Breit in Schwellenländer zu investieren ist für 2014 keine gute Strategie. Investoren müssen den Spagat schaffen zwischen Vielfalt und sorgfältiger Auswahl. Und dabei das politische Risiko gut im Blick behalten.

Dieses Jahr wird die Federal Reserve auf der Emerging-Markets-Bühne nicht das Schreckgespenst geben. „US-Treasuries dürften dieses Jahr nicht der maßgebliche Einflussfaktor für Emerging-Markets-Renditen sein“, sagt Brett Diment, Leiter Emerging Markets bei Aberdeen Asset Management. Die Risiken werden länderspezifisch sein. Deswegen seien die Investoren stärker gefordert, wenn sie von der jüngsten Kurskorrektur in diesen Märkten profitieren wollen. Sie müssten sich die einzelnen Länder sowie deren politischen Fortschritt und Finanzlage genauer anschauen. Aberdeen Asset Management verwaltet derzeit 133 Milliarden US-Dollar im Bereich Emerging Markets. Davon sind rund 11 Milliarden im festverzinslichen Bereich angelegt.

Die USA könnten den Emerging-Markets-Investoren allerdings dazwischenfunken, wenn es bei den US-Treasuries zu einem deutlichen Zinsanstieg kommt, warnt Ronald Schneider, Leiter Fixed Income Global Emerging Markets und Osteuropa bei Raiffeisen Capital Management. „Das würde die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen einzelner Länder merklich erhöhen.“ Derzeit zählt er die Ukraine, Argentinien und Venezuela zu den Pleitekandidaten. Venezuela hat der Raiffeisen-Experte beispielsweise aus seinem Portfolio ausgeschlossen – neben Ägypten und Pakistan. Weiterer Unruheherd ist die Politik, die dieses Jahr angesichts eines gut gefüllten Wahlkalenders mehr Unsicherheit als üblich ins Spiel bringt. In Brasilien stehen im Oktober Neuwahlen an, die Türkei ist im August an der Reihe, in Indien wird bereits im Mai gewählt und in Südafrika im April – um nur einige von insgesamt 34 Wahlterminen zu nennen .

Die Region an sich bleibe eine attraktive Anlageklasse, sagt Schneider, der für Raiffeisen gerade ein neues Emerging-Markets-Produkt für Investoren konzipiert. Der Wachstumsvorsprung von mehr als drei Prozentpunkten gegenüber der entwickelten Welt sei noch immer ein klares Argument für einen Einstieg. Doch auch er warnt: „Die Zeiten, generell in Emerging Markets zu investieren, sind vorbei. Investoren müssen jetzt stärker zwischen den unterschiedlichen Ländern differenzieren.“ Vereinzelt lasse die Wachstumsdynamik nach, der Verschuldungsgrad sei zu hoch oder die Leistungsbilanzdefizite würden zu groß.

Auch für Aktieninvestments gilt das Gebot der Vielfalt: „Emerging-Markets-Aktien sind eine Assetklasse, die sehr volatil und unberechenbar ist“, sagt Richard Titherington, Chief Investment Officer für Aktieninvestments in der Region bei J.P. Morgan Asset Management. „Folglich muss ein Investor sehr breit anlegen.“ Einen Grundsatz, den Titherington für seinen 2,5 Milliarden US-Dollar schweren Emerging Markets Dividend Fund beherzigt hat: Der knapp vier Jahre alte Fonds investiert in 50 bis 80 Einzelaktien, die in 15 Ländern und neun Sektoren beheimatet sind.

Als weiteres Argument für ein Engagement in den Emerging Markets nennt Schneider von Raiffeisen die Tatsache, dass die Region als attraktiver Produktionsstandort Geld für Direktinvestitionen anzieht. Dabei kommt es, wie Aberdeen-Spezialist Diment beschreibt, zu einem Wettlauf zwischen Mexiko und China. Mittlerweile liegt das mittelamerikanische Land vorne, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht. Im April 2013 war es knapp 20 Prozent billiger, in Mexiko zu produzieren als in China. Beide Länder haben einen ähnlich hohen Anteil, was Exporte in die USA angeht. Darüber hinaus punktet Mexiko bei der geografischen Nähe zu seinem Exportmarkt: „Es ist wesentlich einfacher, seine Produktion von den USA nach Mexiko zu verlagern als von den USA nach China“, gibt Diment zu bedenken.

Für den Aberdeen-Experten ist der Ausverkauf vom Mai bis September 2013 – ausgelöst durch die Debatte, wann die Fed das Volumen ihrer Anleihekäufe zurückfährt – eher eine Chance für den Einstieg. Er sieht die Korrektur als eine gesunde Neubewertung von Risiko: „Vor einem Jahr haben sich Investoren bei der Ukraine mit einem Risikoaufschlag von sieben Prozent zufrieden gegeben. Und das bei einem Land aus der High-Yield-Liga.“ Für Diment und sein 15 Köpfe zählendes Team stehen die Emerging Markets auf lange Sicht solide da. Ihr Argument: „Die Bilanzen der einzelnen Staaten seien wesentlich robuster als vor zehn Jahren.“ Im Fall von Brasilien, China und Peru hat sich der Anteil der internationalen Reserven an der Wirtschaftsleistung im Zeitraum 2002 bis 2012 ungefähr verdoppelt, wie eine Statistik der Weltbank vom Juli 2013 zeigt.

Allerdings gehört Brasilien zu den fünf Gebrechlichen der Emerging Markets. Indien, Indonesien, Südafrika und die Türkei komplettieren die Gruppe dieser „Fragile Five“. Am 24. März 2014 hat die Ratingagentur Standard & Poor’s ernst gemacht und das getan, was im Markt schon länger befürchtet wurde: Die Bonitätsprüfer stuften Brasilien auf BBB- und damit auf die unterste Investment-Grade-Stufe herab, änderten den Ausblick aber von negativ auf stabil, wodurch eine weitere Herabstufung unwahrscheinlicher wird. S&P begründete den Schritt damit, dass die Regierung durch die Lockerung ihrer Haushaltsziele Zweifel an der angestrebten Budgetdisziplin aufkommen lasse.

Brasilien ist eines der Länder, bei denen Investoren das politische Risiko genau im Blick haben sollten. Allerdings werden sie dafür auch mit einer entsprechenden Rendite von rund 13 Prozent bei Zehnjährigen (Stand Mitte Februar) belohnt. Damit liegt Brasilien gleichauf mit Nigeria – eine Risikobewertung, die Diment nicht ganz gerechtfertigt hält: „Brasilien wirft dieselbe Rendite ab wie Nigeria. Doch wird wohl keiner behaupten, dass Brasilien ähnlich große Probleme hat wie das afrikanische Land.“ Aberdeen hält Brasilien für so attraktiv, dass das Land derzeit mit 14,5 Prozent die größte Position im Select Emerging Markets Bond Fund ausmacht.

Mit 9,2 Prozent fährt Diment von Aberdeen in seinem Fonds, der 140 Positionen in 43 Ländern mit einem Durchschnittsrating von BBB- hält, ein sehr reduziertes Währungsrisiko. „Die Währungsmärkte tragen eine inhärent hohe Volatilität“, gibt Schneider von Raiffeisen zu bedenken. „Das größte Risiko, das ein Investor in den Emerging Markets eingeht, ist das der Währung“, warnt Aktienexperte Titherington von J.P. Morgan Asset Management. Er verweist auf den Rohstoffboom, der die Währungen zeitweise nach oben getrieben hat.

Für 2014 erwartet das Emerging-Markets-Team von Neuberger Berman keine Neuauflage des Ausverkaufs. Etliche Privatinvestoren seien vergangenes Jahr durch das Tapering-Taktieren auf dem falschen Fuß erwischt worden. Hartwährungsanleihen böten den Investoren mittlerweile wieder eine Risikoprämie gegenüber vergleichbaren US-Anlagen im Investment-Grade-Bereich, die sich den Hochs im Jahr 1999 annähere.

„Institutionelle Investoren gewichten strukturell zwar immer noch die Emerging Markets unter, nutzen diese Anlageklasse aber, um sich weniger abhängig von den entwickelten Kern-Anleihemärkten zu machen“, argumentiert Diment von Aberdeen. Der Emerging-Markets-Anteil von global gestreuten Portfolios sei immer noch sehr bescheiden und biete noch viel Potenzial. Laut Zahlen von Morgan Stanley liegt diese Quote bei institutionellen Investoren in Nordamerika bei vier, in Europa bei 2,5 und in Asien bei 2,4 Prozent.

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