Melanie Kümmel, Head of Asset Management und Vorstandsvorsitzende des TK Pensionsfonds, hat die Kapitalanlage für die bAV der Techniker Krankenkasse aus einem zu engen Korsett der Kapitalanlage befreit. Guido Birkner erklärt sie, was sie mit dem neuen Vehikel vorhat.

Als erster Sozialversicherungsträger in Deutschland hat die Techniker Krankenkasse (TK) im Januar 2020 einen unternehmenseigenen Pensionsfonds an den Start gebracht. „Wir sind mit diesem Vehikel unter den Einrichtungen der Sozialversicherungen bislang offensichtlich allein unterwegs“, sagt Melanie Kümmel. Die ausgebildete Bankkauffrau leitet seit 1999 die Finanzanlagen der Krankenkasse mit Sitz in Hamburg. Zudem gehört sie seit 2006 dem Vorstand des TK-Treuhand e. V. an, eines CTA, in den die Krankenkasse das Rückstellungsvermögen für ihre aktuell 14.000 Beschäftigte und 2.500 Betriebsrentner 14 Jahre lang ausgelagert hat. Seit Januar 2020 ist mit dem Vorstandsvorsitz in der TK Pensionsfonds AG eine weitere Funktion für Melanie Kümmel hinzugekommen. Die TK ist mit rund 10,6 Millionen Versicherten eine der größten Krankenkassen in Deutschland.

Vor ihrem Einstieg bei der TK 1999 war Melanie Kümmel sechs Jahre lang für die Commerzbank im Investmentbanking tätig gewesen. „Ich habe institutionelle Kunden im Fixed-Income-Bereich betreut, ehe ich die Seiten gewechselt habe und zur TK gegangen bin.“ Bei der Krankenkasse stand zunächst Aufbauarbeit an: das Anlageportfolio entwickeln, Prozesse strukturieren, eine Bankenstrategie für die Kapitalanlage ausarbeiten. Damals lief die betriebliche Altersversorgung der TK noch über die VBL ab, die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder für den öffentlichen Dienst. Doch die Entscheider der Krankenkasse hatten eigene Pläne für die bAV. 2000 stieg die TK bei der VBL aus und bot den Beschäftigten eine eigene Direktzusage an. Das lief sechs Jahre lang so, ehe die Krankenkasse 2007 das Rückstellungsvermögen in den Treuhandverein auslagerte.

CTA mit beschränkter Anlagefreiheit

Alles gut, sollte man meinen, denn ein ermöglicht rechtlich freie Hand in der Kapitalanlage. Jedoch: „Die Techniker Krankenkasse ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts“, erklärt Melanie Kümmel. „Unser Handlungsspielraum in der Kapitalanlage ist beim CTA stark eingeschränkt, denn das – natürlich an sich sehr sinnvolle – Sozialgesetzbuch gibt als Anlagerahmen enge Grenzen vor.“ Zwar wollte die TK mit Blick auf einen langfristigen Anlagehorizont für ihre Rückstellungen in den Anlageklassen breiter diversifizieren. Gerade in der fortdauernden Niedrigzinsphase wurde der Bewegungsfreiraum zu eng, den das Sozialgesetzbuch (SGB) Versorgungseinrichtungen beim Durchführungsweg Direktzusage einräumt. 80 Prozent des Anlagevermögens muss in Fixed Income investiert werden, nur 20 Prozent dürfen in Assets wie Aktien fließen, die zudem aus dem europäischen Wirtschaftsraum kommen müssen.

Je länger der Niedrigzins bestand, desto größer wurde aus Sicht von Melanie Kümmel der Handlungsdruck. „Wir waren beim Deckungskapital wie auch die anderen Sozialversicherungsträger sehr streng reglementiert.“ Deshalb fasste die Krankenkasse den Entschluss, die restriktiven Anlagevorschriften des SGB zu verlassen und sich Zugang zu einer breiteren Anlagewelt zu verschaffen. Offene Gespräche mit dem TK-Vorstand, den Tarifpartnern und der Aufsicht brachten schließlich grünes Licht für die Suche nach einem alternativen Durchführungsweg. 2018 fiel die Entscheidung für den Pensionsfonds. Es folgten eineinhalb Jahre intensive Projektarbeit und Vorbereitung sowie Aufbau der Strukturen, die ein Pensionsfonds erfordert.

„Seit Januar dieses Jahres legen wir das Rückstellungsvermögen für die Pensionen unserer Rentner und für den Past Service unserer Anwärter im neuen Pensionsfonds an, nicht mehr in der Treuhandlösung“, erklärt Melanie Kümmel. Doch das CTA ist weiterhin aktiv: „Das Vermögen für den Future Service unserer Mitarbeiter wird aus steuerlichen Gründen im Treuhandvehikel verbleiben.“ Da die Zahl der Beitragszahler die der Leistungsempfänger bei der TK deutlich übersteigt, sieht die Vorstandsvorsitzende das Vehikel als einen Anwärter-Pensionsfonds. „Das eröffnet uns zugleich einen größeren Handlungsspielraum in der Kapitalanlage.“

Neue Möglichkeiten, neue Erfahrungen

Heute steht Melanie Kümmel und ihrem Team die Welt der Kapitalanlage offen. „Wir können global anlegen und auf diverse Anlageklassen zurückgreifen.“ Trotz der neuen Möglichkeiten bei der Diversifikation der Kapitalanlage agiert Melanie Kümmel vorsichtig. „Wir stehen in dieser Phase noch am Anfang und müssen Erfahrungen sammeln, vor allem in neuen Asset-Klassen.“ Zunächst investiert die TK vor allem in liquide Märkte, während illiquide Anlageklassen sukzessive aufgebaut werden sollen. „Zurzeit ist der Markt auch durch die Auswirkungen des Coronavirus sehr angespannt.“

Einer der ersten Schritte für die Macher des neuen TK Pensionsfonds war die Erarbeitung einer strategischen Asset Allocation (SAA) auf der Basis einer Asset-Liability-Studie mit externer Hilfe. Jetzt wollen Melanie Kümmel und ihr Team die Allokation und die weitere Diversifikation des Portfolios vorantreiben. Dabei werden strategische und taktische Investments in liquiden Anlagen vorläufig im Fokus stehen. „Wir investieren unser Geld auf Sicht. Für illiquide Investments werden wir ohnehin Abruflaufzeiten von zwölf, 18 und 24 Monaten haben.“ Auf Basis der SAA wird auch immer wieder taktisch in die Märkte investiert.

Die TK startet an den globalen Finanzmärkten in einer spannenden Zeit. Die Krankenkasse muss zunächst austarieren, wie und wann sie in die verschiedenen Asset-Klassen einsteigt und ob die Zeitplanung passt. Schließlich muss und darf sie jetzt das übertragene Vermögen aus dem CTA neu investieren. „Wir beschäftigen uns derzeit damit, wie wir entsprechend den Grundsätzen unserer Anlagestrategie in die Zielallokation hineinkommen“, so Melanie Kümmel. „Wir schauen, wie wir uns anderen Produkten annähern können und in welcher Frist das geschehen soll.“ Erst dann möchte die TK entscheiden, in welche Märkte sie reingeht. „Wir sind hier keinem externen Druck ausgesetzt“, betont Melanie Kümmel.

Die BaFin und die Regulierung

Mit dem neuen Pensionsfonds ist die TK auch mit neuen Regulierungsvorschriften konfrontiert. Die BaFin beaufsichtigt die deutschen Pensionsfonds und entscheidet über deren Zulassung im Rahmen des Versicherungsaufsichtsgesetzes (VAG). Gemäß Paragraf 236 Absatz 4 VAG ist für den Geschäftsbetrieb von Pensionsfonds die Erlaubnis der BaFin erforderlich. „Natürlich mussten wir uns zunächst mit diesen regulatorischen Anorderungen auseinandersetzen.“

Auch Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle, denn ESG-Kriterien berücksichtigt die TK in der Kapitalanlage schon seit langem, auch im CTA. „Vielen Indizes, an denen wir uns orientieren, liegen Nachhaltigkeitskriterien zugrunde“, sagt Melanie Kümmel. „Wir sind jetzt mit neuen Berichtspflichten konfrontiert und müssen schauen, wie wir was am sinnvollsten implementieren können.“

Mit dem Abschied der TK von den SGB-Vorschriften hat sich auch für die zuständige Aufsicht, das Bundesamt für Soziale Sicherung, und für die beteiligten Ministerien vieles verändert. Der Pensionsfonds ist für alle Beteiligten in der Techniker Krankenkasse und in ihrem Umfeld ein neues, herausforderndes Thema, das sie mit Blick über die Covid-19-Krise hinaus mit vielen Chancen verbinden.

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