02.05.2012 | Von Nikolaus Bora

Karlsruhe: Stabwechsel im wohlbestellten Haus

Von der Anstalt zum modernen Dienstleister: Wolf R. Thiel übergibt die VBL gut aufgestellt. Nikolaus Bora sprach mit dem frisch pensionierten Präsidenten über sein Privat- und Berufsleben.

Vater versetzt, Kind bleibt sitzen“, klagten Angehörige der Bundeswehr bis in die 1990er Jahre, wenn das Verteidigungsministerium – wieder einmal – den Umzug in ein anderes Bundesland verfügt hatte und für die Gymnasien am neuen Standort eine andere Fremdsprachenfolge vorgeschrieben war. Als der aus einer Offiziersfamilie stammende Wolf R. Thiel, Jahrgang 1946, als Sextaner mitten im Schuljahr aus seiner Geburtsstadt Wiesbaden mit seinen Eltern nach Nordrhein-Westfalen umzog, schaffte er den Anschluss in der neuen Schule, „weil ich ja nur ein habes Jahr Latein nachholen musste“, wie er erzählt. Während der Schulzeit blieben ihm weitere Umzüge erspart. Darin hat Thiel sich später reichlich üben können. Nach dem Abitur in Siegburg ging er zur Bundeswehr, überlegte auch, Offizier zu werden. Doch stellte er fest, „dass die damalige Bundeswehr und ich nicht zusammenpassten.“ Er studierte Jura an der Universität Bonn und wurde direkt nach dem zweiten juristischen Staatsexamen Beamter im Bundesministerium des Innern. Fast 24 Jahre war er dort im Personalbereich tätig, davon die längste Zeit im Tarifbereich, den er später leitete. Mit Heinz Kluncker, von 1964 bis 1982 Chef der damaligen Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), hat er sich nicht mehr auseinandersetzen müssen. „Aber Erfahrungen, die meine Vorgänger mit Kluncker gemacht hatten, gehörten zur Grundausbildung eines Tarifreferenten“, berichtet Thiel. Im Ministerium waren die Lohnverhandlungen von 1974 noch in schlechter Erinnerung. Da hatte der Vorsitzende der ÖTV Müllwerker und Straßenbahner drei Tage lang streiken lassen und schließlich gegen den Willen des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt eine Tariferhöhung von elf Prozent durchgesetzt. Nach Ansicht vieler Ökonomen war durch diese Kluncker-Runde eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt worden, die zur Stagflation in den folgenden Jahren führte.

Auch die Tarifverhandlungen, an denen Thiel beteiligt war oder die er auf Arbeitgeberseite führte, waren hart, zuweilen außergewöhnlich, beispielsweise die zum Umzug von Bonn nach Berlin. „Da kamen viele Dinge hoch, die nicht zum üblichen Tarifgeschäft gehören. Die Gewerkschaft forderte, nur Freiwillige sollten nach Berlin gehen. Ich habe abgelehnt und mich durchgesetzt“, sagt Thiel. Er beschäftigte sich in seiner Zeit im Ministerium jedoch nicht nur mit Tarif- und Versorgungsfragen. 1989 reiste er zu einer Uno-Konferenz nach Peking, auf der über die Reform der chinesischen Verwaltung beraten wurde. Daraus entwickelte sich eine enge deutsch-chinesische Zusammenarbeit. Als offizieller Beauftragter des Bundesinnenministeriums war Thiel bis 2002 jährlich in China und betreute Gäste aus Peking in Deutschland. „Das war für mich eine aus dem Innenministerium heraus eher unerwartete, aber hochinteressante und faszinierende Aufgabe“, berichtet er.

Während einer Tarifverhandlung über den Altersvorsorgeplan 2001 fragte ihn die damalige Staatssekretärin Brigitte Zypries, ob er zu einem erneuten Umzug bereit sei, nicht zurück nach Bonn, sondern nach Karlsruhe. Damit war klar, dass er vom 1. April 2002 an Präsident der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) sein würde. Kurz zuvor war nach langen Verhandlungen der Tarifvertrag Altersversorgung abgeschlossen worden. Durch ihn wurde das sich an der Beamtenversorgung orientierende Gesamtversorgungsprinzip aufgegeben, weil es nicht mehr finanzierbar war. Seither gibt es innerhalb der umlagefinanzierten Pflichtversicherung eine beitragsorientierte Leistungszusage auf Basis eines versicher-

ungsmathematischen Punktesystems. Es wird die Leistung zugesagt, die sich ergeben würde, wenn vier Prozent des Entgelts in ein kapitalgedecktes System eingezahlt worden wären. In den neuen Bundesländern wird die Umlagefinanzierung inzwischen stufenweise auf Kapitaldeckung umgestellt. „Ich bin in dem Augenblick nach Karlsruhe gegangen, als wir die VBL auf ein völlig neues Versicherungssystem umgestellt und gleichzeitig ein neues Produkt, nämlich die freiwillige Versicherung, eingeführt haben“, sagt Thiel und erinnert an die damals offenbar verkrusteten Strukturen: „Ich hatte den Eindruck, dass in der VBL die Zeit stehen geblieben war und die positiven Dinge der Verwaltungsmodernisierung in anderen Bereichen da noch nicht angekommen waren. Wir mussten also einiges nachholen und bei den Mitarbeitern ein Umdenken verlangen, um weg von der Anstalt hin zu einem kundenorientierten Dienstleistungsunternehmen zu kommen. Das war ein schwieriger Prozess.“

quoteDer Rückgang in der gesetzlichen Rente ist nicht ausreichend kompensiert worden.

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Wolf R Thiel

Dieser Wandel ist gelungen. Träger der VBL sind nach wie vor der Bund und 14 Bundesländer. Hamburg und das Saarland sind nicht dabei. Es gibt insgesamt über 5.300 Beteiligte. Neben den Trägern sind das gut 1.700 Kommunen, verschiedene Träger der Sozialversicherung und etwa 3.600 Arbeitgeber. Darunter sind auch privatrechtliche Unternehmen, die das Tarifrecht des öffentlichen Dienstes oder ein ähnliches Tarifrecht anwenden. Die VBL ist damit die größte Zusatzversorgungskasse für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Sie hat fast zwei Millionen Pflichtversicherte und zusätzlich über zwei Millionen Versicherte, die eine Anwartschaft erworben haben, aber nicht mehr bei einem der VBL-Beteiligten beschäftigt sind. Diese Gruppe wird in einer Art ruhendem Versicherungsverhältnis geführt. Die Zahl der freiwillig Versicherten nennt die VBL nicht. Sie habe sich „erfreulich entwickelt“, heißt es. „Wir arbeiten intensiv daran, weitere Kunden zu gewinnen. Dabei setzen wir insbesondere auf Information.“ Angesprochen werden nur Pflichtversicherte. Das geschieht durch einen verbesserten Internetauftritt mit Rentenrechner, gemeinsame Informationsveranstaltungen mit den beteiligten Unternehmen und Verwaltungen, verständlich gestaltete Broschüren und in einigen großen Städten durch regelmäßige Kundenberatungen in Kooperation mit der BBBank.

Aus aktiver Versicherung hat die VBL derzeit rund eine Million Rentner. Ihre Bezüge sind unterschiedlich hoch. Durchschnittszahlen will Thiel nicht nennen. „Die sind nicht aussagekräftig. Wenn Sie Ihre linke Hand in eisiges und die rechte in kochendes Wasser halten, haben Sie durchschnittlich betrachtet lauwarmes Wasser“, begründet er die Zurückhaltung.

Wirtschaftlich hat die VBL in den vergangenen Jahren ausgesprochen erfolgreich gearbeitet. Für die vergangenen fünf Jahre weist sie eine durchschnittliche Verzinsung von gut sieben Prozent für ihre Versicherten aus. Die wirkliche Performance dürfte noch höher gelegen haben. Damit steht sie besser da als die meisten ihrer Wettbewerber. Sie hat geschickt „Eigengewächse“ weitergebildet und gezielt neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die über besondere Kenntnisse und Potenziale verfügen. Diese kommen aus den unterschiedlichsten Berufen. Es sind Betriebs- und Volkswirte, Juristen, Informatiker und Immobilienspezialisten, um einige Beispiele zu nennen.

Analyse, Performance- und Risiko-Reporting macht die VBL weitgehend – wenn auch nicht ausschließlich – selbst. Diese Aufgaben würden so in größerer Nähe zu den Fachbereichen wahrgenommen. Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten seien unmittelbar gewährleistet, so die Begründung. Wenn das hauseigene Fachwissen nicht reicht, wird Rat von außen eingeholt.

quoteWenn ein System die Finanzkrisen der vergangenen Jahre unbeschadet überstanden hat, ist nicht einzusehen, weshalb es zusätzlicher Aufsichts- oder Sicherungs-mechanismen bedarf.

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Wolf R. Thiel

Der Pensions-Sicherungs-Verein auf Gegenseitigkeit (PSV) hat sich als Instrument des Insolvenzschutzes der betrieblichen Altersversorgung bewährt. Seit Monaten wird darüber diskutiert, oft sogar heftig gestritten, ob und wie die Bemessungsgrundlagen für den Beitrag geändert werden sollen, um eine sachgerechtere Verteilung zu erreichen. Weil die bei der VBL beteiligten Arbeitgeber nicht PSV-pflichtig sind, will sich Thiel zu diesem „sensiblen Thema“ auch als Ex-Präsident nicht äußern. Kritik übt er aber an den EU-Kommissaren, die meinen, Solvency II müsse auch für die betriebliche Altersversorgung gelten. „Es sollten keine Regelungen getroffen werden, die das bewährte deutsche System der betrieblichen Altersversorgung beeinträchtigen oder gar gefährden könnten. Wenn ein System die Finanzkrisen der vergangenen Jahre unbeschadet überstanden hat, ist nicht einzusehen,weshalb es zusätzlicher Aufsichts- oder Sicherungsmechanismen bedarf.“ Die Voraussetzungen in der bAV seien mit denen in der Versicherungswirtschaft nicht zu vergleichen. Thiel ist zuversichtlich, dass es der Bundesregierung gelingt, den deutschen Interessen in Brüssel nicht nur Gehör zu verschaffen, sondern diese auch durchzusetzen.

Mit einer Festveranstaltung in der historischen Karlsburg wurde Wolf R. Thiel am 15. März als Präsident der VBL verabschiedet. Nachfolger ist sein bisheriger Stellvertreter Richard Peters. Mit seinem Ausscheiden bei der VBL hat Thiel auch sein Vorstandsamt bei der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba) in Heidelberg niedergelegt, in das er schon fünf Tage nach seinem Arbeitsbeginn in Karlsruhe gewählt worden war. Jetzt hat er Zeit für seine Hobbys. Er fährt gerne Rad, hört Musik und ist ein leidenschaftlicher Fotograf. Besonders angetan hat es ihm die Makrofotografie.

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