Warum der Schutz der Biodiversität sowohl für Unternehmen als auch für Investorinnen und Investoren Priorität haben sollte.

Autor: Laurent Ramsey, Managing Partner und Co-Chief Executive Officer

Die Natur war schon immer unverzichtbar für die menschliche Gesundheit. Die Menschen im alten Mesopotamien nutzten Hunderte von Pflanzen wie Mohn und Myrthe, um Verletzungen und Krankheiten zu behandeln. Viele dieser naturbasierten Behandlungen gibt es auch heute noch. Es gibt Schätzungen, wonach mehr als ein Drittel der modernen Arzneimittel aus Flora und Fauna gewonnen werden, und in der Pharmaindustrie kommen sage und schreibe 70.000 verschiedene Pflanzenarten zum Einsatz.

Wenn also die Natur gedeiht, sind auch die Menschen gesünder. Leider ist jedoch das Gegenteil der Fall.

Aufgrund des durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung verursachten Rückgangs der biologischen Vielfalt verliert die Welt mittlerweile alle zwei Jahre ein möglicherweise wichtiges Arzneimittel.1

Eine Unterart der Himalaya-Eibe zum Beispiel, die zur Herstellung von Taxol, einem Chemotherapeutikum zur Krebsbehandlung, verwendet wird, steht kurz vor dem Aussterben – durch übermäßige Entnahme und Fällung für die Herstellung von Kraftstoff.2

Aber medizinische Therapien sind nur einen Bruchteil dessen, was der Mensch durch den Verlust der biologischen Vielfalt der Erde verlieren könnte.

Eine gesunde Biosphäre stellt sicher, dass die Welt ausreichend mit Nahrungsmitteln, sauberer Luft, Wasser und fruchtbarem Boden versorgt wird; sie schafft auch die Bedingungen, unter denen wichtige Prozesse wie Bestäubung, Überschwemmungsschutz und CO2-Abscheidung und -Speicherung stattfinden.

All dies ist durch den Verlust der Biodiversität in Gefahr. Es wurden bereits Versuche unternommen, das Risiko zu berechnen.

Ein Modell, das von den Vereinten Nationen entwickelt wurde, behandelt die Ressourcen des Planeten als „Naturkapital“, also als einen Vermögenswert, der wie jeder andere in der Bilanz eines Unternehmens steht. Nach diesem Modell bilden das von der Erde bereitgestellte saubere Wasser, der fruchtbare Boden und Mineralstoffe den Kapitalstock, aus dem der Mensch vier wesentliche „Ökosystemdienstleistungen“ erhält – Bereitstellung, Regulierung, Unterstützung und Kultur (siehe Abbildung).

Der wirtschaftliche Wert dieser Dienstleistungen wird auf 140 Billionen US-Dollar pro Jahr geschätzt – das sind 60 Prozent mehr als das globale BIP.3

 

Ökosystemdienstleistungen: Subvention für die Menschheit
SRC-biodiversity_update_PAM
Quelle: UN Millennium Ecosystem Assessment, Pictet Asset Management

Da der Mensch dieses Naturkapital ausbeutet und nicht im Gegenzug investiert, um seinen Wert zu erhalten, hat er bereits geschätzte 60 Prozent der weltweiten Ökosystemdienstleistungen stark beeinträchtigt.

Angesichts dieser massiven Bedrohung würde man doch meinen, dass die Umkehrung des Verlusts an biologischer Vielfalt sowohl für Unternehmen als auch für Investorinnen und Investoren Priorität hat, vor allem in der Ära des verantwortungsvollen Kapitalismus.

Hat es aber nicht.

Die globale Erwärmung und der CO2-Ausstoß sind nach wie vor die dominierenden nicht-finanziellen Themen. Während sich immer mehr Unternehmen zu Netto-Null-Emissionen verpflichten, sehen nur wenige den Erhalt natürlicher Ökosysteme als unternehmerische Verantwortung an.

Warum das so ist, ist leicht erklärt.

Biodiversität ist ein kompliziertes Thema. Anders als der Klimawandel, für dessen Erforschung es eine umfassende Infrastruktur und klar definierte Zielvorgaben gibt, ist die biologische Vielfalt ein komplexes, dynamisches System, das praktische Analysen deutlich schwerer macht. So sind beispielsweise mehr als 80 Prozent der weltweiten Spezies – und damit deren Lebensräume – von der Wissenschaft unentdeckt.4

Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen Klima und Biosphäre können die beiden Krisen jedoch nur gemeinsam bewältigt werden.

Nichts macht diese Notwendigkeit deutlicher als eine aktuelle Studie, aus der hervorgeht, dass Meeres- und Landökosysteme jährlich etwa die Hälfte der vom Menschen erzeugten CO2-Emissionen aus der Atmosphäre entfernen.

Anders ausgedrückt wird jedes Jahr die Hälfte unserer „Klimaschulden“ kostenlos von der Biosphäre getilgt – eine enorme Subvention für die Weltwirtschaft.5

„Green Accounting“ gewinnt an Bedeutung

Wie könnten Unternehmen auf das Problem des Verlusts der biologischen Vielfalt reagieren? Zunächst einmal sollten Unternehmen erkennen, dass der Verlust der Biodiversität eine Bedrohung für ihr Geschäftsergebnis darstellt. Diese Risiken können sich auf verschiedene Weise manifestieren.

Materielle Risiken sind am offensichtlichsten und unmittelbarsten. Beispielsweise könnten Abholzungen zu Überschwemmungen oder einer Verringerung des lokalen Niederschlags führen, was die Betriebs- und Versicherungskosten für verschiedene Branchen erhöht. Lebensmittelproduzenten stehen unter Umständen vor einem langfristigen Rückgang der Produktion und der Umsätze, weil es infolge intensiver Landwirtschaft keine nährstoffreichen Böden mehr gibt.

Darüber hinaus bestehen Haftungsrisiken. Dies schließt Rechts- und Reputationskosten ein, die sich aus Klagen gegen Unternehmen ergeben, denen eine Schädigung der Umwelt zur Last gelegt wird.

Es gibt bereits eine Reihe von Risikomodellen, die Unternehmen nutzen können. Die Vereinten Nationen haben beispielsweise ein Modell mit internationalen Vergleichsstatistiken und -bilanzen entwickelt, der es Investorinnen und Investoren ermöglicht, Umweltkennzahlen zu vergleichen, um fundierte Entscheidungen zu treffen – so wie sie Finanzkonten zur Beurteilung der Einnahmen- und Ausgabensituation vergleichen. Mit dem „System of Environmental Economic Accounting“ (SEEA) kann nun der Fortschritt in Richtung der Ziele für nachhaltige Entwicklung berechnet werden.6

Darüber hinaus gibt es wissenschaftliche Modelle wie das Konzept der „Planetaren Belastungsgrenzen“, anhand dessen Unternehmen ihren Beitrag zum Artenverlust pro 1 Million US-Dollar Umsatz quantifizieren können.7

Solche Modelle könnten die Grundlage für eine naturbezogene Finanzberichterstattung bilden, wie z.B. die Einbeziehung von Daten zum Biodiversitäts-Fußabdruck in die Quartalsberichte, sowie für geschäftliche Ziele zu Themen wie dem Artenschutz oder der Wiederherstellung von Lebensräumen.

Einige Unternehmen sind in dieser Hinsicht fortschrittlicher als andere. Der Luxuskonzern Kering hat eine ökologische Gewinn- und Verlustrechnung (EP&L) entwickelt, um die Auswirkungen seiner Aktivitäten auf die biologische Vielfalt und die Umwelt zu messen und zu quantifizieren. Er hat sich verpflichtet, seinen EP&L-Fußabdruck (Umweltgewinn und -verlust) in der gesamten Lieferkette bis 2025 um 40 Prozent zu reduzieren.8

Für andere Unternehmen sind Angaben zur Biodiversität gesetzlich vorgeschrieben.

In Frankreich wurden 2019 neue Vorschriften eingeführt, wonach Finanzinstitute – darunter Banken, Investoren und Versicherer – solche Informationen in ihren Geschäftsberichten veröffentlichen müssen.

Investitionen in Massnahmen zur Eindämmung des Verlusts der biologischen Vielfalt könnten erhebliche Vorteile bringen.

Die neue Netto-Null: Biosphäre und Finanzen

Die Rolle der Unternehmen bei der Eindämmung des Verlusts an biologischer Vielfalt sollte sich nicht auf Risikominderung und transparente Berichterstattung beschränken. Investitionen können auch in die Reparatur von Schäden am Ökosystem gelenkt werden.

Die Vorteile solcher Investitionen könnten erheblich sein.

Hier können Modelle wie die Kennzahl „Species Threat Abatement and Recovery“ (STAR) helfen. STAR wurde von der International Union of Conservation of Nature, einer der einflussreichsten Organisationen im Bereich der Biodiversität, entwickelt und quantifiziert den Einfluss, den die Investitionen eines Unternehmens auf die Reduzierung des Artensterbenrisikos haben können. Diese Kennzahl kann bestimmt werden, bevor Investitionen getätigt werden (ex-ante), sie kann aber auch den Einfluss von Erhaltungsmaßnahmen auf das Ausrottungsrisiko im Zeitverlauf (ex-post) für einen bestimmten Produktionsstandort, eine Landbewirtschaftungseinheit, eine Region oder ein Land messen. Investitionen in Naturkapital werden in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein.

Derzeit belaufen sich die öffentlichen und privaten Investitionen zum Schutz der biologischen Vielfalt auf geschätzte 78–91 Milliarden US-Dollar pro Jahr, etwa ein Zehntel dessen, was als notwendig erachtet wird9, und die Hälfte dessen, was die Welt für Subventionen für fossile Brennstoffe ausgibt.10

Doch das ändert sich gerade. Die politischen Entscheidungsträger werden auf dem nächsten UN-Gipfel im chinesischen Kunming – dem größten seit zehn Jahren – eine Reihe von bahnbrechenden Biodiversitätszielen für 2030 erörtern.

Die Festlegung eines neuen Netto-Null-Ziels für den Biodiversitätsverlust, an das sich Unternehmen halten sollten, könnte sich als Herkulesaufgabe erweisen. Aber genau das brauchen wir, um die Natur zu heilen und eine nachhaltige Transformation unserer Wirtschaft zu erreichen.

Aktuelle Beiträge