es sei zusätzliche geldpolitische Lockerung durch die Europäische Zentralbank zu erwarten, und die US-Notenbank Federal Reserve wird im zweiten Halbjahr möglicherweise wieder kürzen muss. Lombard Odier erwartet auch weitere Anpassungen aus China, da das Wachstum vor dem Hintergrund der unsicheren Finanzstabilität weiterhin unter Druck steht.

“Wir gehen davon aus, dass die Realzinsen niedrig bleiben und sich die Suche nach Renditen als wichtiges strukturelles Thema verstärken wird.“

Dr. Salman Ahmed, Chief Investment Strategist bei Lombard Odier IM

Auch im kommenden Jahr werden politische Unsicherheiten die Industrie, den Handel und die Investitionstätigkeit belasten, so Aberdeen Standard Investments. Die Wachstumsprognosen für das globale BIP für 2020 und 2021 hat das Haus auf 3,1  Prozent und damit weit unter den Vorkrisen-Durchschnitt herabgesetzt.

Die Federal Reserve werde wohl in der ersten Hälfte des kommenden Jahres die letzte Zinssenkung ihres Mini-Zyklus vornehmen und die Europäische Zentralbank dürfte weitere Lockerungsschritte umsetzen. Die Zentralbanken von Australien, Kanada, Brasilien, China, Indien und Russland werden nach Einschätzung von Aberdeen Standard Investments in den nächsten Monaten ebenfalls weitere Maßnahmen ergreifen und auf politischer Ebene werden im nächsten Jahr im Rahmen von Steuer- und Ausgabeprogrammen weitere fiskalische Anreize gesetzt werden. All diese Maßnahmen sollten dazu beitragen, stärkere Markteinbrüche abzufedern.

“Die Weltwirtschaft wird in den kommenden fünf Jahren wahrscheinlich im Zeichen der Stagnation stehen und von niedrigem Wirtschaftswachstum, schwacher Inflation und niedrigen Zinssätzen geprägt sein.“

James McCann, Senior Global Economist bei Aberdeen Standard Investments

Vor fünf Jahren hätte man sich kaum vorstellen können, dass Hongkong, Chile, Großbritannien und die USA eines Tages für politische Risiken sorgen würden, beschreibt Neuberger Berman die aktuellen politischen Unsicherheiten. Schließlich sei Hongkong eine der reichsten Städte Asiens und ein Weltfinanzzentrum und Chile immerhin die reichste und stabilste Volkswirtschaft Südamerikas. In Großbritannien sitzt das älteste Parlament der Welt und die USA ist vermutlich das Land mit der ältesten Demokratie und der weltgrößten Volkswirtschaft.

Politische Risiken und die “fiskalische Dysfunktion” – das Fehlen einer dem wirtschaftlichen Umfeld entsprechenden Finanzpolitik – werden auch  2020 nicht neu sein, so Neuberger Berman. Aber mit der Wahl in den USA und Zentralbanken, die weniger in der Lage sind, diese Dysfunktion zu überdecken, könnten sich diese Risiken im nächsten Jahr als die wichtigsten Treiber für Marktvolatilität und Wertschöpfung herausstellen.

“Es ist zu befürchten, dass Schwächephasen 2020 länger und tiefer sein werden als die vorübergehenden Rückschläge im Jahr 2019. Dies dürfte zu Wertsteigerungsmöglichkeiten für langfristige Investoren führen – aber auch zu viel Auf und Ab.“

Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman

FERI Investment Research erwartet für 2020 eine Erholung der Weltwirtschaft. Massiv gesunkene Zinsen und stark verbesserte Finanzierungsbedingungen sowie die Entspannung im globalen Handelskonflikt sorgen vorerst für Rückenwind, heißt es. Dennoch bleiben ernsthafte Risiken für Weltwirtschaft und Kapitalmärkte, die das Bild im Jahresverlauf 2020 eintrüben können.

Ein besonderer Risikofaktor sei die US-Politik, durch die 2020 neue Unsicherheit drohe. Das Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump gefährde nicht nur die politische Stabilität der USA, sondern könne Trump auch zu erratischen Handlungen in der Außenpolitik verleiten. Zudem dürften die Kapitalmärkte im Jahresverlauf 2020 damit beginnen, die Konsequenzen eines möglichen Wahlsiegs des demokratischen Gegenkandidaten einzupreisen. Unabhängig vom jeweiligen Amtsinhaber im Weißen Haus werde 2020 auch der strategische Konflikt mit China wieder neu aufleben.

“Das globale Szenario ist jedoch nicht wirklich stabil. Anleger sollten deshalb auch auf abrupte Trendwechsel vorbereitet sein, speziell in der zweiten Jahreshälfte.“

Dr. Heinz-Werner Rapp, Vorstand und Chief Investment Officer der FERI-Gruppe

Auch Carmignac sieht in der politischen Landschaft in den USA einen großen Unsicherheitsfaktor. Der in den Industrieländern seit Jahrzehnten bestehende Triumph der Wall Street über die Main Street habe große gesellschaftliche und politische Konflikte ins Rollen gebracht, die die Kandidatur von Elizabeth Warren bei den US Präsidentschaftswahlen bestärken könnte. Ihr Programm konzentriert sich ganz offen auf Steuererhöhungen und eine Regulierungspolitik, die auf eine stärkere Umverteilung der Unternehmensgewinne an die Lohnempfänger abzielen.

Diese Agenda werde wahrscheinlich noch etwas abgemildert, sollte sich Warren in den demokratischen Vorwahlen durchsetzen. Dennoch würde sie von den Aktienmärkten sicherlich nicht gut aufgenommen werden und die Aussichten für den US-Dollar wahrscheinlich weiter dämpfen. Die Anleihemärkte stünden im Spannungsfeld zwischen der Flucht in sichere Häfen und dem Finanzierungsbedarf eines Programms mit deutlichem Fokus auf Infrastruktur- und Sozialausgaben.

“So vernetzt wie die globalen Märkte sind, sollten Anleger das neue Jahr mit mehr Vorsicht begehen als zum Jahresende 2019.“

Didier Saint-Georges, Managing Director und Mitglied des Investmentkomitees bei Carmignac

Das weltweite Wachstum dürfte 2020 weiter nachlassen, wie Vanguard im Ausblick auf die Wirtschaft und Märkte feststellt. Die Gründe dafür sind  Handelskonflikte sowie politische Unsicherheit. Die im vergangenen Jahr prognostizierte anhaltende Abkühlung des weltweiten Wachstums hat sich 2019 noch verstärkt. Grund hierfür ist ein Abschwung in der weltweiten Industriekonjunktur infolge der eskalierten Handelsstreitigkeiten, insbesondere zwischen den USA und China. Politik und Geldpolitik weltweit waren von Unsicherheit geprägt, was sich auf Produktion und Investitionstätigkeit ausgewirkt hat.

In der Eurozone dürfte das Wachstum 2020 wegen des Handelsumfelds und der Auswirkungen des Brexits mit etwa 1,0 Prozent weiterhin schwach ausfallen. Für Großbritannien erwartet Vanguard für das kommende Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent – vorausgesetzt, das Land gelangt zu einem geordneten Austrittsvertrag. Das Wachstum in den USA wird sich 2020 voraussichtlich auf etwa ein Prozent verlangsamen. Eine technische Rezession wird damit zwar vermieden, dennoch liegt der Wert unter dem normalen Trendwachstum von zwei Prozent.

Auch China dürfte 2020 mit 5,8 Prozent unter das Trendwachstum zurückfallen – und damit das selbst gesteckte Wachstumsziel von sechs Prozent verfehlen. Die Schwellenländer bieten ein durchmischtes Bild: Lateinamerika musste einen deutlichen Einbruch hinnehmen, während sich einige größere Volkswirtschaften in Asien, darunter China und Indonesien, besser gehalten haben. Insgesamt hat dies zum globalen Abschwung beigetragen, der auch in den Industrieländern zu beobachten war.

“In dieser neuen Ära der Unsicherheit ist es wichtig, dass Anleger sich auf die Faktoren konzentrieren, die sie kontrollieren können. Die steigende Wahrscheinlichkeit eines Abschwungs verdeutlicht, wie wichtig Diversifikation ist.“

Peter Westaway, Chefökonom Europa und Head der Vanguard Investment Strategy Group in Europa

Im Jahr 2019 wird die globale Konjunktur, nach 3,6 Prozent im Vorjahr, voraussichtlich um 3,0 Prozent wachsen, erwartet Do Investment. Für 2020 sieht die Prognose keine Veränderung der Wachstumsrate vor. Ein Weltwirtschaftswachstum von 3,0 Prozent für 2020 ist nicht herausragend, allerdings auch kein Desaster. Das Haus geht von einem niedrigeren Wachstum in den Industrieländern aus. Die USA werden 2020 voraussichtlich mit 1,8 Prozent wachsen (2019: 2,3 Prozent), die Eurozone mit 0,8 Prozent.

Die Schwellenländer zeichnen ein differenziertes Bild, meint auch Do Investment: Die chinesische Wachstumsrate wird wohl die Schwelle von 6,0 Prozent nach unten durchbrechen. Damit ist auch ein langsameres Wachstum im gesamten asiatischen Raum verbunden. Dahingegen sollte sich das Wachstum bei den weiteren Schwellenländer-Schwergewichten wie etwa Brasilien, Russland und Indien stabilisieren. In den USA herrsche mit der turnusgemäßen Präsidentschaftswahl im November Unsicherheit.

“Trotz aller Impeachment-Fantasien lautet unser Basis-Szenario, dass Trump wiedergewählt wird, solange es in den nächsten 12 Monaten zu keiner Rezession in den USA kommt. Dieser Kausalität ist sich auch Trump gewiss bewusst und eine temporäre Entspannung im Handelsstreit würde das Risiko einer Rezession erheblich verringern.“

David Wehner, Senior Portfoliomanager bei der Do Investment

Gemäß dem Basisszenario von Columbia Threadneedle Investments ist eine Wachstumsbeschleunigung wenig wahrscheinlich, und genauso unwahrscheinlich ist auch eine tiefe Rezession. In diesem Umfeld bleibt das Marktelement der langen Duration – sei es bei Anleihen oder Aktien – relativ attraktiv.

Harte wie weiche Daten zeichnen jedoch ein gemischtes Bild: Die globalen Einkaufsmanagerindizes sind gesunken, die Auftragseingänge in der US-Industrie gehen zurück, die Geschäftserwartungen in Deutschland sind mäßig und die Investitionen rückläufig.

Somit befinde man sich jetzt am Scheideweg. Auf der einen Seite liegt der Weg zu steigender Arbeitslosigkeit und einer vom US-Verbraucher herbeigeführten Rezession infolge der Industrieabschwächung, auf der anderen Seite der Weg des relativ vollbeschäftigten Marktes, der die Verbraucher so weit stützt, dass sie die USA aus ihrer Produktionsmisere ziehen und eine Reflation forcieren.

“2020 droht ein Jahr voller Aufruhr zu werden, ausgelöst durch Bürgerunruhen und anhaltende Handelskriege bis hin zu politischen Umbrüchen und volatilen Märkten.“

William Davies, Chief Investment Officer für die Region EMEA, Columbia Threadneedle Investments

Auch Asset Manager AllianceBernstein (AB) warnt vor einer „Wolke der Unsicherheit“, die sich angesichts neuer populistischer Risiken wie etwa der US-Präsidentschaftswahlen nicht verziehen werden. Das globale Wachstum werde weiter schwächeln und die Inflation gedämpft bleiben. Die Prognose für die Weltwirtschaft im Jahr 2020 liegt bei nur um 2,2 Prozent, was das schwächste Wachstum seit 2009 wäre.

Besonders trüb seien die Aussichten für die Eurozone: Das Haus erwartet, dass das Wachstum bis 2020 auf 0,3 Prozent sinken wird – nach 1,1 Prozent in diesem Jahr. Ein stärkerer Einsatz der Finanzpolitik sei eine Möglichkeit, dem gegenzusteuern. Indem die EZB die Anleiherenditen (und die Finanzierungskosten des Staates) auf Rekordtiefstände zwingt, leiste sie ihren Beitrag dazu, den Regierungen einen fiskalischen Spielraum zu geben. Und es gebe Anzeichen dafür, dass sie sich langsam auf den Weg machen.

“Wir schätzen einen fiskalischen Impuls von 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020, gegenüber 0,2 Prozent in diesem Jahr. Das wird zwar hilfreich sein, aber aus unserer Sicht nicht genug, um die Eurozone aus ihrem derzeitigen Niedrigwachstum zu befreien.“

Darren Williams, Chefvolkswirt bei AllianceBernstein (AB)

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