Wolfram Gerdes bezeichnet sich als einen Angehörigen jener sterbenden Spezies, die auf aktives Management setzt. Seit einem Jahr ist er Vorstand für Kapitalanlage und Finanzen bei den kirchlichen Einrichtungen KZVK und VKPB.

Man könnte denken, dass für Wolfram Gerdes seine jetzige Welt ein bisschen zu klein ist. Immerhin war er bei Adressen angestellt, die zu den größten in Deutschland gehören – als Geschäftsführer und Chief Investment Officer bei den Fondsgesellschaften von Allianz und Commerzbank, zuletzt als Kapitalanlagevorstand bei der Württembergischen Versicherungsgruppe und damit immerhin für ein Volumen von rund 30 Milliarden Euro zuständig. Nun ist er Vorstand für Kapitalanlage und Finanzen bei den kirchlichen Einrichtungen KZVK und VKPB, die zusammengenommen zwar das größte Versorgungswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland bilden, aber gerade mal acht Milliarden Euro auf die Waage bringen.

Fehlt ihm manchmal in seiner jetzigen Tätigkeit, die er ziemlich genau seit einem Jahr innehat, diese Größe und Bedeutung? Keineswegs, meint der 51-jährige Gerdes. Warum das so ist, erklärt er am Gegenbeispiel der Versicherung. „Ich schätze die höheren Freiheitsgrade in der Kapitalanlage sehr, die ich bei KZVK und VKPB habe. Das gefällt mir richtig gut.“ Diese Freiheiten zeigen sich in der Möglichkeit, einen chancenorientierteren Anlagestil zu fahren. Hintergründe: Erstens gebe es bei den kirchlichen Kassen kein individuelles Kündigungsrecht der Mitglieder, so dass kein Zwang entstehen kann, Investments bei schlechter Marktlage entgegen der Planung zu verkaufen. Hingegen muss ein Versicherer mit der Gefahr einer Kündigungswelle rechnen und sich deshalb auf eine kurzfristigere Liquidierbarkeit seiner Investments einstellen. „Bei uns sind die Dehnungsfugen größer“, sagt Gerdes. Zweitens sei klar, dass es zumindest in den kommenden zehn Jahren mehr Zuflüsse als Abflüsse geben werde. Grund: Die Menge der Einzahler ist wesentlich größer als die Zahl der Rentner. „Deshalb werden die Kapitalanlagen stark wachsen, selbst wenn deren Wertentwicklung mal nicht so gut sein sollte.“ Auch das schafft Spielräume, welche die meisten Versicherer nicht haben.

Drittens sei die Assekuranz generell deutlich risikoaverser als noch vor einigen Jahren. Grund sind zum einen die gewaltigen Kursverluste nach dem Ende der New Economy und infolge der jüngsten Finanzkrise, die zur Vorsicht mahnten. Zum anderen sind die Umrisse der verschärften Anforderungen namens Solvency II erkennbar, die europaweit gelten und für risikobehaftete Investments teils erhebliche Unterlegungen von Eigenmitteln verlangen – bei global anlegenden Aktienfonds beispielsweise sind 30 Prozent vorgesehen. „90 Prozent aller Anleger in der Versicherungswirtschaft würden sich wünschen, dass die dramatische Regulierungsdichte zurückginge, schon wegen des bürokratischen Aufwands“, sagt der promovierte Mathematiker Gerdes.

quote Es ist in meiner jetzigen Tätigkeit als Investor von Vorteil, beide Seiten des Verhandlungstisches
aus eigener Erfahrung zu kennen.

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Die neuen Regeln sollen zunächst noch nicht für Pensions- und Versorgungskassen gelten. Konsequenz: In ihrem Anlagemanagement unterwerfen sich die KZVK und VKPB freiwillig den Vorschriften des Versicherungsaufsichtsgesetzes, die aber größere Handlungsspielräume zulassen. Und das nutzt Gerdes: „Wir schöpfen die gesetzlich möglichen Anlagegrenzen von ertragreicheren Anlagen weitgehend aus.“ So stecken 25 Prozent des Anlagevermögens in Aktien, weitere zehn Prozent entfallen auf High-Yield-Anleihen und Schwellenländer-Bonds. Die Streuung innerhalb der Aktien besteht zu jeweils einem Drittel aus Europa, USA und dem Rest der Welt. Insbesondere dividendenstarke Papiere haben es Gerdes angetan.

Dabei sei er „ein Angehöriger jener sterbenden Spezies“, die auf aktives statt passives Management der mandatierten Fonds setzt. „Wir sind der Überzeugung, dass gute Teams auf Sicht von drei bis fünf Jahren einen Mehrwert erwirtschaften.“ Interessanterweise setzt Gerdes als Privatmann auf ETFs, weil die bei Publikumsfonds erheblich höheren Kosten aus seiner Sicht durch aktives Management nur schwer hereingeholt werden könnten.

Die Auswahl der Manager findet oft mit Hilfe von Consultants statt. „Bei den Angelsachsen ist das seit jeher der Königsweg“, sagt Gerdes, der mehrere Jahre lang als Professor an der US-Universität Brandeis gearbeitet hat. „Auch in Deutschland wird es immer üblicher.“ Als Beispiele wichtiger Adressen bei Consultants nennt Gerdes Mercer, bfinance, Alpha Portfolio Advisors und RMC. Seit Amtsantritt habe es schon eine Reihe von Manager-Wechseln gegeben – „vor allem wenn wir den Investment-Stil nicht verstanden haben oder er uns nicht konsequent umgesetzt schien“.

Weitere Neuerungen: Bei Emerging Markets wird nun weltweit breit angelegt statt nur in Schwerpunkten mit besonderer Medienaufmerksamkeit wie China oder Osteuropa. Zuletzt sind amerikanische High-Yield-Anleihen neu mandatiert worden. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs unter Managern liegen die Kosten bei der Neuvergabe von Mandaten häufig niedriger und lassen sich Leistungen neu besetzen. So ging man zu volumenabhängigen Fee-Staffeln über. „Wir wollen unsere Partner preislich nicht kneifen und drücken, aber durch gezielte Ausschreibungen Preise vergleichen.“ So könne man bei großen Mandaten in den Genuss von Kostendegressionen kommen. „Sie lassen sich spürbar ab Anlagevolumina von ungefähr 150 Millionen Euro in einem Mandat mit signifikanter Wirkung durchsetzen.“

Ein weiteres wichtiges Thema bei den Aktien-Investments ist Nachhaltigkeit. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat Leitlinien für „Ethische Investments“ erarbeitet, wonach beispielsweise Investments in Rüstung, Tabak, Glücksspiel und Pornografie zu vermeiden sind. Einen Konflikt mit ethischen Zielen bergen auch amerikanische Staatsanleihen (wegen der in manchen Bundesstaaten geltenden Todesstrafe) oder in Anleihen bestimmter Schwellenländer (wegen der dort grassierenden Korruption). Gerdes sieht die Leitlinien als „Beginn einer langen Reise“ und sagt: „Wir wollen uns in diese Richtung bewegen.“ Einer der Wege sei das sogenannte Engagement (in diesem Falle englisch ausgesprochen), also das Gespräch mit Firmenverantwortlichen – über Themen aus dem Bereich Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung – und der Auftritt auf Hauptversammlungen. Letzteres habe man bereits an Union Investment delegiert. Sie gehört zu den wenigen Gesellschaften, die so etwas für Investoren anbieten.

quoteIm Szenario eines lang anhaltenden Zinstiefs wären letztlich auch Anpassungen bei Leistungen oder Beiträgen nicht sakrosankt.

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Bei seinen festverzinslichen Investments setzt Gerdes zu 50 Prozent auf Anlagen mit besonders hoher Schuldnerqualität: Pfandbriefe und Inhaberschuldverschreibungen erster Bonität. Hinzu kommen außerdeutsche Staatsanleihen, so in der ersten Jahreshälfte französische Bonds, außerdem Papiere der diversen europäischen Rettungsfonds und selektiv italienische Anleihen. Bundesanleihen meidet er wegen der niedrigen Renditen: „Wir legen ungern zu weniger als 3,5 Prozent an.“ Bei diesem Wert wird die Rendite im Portfolio der Versorgungskassen verwässert, angesichts einer Verzinsung von etwa 4,5 Prozent im Bestand. Konkret betrug die Nettoverzinsung 2011 bei der KZVK 4,42 Prozent und bei der VKPB 4,59 Prozent. Jedoch ist laut Gerdes klar: „Wenn die Renditen am Markt so niedrig bleiben, wird es schwer, unseren Finanzierungszins von 4,25 Prozent langfristig zu halten. Im Szenario eines lang anhaltenden Zinstiefs wären letztlich auch Anpassungen bei Leistungen oder Beiträgen nicht sakrosankt.“ Die jetzigen 4,25 Prozent seien im aktuellen Marktumfeld „immer noch ambitioniert“, insofern sie nicht risikolos zu erwirtschaften seien, sagt Gerdes. Gleichwohl gebe es keine aktuellen Pläne für eine weitere Absenkung. Derzeit stammten rund drei Prozentpunkte der 4,25 Prozent aus risikoarmen Zinspapieren und der Rest aus Risikoanlagen.

Bei Immobilien setzt er traditionsgemäß auf direkt verwaltete Wohnhäuser in einer erweiterten Region rund um Dortmund, wo KZVK und VKPB ihren Sitz haben. Deshalb erledige sich die Diskussion um die Lage, sagt Gerdes. „Dortmund ist automatisch 1b.“ Entscheidend sei die Stabilität der Mieterträge von fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter und der resultierenden Immobilienrendite nach Kosten von knapp über vier Prozent für die Direkt-Investments. „Dieser Wert lässt einen nicht euphorisch werden, schlägt aber die Rendite vieler extern gemanagter Immobilienfonds.“ Das Investment in Wohnimmobilien sei strategisch gewollt. Es biete einen stetigen Cashflow, der gut zur Leistungsverpflichtung passe. Allerdings seien diese Investments arbeitsintensiver; immerhin arbeite ein Gutteil der Mitarbeiter der Versorgungswerke in dieser Sparte.

Was hat Gerdes aus seinen früheren Tätigkeiten mitgenommen? „Es ist in meiner jetzigen Tätigkeit als Investor von Vorteil, beide Seiten des Verhandlungstisches aus eigener Erfahrung zu kennen.“ Traditionell gäben sich die kirchlichen Versorgungswerke eher bescheiden gegenüber ihren Verhandlungspartnern. Angesichts des starken Rückzugs vieler institutioneller Investoren aus risikobehafteteren Anlagen wie etwa Aktien nimmt das Gewicht von weniger regulierten Pensionskassen als Kunde von Fondsgesellschaften aber zwangsläufig zu. Da kann es durchaus sein, dass ein kirchliches Versorgungswerk zu einem der umsatzstärksten Kunden einer Fondsgesellschaft wird. „Und falls es so ist, wächst auch der Anspruch hinsichtlich Qualität und Intensität der Betreuung.“ Letztlich, so Gerdes, helfe dies aber beiden Seiten, denn auch hier gelte: Wettbewerb belebt das Geschäft.

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