Ein No-Deal-Brexit mag unwahrscheinlich sein, doch ein folgenreicher harter Brexit ist wohl unvermeidbar. Und das ist nicht das einzige Problem für die britische Wirtschaft.

Autor: Seema Shah, Chief Strategist, Principal Global Investors

Es ist schon einige Monate her, dass ich das letzte Mal über den Brexit geschrieben habe. Jetzt macht er wieder Schlagzeilen und kann deshalb – leider – nicht ignoriert werden.

Informierten Kreisen zufolge könnten sich Großbritannien und die EU schon nächste Woche auf einen Handels- und Sicherheitsvertrag einigen – wenn nicht neue COVID-19-Infektionen dazwischenkommen. Hilfreich war sicher, dass viele Brexit-Befürworter den Dienst quittiert haben. Allerdings sind bei den Verhandlungen in den vergangenen vier Jahren so viele „entscheidende“ Deadlines verstrichen, dass ich durchaus nachvollziehen kann, wenn Sie es nicht glauben.

In gerade einmal sechs Wochen, am 31. Dezember, wird das Vereinigte Königreich den gemeinsamen Markt verlassen. Jede Vereinbarung für die Zeit danach muss in ganz Europa ratifiziert werden. Wie stets beim Brexit wird man wohl auch diesmal keine Minute zu früh fertig sein.

Ein „weicher“ Brexit ist aber vom Tisch. Die Alternativen heißen „No Deal“ – die Rückkehr zu den WTO-Regeln – und „harter Brexit mit Minimaleinigung“. Der britische Dienstleistungssektor dürfte dabei außen vor bleiben und schrittweise aus dem gemeinsamen Markt ausgeschlossen werden. Eines steht aber fest: Nach dem Ende der Verhandlungen werden sich beide Seiten zum Sieger erklären – Marketing eben.

Festgefahren

Der entscheidende Knackpunkt ist die Fischerei, die gerade einmal 0,12 Prozent des britischen BIP ausmacht. Die EU möchte sich ihren Zugang zu den britischen Fischgründen erhalten, aber das Vereinigte Königreich sieht darin einen Angriff auf seine Souveränität. Doch irgendwann muss eine Lösung her.

Auch ist noch nicht völlig klar, ob London das europäische Wettbewerbsrecht akzeptiert. Und dann ist da noch das äußerst sensible Thema der inneririschen Grenze.

Bei der irischen Grenze dürfte der Ausgang der US-Wahlen die Verhandlungen maßgeblich beeinflussen. Joe Biden lässt keinen Zweifel daran, wie wichtig ihm das Karfreitagsabkommen ist. Er hat deutlich gemacht, dass ein amerikanisch-britisches Handelsabkommen sehr viel unwahrscheinlicher wird, wenn der Brexit den Frieden in Nordirland gefährdet. Ohne einen Präsidenten Trump, der die Briten unabhängig von der Lage in Nordirland mit einem Handelsabkommen lockt, ist eine wie auch immer geartete Einigung Londons mit Brüssel umso wichtiger geworden. Sonst stehen die Briten am Ende noch ganz allein da – kein Vertrag mit der EU, aber auch keiner mit den USA.

Und das ist nicht alles

Ein „No Deal“ mag unwahrscheinlich sein, doch ein folgenreicher harter Brexit ist wohl unvermeidbar. Und das ist nicht das einzige Problem für die britische Wirtschaft. Der neuerliche Anstieg der COVID-19-Fälle hat zu einem neuen landesweiten Lockdown geführt, der das Wirtschaftswachstum wohl um ein paar Prozentpunkte schwächt. Dabei hat die Pandemie der Wirtschaft in Großbritannien schon jetzt mehr geschadet als in allen anderen Industrieländern.

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2021 wird sich die britische Wirtschaft zweifellos erholen, so wie auch die meisten anderen Volkswirtschaften – vor allem, wenn ein Impfstoff in Sicht ist. Die wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 werden das britische BIP dieses Jahr aber um fast 11 Prozent schrumpfen lassen, schätzt das staatliche Office for Budget Responsibility (OBR) – das größte Jahresminus seit über 30 Jahren. Die wirtschaftlichen Folgen werden noch mehrere Jahre anhalten. Vermutlich wird das BIP erst Ende 2022 wieder sein altes Hoch von 2019 erreichen. Dabei kommt das vom OBR prognostizierte Wachstum nur durch umfangreiche Konjunkturprogramme zustande. Als die britische Regierung das letzte Mal das Kurzarbeitergeld verlängerte, wurde ein Anstieg des Haushaltsdefizits auf enorme 20 Prozent des BIP erwartet.

Geld- und Fiskalpolitik als Retter … aber wie lange noch?

Auch die Bank of England spielt in der Krise eine wichtige Rolle. Sie stimmt ihre Maßnahmen mit der Regierung ab, mit dem Ziel einer wirksamen Doppelstrategie. In den letzten Wochen hat die Notenbank ihr Quantitative Easing um 150 Milliarden Pfund aufgestockt, und im neuen Jahr dürften die Zeichen auf Negativzinsen stehen. Manche Experten haben die jüngsten Entscheidungen kritisiert. Sie bezweifeln ihren wirtschaftlichen Nutzen, da die Zinsen schon jetzt extrem niedrig sind. Aber sie vergessen etwas Wichtiges: Der Bank of England geht es vor allem darum, die vielen neuen Staatsanleihen zu übernehmen, damit die Renditen niedrig bleiben. Dann kann die Regierung ihre Ausgaben weiter stark anheben, ohne einen extremen Anstieg des Schuldendienstes fürchten zu müssen. Wie in anderen Ländern auch muss die Regierung für eine Reflation sorgen. Damit sich die Wirtschaft erholt, ist zweifellos eine noch lockerere Fiskalpolitik nötig.

Natürlich kann die Notenbank nicht auf ewig so weitermachen. Irgendwann muss sie ihre Hilfen beenden, und die Regierung muss über eine Sanierung der Staatsfinanzen nachdenken. Der Finanzminister hat dann keine andere Wahl, als die Steuern anzuheben und/oder die Staatsausgaben zu senken – und das ausgerechnet dann, wenn die britische Wirtschaft zu spüren bekommt, was es heißt, den gemeinsamen europäischen Markt zu verlassen.

Was bedeutet das für Investoren?

Im März, als die Pandemie immer mehr Sorgen machte, fiel das Pfund kurzzeitig unter 1,20 US-Dollar. Ansonsten notierte es 2020 aber meist über 1,30. Angesichts der großen Probleme mit COVID-19 und der langen Brexit-Verhandlungen, die auf einen harten EU-Austritt zusteuern, ist dies durchaus überraschend.

Das Pfund hat sich gut gehalten

GBP/USD, 1. Januar 2020 bis 20. November 2020

Quellen: Bloomberg, Principal Global Investors. Stand: 20. November 2020

Quellen: Bloomberg, Principal Global Investors. Stand: 20. November 2020

Sobald man sich einig ist, dürfte das Pfund weiter zulegen. Wenn die endlosen Brexit-Verhandlungen endlich vorbei sind, werden Investoren und Öffentlichkeit gleichermaßen erleichtert sein. Ich fürchte aber, dass das nur ein Strohfeuer ist.

Schließlich wird der Brexit die Erholung nach der Corona-Rezession bremsen. Die Handelshemmnisse werden größer, die Investitionen lassen nach, und das Pfund dürfte abwerten. Die anhaltende Geldmengenexpansion der Bank of England und mögliche Negativzinsen würden die Abwertung noch verstärken.

Für britische Aktien wäre dies durchaus gut. Weil die FTSE-100-Unternehmen etwa 75 Prozent ihrer Umsätze im Ausland erzielen, würden sie von einer schwächeren Währung profitieren. Jetzt könnte eine gute Gelegenheit sein, die recht günstigen Bewertungen britischer Aktien zu nutzen.

Längerfristig macht mir Großbritannien aber große Sorgen. Der Brexit ist nicht der Weltuntergang, aber das Königreich wird etwas von seinem Glanz verlieren. Wenn das Land aus dem größten Binnenmarkt der Welt ausgeschlossen wird, werden Arbeitsplätze verlagert. Menschen werden das Land verlassen, und investiert wird anderswo. Man orientiert sich hin zu Ländern, die mit der Globalisierung kein Problem haben.

Immerhin konnten sich Märkte und Investoren aufgrund der jahrelangen Verhandlungen aber vorbereiten. Der Brexit kommt nicht überraschend. Er wird Großbritannien schaden und auch für Europa nicht einfach sein. Für die Welt ist er mittlerweile aber fast ein Non-Event.

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