Er lebt und atmet Brics. Aber auch bei David Thomas, der seit Jahrzehnten in diesen Ländern seine Business-Netze spinnt, steht China eindeutig im Fokus. Maik Rodewald sprach mit dem gebürtigen Briten und Profiredner in Hong Kong.

Herr Thomas, dass Sie heute den Slogan „Think Global“ nutzen, haben Sie auch Ihrem Vater zu verdanken, der von 1983 bis 1988 Attorney-General in Hong Kong war und der an den Verträgen für die Übergabe an die Chinesen mitgewirkt hat.

So ist es. Als ich 18 Jahre alt war, 1978, schickte er mich auf Weltreise, unter anderem nach Delhi und Hong Kong. Seitdem war ich viele Male in Indien und in China. Es war mein großes Glück, die frühen Anfänge beider Nationen auf ihrem Weg zu ökonomischen Supermächten live miterlebt zu haben. Das war für die westliche Welt vor 30 Jahren ja noch undenkbar – für manche selbst vor fünf Jahren noch. Sehr viele Beobachter haben damals den Chinesen auch nicht abgenommen, dass sie das Konzept „Ein Land, zwei Systeme“ für Hong Kong durchhalten werden. Wie sie sich doch geirrt haben (lacht). Mit Russland und Brasilien habe ich mich aber erst durch die Arbeiten von Jim O’Neill beschäftigt. Er hat den Begriff „Bric“ – die Kurzform für Brasilien, Russland, Indien und China – ja auch geprägt.

Sie haben kürzlich eine australische Mission zum größten Finanzforum Asiens angeführt, zum Asian Financial Forum in Hong Kong mit über 2.200 Teilnehmern. Ihr Fazit?

Erstens: Die Chinesen bekennen sich mittlerweile eindeutig zu Hong Kong als ihrem internationalen Finanzzentrum. Das war ja nicht immer so. Zweitens: Hong Kong wird künftig eine wichtige Rolle spielen als erste Anlaufstelle für indisches Kapital, das in China investiert werden soll – beide waren schließlich britische Kolonien und haben demnach auch gemeinsame kulturelle Anknüpfungspunkte. Was mir auch aufgefallen ist: Kaum jemand spricht von Guangzhou, der Hauptstadt des Perlflussdeltas unweit von Hong Kong. Dort werden aber 30 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.

Sie sind ein großer China-Fan. Wie wichtig wird Hong Kong noch für China?

Hong Kong wird das Finanzzentrum Nummer eins in Asien werden, als Anlaufstelle für Kapital aus wie auch nach China. Eigentlich hat Hong Kong diese Stellung auch schon inne, zumindest laut dem Financial Development Report des World Economic Forums. Dort steht Hong Kong auf dem ersten Platz, vor den USA, Großbritannien und Singapur. Nirgendwo sonst gab es 2011 ein so hohes Neuemissionsvolumen an der Börse, also Initial Public Offerings.

Und jetzt lachen Sie nicht: Wenn ich durch meine Lieblingsstadt in China fahre, Chongqing, die teilweise am Berg gebaut ist, dann erinnert mich das sehr an Hong Kong. Es ist verrückt: Man dachte immer, China übernimmt Hong Kong. Es sieht fast so aus, als ob es genau umgekehrt ist. Hong Kong übernimmt China!

Welches ist für Sie der größte Mythos über China?

Dass sich alles in Schanghai und Peking abspielt.

Und welches Vorurteil stimmt?

Dass die Regierung auf allem ihre Hände draufhat. Sie setzt auch die Chefs der Staatsunternehmen ein und tauscht sie routinemäßig aus. Das ist sicherlich nicht, was sich ausländische Investoren wünschen.

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„Hong Kong wird künftig eine wichtige Rolle spielen als erste Anlaufstelle für indisches Kapital, das in China investiert werden soll.”

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Wann wird es für die Chinesen richtig unangenehm?

Wenn die Nachfrage aus den USA und Europa kollabiert, bevor China in der Lage ist, das einigermaßen durch den Binnenkonsum wettzumachen. Der Binnenkonsum ist der Schlüssel zum künftigen Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft: Die Chinesen sollen einkaufen und nicht so viel sparen – in den USA ist es genau andersherum!

Wie offen sind Investoren von anderen Kontinenten – zum Beispiel australische Pensionsfonds, die Sie sehr gut kennen – für Engagements in China?

Das Interesse ist auf jeden Fall da. Aber viele dieser Investoren haben auch vorgefertigte Meinungen, um nicht zu sagen Vorurteile, und eine gewisse Apathie. Das hindert doch noch einige, zu akzeptieren, was schon alles hinter den Kulissen passiert.

Was sollten Investoren nicht machen?

Westliche Standards und Prinzipien auf die Emerging Markets anwenden.

Welche bekannten Investoren verstehen China Ihrer Erfahrung nach am besten?

Harvest, Martin Currie und Fidelity. Um in China erfolgreich zu sein, braucht man lokale Partner, lokale Mitarbeiter und lokale Verbindungen. Dann vertraut man Ihnen.

Wo würden Sie persönlich niemals investieren?

Im lokalen Aktienmarkt in China. Das ist nach wie vor ein großes Kasino und hat mit den fundamentalen Entwicklungen der Unternehmen nicht viel zu tun – ganz anders als zum Beispiel in Indien. Bis der Markt einmal reifer wird, durch bessere Corporate-Governance-Regeln für die Unternehmen, mehr Transparenz und Regulierung, gibt es sicherlich bessere Wege, in China zu investieren, zum Beispiel über Immobilien und Infrastrukturprojekte sowie in H-shares, die in Hong Kong gelistet sind. Aber von A-Shares würde ich weiter die Finger lassen.

China hat auch viele Probleme. Werden die angegangen?

Ich denke, Chinas Politiker kennen die Probleme und ignorieren sie nicht: Wie hält man die Bevölkerung bei Laune, die ja auch schrittweise wohlhabender und anspruchsvoller wird? Wie organisiert man die Stabübergabe an die nächste Generation politischer Führer, die in diesem Jahr bereits eingeläutet wird? Wie löst man die extreme Wasserknappheit speziell im Norden und Westen Chinas? Wie wird die Luft in den Städten besser? Wie löst man das demografische Problem: Wird China alt, bevor es reich wird? Und wie lässt man die Luft aus den Blasen heraus, die sich in verschiedenen Anlageformen immer wieder bilden?

Wie hält man sich als Investor am besten auf dem Laufenden, wenn man die Bemühungen der Politik in China verfolgen will?

Lesen Sie den Fünfjahresplan! Sie können ziemlich sicher sein, dass die Chinesen alles dransetzen, um die dortigen Ziele zu erreichen. Außerdem sieht man sehr schön, wo die Chinesen Investment-Möglichkeiten der Zukunft identifiziert haben.

Helfen Sie uns: Was steht im aktuellen Fünfjahresplan?

China hat drei Imperative: going out, going west und going green. „Going out“ heißt, auch außerhalb Chinas zu investieren, um das Exposure in US-Staatsanleihen zu diversifizieren, aber auch, um sich Ressourcen und Rohstoffe zu sichern sowie den Dienstleistungssektor zu verbessern – also Tourismus, Ausbildung, Technologie, Finanzdienstleistungen et cetera. „Going west“ bedeutet, dass die Städte der zweiten und dritten Reihe, vor allem im Westen und in der Mitte Chinas, weiterentwickelt werden. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt soll deutlich steigen, es sollen entsprechend Jobs entstehen. Die Urbanisierung soll sich von der Küste nach Westen ausdehnen.

Und was steckt hinter „Going green“ genau?

Commitments für die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen und emissionsreduzierter Fahrzeuge in Höhe von 65 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Seit 2008 sind die Ausgaben für erneuerbare Energien um fast 80 Prozent pro Jahr gewachsen.

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„Lesen sie den Fünfjahresplan! China hat drei imperative: going out, going west und going green.”

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Lassen Sie uns nicht nur über China reden, Sie nennen sich selbst ja auch „Bric-Experte“. Was machen diese Länder jeweils richtig?

Nochmal zu China: Ohne den Top-down-Ansatz – mit einer starken autoritären Regierung – der vergangenen 30 Jahre wäre das Reich nicht dort, wo es jetzt ist. Wie sich das in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickelt, das ist die große Frage. Indien wiederum ist mit einem Bottom-up-Ansatz gut gefahren – die unternehmerisch geprägten Familienunternehmen konnten wachsen, trotz der eher bürokratisch-schwerfälligen Regierung. Hier muss sich die Regierung weiterentwickeln und den Reformprozess auch aktiv in die Hand nehmen. Und sowohl Russland als auch Brasilien profitierten von anhaltenden Phasen politischer und ökonomischer Stabilität. Brasilien hat in 16 Jahren nur zwei Präsidenten erlebt, Cardosa und Lula da Silva, und der durchschnittliche Russe verdient heute achtmal mehr als 1999, als Yeltsin die Macht an Putin verlor. In beiden Ländern trägt der Binnenkonsum signifikant zur Konjunkturentwicklung bei. In Brasilien sind in den vergangenen fünf Jahren 30 Millionen Menschen in die Mittelschicht aufgerückt, und Einzelhandelsverkäufe wachsen um 10 Prozent pro Jahr.

Und was machen die Länder jeweils falsch?

Chinas Regierung greift gegen Menschen mit abweichenden Meinungen zu stark durch, was auch mit ihrer eigenen Unsicherheit zu tun hat, wie sie solchen Dingen begegnen soll. Indiens Infrastruktur, speziell in den großen Zentren, ist in entsetzlichem Zustand, deutlich schlechter in Schuss als in den anderen Bric-Staaten und kostet Indien jährlich 2 bis 3 Prozent Wirtschaftswachstum. Russlands gemanagte Demokratie fängt an, problematisch zu werden – Putins Wunsch, wieder Präsident zu werden, stößt auf Widerstand. Brasilien ist nach wie vor ein gefährliches Land. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Mordrate mehr als verdoppelt. Man stelle sich das vor: Mord ist der Grund Nummer eins, weshalb Menschen zwischen 15 und 44 sterben müssen. Die brasilianische Regierung muss etwas unternehmen, wenn Brasilien als Global Player ernst genommen werden will.

Welche Länder werden denn die kommenden Brics sein?

Da halte ich mich an die „Mist“-Staaten, die Jim O’Neill ja bereits identifiziert hat – also Mexico, Indonesien, Südkorea und die Türkei. Die Brics hätten für mich als Investor aber jetzt noch Priorität.

Aus der Perspektive eines europäischen Investors: Welche dieser Märkte sollte er in seine Asset Allocation einbauen?

Ich halte russische Aktien für massiv unterbewertet. Kurz-, aber auch langfristige Investoren, die sich die Mühe machen, den Markt zu verstehen, werden ihre Freude daran haben. Ich denke auch, dass fast jeder Indien untergewichtet hat. Das wird sich in den nächsten Jahren korrigieren.

Mit Blick auf die Zeit ab 2015 fällt mir aber natürlich vor allem China ein: Wer Zugang zu den dortigen Infrastruktur- und Nation-Building-Projekten bekommt, indem er direkt an der Entwicklung der Städte aus der zweiten und dritten Reihe – wie zum Beispiel Chengdu und Chongqing – beteiligt ist, hat eine einmalige Investment-Chance. Um an diese Projekte heranzukommen, muss man in lokale Beziehungen und Partnerschaften investieren.

Ich denke aber auch, dass man einen Teil der dortigen ökonomischen Renten über multinationale Unternehmen aus den USA und Europa mitnehmen kann, die auf der Konsumwelle der Brics und der Mists reiten – Coca Cola, Nestlé, Unilever et cetera.

Auf dem bereits angesprochenen Asian Financial Forum war Indien so gut wie kein Thema. Weshalb?

Indien ist ein Fall für sich, wie gesagt, auf vielen Radarschirmen ist Indien nicht vertreten. Das wird sich ändern. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt derzeit 1,3 Billionen Dollar – die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde. Gemessen an der Kaufkraftparität ist die Ökonomie allerdings dreimal größer und mit Japan auf Augenhöhe. 2013 würde es – gemessen an der Kaufkraftparität – demnach zur drittgrößten Wirtschaft der Welt aufsteigen, nach den USA und China. Obwohl Indien nach Kaufkraftparität im Jahr 2010 7,5 Prozent des globalen BIPs erwirtschaftete, fließen weniger als 0,5 Prozent der Investment-Ströme in dieses riesige Land. Das ist eine Anomalie, die sehr wahrscheinlich korrigiert werden wird.

Herr Thomas, vielen Dank für Ihre Einsichten aus erster Hand!

CV David Thomas

2009 Gewinner des „Thought Leader Expert of the Year Award“

2006–2010 Co-Gründer und Director des Bric+-Programms

2004–heute CEO, Think Global Consulting in Sydney, Redner auf Konferenzen rund um den Globus

2000–2003 General Manager
von Communi(k) Australia

1998–2000 Senior Manager bei Commonwealth Bank of Australia

1987–1995 Inhaber eines Finanzdienstleistungsunter-nehmens in Hong Kong

1978 Weltreise, unter anderem nach Indien, Hong Kong, China und Australien

1960 geboren in England als Sohn von Michael David Thomas (von 1983 bis 1988 Attorney-General von Hong Kong)

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