Die jüngste Volatilität bei Wachstumswerten hat Dividendenaktien wieder in den Fokus gerückt. Dividendenzahlende Aktien haben ihre Wachstumspendants seit Jahresbeginn um eine deutliche Marge übertroffen, da Ängste über steigende Zinssätze und Sorgen über das Tempo des Wirtschaftswachstums in den USA und in China Bedenken wegen der hohen Bewertungen vieler ehemals hochfliegender Wachstumsaktien aufkommen ließen.

Autor: Marc Nabi, Investmentdirektor bei der Capital Group

Vor dem Hintergrund steigender Anleiherenditen und einer höheren Inflation könnte sich die Marktrotation hin zu Dividendenaktien noch in der Anfangsphase befinden. In diesem Sinne könnten auch dividendenorientierte Anlagen eine wichtigere Rolle für die Gesamtrendite eines Portfolios spielen. Vor diesem Hintergrund zeichnen sich vier aufkommende Trends ab.

Quelle: Bloomberg. Daten per 15. Februar 2022 und basierend auf von Bloomberg entwickelten Stilfaktor-Strategien. Faktorbasiertes Investieren ist ein Anlageansatz, der auf spezifische Renditetreiber in verschiedenen Anlageklassen abzielt (einschließlich makroökonomischer, fundamentaler und anderer statistischer Kennzahlen für den Aufbau einer Strategie).

1. Positive Korrelation zwischen Dividendenrenditen und Anleiherenditen

In den vergangenen 30 Jahren war die Beziehung zwischen den relativen Renditen von Aktien mit hohen Dividendenrenditen und Veränderungen der Renditen von US-Staatsanleihen die meiste Zeit negativ. Diese Beziehung kehrte sich in den vergangenen zwei Jahren um, und hochrentierliche Aktien wiesen eine positive Korrelation zu Anleiherenditen auf. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird ein Zinsanstieg die Aussichten für Dividendenwerte möglicherweise nicht so stark dämpfen wie in der Vergangenheit.

Dies liegt zum Teil daran, dass die Zinssätze steigen, jedoch von einer sehr niedrigen Basis aus. Auch wenn die Fed beginnt, ihre Leitzinsen anzuheben, geht das Capital-Group-Anleihenteam davon aus, dass die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen in einem Bereich von 2 bis 3 Prozent bleiben wird, wobei eine weitere Abflachung der Renditekurve aufgrund eines Anstiegs der kurzfristigen Zinsen zu erwarten ist. Vor diesem Hintergrund bieten dividendenzahlende Aktien eine Kombination aus Erträgen und Potenzial für Kapitalzuwachs, insbesondere da die Bewertungen vieler dieser Unternehmen nach einer langen Hausse für Wachstumsaktien angemessen erscheinen.

2. Die Dividenden legen wieder zu, jedoch in einem gemäßigten Tempo

Die Experten von Capital Group erwarten einen stetigen Anstieg der weltweiten Dividenden, jedoch in einem gemäßigten Tempo. Viele Unternehmen gehen nach den Erfahrungen mit der Covid-19-Pandemie, als sie gezwungen waren, ihre Auszahlungen erheblich zu kürzen oder ganz einzustellen, bedachtsamer vor. Angesichts einer Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums möchten einige Unternehmen nun ihre Barmittel für den Fall eines unerwartet starken Abschwungs erhalten.

Einige Branchen, wie beispielsweise die Reisebranche, sind weiterhin mit einem hohen Maß an Unsicherheit konfrontiert. Boeing, einer der weltweit größten Flugzeughersteller, und der Kreuzfahrtanbieter Carnival kämpfen immer noch mit einer verhaltenen Reisetätigkeit und haben die Dividendenausschüttungen noch nicht wieder aufgenommen. Unternehmen mit Preismacht sind eher in der Lage, ihre Dividenden zu erhöhen. So hat der Haushaltswaren-Riese Procter & Gamble die Preise in einigen seiner Produktlinien bereits angehoben, um sich gegen die Inflation abzusichern.
In Europa, wo die Regierungen den Druck auf Dividendenzahlungen verringert haben, wird eine Beschleunigung der Dividendenzahlungen erwartet. Während der Pandemie hatten Regierungen und Aufsichtsbehörden einige Unternehmen dazu gedrängt, im Rahmen einer sozialen Solidaritätsbewegung keine Zahlungen zu leisten.

Capital Group, FactSet, MSCI, RIMES. Die Daten für 2022–2024 sind Schätzwerte von FactSet, Stand: 2. Februar 2022.

 

3. Stark zyklische Unternehmen verfolgen einen innovativen Ansatz mit variablen Dividenden

Einige Unternehmen, insbesondere in zyklischen Branchen, verfolgen innovative Ansätze, um ihre geschäftlichen Anforderungen und ihre Verpflichtung zur Dividendenausschüttung in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Ein Beispiel hierfür ist der Bergbausektor, der 2021 einen Boom bei den Dividendenausschüttungen erlebte. In den vergangenen Jahren sind viele große Bergbauunternehmen wie Rio Tinto und Vale von einer progressiven Dividendenpolitik zu einer Ausschüttungsquote gewechselt.

Auch Explorations- und Produktionsunternehmen (E&P) stellen ihre Dividendenstrategien um. In der Vergangenheit zahlten E&P-Unternehmen keine Dividenden aus, sondern reinvestierten diese stattdessen in das Unternehmen, um ein höheres Produktionswachstum zu erreichen. Dieses Wachstum kam jedoch in Zeiten zum Erliegen, in denen schwankende Energiepreise die Investitionsrenditen von Projekten belasteten und zu finanziellen Problemen führten. Diese Unternehmen haben begonnen, eine regelmäßige Dividende auf niedriger Basis zu initiieren und sie je nach Rohstoffpreisen und Stärke der Cashflows durch variable oder Sonderdividenden zu ergänzen.

4. Finanzwerte, Energie und Gesundheitswesen sind Bereiche mit Dividendenchancen

Finanzwerte, Energie und Gesundheitswesen machen einen beträchtlichen Teil des dividendenzahlenden Universums aus, und ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren scheint für steigende Dividenden in jedem dieser Bereiche zu sprechen.

Finanzwerte: Steigende Zinssätze dürften den zinssensibleren Banken in den USA und Europa helfen, ihre Nettozinsmargen auszuweiten, die seit vielen Jahren aufgrund der anhaltend niedrigen Zinssätze gering gehalten wurden. Dies könnte zu stärkeren Erträgen, verbesserten Dividendenströmen und höheren Bewertungsmultiplikatoren führen.

Die Banken bauen seit der großen Finanzkrise Überschusskapital in ihren Bilanzen auf, und die meisten sind nun gut mit Kapital ausgestattet, nachdem sie eine Reihe von aufsichtsrechtlichen Stresstests durchlaufen haben. Einige Banken in den USA und Europa sind nun in der Lage, Überschusskapital in Form regelmäßiger und Nachholdividenden zu verwenden, nachdem sie während der Pandemie mit aufsichtsrechtlichen Beschränkungen konfrontiert waren.

Energie: Große integrierte Ölgesellschaften sind seit langem gute Quellen konstanter Dividenden für ertragsorientierte Anleger. Sie sind zudem disziplinierter im Hinblick auf das Angebot geworden, da sie ihre Investitionen in bestehende Reserven gekürzt haben und die Erschließung neuer Ölquellen verfolgen.

Die US-Ölriesen Chevron und Exxon Mobil haben sich trotz dramatischer Schwankungen des Ölpreises im vergangenen Jahrzehnt konsequent zur Zahlung von Dividenden verpflichtet. Europäische Ölkonzerne haben ihre Dividenden auf niedrigere Ausschüttungsquoten gesenkt mit neuem Spielraum für Dividendenerhöhungen im Laufe der Zeit.

Gesundheitswesen: Unternehmen aus dem Gesundheitswesen könnten im aktuellen Inflationsumfeld eine Quelle sowohl für Ertrags- als auch für Dividendenwachstum sein. Pharmaunternehmen weisen von jeher eine relativ starke Preismacht auf. Während die Branche politischem Druck auf die Medikamentenpreise ausgesetzt war, dürften die innovativeren Pharmaunternehmen und die mit einer potenziell robusten Pipeline in der Lage sein, die Preise auf moderatem Niveau anzuheben.

Quellen: MSCI, RIMES. Stand: 31. Januar 2022.

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