Wenn der Wind an den Märkten so schnell dreht, sollten aktive Manager auf Qualität setzen

Autor: Seema Shah, Chief Strategist, Principal Global Investors

Die Märkte sind im Ausnahmezustand. Ein Anzeichen dafür ist, dass zum Teil die gleichen Kräfte, die vor einigen Monaten zu den heftigen Stürzen beigetragen haben, jetzt die Erholung vorantreiben. Für Anleger mag es manchmal wie eine Lotterie erscheinen, auf Märkten, auf denen die normalen Regeln nicht zu gelten scheinen, die vielversprechendsten Investments zu suchen. Und tatsächlich gibt es nur eine Handvoll von Investments, die wirklich widerstandsfähig sind.

Während des Markt-Crashs im März 2020 haben sechs Faktoren die Portfolios der Anleger erschüttert: die Entkoppelung der Vermögenspreise von der Realwirtschaft, die Verbreitung der sozialen Medien, das Risiko der „fallen angels“ auf den Märkten für Unternehmensanleihen, die wachsende Beliebtheit algorithmischer Handelsstrategien, die Abhängigkeiten globaler Lieferketten und die dominierende Gewichtung von Technologieunternehmen in Indizes.

Einige dieser Faktoren stellen weiterhin erhebliche Risiken für die Märkte dar. Da ist zum Beispiel das zunehmende Missverhältnis zwischen starken Märkten und schwachen Fundamentaldaten. Dieses Ungleichgewicht führt weiterhin dazu, dass wir ständig anfällig für einen negativen Stimmungsumschwung sind. Nach der April-Rallye ist der MSCI US Index wieder auf einem so hohen Stand, dass er seit 2003 in nur einem Prozent der Zeit noch teurer war. Das zeigt ein Blick auf die Bewertungen, wenn man Erträge, Buchwert und Dividendenrendite in einer Bewertungskennzahl zusammenfasst. Der MSCI US Growth Index war sogar noch niemals so teuer wie heute. Eine zweite Welle von Covid-19-Infektionen, die zu erneuten Lockdowns führt, könnte diesem Mini-Bullenmarkt ein jähes Ende bereiten.

Von den sozialen Medien weht weiter Gegenwind. Sie schürten in der Anfangszeit des Virus Angst und Missverständnisse und fungieren immer noch als Echokammer für Ängste, die das Vertrauen von Investoren und Haushalten erschüttern.

Die Komplexität der globalen Lieferketten wird weiterhin auf den Portfolios lasten. Obwohl China eine Vielzahl von Sperrmaßnahmen aufgehoben hat und die Unternehmen sich wieder öffnen, wirkt sich die Verschärfung des Lockdowns in anderen Teilen der Welt nun auf die globalen Lieferketten aus und zieht Chinas eigene Erholung in die Länge. Anhaltende politische Spannungen zwischen Washington und Peking könnten zu zusätzlichen Handelsbeschränkungen gegen China führen, die in zahlreichen anderen Ländern Kollateralschäden verursachen würden.

Während diese Faktoren weiter negativ wirken, haben sich drei andere Einflüsse, die im März 2020 noch den Absturz der Märkte angetrieben haben, nun ins Gegenteil verkehrt und wirken positiv.

Ein Beispiel sind die „fallen angels“: Zu Beginn der Covid-19-Krise machten Triple-B-Anleihen etwa 55 Prozent des US-Kreditmarktes mit Investment-Grade-Rating aus – gegenüber etwa 30 Prozentin den Jahrzehnten zuvor. Viele Anleger, darunter auch wir selbst, befürchteten, dass ein Marktabschwung eine Welle von Herabstufungen auslösen und eine Reihe der Unternehmen zu „fallen angels“ machen könnte. Dies könnte zu erzwungenen Verkäufen seitens bestimmter Investoren und zu mehr Unternehmen führen, die Schwierigkeiten haben, sich über Wasser zu halten.

Womit wir nicht gerechnet hatten, war die Reaktion der Zentralbanken. Die US-Notenbank hat ihr Kaufprogramm für Unternehmensanleihen auf das Doppel-B-Segment des Hochzinsmarktes ausgeweitet. Und auch die Europäische Zentralbank hat angedeutet, dass sie diesem Beispiel folgen könnte. Diese Maßnahmen haben den Markt von seiner ärgsten Bedrohung befreit und den Zufluss in High-Yield-Fonds gefördert. Es scheint angesichts der schwierigen Wirtschaftslage geradezu verrückt, dass wir nun wieder ein Marktumfeld haben, in dem Investoren verstärkt ins Risiko gehen.

Auch das systematische Investieren, das in den vergangenen zehn Jahren enorm an Popularität gewonnen hat, beschleunigte zu Beginn der Krise die Bewegungen bei den Aktien, da die Fonds gezwungen waren, schnell fallende Vermögenswerte zu verkaufen. Doch jetzt, da die Volatilität – unterstützt durch die Maßnahmen der Fed – abnimmt, erhöhen Strategien wie „Risk Parity“-Fonds, die empfindlich auf Preisschwankungen reagieren, ihre Aktienengagements und befeuern die Märkte.

Und schließlich ist da noch die Dominanz von Technologieaktien, die wir bis vor kurzem noch als systemisches Risiko für die Märkte betrachtet hatten. Die Produkte und Dienstleistungen von Technologiegiganten bilden heute eine wesentliche technische Grundlage der meisten globalen Unternehmen, so dass wir der Meinung waren, dass jedes Ereignis, das diesen Sektor trifft, schnell Schocks auf die meisten Anlageklassen übertragen könnte. Doch wie sich herausstellte, waren die systemische Bedeutung der Technologiegiganten und ihr schieres Gewicht in den Marktindizes geradezu ein rettender Anker.

Die fiskalischen Stimuli haben auch die Kurse der Technologieaktien angetrieben, und am allermeisten haben diejenigen Firmen zugelegt, die darauf ausgerichtet sind, den Geschäftsbetrieb von Unternehmen zu digitalisieren. Software-Aktien sind zwar schon geradezu himmelhoch bewertet, aber wir glauben, dass ihre bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit fortbestehen wird. Wir sind sogar überzeugt, dass die Pandemie Trends wie virtuelle Meetings und Konferenzen beschleunigen und die Abhängigkeit der Unternehmen von der Technologie noch verstärken wird. Facebook, Apple, Microsoft, Amazon, Netflix und Google machen inzwischen mehr als ein Viertel des Wertes des S&P 500 Index aus. Ihre Outperformance wird auch künftig den gesamten Index nach oben ziehen.

Wenn sich scheinbar positive Signale in kurzer Zeit ins Negative verkehren und ebenso schnell wieder ins Positive umschlagen können, brauchen Anleger eine aktive strategische Positionierung – abseits der kurzfristigen Marktbewegungen. Wir halten es für ratsam, qualitativ hochwertige, defensive Investments wie Mega-CapTech-Aktien und Investment-Grade-Anleihen im Portfolio hoch zu gewichten, mit einem starken Fokus auf die USA. Alles, was viel risikoreicher ist als das, kann ein heißer Ritt werden.

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »