Einige Marktteilnehmer erwarten einen stürmischen Herbst, wenn die Fed nach sieben Jahren Abstinenz wieder die Zinsen erhöhen könnte. Eine Situation, die viele Investoren schon lange nicht mehr erlebt haben – und für die sie sich entsprechend rüsten sollten. Zumindest ist das der Rat der Experten von Goldman Sachs Asset Management.

Im Herbst, spätestens bis Ende des Jahres, wird die Federal Reserve nach jahrelangem Stillhalten wieder die Zinsen erhöhen. Und damit ein Umfeld an den Kapitalmärkten schaffen, dass die Investoren nicht mehr gewohnt sind. Höchste Zeit, die Anlagestrategie und -taktik umzustellen, wie die Experten von Goldman Sachs Asset Management meinen.

„Nach sieben Jahren ultralockerer Geldpolitik haben sich die Investoren an Rentenmärkte, die ihnen Kursgewinne bescheren, und an eine äußerst geringe Volatilität gewöhnt. Auch in den Handelsräumen der Investmenthäuser und Banken gibt es nicht mehr viele, die eine Zinserhöhung wirklich erlebt haben“, sagt Jonathan Xiong, der bei GSAM die Fixed Income Alternatives Group leitet. Seine Prognose: „Doch jetzt stehen wir vor einem radikalen Wandel. In den nächsten drei bis vier Jahren werden wir sehen, wie und ob die Rentenmärkte wieder den Weg zurück in die Normalität finden. Zumal dann auch die Zeit vorbei ist, in der die Zentralbanken die Käuferseite dominiert haben.“

Radikaler Wandel

Ein radikaler Wandel, für den sich die Investoren nach Ansicht von Xiong und seinen Kollegen folgendermaßen wappnen sollten: Auf liquide, alternative Anlagestrategien setzen, Unternehmensanleihen meiden und ein Portfolio aus stabilen Kernanlagen ummantelt von dynamischen Anlagen so strukturieren, dass der jeweilige Risikobeitrag das Gewicht einer Asset-Klasse oder Strategie festlegt.

Benchmarks und Gewichtungen nach Börsenwert sind für die Experten von GSAM out. „Ein Investor muss sich derzeit die Frage stellen, wie er in der aktuellen Wirtschaftsphase investiert“, sagt Neill Nuttall, Co-Chief Investment Officer (CIO) der Global Portfolio Solutions Group & Spezialist für Multi-Asset-Lösungen. „Unsere Antwort lautet: Vergessen Sie die nach Marktkapitalisierung gewichteten Benchmarks und denken Sie über die Faktoren nach, die Rendite bringen. Gewichten Sie diese Faktoren dann nach ihrem jeweiligen Risiko.“

Weiterhin ist breite Diversifikation ratsam

Nach Ansicht von Nuttall befindet sich der Markt derzeit in der Expansionsphase. Üblicherweise die Phase innerhalb eines Konjunkturzyklus, die am längsten ist und in der es kurzfristig immer wieder zu Rückschlägen kommen kann: „In dieser Phase sieht es häufiger so aus, als ob das Wirtschaftswachstum einbricht. Unserer Meinung nach wird es noch 18 bis 24 Monate andauern, bis es zum konjunkturellen Wendepunkt kommt“, so Nuttall.

Gerade in diesem Umfeld finden der Co-CIO und seine Kollegin Marie Cardoen, Leiterin Alternative Sales für Europa, Naher Osten, Afrika und Asien (ohne Japan), liquide, alternative Anlagen weiterhin attraktiv, um ähnlich laufende Wertentwicklungen verschiedener Assetklassen und Strategien auszuschalten. Bei einem durchschnittlich risikoadjustierten Mischportfolio kämen 98 Prozent des Risikos allein von globalen, groß kapitalisierten Aktien.

Liquid Alternatives hoch in der Investorengunst

Cardoen schätzt, dass „Liquid Alternatives“ in der Gunst der Investoren auch dieses Jahr weit oben rangieren werden: „Liquide, alternative Anlagen sind kein neues Konzept, doch sind sie die Asset-Klasse, die innerhalb der UCITS-Welt im Jahr 2014 am schnellsten gewachsen sind. Und es sieht so aus, dass sie diese Position in diesem Jahr halten.“ Cardoen zitiert Zahlen, wonach Investoren im vergangenen Jahr netto 56 Milliarden Dollar in UCIT-konforme, alternative Anlagen investiert haben und somit das verwaltete Vermögen auf 282 Milliarden Dollar gestiegen ist. Bis Ende März 2015 lagen die Nettoinvestitionen in „Liquid Alternatives“ bereits bei 23 Milliarden Dollar.

Xiong, der für GSAM einen 5 Milliarden Dollar schweren Global Macro Hedgefonds mitverwaltet, erklärt, warum er dazu rät, Unternehmensanleihen zu meiden: „Die institutionellen Investoren in Europa sind stark in Unternehmensanleihen investiert. Viele dieser Bonds sind erst vor Kurzem ausgegeben worden – vor allem von US-Unternehmen. Deswegen schließen wir ganz bewusst Unternehmensanleihen in unseren neuen Produkten und Strategien aus.“ Bezogen auf die industrialisierten Länder schätzt er, dass die europäischen Konzerne unter den Emittenten mit 60 Prozent dominieren und 40 Prozent der Corporate Bonds in Nordamerika, vornehmlich den USA, begeben wurden.

Zwei Herausforderungen

Nach Ansicht von Xiong müssen die Investoren künftig mit zwei Herausforderungen umgehen: eine deutlich steigende Volatilität und veränderte Liquiditätsbedingungen im Rentenmarkt, die durch den erwarteten Zinsschritt der Amerikaner noch verschärft werden könnten. „In den Rentenmärkten der zehn größten industrialisierten Länder, in denen wir hauptsächlich aktiv sind, werden die veränderten Liquiditätsbedingungen immer mehr zur Herausforderung.“ Teilweise könne es mehrere Tage dauern, um größere Positionen im Rentenmarkt wieder abzubauen, und damit deutlich länger als in der Vergangenheit, weiß Xiong aus eigener Erfahrung zu berichten.

Genauso wie die prognostizierte Zinserhöhung in den USA werde das veränderte Liquiditätsprofil dazu beitragen, dass die Kurse wieder stärker schwanken werden: „Wenn die Zinsen wieder steigen, wird auch die Volatilität in den Märkten deutlich zunehmen, die am stärksten von der Liquiditätsschwemme der Zentralbanken profitiert haben: also die Aktien- Währungs- und Kreditmärkte.“

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