Der Finanzvorstand Wolfgang Fischer der Stuttgarter sieht in der geplanten Regulierung aber noch keinen realen Belastungsfaktor.

Herr Fischer, Niedrigzinsen und höhere Volatilitäten belasten die Kapitalanlage aller Investoren. Obendrauf kommen noch die neuen Solvenzregelungen. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäftsmodell aus?

Niedrigzinsphase und gestiegene Volatilität sind natürlich Probleme, die das Geschäftsmodell belasten. Das muss man so sehen. Eine Anlagepolitik, wie sie früher üblich war, wird dadurch erschwert. Solvency II ist hingegen eigentlich kein realer Belastungsfaktor, sondern eine regulatorische Hürde, die künstlich aufgebaut wird. Wenn es allerdings scharf geschaltet wird, kann es leicht dazu führen, dass eine gewisse Prozyklik in die Kapitalanlage hineinkommt. Vor allem aber führt es dazu, dass man sich nach einem Vergangenheitsmodell richtet, das – wie jedes Modell – nicht alles erfassen kann. Es ist eine Illusion, von einem Modell zu erwarten, dass es in einer Kennzahl angeben kann, ob das Unternehmen gesund ist oder nicht. Eine solche Kennzahl wird es nie geben.

Arbeiten Sie schon virtuell mit Solvency II?

Wir arbeiten schon seit Jahren mit einer Vielzahl von Kennzahlen, die aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, ob ein Unternehmen gesund ist. Solvency II wird diese Anzahl an Kenngrößen nochmals gewaltig erhöhen. Das bindet natürlich enorme Kapazitäten, gerade in einem kleineren Haus. Aber das Modell ist noch so schwammig und die Parameter sind noch so wenig gefestigt, dass es schwer ist, sich danach zu richten. Es wäre meines Erachtens der größte Fehler, jetzt auf eine diversifizierte Anlagepolitik mit Aktien zu verzichten, nur weil sie mit soundso viel Eigenkapital belegt werden müssen, ebenso wie Immobilien – und das angesichts der Ungereimtheit, dass Staatsanleihen aus Krisenländern nicht mit Eigenkapital unterlegt werden müssen.

Sie unterstellen noch Änderungen bei einzelnen Punkten?

Ich gehe davon aus, dass sowohl an den Parametern, die eingestellt werden, als auch vielleicht an einzelnen Elementen noch gearbeitet werden muss.

Zum Beispiel …?

Die Unternehmen werden auf solche Anlagesegmente reduziert, die mit wenig Risikomitteln belegt sind, aber genauso riskant sein können, etwa Unternehmensanleihen. Wenn Sie für solche Titel relativ wenig Solvenzmittel brauchen – jedenfalls bei guter Bonität – , frage ich mich, weshalb man nicht mit einer ähnlich niedrigen Unterlegung die Aktien desselben Unternehmens kaufen kann. Deshalb könnte ich mir in Teilbereichen doch noch diese oder jene Verschiebung vorstellen – weg vom Modellhaften hin zu den Freiheiten, die der gesunde Menschenverstand empfiehlt.

Aber wie gehen Sie mit dem Risiko im Konfliktfall um?

Sicher kann man jetzt anfangen, alle möglichen Risikoszenarien durchzuspielen und Vorkehrungen dagegen zu treffen. Aber das wahre Risiko ist doch das, das noch unbekannt ist – der schwarze Schwan. Die Risiken, die wir in früheren Krisen durchgemacht haben, sind eigentlich keine Risiken mehr. Wie sagt man doch: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Die Frage ist, welche die neuen Risiken sein werden.

Aber die BaFin wird doch von Ihnen Stresstests und Ähnliches verlangen – auch wenn die auf der Vergangenheit aufgebaut sind.

Das ist richtig, die machen wir auch. Was uns von der Branche unterscheidet, ist, dass unsere Sicherheitspuffer höhergefahren werden. Daran haben wir in den letzten Jahren viel gearbeitet.

Welche Wünsche haben Sie an die Aufsicht?

Vielleicht einen generellen Wunsch: Mitte der 90er Jahre haben wir sozusagen einen Aufbruch der Versicherungen in eine gänzlich neue Welt erlebt. Da wurde dereguliert mit dem Ziel, größere Freiheiten zu schaffen. Diese Freiheiten sind aber mit der ersten Übernahme eines Unternehmens durch Protektor sehr schnell wieder begraben worden. Im Endeffekt hat es nicht zu mehr Freiheit im Wettbewerb geführt, sondern zu einer Re-Regulierung mit noch größeren Formalien. Und nun noch Solvency. Das ist ein Moloch. Zurzeit ist eine Berichterstattung an Eiopa geplant, bei der regelmäßig 6.000 Zahlen berichtet werden müssen. Ich glaube nicht, dass das sinnhaft ist.

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