Am 10. Schweizer Leadership Pensions Forum der Financial Times in Zürich kamen die Themen zur Sprache, die Pensionskassenverantwortliche, Wissenschaft und Politik nach der gescheiterten Altersreform bewegen.

Provokation ist ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein Anschauungsbeispiel dafür lieferte Reiner Eichenberger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Freiburg, in seiner Keynote-Rede zur Eröffnung des 10. Schweizer Leadership Pensions Forum im Zürcher Park Hyatt-Hotel. „Sind Politiker im Saal?“, fragte er in die Runde der gut 100 Versammlungsteilnehmer. Niemand hob die Hand. „Typisch, wo es um echte Problemlösungen geht, fehlen die Politiker“, merkte Eichenberger an. Die Politiker kamen dann noch, aber nach seinem Referat.

Dabei ist der Ansatz des Ökonomie-Professors zum „Wie weiter“ nach der gescheiterten Altersreform – die Schweizer Stimmbürger haben die Vorlage der Regierung dazu Ende September bekanntlich abgelehnt – bedenkenswert: Die Alterung sei primär mal keine Last, sondern unser Glück, weil die meisten Menschen gesund und konsumfreudig alterten. Wegen des fixen Rentenalters könne man zwar mehr konsumieren, aber nicht entsprechend mehr produzieren.

Diese Produktionslücke will er nicht mit einer allgemeinen Erhöhung des Rentenalters schließen, sondern durch wirksame Anreize, freiwillig länger zu arbeiten: Eichenberger schlägt einen Rentenaufschub mit Beitragsrabatt vor. Wer sich beispielsweise entscheidet, bis 67 weiter zu arbeiten, dem werden von 55 bis 67 die Arbeitnehmerbeiträge für die Vorsorge erlassen. Damit steigt der Nettolohn um gut 10 Prozent an.

Aus steuerlichen Gründen ist es heute in der Schweiz unattraktiv zu arbeiten, weil das Arbeitseinkommen voll zur Rente addiert wird und die Progression erhöht. Würde nun Steuern und Abgaben nach 67 stark gesenkt –  idealerweise halbiert -, gäbe es den wirksamen Anreiz noch länger zu arbeiten.

Das Modell rechne sich trotzdem für den Fiskus, weil so viele Alte freiwillig bis 67 und darüber hinaus arbeiten würden, wodurch auch ihr steuerbares Einkommen steige, so Eichenberger. Er hat hochgerechnet, wenn beispielsweise 20 Prozent bis 68 arbeiten, würden die Einnahmen aus den Einkommens-und Mehrwertsteuern um rund eine Milliarde Franken pro Jahr zunehmen, die man gezielt in die Altersvorsorge lenken könnte.

Politik rechtfertigt sich

Im Politiker-Panel vor dem Mittagslunch kam dann die Forderung aus dem Publikum, nun auch solche Ansätze weiter zu verfolgen. Was bei Barbara Schmid-Federer, Nationalrätin CVP, einen tiefen Seufzer auslöste: „Ich kann Ihnen versichern, wir haben bei der leider gescheiterten Altersreform 2020 auch viele Meinungen aus der Wissenschaft berücksichtigt“. Die Politiker-Schelte des Professors kommentierte Sebastian Frehner, Nationalrat SVP, spitz: „Während wir hier gratis sitzen, kassiert er ein respektables Honorar und muss sich um die Realisierbarkeit seiner Ideen nicht kümmern“.

Wie es nach der Ablehnung der Altersreform weiter gehen soll, darüber waren sich die vier Panelteilnehmer uneins. Während Regina Sauter, Nationalrätin FDP, und Sebastian Frehner auf einen raschen parlamentarischen Konsens drängten, traten Hans Stöckli, Ständerat SP, und Barbara Schmid-Federer eher auf die Bremse. Um eine mehrheitsfähiges Reform vorzubereiten, brauche es Jahre. Schmid-Federer sieht einen Zeitrahmen von vier bis fünf Jahren. Und weil der Handlungsbedarf in der staatlichen Vorsorge AHV größer sei, müsse die zweite Säule wohl hinten anstehen. Das gab viel Gesprächsstoff beim Lunch.

Diversifikation reicht nicht

Zuvor hatte sich das erste Panel mit der Diversifikation von Pensionskassen-Portfolios auseinandergesetzt, wobei Mirjam Staub-Bisang, Stiftungsratspräsidentin der Sammelstiftung Profond und Peter Signer, Bereichsleiter Anlagen bei der Sammelstiftung Nest, ihre jeweilige Asset Allokation präsentierten und die Herausforderungen im Niedrigzinsumfeld beschrieben. Profond setzt dabei fast ausschliesslich auf Sachwerte, während Nest mit einer Satelite-Strategie auch Renditequellen bei den Bonds sucht. Für Nest ist die Ausrichtung nach ESG-Kriterien ein zusätzlicher Punkt, der die Diversifikation je nach Asset-Klasse anspruchsvoll macht.

Mit Philip Meier, Portfoliomanager Emerging Markets bei Legal&General Investment Management (LGIM), saß ein Vertreter für Bond-Anlagen in den Emerging Markets im Panel. Gerade hier sei die Diversifikation ein großes Thema und Meier betonte – wenig überraschend – die Chancen für institutionelle Investoren. Nüchtern war die Analyse von Heinrich Flückiger, Senior Consultant bei Prevanto. Ausgehend von der durchschnittlichen Asset Allokation der Pensionskassen sei das Renditepotenzial geringer als die Verpflichtungen daher brauche es auch Anpassungen auf der Passivseite – sprich tiefere Umwandlungssätze und auch tiefere technische Zinsen. Der Stillstand bei den Reformen der Altersvorsorge ist da keine gute Nachricht für die Pensionskassen.

Inhaltlich ergänzten die beiden Präsentationen das Asset-Management-Panel. Jeanette Leuch, Partnerin von Invalue, referierte über „Diversifikation und Performance verschiedener Asset Klassen – perspektivisch und in der Historie“, während Beat Zaugg, geschäftsführender Partner von Inrate, sein „ESG Impact Rating aus Portfolio Sicht“ präsentierte. Demnach hat jedes Investment eine ökologische und soziale Wirkung. Hier werde die Verantwortung der Pensionskassen vermehrt eingefordert.

Stiftungsräte im Clinch

Brauchen Stiftungsräte eine dickere Haut? Dies war das Thema des Nachmittag-Panels. Weniger eine dickere Haut aber viel Fachkompetenz und Dialogbereitschaft mit den Destinatären – darüber waren sich die vier Panel-Teilnehmer Hanspeter Konrad, Direktor ASIP, Urs Eicher, Direktor von PK-Netz, Ueli Mettler, Partner von c-alm und Sergio Bortolin, Geschäftsführer der Sammelstiftung ASGA rasch einig. Weil sich am zu hohen Umwandlungssatz für den obligatorischen Teil der beruflichen Vorsorge wohl noch Jahre lang nichts ändert, komme es zu einer systemfremden Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern und von den Besserverdienern zu den minimal Versicherten, legte Bortolin dar. Diese unbequemen Wahrheiten müssen Stiftungsräte vermitteln.

Um die Funktion attraktiver zu machen, brauche es eine angemessene Entschädigung und eine fundierte Ausbildung, forderte Ueli Mettler. Auch hier stimmten alle zu. Sind Stiftungsräte gut ausgebildet, hängen sie auch weniger am Gängelband ihrer Experten. Zurzeit wird um den „richtigen“ Technischen Zins gerungen, der für die Passivseite einer Kasse die Messlatte ist. Zu vorsichtige Annahmen machen die berufliche Vorsorge wenig attraktiv, zu optimistische Grundlagen erhöhen die Risiken. „Stiftungsräte müssen den Mut zur eigenen Meinung haben; sie tragen auch die Verantwortung“, erklärte Urs Eicher.

Die zweite Säule schrumpfen?

Den Schlusspunkt setzte der Publizist und Autor Werner Vontobel. Seine These: Das richtige Rentensystem gebe es nicht, sondern bloß dasjenige, das am besten zur aktuellen Verfassung der jeweiligen Volkswirtschaft passe. Die rund 1000 Milliarden Franken im Topf der Schweizer Pensionskassen bezeichnet er als Fehl-Allokation: „Sie bringt die Kaufkraft nämlich überwiegend dahin, wo sie nicht gebraucht wird. Während die Renten der ersten Säule AHV in etwa gleichmäßig auf alle Einkommenskategorien verteilt sind, fallen fast 50 Prozent der Pensionskassenrenten bei den reichsten 20 und gut 70 Prozent bei den reichsten 40 Prozent der Rentnerhaushalte an“.

Vontobel war sich bewusst, dass er damit die Mehrheit seiner Zuhörer provozierte. Vor allem, weil er „angesichts des Sparüberhangs mehr Umlage- und viel weniger Kapitalbildung“ forderte. Er will die staatliche AHV deutlich ausbauen und im Gegenzug die obligatorische berufliche Vorsorge und die steuerlichen Anreize für das Pensionskassen-Sparen abschaffen oder stark reduzieren.

Auf jeden Fall lieferte Vontobel damit Stoff für den abschließenden Apero. Die schwere Kost wurde dabei versüßt durch eine Jubiläumstorte zum 10-jährigen Jubiläum des Schweizer Leadership Pensions Forum.

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