Seit Covid-19 die Märkte vor über einem Jahr einbrechen ließ, hatten es dividendenstarke Aktien nicht leicht. Doch trotz aller schlechten Nachrichten über Kürzungen und Aussetzungen blieben die Dividenden der Emerging-Markets-Unternehmen in der Pandemie recht stabil. Entscheidend sind dabei gute Finanzen und Fortschritte in der Corporate Governance.

Autorin: Valeria Vine, Investmentdirektorin bei der Capital Group

Die Gesamtzahlen sind enttäuschend: Weltweit gingen die Dividenden 2020 um 12,1 Prozent zurück, da Corona viele Länder in einen längeren Lockdown zwang. Die unfreiwillige Untätigkeit trieb viele Unternehmen dazu, Barmittel zu horten, so dass sie ihre Dividenden kürzten oder aussetzten. Weltweit hat eines von fünf Unternehmen seine Dividenden gesenkt, und eines von acht hat sie 2020 ganz ausfallen lassen.

Etwas anders sieht es aus, wenn man nach Regionen differenziert. Zwar ging Corona an keinem Land spurlos vorüber, doch waren die Auswirkungen auf die Dividenden sehr verschieden. Britische Unternehmen haben ihre Dividenden 2020 um enorme 40 Prozent gekürzt. Auch in Kontinentaleuropa wurden sie drastisch gesenkt, um 31,9 Prozent. Ganz anders war es in Nordamerika (+2,5 Prozent) und Japan (5,6 Prozent). Tatsächlich war Nordamerika die einzige Region, wo die Dividenden 2020 im Schnitt angehoben wurden.

Stabilität in den Emerging Markets trotz Volatilität

Eine der wichtigsten Entwicklungen in der Coronakrise war die expansive Geldpolitik zur Stützung der Konjunktur. „Lower for longer“ war die Devise, und die niedrigen Zinsen bestimmten das Marktklima maßgeblich. Investoren, die auf laufende Erträge angewiesen sind, prüften zunehmend Alternativen zu Anleihen und interessierten sich immer mehr für dividendenstarke Aktien.

Zudem war Diversifizierung eine wichtige Lehre aus dem Jahr 2020: In klassischen Anlageregionen wie Kontinentaleuropa und Großbritannien sind die Dividenden 2020 eingebrochen. Wesentlich stabiler waren die Ausschüttungen in den Emerging Markets, wo das Minus nur 8,8 Prozent betrug.

Dies lag vor allem daran, dass Nordasien, das etwa 65 Prozent des MSCI EM Index ausmacht, Corona wesentlich schneller hinter sich gelassen hat als andere Regionen. In China waren Wirtschaft und Industrieproduktion schon vor über einem Jahr fast wieder so hoch wie vor der Pandemie. Nach offiziellen Regierungsangaben arbeiteten am 15. April 2020, also nur gut einen Monat nach dem Covid-19-Ausbruch in Europa und Nordamerika, bereits wieder 84 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen und sogar 99 Prozent der großen Industrieunternehmen.

Stabil waren die Dividenden in den Emerging Markets auch durch die solide finanzielle Situation vieler großer Unternehmen. Aufgrund der stärkeren Konjunkturschwankungen sowie der sozialen und politischen Unsicherheit an ihren Heimatmärkten legen Emerging-Markets-Unternehmen Wert auf hohe Barmittelquoten. Ihre konservativere Liquiditätspolitik hat ihnen geholfen, als Corona für Volatilität sorgte.

Positiver Ausblick

Der langfristige Dividendenausblick scheint gut, auch wegen der recht niedrigen Ausschüttungsquoten (siehe erste Grafik), die jetzt umso stärker steigen können. Zweifellos wurden Dividenden für die Unternehmen selbstverständlicher, vor allem in den vergangenen fünf Jahren. Der durchschnittliche Anstieg war deutlich größer als in den USA, Europa sowie weltweit (siehe zweite Grafik).

 

Dividendenquoten

Die Ausschüttungsquote ist der Quotient aus Dividenden und Nettoertrag. Quellen: Capital Group, FactSet

Dividendenwachstum über fünf Jahre (Ausschüttungsquoten)

Angaben in der rechten Grafik für die Jahre 2016 bis2020. Quellen: Capital Group, FactSet

Und doch lässt sich das Potenzial der Emerging Markets nur unzureichend erfassen, wenn man sich ausschließlich die Indizes ansieht. Beliebte Benchmarks wie der MSCI EM Index können internationalen Investoren zwar einen groben Eindruck von den Marktchancen geben, zeigen aber nicht das ganze Bild. Schließlich sind gemessen an der Marktkapitalisierung etwa 23 Prozent des Index Staatsunternehmen (SOEs). Sie sind meist in konjunktursensitiveren Branchen wie Öl und Gas, Industrie und Grundstoffe tätig.

Die meisten sehr erfolgreichen Unternehmen der letzten Jahre befinden sich aber in Privatbesitz. Tätig sind sie in Branchen, die von der attraktiven Demografie der Region profitieren, von einer jungen und aktiven Bevölkerung und einer schnell wachsenden Mittelschicht.

Ein anderes Problem der Staatsunternehmen ist, dass ihre Interessen nicht unbedingt mit denen der Aktionäre übereinstimmen, vor allem mit denen der Minderheitsaktionäre. Wenn dann noch eine gewisse Passivität der inländischen Anleger hinzukommt und sich der Einfluss der unabhängigen Board-Mitglieder und der Aufsichtsräte in Grenzen hält, kann dies mit zusätzlichen Risiken für ausländische Minderheitsaktionäre einhergehen.

Besonders bei strategischen Entscheidungen und der Investitionspolitik kann es den Investoren sehr schaden, wenn sie sich kein Gehör verschaffen können. Manche Staatsunternehmen unterliegen auch politischem Einfluss, und oft werden die Interessen der Minderheitsaktionäre nicht ernst genommen. Es existiert ein großer Unterschied der Dividenden von Staatsunternehmen und anderen Unternehmen in den Emerging Markets.

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