Beim dpn-Roundtable „Administration & Custody“ diskutierten Alexander Tigges, Head of Senior Relationship Management, BNP Paribas Securities Services, Susanne Zyrus, Leiterin Verwahrstelle/Department Head, DZ BANK, Stefan Degen, Leiter FondsService, LBBW, Alexander Scholz, Gesellschafter-Geschäftsführer, TELOS GmbH, und Gernot Wurzer, Head of Business Development für Deutschland, Österreich, CEE & SEE, Caceis, über die aktuellen Trends und Treiber der Branche sowie über die Herausforderungen der Zukunft. Die Runde moderierte Michael Lennert, Chefredakteur dpn.

Sehr geehrte Damen und Herren, herzlich willkommen zum dpn-Roundtable Administration & Custody. Frau Zyrus, Sie nahmen bereits beim dpn-Roundtable Administration & Custody des vergangenen Jahres teil. Welche Erfahrungen haben Sie zwischenzeitlich gemacht und was hat sich geändert im Vergleich zum vergangenen Jahr?

Susanne Zyrus: Das vergangene Jahr hatte sehr viele Facetten, die uns alle berührt haben. Zum einen ist das Thema Corona immer noch sehr herausfordernd. Zwar haben sich bereits etliche Prozesse etabliert, eine gewisse Routine hat sich eingespielt. Aber dennoch beschäftigt uns Corona  weiterhin. Zum anderen beunruhigen der Ukraine-Krieg und die veränderten Rahmenbedingungen auch unsere Kunden. Mit der Konsequenz, dass sich seit der Eskalation des Konflikts unsere Kunden bei der Auflage von neuen Mandaten zurückhaltender verhielten. Die Nachfrage nach unseren Verwahrstellenservices ist hoch, Fondsauflagen verzögern sich vor allem bei Immobilienfonds jedoch teils erheblich. Das ist eine neue Erfahrung im Vergleich zu den vergangenen Jahren, in denen wir so gut wie jeden Monat neue Immobilienfonds aufgelegt haben. Sehr gut hingegen hat sich „New Work“, das neue Arbeiten, entwickelt. Das hat sich schnell etabliert und wird sehr geschätzt. Vor einem oder zwei Jahren war es noch fast unvorstellbar, dass große Teile der Mannschaft  im Homeoffice arbeiten. Aber es geht. Und es hat keine Auswirkungen aufs Geschäft. Insofern bleibt es spannend.

Herr Wurzer, wie ist es bei Ihnen?

Gernot Wurzer: Die genannten Themen ähneln sich. Ein Thema, welches unsere Kunden sehr berührt hat, waren Konten in Russland sowie das Halten von Währungen und Wertpapieren dort vor Ort. Grundsätzlich glaube ich, dass sich kaum jemand hätte vorstellen können, dass die Veränderungen, die wir in den vergangenen Jahren erfahren haben – sei es nun auf Seiten der Verwahrstelle oder die Art und Weise, wie man arbeitet –, derart schnell umgesetzt würden. Wir hatten zudem das Gefühl, dass sich viele Unternehmen und Kunden im ersten Jahr der CoronaPandemie bewusst Zeit genommen haben, zu analysieren, wie sich das Geschäft entwickelt, wie zufriedenstellend die Zusammenarbeit mit den Partnern läuft und ob diese verbesserungswürdig ist. Die Kunden hatten einfach mehr Zeit, da es keine Client Meetings und keine Veranstaltungen gab. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie sahen wir dann tatsächlich wieder mehr Ausschreibungen, insbesondere was das transaktionsgetriebene Geschäft betraf.

Herr Degen, was treibt Sie gerade um?

Stefan Degen: Wir haben im letzten Jahr auch das beobachtet, was Herr Wurzer gerade geschildert hat. Die Kunden hatten mehr Zeit, sich intensiver mit ihren Mandaten zu beschäftigen.

Mit der Konsequenz, dass auch wir mehr Anfragen hatten beziehungsweise Mandatsveränderungen verzeichneten, mit denen wir ursprünglich so gar nicht gerechnet haben. Insofern waren unsere Mittelzuflüsse unerwartet stark. Doch zurück zu Ihrer Frage: Was treibt uns gerade um? Das ist derzeit sicherlich die Ende letzten Jahres vereinbarte Übernahme der von der Helaba vermittelten Mandate. Hier rechnen wir bis Ende diesen Jahres mit einem Zuwachs um gut 40 Prozent unseres bisherigen Volumens. Nachdem die akquisitorische Arbeit weitgehend abgeschlossen ist, sind wir mitten im Prozess der technischen Übertragungen. Beides ist bisher absolut zu unserer Zufriedenheit gelaufen. Dabei kommt es uns auch zugute, dass wir schon mit zahlreichen KVGen zusammenarbeiten und insofern keine neuen Verbindungen aufnehmen müssen.

Alexander Tigges: Ich stimme in vielem dem Gesagten zu. Deswegen möchte ich gerne auf einen weiteren Punkt eingehen, der für unsere Kunden derzeit eine besondere Herausforderung darstellt. Das sind die Auswirkungen auf die institutionellen Portfolios, die sich durch die Zinswende sowie die geopolitischen Risiken, die Unsicherheiten an den Märkten und die potenziellen Rezessionsgefahren ergeben. Da die meisten unserer Kunden im Spezialfondsgeschäft große Bond-Portfolios halten, haben diese Portfolios in den vergangenen Monaten zeitweise zweistellige Verluste eingefahren. Doch auch Aktien und andere Asset-Klassen verzeichneten starke Verluste. Diese Herausforderungen und Risiken gilt es zu adressieren und zu meistern.

Alexander Scholz: Noch ein Kommentar zur hier angesprochenen Corona-Pandemie. Wir sind diesbezüglich der komplette Kontraindikator. Bei uns war Corona mehr oder weniger ein Non-Event. Wir waren weiterhin im Office. Da jeder von uns ein Einzelbüro hat, war dies auch ohne größere Probleme umsetzbar. Was wir allerdings festgestellt haben, ist die Tatsache, dass die Abstimmungsprozesse bei unseren Kunden, sei es jetzt auf der Asset-Management-, auf der Verwahrstellen-, Master-KVG- oder Investorenseite, schleppender verliefen.

Woran lag dies?

Scholz: Es wurde vieles formaler. Die Idee, lass uns mal zusammensetzen, diskutieren und dann Feedback geben, gab es ja nicht mehr. Auch die durchgeführten Search-Prozesse dauerten deutlich länger. Ebenso wie die Beauty-Contests. Bei digital durchgeführten Beauty-Contests war es zudem sehr schwer, die Gestik und die Mimik der Teilnehmenden treffgenau zu analysieren. Davon lebt eigentlich ein Beauty-Contest. Wir sind deswegen sehr froh, dass dies momentan alles wieder live stattfindet. Ich stimme zudem Herrn Tigges zu, wenn er sagt, dass die generelle Unsicherheit unter den Investoren momentan sehr groß ist. Es gab noch nie einen so hohen Anteil über alle Anleger und Anlageklassen hinweg, die gesagt haben, wir wissen nicht, was wir tun und wie wir uns verhalten sollen.

Wenn ich als Investor unsicher bin, frage ich da nicht den Consultant?

Scholz: Wir bieten als Consultant primär die Selektionsleistung an. Wir bieten keine Asset-Allocation-Optimierung oder ALM-Studien an. Das machen andere Häuser.

Haben Sie noch weitere Anmerkungen zu Corona.

Wurzer: Das informelle Networking und die informellen Gespräche kamen vielfach zu kurz.

Degen: Dafür waren die Meeting-Teilnehmer auf einmal pünktlicher.

Wurzer: Andererseits  haben wir  vermehrt technische Probleme wahrgenommen.

Zyrus: Interessanterweise haben wir letztens eine Team-Umfrage durchgeführt, bei der wir gefragt haben: Womit wollt ihr beginnen; mit was wollt ihr aufhören; und was wollt ihr beibehalten? Erstaunlicherweise kam dabei die Aussage heraus: Lasst uns aufhören mit den 100 Prozent Homeoffice. Lasst uns wieder in die Büros kommen und miteinander sprechen. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Tigges: Ich glaube, wir sind jetzt in dieser Phase, wo man darüber nachdenkt, interne Meeting-Strukturen weiter zu verändern. Wir treffen uns beispielsweise alle zwei Tage online oder hybrid für 15 bis 30 Minuten innerhalb des Teams. Es hat sich eingebürgert, dass wir auch viel über private Dinge et cetera sprechen. Man realisiert erst jetzt, wie viel Informationen man während eines Tages im Büro mit anderen Kollegen – vielleicht auch unbewusst – aufgenommen hat. Das wollen wir wenigstens teilweise wieder zurückhaben.

Scholz: Kreativität ist auch für die Weiterentwicklung des Unternehmens wichtig. Digitale Kreativität auf Knopfdruck funktioniert nicht. Kreativität per Flurfunk funktioniert da schon eher.

Gibt es weitere Veränderungen im Vergleich zum vergangenen Jahr?

Wurzer: Wir haben uns entschlossen, erneut zusätzlich Geld in die Hand zu nehmen, um unsere Systeme noch einmal stabiler aufzustellen. Einfach deswegen, weil das Handelsvolumen in den letzten drei Jahren durch die Decke gegangen ist. Die Gründe hierfür liegen zum einen im transaktionsgetriebenen Geschäft insbesondere mit Banken und Broker Dealern, inklusive Clearing. Zum anderen verzeichnen wir gestiegene Volumina mit Neo-Brokern. Neo-Broker nennen wir die Anbieter, die über eine App den Retail-Kunden erlauben, Wertpapiere und Kryptowährungen zu handeln.

Corona beschleunigte den Trend zur Digitalisierung. Sind Sie bei der Digitalisierung vorangekommen?

Tigges: Die Digitalisierung ist einer der Kernbereiche unserer Strategie. Wir haben kürzlich die Strategie bsi 2025 der gesamten BNP-Paribas-Gruppe vorgestellt. Neben den Themen Wachstum und Nachhaltigkeit spielt das Thema Technologie eine Hauptrolle. Banken müssen sich meines Erachtens ein Stück weit mehr als IT-Dienstleister aufstellen und in der Lage sein, Prozesse hoch automatisiert und effizient abzubilden. Beispielsweise haben wir in den vergangenen zwölf Monaten fast 150 Millionen Settlements abgewickelt oder in den letzten Jahren 193 Roboter in unseren Operation Centern global eingesetzt.

Degen: Digitalisierung spielt auch bei uns eine große Rolle, aber auch schon vor Corona. Wir haben bei uns im Haus vier strategische Stoßrichtungen. Dies sind unser Geschäftsfokus, bei dem wir uns am Kunden orientieren, die Digitalisierung, die Nachhaltigkeit sowie das Thema Agilität. Wir haben bei der Digitalisierung bereits sehr vieles nach vorne gebracht. Gleichwohl anders, als viele jetzt vielleicht denken. Corona hat dies natürlich beschleunigt. Nehmen wir das Thema Roboter. Das war auch bei uns am Anfang ein Hype. Davon sind wir aber ein Stück weit abgekommen, da Roboter eigentlich nur die Second-Best-Lösung sind und im Prinzip keine echte Digitalisierung bewirken. Roboter machen aus einem schlechten Prozess einen digitalisierten schlechten Prozess. Deswegen haben wir den Fokus darauf gelegt, zuerst die Prozesse zu verbessern und sie dann mit richtiger IT zu unterlegen.

Zyrus: Wir haben es genauso gemacht. Wir haben an einigen Stellen Roboter eingesetzt, haben aber dann auch gemerkt, dass das nicht immer die richtige Lösung ist. Natürlich gibt es bei den Settlement-Prozessen, also den Abwicklungsprozessen, immer Verbesserungspotenzial. Wo ich bei uns im Haus die größte Möglichkeit sehe, die noch sehr manuellen Prozesse schlanker und digitaler zu machen, ist bei der Digitalisierung des noch sehr papiergetriebenen und vertragslastigen Sachwerte-Geschäfts.

Tigges: Ich glaube zudem, dass das Thema Partnerschaften insgesamt wichtiger wird. Ein Beispiel ist AssetMetrix, ein Unternehmen in München, welches sich in erster Linie mit alternativen Investments und Reporting-Lösungen auseinandersetzt. Mit AssetMetrix sind wir eine strategische Partnerschaft eingegangen, um unseren Kunden den bestmöglichen Service zu liefern.

Herr Scholz, sehen Sie weitere Trends?

Scholz: Wesentliche Trends sind bereits angesprochen worden. Ich bin mal gespannt, was passieren wird, wenn die Assets alle digitalisiert sind. Ich glaube, die Investoren haben das noch nicht so ganz auf dem Radar, aber letztendlich wird das so kommen. Darauf müssen sich insbesondere die Verwahrstellenanbieter einstellen. Im Prinzip ist es nur eine Innovation, aber für die Prozesse eine ganz schöne Umstellung. Ich glaube, eine der größten Herausforderungen in dem Geschäftsfeld wird es werden, ausreichend große Funktionalitäten und Kapazitäten anbieten zu können. Ich würde trotzdem noch mal gerne einen anderen Punkt ansprechen. In der Vergangenheit gab es einen eindeutigen Trend hin zum Ausbau der Immobilienquote, zum Ausbau der alternativen und illiquiden Anlagen. Gleichzeitig verzeichneten die Investoren bedingt durch die sehr volatilen Märkte einen Rückgang auf der liquiden Seite. Kam es dadurch zu Verstößen gegen die  regulatorisch möglichen Anlagegrenzen, und gab es diesbezüglich Rückmeldungen seitens des Regulators, also der BaFin?

Zyrus: Wir würden dies natürlich mitbekommen, wenn es so wäre. Ich kann solche Verstöße bei uns nicht bestätigen.

Wurzer: Von unserer Seite aus können wir das auch nicht bestätigen. Wir haben natürlich auf der Alternative-Seite in den vergangenen Jahren ein paar interessante Dinge miterlebt, wie beispielsweise einen Fonds für Verträge von Fußballspielern oder für Oldtimer. Ich weiß jetzt nicht, ob das auch damit zu tun hat, dass die Institutionellen keine Anlageoptionen mehr finden. Für uns war es auf jeden Fall interessant, diese Themen zu spielen.

Welche Produkte werden aktuell nachgefragt und gibt es neue Angebote bei den Zusatzdienstleistungen?

Wurzer: Hier würde mich Ihr Feedback besonders hinsichtlich der  Wertpapierleihe interessieren. Ich bin überzeugt, dass die Wertpapierleihe aus Kundensicht die einfachste Art und Weise ist, eine Zusatzrendite zu generieren. Dennoch beobachte ich, dass in Deutschland die Anzahl der Investoren, die diese Möglichkeit aktiv nutzen, viel höher sein könnte.

Tigges: Wir sehen bei der Wertpapierleihe eine klare Öffnung. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Institutionelle auf der Suche nach der zusätzlichen Rendite waren und weiterhin auch sind.

Zyrus: Für uns war und ist die Wertpapierleihe eine stark gefragte Zusatzdienstleistung, die insbesondere von großen Asset Managern nachgefragt wird. Was wir wiederum feststellen, ist, dass Institutionelle den Run in die Sachwerte vermehrt auch über Dachfondskonstruktionen abbilden. Auch Debt und Private Equity sind derzeit sehr gefragt. Was ich zudem spannend finde, ist, dass beispielsweise Union Investment als unser größter Partner sich an digitalen Transaktionen versucht. So haben wir bereits tokenisierte Anleihen abgewickelt und sind gerade dabei, digitale OTC-Derivate,  sogenannte „Smart Derivative Contracts“, unter Einsatz von BlockchainTechnologie abzubilden.

Degen: Die Anleger erleben einen Notstand und sind bereit, in exotischere Märkte zu investieren. Ich könnte mir gleichwohl vorstellen, dass sich dieser Trend durch die Zinswende, die wir gerade sehen, wieder ein bisschen entspannt.

Wurzer: Daneben sehen wir eine zunehmende  Nachfrage nach Hybrid-Spezialfonds, bei denen Wertpapiere und Real Assets in einem Vehikel angeboten werden.

Sehen Sie den Trend hin zu alternativen Anlagen bereits ausgereizt?

Wurzer: Ich glaube nicht, dass der Trend gestoppt wird in Bezug auf Anlagen in Alternatives. Vielleicht wird man nicht mehr so experimentell unterwegs sein. Vielleicht wird man auch kurzfristig nicht unbedingt mehr in Immobilien gehen. Beispielsweise werden Infrastruktur, Private Debt definitiv auch weiterhin ein Thema bleiben und wachsen. Was sicherlich auch entscheidend sein wird, ist, wie schnell und wie gut Alternatives ESG-mäßig erfasst werden können. Derartige Anfragen erreichen uns oft. Mittlerweile müssen acht oder neun von zehn Anfragen ESG-konform sein. Dies ist auch ein sehr großes Reporting-Thema, da es auf der Alternative-Seite noch immer keine klare EU-weit einheitliche Vorgehensweise gibt. Deswegen ist hier immer noch Interpretationsspielraum gegeben.

Wie wichtig ist Ihnen das Thema ESG?

Degen: Das Thema ESG ist für uns als Haus LBBW von strategischer Bedeutung. Beispielsweise engagieren wir uns stark in der Förderung regenerativer Energien und sind bei Unternehmen, die nicht nachhaltig agieren, zurückhaltend mit Kreditengagements. Zudem haben wir auf Senior-Management-Ebene eine Leiterin Nachhaltigkeit installiert, die zentral für dieses Thema verantwortlich ist und auch entsprechende Initiativen startet. Also für uns ist ESG ein ganz wichtiges Thema.

Tigges: ESG ist für mich eine notwendige Entwicklung. BNP Paribas und andere Banken sind dabei im Grunde genommen nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft. Was haben wir gemacht? Zuerst wollten wir eine Reporting-Möglichkeit etablieren, sind dann aber dazu übergegangen, über eine neu gegründete Tochtergesellschaft namens Manaos eine Plattform anzubieten. Auf unserer Plattform befinden sich aktuell 24 Apps von sechs Providern. Diese bieten dem Investor die Möglichkeit, etliche  verschiedene Auswertungen zu verschiedenen ESG Development Goals durchzuführen oder beispielsweise zu analysieren und zu bewerten, wie sich das ESG-Portfolio in der Vergangenheit entwickelt hat.

Scholz: Ich spiele jetzt einmal den Bad Guy. Die LBBW schließt bei der Kreditvergabe aus, dass es um eine böse Kreditvergabe geht. Alles nur noch gut und nachhaltig. Die BNP Paribas macht das ebenso. Ich gehe jede Wette ein, die BNP finanziert Atomkraftwerke, das würde eine LBBW im Leben nicht tun. Beide sind nachhaltig unterwegs und beide können dies auch mit Fug und Recht behaupten. Nur jeder hat ein anderes Verständnis. Auch EU-weit gibt es unterschiedliche Verständnisse. Jeder Investor versteht unter ESG etwas anderes. Wir werden nie ein einheitliches Verständnis, für ESG bekommen. Das ist auch gut so. Deswegen gehen wir anders vor. Wir sagen: Jedes Haus hat sein eigenes Verständnis und wir schauen uns an, wie stringent dieses Verständnis umgesetzt und beibehalten wird. Wir sagen nicht, das Verständnis A ist gut, das Verständnis B ist schlecht. Das können wir ja gar nicht. Wir bestimmen auch nicht, was gut, richtig und falsch ist. Es muss nur stringent umgesetzt werden. Dies teilen wir auch den Investoren mit: Macht euch zuerst Gedanken darüber, welches Verständnis ihr in Bezug auf das Thema ESG habt? Wenn ihr das Verständnis habt, unterstützen wir euch gerne. Nebenbei: Die ESG-Beratung wäre übrigens auch ein wunderbares Geschäftsfeld für die Verwahrstellen, nicht nur für Consultants. Das ESG-Know-how und die Kapazitäten müssten sie im Hause haben.

Zyrus: Ich denke auch, dass hier auf die Banken eine große Verantwortung zukommt. Als Finanzpartner begleitet man unterschiedliche Unternehmen. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen bei Häusern, die vielleicht noch nicht am Ziel sind, die aber eine klare Richtung aufzeigen können, wo sie hinwollen. Wenn alle Institute sagen würden, ich finanziere das nicht mehr, dann ist es vermutlich auch nicht der richtige Weg. Deswegen ist es wichtig, mit seinen Kunden im Dialog zu bleiben und für sich selber zu definieren, welchen Weg man wie lange mit seinen Partnern geht. Das ist eine sehr große Verantwortung.

Scholz: Das Schwarz-Weiß-Denken, das wir als Deutsche alle so lieben, das müssen wir im ESG-Bereich definitiv aufgeben. Bei ESG sollte man in Grauschattierungen denken oder in Buntschattierungen, aber zumindest nicht schwarz-weiß, das wird nicht funktionieren. Gleichwohl hat das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr die Priorität Nummer eins bei den Investoren. Die Investoren haben gerade ganz andere Sorgen. Das merken wir auch. Verschwinden wird es nicht, es hat gerade momentan nur etwas an Bedeutung verloren. Die oberste Priorität bei den institutionellen Investoren liegt bei der Herausforderung, ihre Anlagen zu sichern und wetterfest zu machen.

Wir haben bereits viele Bereiche diskutiert und kommen zur Abschlussrunde, dieses Mal in einer etwas anderen Form. Warum soll sich ein institutioneller Investor für Sie als Dienstleister entscheiden?

Wurzer: Die CACEIS-Gruppe hat einen stark ausgeprägten europäischen Footprint, wobei Deutschland einer der Kernmärkte aus Sicht der Gruppe ist. Wir sind in Deutschland mit unsereren Services fest verankert und haben ein hohes Commitment im deutschen Markt. Hinsichtlich der Services hat gewiss jeder von uns seine Stärken. Bei uns ist das ganz klar die Abdeckung der alternativen Seite, also Real Estate, Venture Capital, Private Equity, Infrastruktur et cetera. Denn hier haben wir  einen langjährigen und auch sehr guten Track Record. Insgesamt  wachsen wir konstant und konnten die Assets under Custody beziehungsweise Assets under Administration in den letzten drei Jahren zwischen 40 Prozent und 60 Prozent steigern. Wir sind zudem ein Allround-Anbieter für die Kunden in Deutschland und arbeiten gerade daran, die Multi Brand Strategy der Crédit-Agricole-Gruppe in Deutschland noch bekannter zu machen. Es ist einfach schade, dass viele Prospects und sogar einige unserer Kunden gar nicht wissen, wie groß unser Konzern ist und welche nützlichen Services sie von uns zusätzlich abrufen  könnten.

Degen: Wir gehören zu den größten Anbietern von Wertpapier-Spezialfonds in Deutschland und haben insofern auch ein großes Augenmerk darauf. Wir sprechen die Sprache des Kunden und sind sehr stark darauf bedacht, eine hohe Qualität zu bieten. Unser Anspruch ist die Qualitätsführerschaft. Wir können, weil wir kein Global Custodian sind, sicherlich nicht in jedem Nischenmarkt der günstigste Anbieter im Markt sein. Wir sind aber gut darin, flexibel und serviceorientiert auf Kundenwünsche zu reagieren sowie ein in Summe attraktives, konkurrenzfähiges Angebot zu machen. Wir haben zum einen mit Xentis ein Fondsbuchhaltungssystem im Einsatz, welches uns bei den regulatorischen Herausforderungen unterstützt, zum anderen verwenden wir eine eigenentwickelte Software, die die ganzen Abstimmprozesse und die Informationsversorgung für die Anleger und für die KVGen übernimmt. Damit fühlen wir uns sehr gut aufgestellt.

Tigges: BNP Paribas ist die Bank für eine Welt im Wandel. Eine Welt im Wandel, wie wir sie gerade in den letzten sechs Monaten erfahren. Für uns ist es wichtig, den Kunden Breite und Flexibilität liefern zu können. Ein weiterer Punkt ist Sicherheit. 90 Prozent der Vermögensgegenstände, die wir für unsere Kunden verwahren, liegen in 27 eigenen Lagerstellen. Dabei ist auf der einen Seite Finanzkraft gefragt, auf der anderen Seite ein diversifiziertes globales Geschäftsmodell. Daneben ist für uns das Thema Qualität wichtig, ebenso wie Vertrauen in der Zusammenarbeit. Ich glaube, was uns am Markt unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir eine Universalbank sind. Als Universalbank mit insgesamt 12 verschiedenen Bereichen und rund 6.000 Mitarbeitern in Deutschland werden wir auch in Zukunft Lösungen anbieten, die das Leben und das Geschäft für die Kunden effizienter und einfacher machen werden.

Zyrus: Die DZ Bank als genossenschaftliches Institut und als Handelsbank verfügt über eine hohe Finanzkraft sowie eine stabile Eigentümerstruktur. Unsere Finanzkraft ermöglicht es uns, Kunden auch bei Innovationen am Finanzmarkt zu begleiten und neue Wege zu gehen. Wir haben das Volumen unseres Verwahrstellengeschäfts in den letzten sechs Jahren verdoppelt und sind vor allem im Alternative-Bereich sehr stark gewachsen. Das ist auch ein Beweis für unser Commitment zu diesem Geschäftsfeld. Auf einen weiteren Punkt, was die Sicherheit der Assets betrifft, möchte ich gerne noch eingehen. Ein häufiges Argument der Global Custodians lautet: Mit einer eigenen Lagerstelle ist man sicherer. Dem Kunden wird suggeriert, dass man quasi auf den Wertpapieren „sitzt“. Diese Argumentation ist nachvollziehbar, stimmt aber so nicht. Letztendlich liegen die uns anvertrauten Wertpapiere in der Regel bei Global Custodians und Zentralverwahrern. Das heißt, auch eine DZ Bank hat eine BNP oder einen anderen Custodian in ihrem Netzwerk. Für die Sicherheit der Assets macht es keinen Unterschied, ob ich eine eigene Lagerstelle unterhalte oder diese über ein ausgewähltes Lagerstellennetzwerk nutze. Insofern sehe ich uns als Haus in Bezug auf die Sicherheit als ebenbürtig aufgestellt.

Scholz: Auch wir passen als Consultant nicht zu allen Investoren. Global operierende und agierende Investoren sind natürlich herzlich willkommen. Aber ich glaube, letztendlich passt diese Art von Investoren besser zu global tätigen Consultants. Wir fühlen uns besonders wohl und zu Hause im Mittelbau und unterstützen diesen und kleinere institutionelle Investoren gerne bei Consulting-Dienstleistungen oder begleiten diese bei der Selektion von Administrationsanbietern, Master-KVGen sowie Verwahrstellen.

Vielen Dank für die sehr interessante Diskussion!

Summary

Der Markt für Administrations- und Custody-Dienstleistungen ist in Bewegung und voller Facetten, so die einhellige Meinung der Roundtable-Teilnehmer. „Wir haben uns entschlossen, erneut zusätzlich Geld in die Hand zu nehmen, um unsere Systeme noch einmal stabiler aufzustellen. Einfach deswegen, weil das Handelsvolumen in den letzten drei Jahren durch die Decke gegangen ist“, sagt etwa Gernot Wurzer von CACEIS. Für Stefan Degen, LBBW, spielt dabei auch die Digitalisierung eine große Rolle. „Wir haben bei uns im Haus vier strategische Stoßrichtungen. Dies sind unser Geschäftsfokus, bei dem wir uns am Kunden orientieren, die Digitalisierung, die Nachhaltigkeit sowie das Thema Agilität. Wir haben bei der Digitalisierung bereits sehr vieles nach vorne gebracht“, sagt er. Susanne Zyrus, DZ Bank, wiederum sieht bei der Digitalisierung des noch sehr papiergetriebenen und vertragslastigen Sachwertegeschäfts bei sich im Hause die größte Möglichkeit, die noch sehr manuellen Prozesse schlanker und digitaler zu machen. Für Alexaner Tigges von BNP Paribas SS ist ESG eine notwendige Entwicklung. „BNP Paribas und andere Banken sind dabei im Grunde genommen nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft“, erläutert er. Und Alexander Scholz von Telos ist gespannt, was passieren wird, wenn die Assets alle digitalisiert sind. „Ich glaube, die Investoren haben das noch nicht so ganz auf dem Radar, aber letztendlich wird das so kommen. Darauf müssen sich insbesondere die Verwahrstellenanbieter einstellen“, sagt er. Für ihn wird es eine der größten Herausforderungen für die Branche werden, in diesem Geschäftsfeld ausreichend große Funktionalitäten und Kapazitäten anbieten zu können. Wie gesagt: immer in Bewegung.

Key Facts:

  • Der Markt für Administrations- und Custody-Dienstleistungen ist in Bewegung und voller Facetten.
  • Die fortwährende Digitalisierung ist eines der Kernbereiche der Branche.
  • Ebenso wie das Thema ESG. Gleichwohl hat das Thema Nachhaltigkeit derzeit nicht mehr die Priorität Nummer eins bei den Investoren.
  • Die oberste Priorität bei den institutionellen Investoren liegt aktuell bei der Herausforderung, ihre Anlagen zu sichern und wetterfest zu machen.

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