Die wirtschaftliche Entwicklung 2021 in den USA und Europa hängt stark davon ab, wie die COVID-19-Pandemie weiter verläuft. Steigende Haushaltsdefizite, staatliche Hilfsprogramme, die schwelenden Handelsspannungen zwischen den USA und China, aber auch die offenen Fragen beim Brexit sind die großen Herausforderungen für die Investmentstrategien 2021.

Autor: Indraneel Karlekar, Ph.D., Senior Managing Director, Global Head of Research & Strategy bei Principal Real Estate Investors, der Immobiliensparte von Principal Global Investors

Im Laufe der Geschichte gab es zahlreiche Momente, die die Gesellschaft nachhaltig beeinflusst haben. Wenn Historiker eines Tages auf das Jahr 2020 zurückblicken, werden sie die Pandemie als „schwarzen Schwan“ bezeichnen – ein Ereignis, das die Art, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen, verändert hat. Noch steht nicht fest, ob sich strukturelle Verhaltensmuster dauerhaft ändern werden, aber zweifellos werden die kurzfristigen Folgen der COVID-19-Pandemie noch jahrelang spürbar sein. Ebenso zweifellos macht die Pandemie einen Ausblick auf die Investmentstrategie für 2021 zu einer echten Herausforderung. Weil viele Faktoren zusammenkommen und aufeinander einwirken, dürften die nächsten Monate volatil und unsicher bleiben. Maßgeblich sind unter anderem der neue geldpolitische Rahmen der Federal Reserve, der die Preisfindung von Risikoaktiva erschwert, Haushaltsdefizite von 4 Billionen US-Dollar (Tendenz steigend), anhaltende staatliche Hilfsprogramme, schwelende Handelsspannungen zwischen den USA und China, andauernde Volatilität im Nahen Osten und zahlreiche offene Fragen zum Brexit.

Das Basisszenario auf Grundlage der Gewinne von 2020

In unserem Basisszenario wird sich die Weltwirtschaft weiter erholen, aber unterschiedliche Ergebnisse sind möglich. Diese Einschätzung beruht auf mehreren Annahmen. Die erste ist, dass es nicht wieder zu so umfassenden und langen Lockdowns kommt wie in der ersten Jahreshälfte 2020, die verheerende Folgen für die Wirtschaft hatten. Stattdessen halten wir es für wahrscheinlich, dass für entstehende Hotspots lokale und regionale Lockdowns verhängt werden, bis die Herdenimmunität erreicht ist. In unserem Basisszenario treffen wir keine Aussage dazu, wann es zu einer weltweiten Herdenimmunität kommen wird, aber wir hoffen, dass Anfang 2021 erste Impfungen stattfinden können. Die maßgeblichen Faktoren für unser Positiv- und Negativszenario sind binär, wobei es vor allem auf die Infektionszahlen ankommt. Ein Anstieg der Corona-Fälle im Winter könnte sehr strenge Shutdowns zur Folge haben und den Ausblick stark eintrüben. Bei einer erfolgreichen Eindämmung wären die Aussichten etwas besser.

USA und Europa: Im Basisszenario erwarten wir eine Erholung, aber Vorsicht bleibt angeraten

In der ersten Jahreshälfte 2020 ist das Wachstum in den einzelnen Ländern und weltweit eingebrochen. Europa und die USA haben strenge Lockdowns verhängt, um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen. Von ihren Höchstständen ist die Wirtschaftsleistung um 10 Prozent und 15 Prozent zurückgegangen. Glücklicherweise hatten der Einbruch der Geschäftstätigkeit, die Arbeitsplatzverluste und die enormen Probleme kleinerer Unternehmen keine dauerhaften Folgen für die Kapitalmärkte. Dies hätte zu einem Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte führen können. Die schnelle Reaktion von Geld- und Fiskalpolitik hat das Schlimmste verhindert oder zumindest abgefedert, so dass sich beide Regionen jetzt allmählich erholen können. Der wirtschaftliche Zusammenbruch ist ausgeblieben.

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Unser Basisszenario beruht auf der Annahme stabiler Corona-Fälle, der Vermeidung umfassender Lockdowns und der Entdeckung einer wirksamen medizinischen Lösung. Außerdem gehen wir stark davon aus, dass die Zentralbanken die Märkte weiter erheblich stützen werden. Für massive staatliche Unterstützung fehlt allerdings der politische Wille. Unternehmen und Verbraucher scheinen sich an die für eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Aktivität notwendigen Veränderungen angepasst zu haben, aber wir gehen davon aus, dass es in den nächsten Quartalen immer wieder zu Lockdowns kommen wird. Dank ihrer Verzögerungstaktik könnten die USA die weltweite Erholung der Industrieländer anführen. Ein wichtiger Vorteil ist ihre abgestimmte Geld- und Fiskalpolitik, während im Euroraum alle Länder getrennt entscheiden. Hinzu kommt, dass hier jedes Land im Vorfeld der Erholung seinen Staatshaushalt in den Griff bekommen muss. Das US-Finanzministerium und die Fed können hingegen „einfach“ Geld drucken, um die Staatsschulden zu decken. Langfristig könnte dies jedoch die anhaltende Inflationsdiskussion befeuern. Nach einer beeindruckenden Erholung des Wachstums im 3. Quartal wird das US-BIP 2020 wahrscheinlich nur um knapp 4 Prozent schrumpfen. In Europa ist von einem Rückgang von fast 6 Prozent auszugehen, weil sich hier das Virus weiter ausbreitet. Auch wenn wir für die Zukunft optimistisch sind, wissen wir, dass der Weg zurück zum Wachstum nicht ohne Rückschläge verlaufen wird. Bis zur Zulassung und Verbreitung eines wirksamen Impfstoffs bleibt die Unsicherheit hoch. Für die nächsten zwei Jahre erwarten wir nach wie vor 3,5 bis 4,0 Prozent jährliches Wachstum der US-Wirtschaft, bevor es zu seinem langfristigen Potenzial zurückkehren wird. In Europa wird die Erholung dagegen länger brauchen und sich problematischer gestalten. Für 2021 werden nur 3 Prozent BIP-Wachstum prognostiziert, für 2022 etwas mehr – aber nur, wenn es keinen harten Brexit gibt. Sowohl für die USA als auch für Europa ändert ein steigendes BIP aber nichts an der Tatsache, dass die Wirtschaft noch einige Quartale unter ihrer Kapazität von vor der Pandemie bleiben wird. Für Großbritannien sind die Aussichten noch düsterer. Das liegt an der Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Brexit und der großen Bedeutung des Dienstleistungssektors, der weiterhin unter den Folgen von COVID-19 leidet. Deshalb gehen wir davon aus, dass sich die britische Wirtschaft 2021 unterdurchschnittlich entwickeln wird.

Ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen erhöht die Wahrscheinlichkeit eines negativen Szenarios

Ein starker Anstieg der Neuerkrankungen im Herbst und Winter oder Verzögerungen beim Impfstoff sprechen aus unserer Sicht für ein negatives Szenario. Dann würde das Wachstum im 4. Quartal 2020 auch ohne größere nationale Lockdowns zurückgehen. Im negativen Szenario werden die zuletzt besetzten Arbeitsplätze wieder abgebaut und der private Verbrauch geht zurück, was Einzelhandel und Unternehmen erneut unter Druck setzt. Die Zentralbanken würden zusätzliche Kreditprogramme stoppen, und die Wahrscheinlichkeit zusätzlicher staatlicher Wachstumsprogramme würde größer. Dann würden die Staatsanleiherenditen auf neue Tiefstände zurückgehen und die Kreditausfälle auf ein Niveau ähnlich dem während der internationalen Finanzkrise steigen. Der darauffolgende Abschwung würde wohl in den Industrieländern zu einer Double-Dip-Rezession führen und dazu, dass sich die Erholung länger hinzieht.

Bei niedrigeren Infektionszahlen und einer medizinischen Lösung wäre der Ausblick besser

Eine erfolgreiche Eindämmung des Virus und die Zulassung und Verbreitung eines wirksamen Impfstoffs sind die Grundlage unseres positiven Szenarios. In diesem Fall würde das Verbrauchervertrauen stark steigen, die Geschäfte und Unternehmen könnten wieder Fahrt aufnehmen und Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen. Das Wachstum bliebe im 4. Quartal stark, der Arbeitsmarkt würde sich weiter erholen, die Rohstoffpreise würden sich stabilisieren und die Kreditprobleme nachlassen. Dann wäre von einem Anstieg der Renditen lang laufender Anleihen auszugehen, auch wenn die Zentralbanken nicht so schnell von ihrer sehr expansiven Geldpolitik abrückten. Das BIP-Wachstum würde sich schneller erholen, und bis Ende 2021 hätte sich die Output-Lücke geschlossen.

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