Verantwortungsbewusste Anleger sollten festverzinsliche Anlagen nicht ignorieren, da sie über diese oft einen größeren Einfluss auf Regierungen und Unternehmen als Aktienanleger ausüben können.

Autor: Thilo Wolf, Country Head Germany bei BNY Mellon Investment Management

Nachdem in Teil 1 aufgearbeitet wurde, welche wesentlichen Aspekte Investoren berücksichtigen sollten, um sich auch im Bereich der festverzinslichen Anlagen als verantwortungsbewusster Investor zu positionieren, gibt Teil 2 einen Überblick, welche Möglichkeiten Investoren haben, aktiv zu werden. Denn einzelne Investoren oder Vermögensverwalter haben auf große Anleiheemittenten mitunter geringen Einfluss, doch Kooperationsinitiativen, über die sich Investoren zusammen für ein gemeinsames Ziel einsetzen, können durchaus viel bewirken.

Bekanntlich äußerte sich der Demokrat und Berater aus der Clinton-Ära James Carville zur Beschreibung der Macht und des Einflusses der Rentenmärkte auf das globale Finanzsystem wie folgt: „Früher dachte ich, wenn es eine Reinkarnation gäbe, würde ich gern als der Präsident oder als Papst oder als Baseball-Spieler mit einem Schlagdurchschnitt von 0,400 wiederkommen. Mittlerweile würde ich lieber als Rentenmarkt wiedergeboren werden, denn der kann jedem Angst und Schrecken einjagen.“

Durch diese Macht können die Rentenmärkte für alle Anleger eine zentrale Rolle spielen, die Einfluss auf Regierungen und Unternehmen nehmen möchten – ganz gleich, ob es dabei um das Erreichen finanzieller Ziele geht oder um angestrebte Nachhaltigkeit.

Anleiheinhaber können insofern präzise Nachhaltigkeitsziele verfolgen, als:

  • sie Änderungen an der Struktur und den Bedingungen von Anleiheemissionen einfordern können;
  • inzwischen auf breiter Front Anleihen angeboten werden, die spezifische ökologische und soziale Ergebnisse ins Visier nehmen;
  • maßgeschneiderte Portfolios mit konkreten Nachhaltigkeitszielen möglich sind, die mitunter auch Renteninstrumente einsetzen.

Bei der Begebung von Schuldtiteln haben die Investoren Gelegenheit, Einfluss auf die Emissionsstruktur und deren Bedingungen zu nehmen. Eine Anleihe, deren Bedingungen nicht attraktiv sind, könnte für einen Emittenten bedeuten, dass er sich zu ungünstigeren Bedingungen finanzieren muss. In seltenen Fällen ziehen Emittenten eine Emission sogar zurück, wenn nicht genügend Nachfrage besteht, und ändern manchmal Bedingungen oder Formulierungen in der Dokumentation, um die Anforderungen von Anlegern zu erfüllen.

Es werden regelmäßig Schuldtitel emittiert, auf deren Bedingungen und Struktur die Anleger Einfluss nehmen können. Im Zusammenspiel heißt das: Anleihen können ein erhebliches Mitspracherecht in sich tragen. Ferner bedeutet die mögliche Spezifität, dass Anleger die Möglichkeit haben, gezielt Nachhaltigkeitsszenarien anzupeilen, wie sie andere Anlageklassen wie Aktien nicht bieten können.

Durch die mittlerweile auf dem Rentenmarkt etablierte Erklärung zur „Verwendung der Erlöse“ lassen sich Emissionen direkt mit konkreten Projekten verknüpfen, die positive ökologische und/oder soziale Wirkung haben (am häufigsten durch sogenannte „grüne Anleihen“, bei denen der Emissionserlös zur Unterstützung von Umweltprojekten herangezogen wird). In manche Anleihen sind auch Ziele auf breiterer institutioneller Ebene eingebettet: Werden Nachhaltigkeitsziele erreicht, profitiert der Emittent von attraktiveren Finanzierungsbedingungen. Umgekehrt gilt: Werden Ziele verfehlt, erhält der Anleger einen Ausgleich.

Das Wachstum des Marktes für sogenannte „Impact-Anleihen“ bedeutet, dass die Emittenten von Schuldtiteln aus einer breiten Palette von Märkten und Sektoren, darunter Staaten ebenso wie privatwirtschaftliche Unternehmen, gehalten sind, ausdrückliche Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen.

Es bedeutet ferner, dass Investoren über die Rentenmärkte in der Lage sind, ihre Portfolios und Ziele individuell so zu gestalten, dass sie ihren Finanz- und Nachhaltigkeitszielen entsprechen, und zwar auf eine neue, innovative Weise, wie es mit anderen Finanzinstrumenten nicht möglich ist.

Das Ausmaß verantwortungsbewusster Investment-Aktivitäten im Anleihesegment dürfte sich insofern noch erweitern, als

  • ESG-Risiken für Unternehmensanleihen häufig analysiert werden, für Staatsanleihen und andere Arten von Rentenmarktemissionen allerdings noch nicht so intensiv;
  • noch weitere Anstrengungen erforderlich sind, um ESG- und Nachhaltigkeitsdaten und -analysen rentenmarktübergreifend zu entwickeln;
  • ein verantwortungsbewusster Ansatz für Anleiheinvestitionen, der ESG-Risiken und -Faktoren berücksichtigt, in manchen Fällen dazu beitragen kann, die Finanz- und Nachhaltigkeitsziele eines Anlegers zu erreichen. Das wird von den Anlegern mittlerweile weithin gewürdigt, doch es bleibt noch viel zu tun, um genauer zu definieren, was das in der Praxis bedeutet.

Die Anleihemärkte umfassen ein breites Spektrum von Emittenten und Instrumentengattungen. Die Grundprinzipien eines verantwortungsbewussten Investment-Ansatzes gelten zwar für alle gleich, doch die praktischen Auswirkungen unterscheiden sich. So fokussiert sich die Analyse von ESG- und Nachhaltigkeitsrisiken bisher auf Unternehmensanleihen. Das Research über die Effekte auf Staatsanleihen steckt noch in den Kinderschuhen. Dabei hängt viel von der Verfügbarkeit belastbarer Daten ab, die auf Unternehmensebene nach wie vor leichter zugänglich sind. Ebenso gilt beispielsweise, dass das Management der Effekte von ESG-Risiken auf ein mit Wohnbauhypotheken unterlegtes Wertpapier ganz anders aussehen wird als bei einem Darlehen für eine Gewerbeimmobilie.

Insgesamt stehen die Anleger mit Blick auf die Integration eines verantwortungsbewussten Investment-Ansatzes in ihre Rentenportfolios noch eher am Anfang als am Ende ihrer Reise. Doch im Zuge der Entwicklung von Investorenpraktiken könnte der Fokus auf ESG-Risiken und Nachhaltigkeitsfaktoren Anlegern mehr Möglichkeiten bieten, Portfolios aufzubauen, die mit größerer Präzision sowohl Finanz- als auch Nachhaltigkeitsziele anvisieren können und für alle Beteiligten bessere Ergebnisse versprechen.

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