Beim dpn-Roundtable „Real Assets“ diskutierten Lutz Horstick, Leiter Kapitalanlage Ärzteversorgung Westfalen-Lippe, Jürgen Uwira, Geschäftsführer Project Real Estate Trust GmbH, Mark Wolter, Geschäftsführer WestInvest, Michael Ebner, Geschäftsführer KGAL, und Ingo Matthey, Head of Institutional Business Development Germany & Austria M&G.

Herr Horstick, welchen Stellenwert spielen Real Assets im Portfolio der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe?

Lutz Horstick: Real Assets waren für uns immer schon eine tragende Säule der Kapitalanlagestruktur. Früher war es in erster Linie das klassische Immobiliengeschäft. Bei Immobilienanlagen beispielsweise sprechen wir derzeit von einer Quote von rund 22 Prozent. Seit 2011 investieren wir zudem verstärkt in Infrastrukturanlagen. Hier bewegt sich die derzeitige Quote zwischen 17 und 18 Prozent, dabei fassen wir in unserer Infrastrukturquote Debt- und Equity-Investments zusammen. Wir fahren keine explizite Real-Asset-Strategie, wobei man grundsätzlich natürlich sagen muss, dass Parameter wie Inflationsschutz und planbare Cashflows für uns als berufsständisches Versorgungswerk sehr entscheidend sind und klassische Bond-Anlagen diese Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Welche Infrastrukturbereiche sind für Sie von Interesse?

Horstick: Wir sind in unterschiedlichen Bereichen engagiert, etwa im klassischen Netzgeschäft, den erneuerbaren Energien, der Energiespeicherung, der Transportinfrastruktur sowie Transportmitteln wie Rolling Stock, Schiffe und Flugzeugen. Gleichwohl ist bei uns diesbezüglich in den letzten Jahren auch die Erkenntnis gereift, dass nicht alles, was als Infrastrukturthema wirtschaftlich interessant, verfügbar oder erwerbbar ist, für uns als institutionellen Anleger auch umsetzbar ist.

Herr Uwira, welchen Real-Asset-Bereich decken Sie ab?

Jürgen Uwira: Der PROJECT Unternehmensverbund konzentriert sich schwerpunktmäßig auf Wohnimmobilien. Dabei bildet unser eigener Asset Manager, die PROJECT Immobilien Gruppe, zum einen praktisch das komplette Bauträgergeschäft ab. Auf der anderen Seite organisiert die PROJECT Investment Gruppe die Finanzierung und das gesamte Fondsgeschäft über eine eigene Kapitalverwaltungsgesellschaft. Wir haben in Deutschland und in Wien aktuell in über 130 Immobilienentwicklungsprojekte mit Schwerpunkt Wohnen investiert, wobei eine Besonderheit bei uns darin liegt, dass wir einen Großteil der gesamten Wertschöpfungskette mit eigener Manpower abdecken und über ausgeprägtes Know-how in der Immobilienentwicklung verfügen.

Welchen Bezug hat M&G zu Real Assets?

Ingo Matthey: Eine Besonderheit von M&G ist, dass wir nicht nur Asset Manager, sondern auch Asset Owner – insbesondere mit unseren europäischen oder stark in UK vertretenen Versicherungseinheiten – sind. Insgesamt verwalten wir derzeit 299 Milliarden Euro, davon über 37 Milliarden Euro (per 30. Juni 2020) im Bereich Immobilien. Daneben sind wir schon lange im europäischen Mid-Market-Infrastruktur-Bereich, im Infrastruktur-Equity- und Debt-Bereich sowie auch im Segment Long Lease Real Estate aktiv. Wir sind recht breit aufgestellt und wollen in diesen Segmenten sukzessive in Deutschland weiterwachsen.

Herr Ebner, welche Real-Asset-Themen hat die KGAL auf der Agenda?

Michael Ebner: Wir sind als Realkapitalanlagenmanager in den Bereichen Aviation, Immobilien und in dem von mir verantworteten Sektor Infrastruktur aktiv, in dem wir uns sehr stark auf das Thema Renewables konzentrieren. Da wir eine eigene KVG haben, liegt unser Kerngeschäft speziell in der Auflage von Fonds für institutionelle Investoren. Wir bieten aber auch Einzel-Investments sowie Club Deals an. Unser Geschäftsmodell hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Lag früher unser Schwerpunkt sehr stark auf Brownfield Investments, bei denen wir wenig Entwicklungsrisiken eingegangen sind, favorisieren wir mittlerweile einen kurzfristigeren Investitionsansatz. Das heißt, wir investieren in Projektentwicklungen, setzen diese komplett um und veräußern die entstandenen Assets dann nach einer relativ kurzen Haltedauer. Wir verfolgen diese Strategie, weil wir im aktuellen Umfeld aufgrund der hohen Liquidität im Markt sowie den sehr starken Druck auf den Renditen bei den klassische Brownfield Investments kein attraktives Risiko-Rendite-Verhältnis mehr sehen. Das gilt sowohl für die Immobilienseite, wo wir jüngst ein größeres Entwicklungsprojekt gezeichnet haben und auch eigene Aktivitäten forcieren, als auch bei Infrastruktur-Investments sowie im Bereich Aviation, wo wir derzeit in erster Linie opportunistisch investieren wollen.

Herr Wolter, wo liegt Ihr Schwerpunkt bei Real Assets?

Mark Wolter: WestInvest ist Teil des Geschäftsfeldes Immobilien der DekaBank. Die Total Assets im Immobilienbereich belaufen sich auf rund 44 Milliarden Euro. Bei den institutionellen Immobilienfonds, die im Wesentlichen mein Tätigkeitsschwerpunkt sind, verwalten wir derzeit als Lösungsanbieter rund 10 Milliarden Euro. Wir sind ein klassischer Core-Anbieter, der in den Nutzungsarten Büro, Einzelhandel, Hotel und Logistik unterwegs ist. Das heißt, zusätzliche Risiken durch Development-Maßnahmen oder dergleichen schließen wir bei unseren Direktmandaten aus. Wir haben eine starke Basis in Deutschland, sind aber auch mit Investments im internationalen und europäischen Kontext unterwegs.

Herr Horstick, kommen wir zur aktuellen Situation. Wie erleben Sie als Leiter der Kapitalanlage „Wertpapiere und Darlehen“ die Corona-Pandemie und sind Real Assets in dieser Zeit ein stabiler Anker?

Horstick: Die aktuelle Situation ist zweifelsohne sehr herausfordernd. Gerade wenn man Personalverantwortung hat und drei Viertel der Mitarbeitenden seit März im Homeoffice arbeiten. Es war für mich in der Vor-Corona-Zeit viel einfacher, mit dem Team in Kontakt zu bleiben. Doch dies verbessert sich stetig. Allerdings bringt diese schwierige Zeit auch Positives hervor: Beispielsweise macht unsere IT derzeit einen fantastischen Job. Dass die Systeme unter den gegebenen Bedingungen derart reibungslos funktionieren, hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Zum Portfolio ist grundsätzlich festzuhalten, dass sich die Diversifikationsstrategie der letzten Jahre auszahlt. Allerdings spiegelt auch unser Portfolio an unterschiedlichen Stellen das wider, was derzeit wirtschaftlich um uns herum passiert. Nehmen Sie das Thema Fluglinien. Wenn Sie von heute auf morgen keine Geschäftstätigkeit mehr verzeichnen, ist dies auch für das Flugzeugfinanzierungsportfolio relativ unschön.

Sitzen Sie das jetzt aus?

Horstick: Sicherlich haben auch wir hier die ersten Stundungsanfragen. Wir machen uns dennoch nicht nachhaltig Sorgen im Hinblick auf Ausfälle. Zumindest aus aktueller Sicht nicht. Gleichzeitig versuchen wir, antizyklisch vorzugehen und Airlines zu finden, die einen guten Support haben, sei es durch die Eigentümer oder durch den Staat, um zumindest selektiv weitere Finanzierungen zu tätigen. Das Problem bei Corona ist, dass es eben kein sektorspezifischer schwarzer Schwan ist, sondern eine Pandemie, deren Ausmaße so flächendeckend sind, dass es keiner hat kommen sehen. Daher trifft Corona das Portfolio an vielen Stellen, teilweise auch an Stellen, wo man es nie erwartet hätte. Das gilt nicht nur für den globalen Flugverkehr, sondern beispielsweise auch für die Immobilienseite. Wie sehen die Immobilienbewertungen der Zukunft aus? Wie werden sich Hotels oder Büros entwickeln? Und benötigen wir überhaupt noch die Büroflächen wie vor der Krise? Das sind die Fragen, die uns hier bewegen. Grundsätzlich glaube ich, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh ist, dies zu beurteilen. Aber ich glaube auch, dass es ein Zurück, eins zu eins in die Vor-Corona-Zeit, nicht geben wird.

Herr Uwira, waren Real Assets für Sie ein Anker während der Corona-Krise?

Uwira: Das ist sehr unterschiedlich zu betrachten. Nehmen Sie die Hotels. Hier hätte doch niemand gedacht, dass es eine Zeit geben wird, in der kaum jemand mehr verreist und die Hotels weitgehend leer stehen. Die Bereiche Wohnen oder Logistik haben sich wiederum als stabile Nutzungsklassen erwiesen. Ein weiteres Beispiel ist die Sub-Urbanisierung, bei der die Menschen wieder verstärkt in die Speckgürtel der großen Städte ziehen. Benötigen diese Menschen ein Arbeitszimmer? Was wird mit dem Homeoffice passieren? Wird das wirklich so sein, dass alle nur noch zu Hause arbeiten? Ich wage zu behaupten: Nein. Eine Mischung ist am wahrscheinlichsten: Etliche Menschen werden weiterhin ins Büro gehen. Zum anderen wird es hybride Arbeitsplätze geben, bei denen man mal drei Tage im Büro und zwei Tage zu Hause ist oder umgekehrt. Das hat natürlich auch Folgen für den Gesamtflächenbedarf. Es herrscht aktuell eine Gemengelage vor, in welcher Ihre Frage nicht einfach so mit Ja und Nein zu beantworten ist. Ich glaube dennoch, dass Corona einige langfristige Trends noch einmal beschleunigt hat.

Zum Beispiel?

Uwira: Langfristige Trends wie der Internethandel, das Homeoffice oder die Digitalisierung haben sich sicherlich verstärkt. Aber auch die Themen Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder erneuerbare Energien rücken durch die Corona-Pandemie noch weiter in den Fokus.

Wolter: Corona war und ist ein Brennglas für Unsicherheit. Beispielsweise die Unsicherheit, was mit einer Immobilie in der Zukunft passieren wird. Deswegen war in der Anfangsphase auch die Kommunikation mit unseren Anlegern so extrem wichtig. Doch nicht nur das. Entscheidend bei Real Assets ist auch das Thema Diversifikation. Da die Marktanpassungsmechanismen bei illiquiden Assets zeitverzögert stattfinden, ist es deswegen gerade bei Real Assets zentral, diversifiziert zu investieren. Das heißt, nicht nur ausschließlich in Hotel-Investments nicht nur ausschließlich in Wohn-Investments, oder in Logistikimmobilien, sondern über ein breites Spektrum, und zwar sowohl was die Nutzungsart als auch was die geografische Verteilung betrifft. Ein weiterer zentraler Punkt in diesem Zusammenhang ist für mich die Qualität des Produktes, also der Immobilie. Nehmen Sie auch hier die Diskussion um das Thema Büro, welche sicher noch nicht abgeschlossen ist. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass eine Büroimmobilie in einer sehr guten Lage, das heißt mit einer vernünftigen Infrastruktur, ÖPNV-Anbindung sowie einer nachhaltigen Architektur und flexibler Flächenkonfiguration, weiterhin ihre Nachfrage finden wird. Ganz gleich welche Nutzungsstruktur mittelfristig stärker nachgefragt wird.

Ebner: Ich würde gerne noch weitere Punkte aufgreifen. Elementar ist natürlich auch, wie man als Unternehmen selbst durch die Corona-Krise gegangen ist. Für die KGAL erwies es sich als großes Glück, frühzeitig in die Digitalisierung investiert zu haben. Dies hatte zur Folge, dass alle Mitarbeiter bereits seit Mitte letzten Jahres und somit deutlich vor der Krise mit Laptops und Mobiltelefonen ausgestattet waren und wir keine Mitarbeiter mehr umstellen mussten. Wir konnten die ganze Mannschaft sofort ins Homeoffice schicken. Daneben hatten wir bereits flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt. Alle unsere Mitarbeiter durften auch vor der Corona-Krise schon bis zu zehn Tage pro Monat mobil arbeiten. Das heißt, alles, was andere kurzfristig als Neuerung oder als Problem empfunden haben, war bei uns schon gelebte Praxis. Deswegen sind wir auch hervorragend durch diese Krise gekommen. Daneben half uns die Digitalisierung, neuralgische Punkte in der Krise frühzeitig zu erkennen und diese auch zu kommunizieren. Als Asset Manager haben wir eine Digitalplattform, die es uns erlaubt hat, schnell Szenarien zu rechnen und Analysen durchzuführen und diese den Investoren unmittelbar und transparent zu kommunizieren. Trotz alledem glaube ich, dass wir alle die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die einzelnen Assets immer noch unterschätzen. Exakte Prognosen, wie sich Immobilien, der Flugverkehr oder erneuerbare Energien in zwei bis drei Jahren entwickeln werden, sind grundsätzlich nicht möglich, im aktuellen Marktumfeld jedoch mehr denn je reine Spekulation. Ich glaube vielmehr, dass wir uns noch längere Zeit mit den wirtschaftlichen Folgen dieser Krise beschäftigen müssen.

Herr Matthey, welche Erfahrungen machen Sie gerade?

Matthey: So schlimm das Corona-Virus als solches auch ist, es ist doch ein sehr starker Katalysator für Veränderungen. Nichtsdestotrotz würde ich sagen, das Interesse an Real Assets ist ungebrochen, auch wenn sich natürlich zumindest kurzfristig das Interesse teilweise verlagert hat. Aber im Sinne eines Katalysator-Effekts – ich glaube, da sind wir uns wahrscheinlich alle einig – werden wir in Zukunft beispielsweise deutlich mehr Nachfrage nach digitaler Infrastruktur sehen. Je mehr Leute aus dem Homeoffice arbeiten, desto stärker müssen wir etwas tun, was Glasfasertechnik und Leitungsgeschwindigkeiten für die Netze betrifft. Das wird meines Erachtens ein langfristiger Trend für Veränderung sein.

Herr Horstick, wir haben gehört, Diversifikation ist wichtig. Fühlen Sie sich gut diversifiziert, oder haben Sie Nachholbedarf?

Horstick: Nachholbedarf nicht, gleichwohl konnten wir mehrere Dinge feststellen. Es war und ist gut, wenn man im liquiden und im illiquiden Bereich unterwegs ist. Sicherlich, im liquiden Bereich hat man die Einschläge unmittelbar gespürt. Das war im März und April wirklich schmerzhaft. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir bei den illiquiden Anlagen einen nachlaufenden Effekt sehen werden. Sprich, die Bewertungen werden über die nächsten Wochen und Monate sukzessive nach unten gehen. Aber die illiquiden Anlagen helfen in der Krisensituation, im Schockmoment, definitiv und geben einem die Gelegenheit, vielleicht die eine oder andere neuralgische Stelle im Portfolio mit einem kühleren Kopf anzugehen. Insoweit fühlen wir uns also bestärkt.

Herr Ebner, nehmen wir an, Sie wären ein institutioneller Investor, wie würden Sie jetzt handeln?

Ebner: Ich kann mich nur anschließen. Diversifikation war schon immer ein hohes Gut und sollte es auch in der Zukunft bleiben. Grundsätzlich sind Real Assets ein Anker, der Stabilität in die Bewertung bringt. Natürlich gilt das nur für die kurzfristige Betrachtung. Langfristig muss man die Bewertung für jedes einzelne Asset ermitteln. Diesbezüglich glaube ich auch, dass wir bei vielen Assets, insbesondere bei Immobilien, zeitverzögert Wertberichtigungen sehen werden.

Erneuerbare Energien sind relativ stabil durch die Krise gekommen. Wie soll ein Institutioneller hierin investieren?

Ebner: Auch hier gilt es zu diversifizieren und nicht auf Einzel-Investments zu setzen. Ferner sollten institutionelle Investoren einem großen und erfahrenen Asset Manager vertrauen, der versteht, was er tut und über ausreichend große Inhouse-Kompetenz verfügt. Und zuletzt gilt es natürlich, den richtigen Investitionszeitpunkt zu finden.

Finden Sie aktuell genügend Projekte, die für Sie interessant sind?

Ebner: Wir verfügen über ein ausgezeichnetes europäisches Netzwerk und haben stets attraktive Projekte gefunden und erworben, sei es vor oder während der Krise. Auch nach der Krise wird uns dies gelingen, da bin ich mir ganz sicher. Erst jüngst haben wir beispielsweise zwei Projekte – einmal Photovoltaik und einmal Wind – während der Krise fertiggestellt und beide im August ans Netz gebracht. Damit haben wir zwei Projekte in der Krise hervorragend managen und „Superior Returns“ für unsere Investoren erzielen können.

Wie hoch sind „Superior Returns“?

Ebner: Wir sprechen hier von fast zweistelligen Renditen, die wir bei moderatem Leverage erzielen können. Das heißt bei derartigen Projekten aber auch, dass der Asset Manager frühzeitig Entwicklungsrisiken eingehen muss, um die Margen, die bisher auf verschiedene Teilnehmer der Wertschöpfungskette verteilt waren, selbst zu realisieren und den Investoren weiterzureichen.

Herr Horstick, würden Sie derartige Projekte interessieren?

Horstick: Ich stimme zu. Ich denke auch, dass institutionelle Investoren zukünftig, wenn sie eine entsprechende Rendite erzielen wollen, bereit sein müssen, die Wertschöpfungskette weiter aufzubrechen, das heißt, gewisse Entwicklungs- oder Baurisiken mitzutragen. Sie werden es sicher nie alles selber managen und tragen. Das ist auch klar. Dafür gibt es kompetente Anbieter. Aber die Bereitschaft muss da sein, sich diesen Themen zu stellen. Und das bringt mich noch mal zurück auf das Thema Diversifikation. Diversifikation bedeutet auch, dass ein Anleger bereit sein muss, die Risiko-Landkarte neu zu vermessen und zu erweitern. Wir haben beispielsweise im Rahmen eines Bauprojekts in Norwegen mit Faktoren zu tun, von denen ich vorher zugegebenermaßen nicht geglaubt hätte, dass sie uns treffen. Und hier spreche ich nicht von finanziellen Risiken oder von wirtschaftlichen Risiken, mit denen können wir umgehen, sondern vom Stakeholder-Management vor Ort.

Uwira: Im Endeffekt geht es auch darum, aktiver zu investieren und damit natürlich ein Stück weit auf der Risikokurve nach oben zu gehen. Dabei hilft sicher auch eine entsprechend breite Diversifikation, da diese dem Investor ein Stück mehr an Flexibilität offeriert.

Wolter: So weit, so gut. Eine zentrale Frage dabei ist gleichwohl, ob das zusätzliche Alpha-Risiko, dass der Investor bereit ist zu tragen, derzeit richtig oder ausreichend gepreist wird. Daran hege ich doch meine Zweifel. Zum Beispiel bekommen Investoren bei Core-Immobilien am Markt zurzeit sicherlich nicht das, was sie in den letzten Jahren gewöhnt waren zu bekommen, also die klassischen vier Prozent plus. Das heißt, ein Investor sollte sich genau überlegen, ob es sich lohnt, zusätzliche Risiken wie ein Managementrisiko, ein Vermietungsrisiko, ein Finanzierungsrisiko oder was auch immer einzugehen. Das können natürlich auch Chancen sein. Nichtsdestotrotz fühlen wir uns mit unserer Core-Strategie sehr komfortabel aufgestellt und sind froh, dass wir neben dem rein professionellen Kümmern und dem Weiterentwickeln des Immobilienbestandes nicht allzu viele Vermietungsherausforderungen oder Managementthemen haben.

In welche Objekte investieren Sie derzeit?

Wolter: Ähnlich wie die KGAL haben wir auch in der Krise gekauft und verkauft. Wir werden auch weiterhin kaufen und verkaufen. Grundsätzlich machen wir nur das, was wir verstehen sowie können, und versuchen Risiken durch unsere Expertise zu vermeiden. Deswegen konzentrieren wir uns auf Büroimmobilien, auf den Einzelhandelsbereich, auf Logistik und Hotels. Dort sind wir aktiv und experimentieren nicht groß in anderen Nutzungsarten. Sicherlich aktuell etwas defensiver, was den Hotelbereich angeht. Stabil, was den Bürobereich angeht. Und vielleicht ein bisschen bullischer, was die Logistik angeht. Doch es gibt auch etwas, was sich bei uns verändert hat. Wir denken nicht mehr in Ländern, sondern wir denken in Städten. Wir versuchen einen Mehrwert in den zukunftsfähigen Metropolregionen zu finden. So stärken wir unseren Fokus.

Herr Matthey, ich habe neulich ein interessantes Zitat gehört: „Never waste a good crisis“. Wie interpretieren Sie dieses Zitat?

Matthey: Selbstverständlich monitoren auch wir kontinuierlich unsere Portfolios und sind daran diese stetig zu optimieren. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass wir den Core-Immobilienbereich stärker diversifizieren und die Sektoren Wohnen und Logistik noch stärker gewichten wollen. Ich denke, das ist nichts Überraschendes. Im Bereich Infrastruktur sind wir bereits sowohl im Brownfield- als auch im Greenfield-Segment aktiv, wobei wir speziell im Mid-Market-Segment in Europa besondere Chancen sehen. Und last, but not least, liegt ein ganz großer Aspekt unseres Tuns bei M&G derzeit beim Thema ESG. So hat sich M&G bis 2050 committet, alle Assets under Management, also nicht nur die illiquiden Assets, sondern auch die liquiden Assets, emissionsfrei beziehungsweise emissionsneutral zu stellen. Ich denke, hier kann die Krise als Katalysator wirken und viele Dinge im Positiven bewegen.

Welche Rolle spielt das Thema ESG bei den anderen Asset Managern?

Ebner: Für uns gibt es zwei Blickwinkel auf das Thema. Zum einen bedeutet Nachhaltigkeit mehr als die ausschließliche Beachtung von ökologischen Faktoren, sondern es gilt, auch die Kriterien S für Social und G für Governance zu berücksichtigen. Das ist etwas, was aus unserer Sicht noch zu wenig beleuchtet wird. Lieferketten können hier als schönes Beispiel genannt werden, die gesamthaft betrachtet werden müssen. Wenn man etwa eine Windkraftanlage erwirbt, mit der man wunderbar CO2 sparen kann, aber die Augen davor verschließt, unter welch prekären Bedingungen der chinesische Schweißer seine Arbeit verrichten musste, dann stimmt etwas nicht. Zum anderen müssen für uns nachhaltige Investitionen auch nachhaltig profitabel sein und zu Win-win-Situationen führen. Last, but not least sollte ESG ernsthaft verfolgt werden, was Greenwashing ausschließt.

Uwira: Man muss beim Thema ESG die Ökologie mit der Ökonomie in Einklang bringen. Wir können die besten Passivhäuser planen, doch nur wenn sich diese langfristig wirtschaftlich rechnen, werden wir dafür Investoren finden. Das KfW-55-Förderprogramm ist ein positives Beispiel. Das Gleiche gilt für die sozialen Aspekte, wie zum Beispiel den preisgedämpften Mietwohnungsbau. Ohne Kompensationen, etwa in Form von vertretbaren Mehrflächen, wird auch niemand bereit sein, die günstigsten Wohnungen herzustellen. Hier wünschen wir uns noch mehr Kompromisse und Flexibilität durch die Behörden.

Themenwechsel: Herr Horstick, wie schwierig ist es, Real Assets ins Portfolio zu integrieren?

Horstick: Auf jeden Fall bringen Real Assets Komplexität ins Portfolio. Zum einen ist dies eine juristische Komplexität, da man Vehikel, im Idealfall eine Plattform – wir nutzen eine Luxemburger Plattform -, benötigt, um die Real Assets sauber implementieren zu können. Zum anderen erhöhen Real Assets eindeutig die Anforderungen an das Risikomanagement und das Reporting. Auch dies fällt deutlich komplexer aus.

Bekommen Sie da auch Unterstützung von den Asset Managern?

Horstick: Ja, wobei wir versuchen, unsere Architektur möglichst offen zu gestalten, das heißt, Vehikel zu gründen, bei denen wir dann auch unterschiedliche Asset Manager oder Assets von unterschiedlichen Asset Managern einbinden können. Das macht die Sache nicht einfacher, weil auch jeder Asset Manager sein eigenes Reporting-Format hat.,

Ebner: Ein transparentes Reporting als Digitalisierungsservice ist das, was die Asset-Management-Branche noch leisten muss. Diese muss die gleiche Professionalität erreichen wie das Reporting bei den liquiden Assets. Dann, glaube ich, ist das ein großer Wert, den wir Investoren als Branche und als einzelner Anbieter bieten können, um Real Assets leichter investierbar zu machen.

Herr Horstick, nehmen wir an, Sie könnten einen Forderungskatalog an die Branche stellen, was würden Sie fordern?

Horstick: Generell glaube ich, dass die größte Herausforderung im Moment darin besteht, einen Zugang zu den guten Assets zu haben. Wir sind nach wie vor in einem extremen Verkäufermarkt, was sicherlich unterschiedliche Ursachen hat. Das heißt, ich brauche einen Manager mit Zugang. Daneben benötige ich jemanden, der mir die Administration abnimmt. Das heißt, die Komplexität muss im Idealfall beim Manager bleiben, nicht bei uns. Ich glaube, das sind die wichtigsten Dinge. Zudem ist ein stabiles Team wichtig.

Bei den Real Assets gibt es beispielsweise auch den Bereich Wald- und Forstwirtschaft, würde Sie so etwas interessieren?

Horstick: Wir haben hier eine kleine Beimischung. Das Problem bei der Wald- und Forstwirtschaft ist, dass dieser Bereich sehr FX-risikolastig ist, da größere Flächen in erster Linie im Ausland investierbar sind. Zudem funktioniert der natürliche Hedge, den man eigentlich bei Wald immer unterstellt, nur sehr begrenzt, da die Bewertungen der Assets eine hohe Korrelation zur Konjunktur aufweisen.

Kunst?

Horstick: Kunst ist für uns keine Asset-Klasse.

Wein, Autos?

Horstick: Nein. Am Ende brauchen wir einen planbaren Cashflow, den sehe ich hier nicht.

Würden Sie in Gold investieren?

Horstick: Aufsichtsrechtlich dürfen wir es nicht. Obwohl wir die technischen Voraussetzungen hätten. Wir haben nach wie vor eine große Tresoranlage im Keller, in der wir früher unsere Grundschuldbriefe aufbewahrt haben. Wir könnten es also einlagern. Aber nein, wir dürfen es nicht.

Gibt es weitere Real-Asset-Projekte, in die Sie planen zu investieren?

Horstick: Wir werden sicherlich den Fokus weiter auf Real Assets legen und weiter diversifizieren. Allerdings stoßen wir zunehmend aufsichtsrechtlich an Grenzen.

Wie wird sich die Real-Asset-Branche zukünftig weiterentwickeln?

Ebner: Die Branche ist dabei, sich immer weiter zu professionalisieren. Und wenn sich hier die Branche vielleicht wieder ein bisschen verkleinert, dann sind wir gut aufgestellt, den Mehrwert zu schaffen, den wir alle versprechen.

Uwira: Dem kann ich nur zustimmen. Wir sind gezwungen, noch aktiver und noch größeren Mehrwert zu generieren als früher. Darin liegt meiner Ansicht nach der Schlüssel für zukünftigen Erfolg.

Den gesamten Text sowie weitere Informationen zum Thema Real Assets finden Sie in der dpn-Ausgabe Oktober/November 2020.

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