Für Wirtschaft und Märkte war die Pandemie ein großer exogener Schock. In den Frontier-Märkten mit ihrer jüngeren Bevölkerung und weniger strengen Lockdowns mögen die wirtschaftlichen Folgen weniger gravierend gewesen sein, waren aber dennoch groß. Was hat sich in den Frontier-Märkten in den 18 Monaten seit Beginn der Pandemie geändert?

Autor: Holger Siebrecht, Anleihenanalyst bei der Capital Group mit Zuständigkeit für Afrika ohne Ägypten und Sri Lanka.

In vielen Ländern ließ die Pandemie das Wachstum einbrechen, und die Frontier-Märkte waren keine Ausnahme. Die wachstumsstärkeren unter ihnen waren dabei nicht so stark betroffen. Die folgende Abbildung zeigt einen fast linearen Zusammenhang zwischen dem Wachstum im Jahr 2019 und dem Wachstum im Coronajahr 2020. Die Steigung der Regressionsgeraden beträgt 1,33: Für jeden Prozentpunkt Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 fiel die Rezession 2020 gut 1,25 Prozentpunkte schwächer aus.

BIP-Wachstum vor und nach der Pandemie

Quelle: IWF, World Economic Outlook, Oktober 2021

Viele wachstumsstarke Länder, aber nicht alle, sind einer starken Rezession entgangen. Wie lange wird es dauern, bis der Einbruch überwunden ist? Wenn man das BIP im Jahr 2019 auf 100 normiert, zeigt sich Folgendes:

„Länder mit strukturellen Problemen“ wie Ecuador, Tunesien und Sambia erlebten 2020 eine heftige Rezession. Vermutlich wird das BIP hier erst nach 2024 wieder so hoch sein wie vor der Pandemie.

Zu den „Emerging Markets von morgen“ zählen höher entwickelte, stärker diversifizierte und reichere Länder wie Nigeria, Kamerun, Gabun, Angola und Sri Lanka, die aber zugleich weniger stark wachsen. Die Länder dieser Gruppe dürften allerdings stärker wachsen, wenn sich die Wirtschaft erholt und der Tourismus wieder in Gang kommt. Ein BIP wie vor Corona dürfte aber nicht vor 2022 oder 2023 erreicht werden.

Schließlich gibt es noch die „Wachstumsmotoren“. Diese meist afrikanischen Länder haben sich so entwickelt, wie wir es vor zehn Jahren erwartet haben. Wegen ihres hohen strukturellen Wachstums erholen sie sich schnell, und nicht selten sind sie sogar einer Rezession gänzlich entgangen. Hierzu zählen Frontier-Märkte wie Benin und Äthiopien, aber auch diversifiziertere reichere Länder wie der Senegal, die Elfenbeinküste, Kenia und Ghana.

Jahre bis zur Erholung des BIP auf das Niveau vor der Pandemie

Stand Oktober 2021. Quelle: IWF, World Economic Outlook

Fiskalpolitik während der Pandemie

Ein anderes, naheliegendes Analysekriterium ist die fiskalpolitische Antwort auf die Pandemie. Reichere, höher entwickelte Länder hatten meist strengere Lockdowns verhängt und mehr Coronahilfen ausgeschüttet als ärmere. Die Steuereinnahmen gingen zurück, während die Staatsausgaben stiegen, sodass die Haushaltsdefizite anschwollen.

Von dieser Regel gibt es aber einige interessante Ausnahmen. In Mosambik, Sambia und Ghana war die Fiskalpolitik äußerst antizyklisch, während sich Angola und Gabun um besonders niedrige Defizite bemühten – mehr, als man es von Ländern ihrer Einkommensklasse in Krisenzeiten erwarten konnte.

Außenbilanzen

Durch die hohen Rohstoffpreise haben sich die Terms of Trade vieler rohstoffexportierender Frontier-Märkte verbessert. Nach dem ersten Rohstoffpreisschock hat die Preiserholung die Außenbilanzen vieler Frontier-Märkte gestärkt. So war zum Beispiel die ghanaische Außenbilanz 2020 deutlich besser, als die Fundamentaldaten nahelegten, auch aufgrund von Goldexporten, Überweisungen von Arbeitsmigranten und niedrigerer Importe.

Die Pandemie hat aber auch über den Tourismus Auswirkungen auf die Außenbilanzen gehabt. 2021 dürfte für die Tourismusbranche ein besseres Jahr werden als 2020, aber noch immer leidet der Sektor stark unter Corona. Die OECD schätzt, dass der weltweite Tourismus 2020 um etwa 80 Prozent abgenommen hat. Einige Länder benötigen Touristen für das Wirtschaftswachstum (zum Beispiel Marokko), andere lediglich für ihre Zahlungsbilanz (beispielsweise Äthiopien).

Bewertungen

Folgende Abbildung zeigt, wie sich die Spreads gegenüber der Zeit vor Corona (Ende Februar 2020) bis zum September 2021 entwickelt haben. In manchen Ländern kam es hier zu großen Änderungen. Beispielhaft Beispielsweise sind die Spreads von Sri Lanka nach der Pandemie stark gestiegen, weil die Verschuldung des Landes auf Dauer nicht nachhaltig ist, das Land stark vom Tourismus abhängt und die unorthodoxe Wirtschaftspolitik wohl kaum funktionieren dürfte. In Äthiopien zum Beispiel ist die Schuldenstandsquote während der Pandemie sogar gefallen, aber die Spreads weiteten sich trotzdem stark aus – erst, weil sich das Land um eine Schuldenstundung bei den G20 bemühte, und dann, weil der Bürgerkrieg in der Region Tigray immer weiter eskalierte.

Neuverschuldung und Spreads ggü. der Zeit vor der Pandemie

Die Ergebnisse der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse.
Quellen: IWF, World Economic Outlook, Oktober 2021, Bloomberg

Fazit

Zweifellos hat die Pandemie große Auswirkungen auf die Frontier-Märkte, wie auf andere Länder auch. In Ländern, die vor Corona schneller wuchsen, schrumpfte die Wirtschaft in der Regel weniger stark als in den schon vor der Pandemie wachstumsschwächeren Ländern. Unterdessen haben Länder mit hohen Defiziten und Staatsschulden noch mehr Schulden gemacht, während niedriger verschuldete Länder weniger neue Schulden aufnahmen. Die Außenbilanzen vieler rohstoffexportierender Frontier-Märkte haben von den hohen Rohstoffpreisen profitiert, während vom Tourismus abhängige Länder naturgemäß gelitten haben.

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