12.02.2019 | Von Bernhard Raos

Arme Deutsche, reiche Griechen

Die Verteilung der Vermögen widerspiegelt den Wohlstand in den einzelnen Ländern nicht. Die Schweizer Wirtschaftsprofessorin Monika Bütler sagt warum.

Gut getimt auf das Weltwirtschaftsforum in Davos lieferte der internationale Verbund von Entwicklungshilfeorganisationen Oxfam seine Studie zur Vermögensverteilung – mit dem erwarteten Resultat, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Demnach besitzen 26 Milliardäre genau so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Für das Magazin Cicero hat sich die Schweizer Wirtschaftsprofessorin Monika Bütler die Oxfam-Studie genauer angesehen. Mit einem klaren Verdikt: Vermögen ist ein schlechter Indikator für Ungleichheit auf der Welt, denn Vermögen widerspiegelt den Wohlstand nicht. Zu den Ländern mit der grössten Ungleichheit der Vermögen zählen nämlich nicht nur die üblichen „Verdächtigen“ wie Russland und Indien – sondern auch Dänemark und Schweden.

Interessant auch, dass deutsche Haushalte im Schnitt nur halb so viel Vermögen haben wie griechische Haushalte und weniger als ein Drittel italienischer Haushalte. Gemessen an der Vermögensverteilung ist Griechenland also „gerechter“ als Deutschland und beide Länder sind viel „gerechter“ als Schweden.

Vermögen ist kaum Selbstzweck

Wie erklärt sich Bütler dieses paradoxe Resultat? Demnach kann das Vermögen einer Familie aus zwei Gründen gering sein. Wenn erstens nach Steuern, Krankenversicherung und den üblichen notwendigen Ausgaben zu wenig zum Sparen bleibt. Hier geht es den ärmeren Haushalten in reicheren Ländern nicht anders als der Mehrheit in den ärmeren Staaten, allerdings bei deutlich höherem Lebensstandard.

„Zweitens sind die Vermögen dann geringer, wenn grössere Ersparnisse angesichts der guten institutionellen Rahmenbedingungen und der sozialen Absicherung gar nicht mehr so nötig sind“, hält Bütler fest. Abgesehen von den Superreichen ist Vermögen kaum Selbstzweck, sondern vor allem Vorsorge. Leistet diese der Staat, braucht es weniger Vermögen.

Auch ein funktionierender Kapitalmarkt ist ein Kriterium. Er sorgt für den Zugang zu Krediten für eine breite Schicht der Bevölkerung und erlaubt beispielsweise den Hauskauf ohne viel Eigenkapital und vor allem unternehmerische Aktivitäten. Andererseits gilt, je grösser die Unsicherheit, desto stärker das Bedürfnis nach Vermögensbildung. Griechische Haushalt sind deshalb „reicher“ als deutsche, weil sie sparen mussten.

Nicht alles ist gut

Und Bütler erwähnt noch einen weiteren Grund, warum die Vermögensverteilung so stark von der Einkommensverteilung abweicht – die individuellen Entscheidungen. Während die einen alles ausgeben, sparen andere aus verschiedenen Gründen.

Für die Wirtschaftsprofessorin ist die Welt in den letzten Jahren bei mehreren Kriterien besser geworden. So ist die globale Ungleichheit der Einkommen gesunken, die Kindersterblichkeit zurückgegangen und die Lebenserwartung gestiegen. Selbstverständlich sei aber nicht alles gut. Die Ungleichheit in den Einkommen ist in einigen Ländern gestiegen, Frauen sind immer noch ärmer als Männer und Armut generell bleibt eine ernsthafte Herausforderung für die Weltwirtschaft. Fairere Bedingungen im internationalen Handel, Zugang zu den Märkten und eine gewisse Offenheit für die Migration sind für Bütler jedoch das bessere Rezept als eine stärkere Umverteilung von reich zu arm.

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