Der bisher veranschlagte Termin für die Einführung von Solvency II wurde pünktlich zur kalten Jahreszeit auf Eis gelegt. War die verbindliche Anwendung der Solvenzregeln auf europäische Versicherungsunternehmen bisher für den 1. Januar 2014 geplant, rangieren die aktuellen Einschätzungen für einen neuen Stichtag von 2015 bis 2020. In jedem Fall jedoch ist die Verschiebung der Einführung von Solvency II sehr problematisch und peinlich für die Europäische Versicherungsaufsicht Eiopa wie auch die Europäische Union als Ganzes.

Solvency II hatte gegen viele Widerstände, gerade auch aus den USA, die Chance, eine „Blaupause“ für eine weltweite Versicherungsaufsicht zu werden. Wenn nun aber die Einführung auf die lange Bank geschoben wird, verspielt die Europäische Union diese Chance, Regulierungsstandards weltweit setzen zu können. In der Tat sind ja bereits Länder wie China und Südafrika dabei, Kernelemente von Solvency II zu adaptieren und nun eventuell sogar früher einzuführen als die Europäische Union. Auch innerhalb der Europäischen Union führt die Verschiebung von Solvency II zu einem Glaubwürdigkeitsproblem. Nach all den Verschiebungen der Solvency-II-Einführung, die es in den vergangenen Jahren gab, fragen sich nun viele, wie glaubwürdig neue Terminnennungen sind. Insofern verspürt man im Lichte der insgesamt in die Milliarden Euro gehenden Kosten der Beschäftigung mit Solvency II eine gewisse Frustration bei allen Beteiligten, Versicherungsunternehmen wie Aufsichtsbehörden.

Warum also hat EU-Kommissar Michel Barnier eine weitere Verschiebung von Solvency II vorgeschlagen, wenn sie doch derartige unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt? Der Hauptgrund liegt in der Handhabung von Lebensversicherungsprodukten mit langfristigen Garantien, die ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge sind. Der Wert dieser künftigen Verpflichtungen schwankt im Zeitablauf als Konsequenz von Veränderungen der Zinsstruktur, wie die 5. Quantitative Auswirkungsstudie (QIS 5) gezeigt hat. Die Schwankungen der Werte der Versicherungsverpflichtungen wiederum führen zu Schwankungen des Eigenkapitals, wenn kein ausgereiftes Asset Liability Management vorhanden ist. Da in der Vergangenheit Zinsgarantien mit sehr langen Laufzeiten herausgegeben wurden und für diese keine kongruente Bedeckung durch entsprechend lang laufende festverzinsliche Wertpapiere vorgenommen werden konnte, sind diese Schwankungen im Eigenkapital nicht weiter verwunderlich. Neben den Schwankungen der Zinsstruktur liegt das Hauptproblem zurzeit in dem vorherrschenden extrem niedrigen Zinsniveau, das zu den beobachteten hohen Werten der versicherungstechnischen Verpflichtungen führt. Abbildung 1 illustriert den langfristigen Abwärtstrend der Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen.

Wie man Pressemeldungen entnehmen kann, zeigen die Ergebnisse der 6. Quantitativen Auswirkungsstudie, die vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft 2012 in Auftrag gegeben wurde, dass viele deutsche Lebensversicherungsunternehmen Probleme bekämen, die Eigenmittelanforderungen unter Solvency II zu erfüllen. Abbildung 2 illustriert die Entwicklung der Nettoverzinsung der Kapitalanlagen von deutschen Lebensversicherungsunternehmen, verglichen mit der Garantieverzinsung, die in den jeweiligen Jahren angeboten wurde. Aktuell liegt der Durchschnitt der Garantieverzinsung in Lebensversicherungsunternehmen bei etwa 3,4 Prozent.

Um den substanziellen Problemen zu begegnen, die durch langfristige Garantien entstehen, sollen im Solvency-II-Regelwerk zwei Instrumente verankert werden: ein sogenanntes Matching Adjustment sowie eine antizyklische Prämie. Feste Verpflichtungen im Versicherungsgeschäft können sinnvollerweise mit weniger liquiden Kapitalanlagen bedeckt werden. Insofern können zur Bewertung derartiger Verpflichtungen weniger liquide Kapitalanlagen, die einen höheren Zins aufweisen, herangezogen werden. Dieser Zinsaufschlag (Matching Adjustment) führt zu geringeren Werten der Verpflichtungen und erhöht damit die Eigenmittel – eine ökonomisch sinnvolle Vorgehensweise.

Die antizyklische Prämie soll dazu dienen, in Krisenzeiten eine Erleichterung für Versicherungsunternehmen zu schaffen, die allerdings durch eine Abweichung von der marktkonsistenten Bewertung teuer
erkauft wird. Die antizyklische Prämie wird auf die Zinssätze addiert, die für die Bewertung der Versicherungsverpflichtungen Anwendung finden, und reduziert so deren Wert. Damit steigt wiederum der Wert der Eigenmittel in der Solvenzbilanz, die Solvenzsituation sieht vermeintlich besser aus.

Matching Adjustment und antizyklische Prämie sind als Lösung des Problems der Bewertung von langfristigen Garantien differenziert zu beurteilen: Der Ansatz des Matching Adjustment, also höhere Zinsen zur Diskontierung zu nutzen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, ist grundsätzlich richtig. Die antizyklische Prämie hingegen weicht vom zentralen Grundsatz der marktkonsistenten Bewertung ab. Letztlich wird also nur die Abbildung der Risiken verändert, doch auf der realwirtschaftlichen Ebene, die Solvenzsituation betreffend, ändert sich dadurch nichts. Insofern ist die antizyklische Prämie geeignet, zum Beispiel in vorübergehenden Niedrigzinsphasen die Eigenmittelanforderungen zu entlasten. Das Problem liegt nur darin, dass man nicht weiß, wie lange eine Niedrigzinsphase andauern wird, und dass man bei sehr lange währenden niedrigen Zinsen durch den Blick auf „Buchwerte“ wertvolle Zeit verliert, realwirtschaftlich gegenzusteuern. Das Gegensteuern beinhaltet insbesondere die vermehrte Investition in langfristige Anleihen, um die langfristigen Garantien zu bedecken, was in der Folge auch das Angebot an derartigen Anlagemöglichkeiten erhöhen würde.

Ein weiteres Problem der antizyklischen Prämie ergibt sich daraus, dass Eiopa die Instanz wäre, die die Kriterien für eine Krise definiert und somit in Abhängigkeit der wirtschaftlichen Lage eine Erhöhung des Diskontierungszinssatzes für Verbindlichkeiten bestimmt. Damit könnte die Behörde erheblichem Druck aus zwei Lagern ausgesetzt werden: Zum einen könnte die Politik versuchen, das offizielle Ausrufen einer Krise zu verhindern, um Panikreaktionen vorzubeugen. Zum anderen profitieren Versicherungsunternehmen kurzfristig vom Zinsaufschlag in der Krise und würden gegebenenfalls versuchen, diesen Aufschlag zu erwirken beziehungsweise dessen Rückführung zu verzögern.

Der gegenwärtige Lösungsansatz in Form einer antizyklischen Prämie birgt also eine Vielzahl von Problemen, die es vor einer Einführung von Solvency II zu beheben gilt. Eine Alternative zur antizyklischen Prämie sind antizyklische Eigenmittelanforderungen: Schärfere Anforderungen in „guten Zeiten“, schwächere Anforderungen in „schlechten Zeiten“. Ohne Eingriff in die marktkonsistente Bewertung könnten damit über ein „Atmen“ der Eigenmittelanforderungen unerwünschte Wirkungen der Prozyklizität, wie Notverkäufe von Wertpapieren, vermieden werden.

Das Problem der Volatilität der Zinsstrukturkurve führt zu einer von vielen als „artifiziell“ empfundenen Volatilität der Werte der Langzeitgarantien. Diese Schwankungen könnte man dadurch abmildern, dass man statt der unmittelbar beobachteten Zinsstrukturkurve einen gleitenden Durchschnitt der Zinsen zum Beispiel des vergangenen Jahres verwendete. Auch das wäre zwar streng genommen eine Abweichung von marktkonsistenter Bewertung, allerdings eine meines Erachtens vertretbare Abweichung mit festen und verlässlichen Regeln.

Die Solvenzkapitalanforderungen sollen sich unter Solvency II entweder aus einem Standardmodell oder aus einem internen Risikosteuerungsmodell ergeben. Eine grundsätzliche Frage, die sich hierbei im Rahmen der derzeitigen Diskussion um die Eigenmittelunterlegung langfristiger Garantien stellt, ist, ob die Risikomessung auf Basis des derzeitigen Standardmodells korrekt ist. Ist sie es nicht, dann sollte Solvency II dahingehend weiterentwickelt werden, dass die Eigenmittelanforderungen tatsächlich risikoadäquat berechnet werden. In diesem Zusammenhang sollte man nicht davor zurückschrecken, im Lichte der verbleibenden Zeit bis zur Umsetzung die Komplexität des Standardmodells extrem zu reduzieren, damit es seinem Namen gerecht wird. Das zehn Jahre währende Drehen an seinen Stellschrauben hat ein sehr komplexes Standardmodell generiert, das weit entfernt ist von einer auch nur annähernd exakten Risikomessung.

Die verbleibende Zeit bis zur Einführung von Solvency II sollte man auch für die Beantwortung der Frage nutzen, ob nicht ausschließlich das Standardmodell zur Berechnung der Solvenzkapitalanforderungen zugelassen werden sollte anstatt der Option, auch die sehr komplexen internen Modelle zu verwenden. Dies würde die Aufsicht von der großen und schwierigen Aufgabe entbinden, die internen Modelle überwachen und zertifizieren zu müssen. Zudem ist laut „Branchenkompass Versicherungen“ der Steria Mummert und des F.A.Z.-Instituts der Anteil der Versicherer, die überhaupt ein internes Modell verwenden wollen, von 2008 bis 2010 von über 90 Prozent auf unter 50 Prozent gefallen. Dies ist sowohl auf den hohen Aufwand für die Einführung eines internen Modells wie auch auf den Umstand zurückzuführen, dass für manche Versicherungsunternehmen das interne Modell nicht zu geringeren Solvenzkapitalanforderungen führt.

Die Auswirkungen der Solvenzregelungen auf das Angebot für Altersvorsorgeprodukte macht Solvency II zu einem sozialpolitischen Thema. Es muss ohne Frage vermieden werden, dass durch ungerechtfertigte Solvenzkapitalanforderungen das Angebot an Lebensversicherungsprodukten mit Verzinsungsgarantien beeinträchtigt wird. Für die kapitalgedeckte Altersvorsorge sind Lebensversicherungsprodukte mit Mindestverzinsungsgarantie von zentraler Bedeutung. Insofern ist es notwendig, in den jetzt anstehenden quantitativen Auswirkungsstudien die Adäquanz der Kapitalanforderungen für langfristige Garantien fundiert zu untersuchen und gegebenenfalls zu verbessern. Darüber hinaus gilt es, die Garantieprodukte weiterzuentwickeln, um der Kenntnis um den Wert und das Risiko langfristiger Garantien Rechnung zu tragen. Kürzere, revolvierend vereinbarte Garantien senken die Kapitalanforderungen erheblich. Zudem könnten die Verzinsungsgarantien freiwillig weiter unter die derzeitigen 1,75 Prozent per annum gesenkt werden, was ebenfalls eine niedrigere Solvenzkapitalunterlegung mit sich brächte. Durch die sich dann eröffnende Möglichkeit, in der Kapitalanlage der Versicherungsunternehmen wieder verstärkt in Aktienanlagen zu gehen, kann es gelingen, eine wieder attraktivere Überschussbeteiligung anbieten zu können. Allerdings müssen die Versicherungsunternehmen bei der Senkung der Mindestverzinsung auf die Wahrnehmung und Reaktion der Kunden Rücksicht nehmen. Es besteht die Gefahr, dass eine Reduktion der garantierten Verzinsung per se als negativ wahrgenommen wird und dass damit Unternehmen, die als erste diese Änderung vornehmen, Wettbewerbsnachteile erleiden.

Grundsätzlich ist die Einführung von Solvency II der richtige Schritt. Die risikobasierte Eigenmittelunterlegung ist ungeachtet der kritischen Punkte dem jetzigen System, in dem insbesondere die Risiken der Aktivseite der Bilanz nicht abgebildet werden, überlegen. Insofern ist die Einführung von Solvency II auch für die betriebliche Altersversorgung der richtige Weg, da auch dort Verzinsungsgarantien gegeben werden, die entsprechend mit Solvenzkapital risikoadäquat zu unterlegen sind. Keinesfalls ist es so, dass durch Solvency II die Solvenzkapitalanforderungen in der betrieblichen Altersversorgung ansteigen müssen, wenn die entsprechenden Verzinsungszusagen seitens der Arbeitgeber auf die Kapitalanforderungen angerechnet werden. Zu Recht wird aus Kreisen der betrieblichen Altersversorgung aber darauf hingewiesen, dass die Berichtspflichten der dritten Säule von Solvency II zu einem überbordenden und unverhältnismäßig hohen Aufwand führen, der letztlich zu Lasten der Pensionäre geht. Dieser Einwand gegen die Ausgestaltung der Berichtspflichten ist allerdings auch jenseits der betrieblichen Altersversorgung stichhaltig.

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