Deutschland kann mit einem Zerfall des Euro erpresst werden, heißt es allenthalben. Doch das Gegenteil ist richtig.

Von den vielen Mantras, mit denen in der Eurokrise gearbeitet wird, sind mir drei die liebsten. Erstens: Deutschland sei der Hauptprofiteur des Euro (Fakt ist: Exportweltmeister waren wir auch schon zu harten D-Mark-Zeiten). Zweitens: Der Euro sichere den Frieden in Europa (Fakt ist: Die gemeinsame Währung erweist sich als Spaltpilz Nummer eins). Drittens: Eine übertriebene Lohnzurückhaltung habe Deutschland einen ungerechten Wettbewerbsvorteil gegenüber den Südländern verschafft (Fakt ist: Portugal und Griechenland operieren so gut wie gar nicht und Spanien immer weniger in den typisch deutsch dominierten Märkten wie Automotive, Anlagen- und Maschinenbau). Diese Glaubenssätze konnten sich europaweit derart verfestigen, weil Deutschland es von Beginn der Krise an versäumt hat, ihnen energisch entgegenzutreten. Angela Merkel und Wolfgang Schäuble erhalten nun die Quittung dafür, dass sie meinten, auf internationalem Parkett ungestraft ständig die eigenen roten Linien verwischen zu dürfen.

Highlight ist jedoch die Gebetsmühle, nach der Deutschland am meisten unter einem krisenhaften Zerfall der Einheitswährung wegen einer dann stark aufwertenden neuen Deutschen Mark zu leiden hätte. Sicher ginge der Bruch neben realwirtschaftlichen Verwerfungen auch mit dem Verlust der Mittel aus den Rettungsschirmen und den Target-2-Salden einher. Doch scheinen in der Diskussion alte Kernsätze der Volkswirtschaftslehre noch völlig übersehen zu werden. Da ist zunächst die Tatsache, dass Exportüberschüsse – selbst wenn sie von den Käufern überhaupt bezahlt werden – per se noch keinen Wohlstandsgewinn darstellen. Schließlich erhält man zunächst nichts weiter als bedrucktes Papier (übrigens kommt die Erkenntnis, dass ein Geldschein in erster Linie ein Schuldschein ist, mittlerweile sogar bei den Chinesen an, denen langsam dämmert, was sie sich vom Westen als Gegenleistung für Unmengen kleiner Hände Arbeit haben andrehen lassen). Weiter wird das rohstoffarme Deutschland in einem sich verschärfenden globalen Wettbewerb eines Tages eine stabile, international kaufkräftige Währung bitter, bitter nötig haben.

Vor allem aber wird in der deutschen Öffentlichkeit noch die grundlegende geldpolitische Tatsache verkannt, dass die eigene Währung prinzipiell nach Belieben produziert werden kann. Die allenthalben als Teil des Krisenszenarios an die Wand gemalte brutale Aufwertung einer neuen D-Mark gäbe Bundesbank respektive Bundesregierung strategische Trümpfe an die Hand, die horrenden Kosten aus der vergeblichen Euro-Rettung in sagenhafte Gewinne zu verwandeln. Denn die Aufwertung ließe sich in Grenzen halten, indem man an den Devisenmärkten massiv mit selbst geschaffenem Geld so lange interveniert, bis die Wechselkurse passen. Konkret: Ein zu schaffender deutscher Staatsfonds kauft mit den neuen Mark-Billionen nicht nur marode Fremdwährungen, sondern Rohstoffe und Unternehmen in aller Herren Länder auf. Angesichts der heute üblichen Geldmengen wären zur Zähmung der neuen Mark sicher umgerechnete vier bis fünf Billionen US-Dollar nötig; und würde der deutsche Staatsfonds gar keine Fremdwährungen kaufen, sondern Aktien, Gold, Silber, Platin, Kupfer und Seltene Erden, dann sicher bequem das Doppelte. Strategisch konsequent zu Ende gedacht, ist es also gerade nicht Deutschland, das erpressbar geworden ist. Doch für eine solche Politik (die übrigens grundsätzlich auch eine Option für die Schweiz ist) bräuchte man Eigenschaften, die der deutschen politischen Klasse offenkundig komplett fehlen: Nerven, Courage, Vaterlandsliebe. Wer an das Böse in der internationalen Politik glaubt, mag hinzufügen: und gute Leibwächter.

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