Nun also soll die bAV, die selber in keiner einfachen Situation ist, die Krise in der Altersversorgung beheben. Und das in Zeiten schwieriger Märkte. Was tun? Mit dem Vorstandschef der Wacker Pensionskasse sprach Pascal Bazzazi.

Herr Leonhardt, Sie sind seit 22 Jahren in der bAV im Dienst. Wie steht es aus Ihrer Sicht heute um die Altersversorgung der Deutschen?

Sie ist offenkundig in der Krise. Die Rentenreformgesetze der Jahre 1999 bis 2004 haben eine Absenkung des Niveaus in der gesetzlichen Rente um 20 Prozent bewirkt. Die Folge ist, dass Menschen, die ein Berufsleben lang gearbeitet, aber den Einkommensdurchschnitt nicht erreicht haben, im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind – Tendenz steigend. Und das soll jetzt die bAV richten. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass diese das flächendeckend nur sehr mangelhaft leisten kann. In vielen Branchen ist sie nicht vorhanden oder leistet oft nur einen Schnaps zusätzlich auf die Gesetzliche. So gibt es beispielsweise „Versorgungszusagen“, wonach für jedes Jahr der Betriebszugehörigkeit eine Monatsrente von fünf Euro gewährt wird – macht nach 40 Jahren Betriebszugehörigkeit eine „stolze“ Rente von 200 Euro.

Nun, da wären Sozialpartnermodell, aba-Zulagenmodell, Deutschland-Rente – politische Vorschläge, die bAV voranzubringen, liegen ja auf dem Tisch. In welche Richtung sollte die Entwicklung gehen?

Jedenfalls hat sich schon mal die richtige Erkenntnis breitgemacht, dass die bAV zu schwach auf der Brust ist, um die ihr zugedachte Rolle zu übernehmen. Dabei ist ein Sozialpartnermodell nicht grundsätzlich verkehrt, soweit es sich an bewährten Regelungen wie beispielsweise in der chemischen Industrie orientiert. Verbindlich vorgegebene gemeinsame Einrichtungen der Tarifpar-teien sind ebenso abzulehnen wie eine – meiner Meinung nach – völlige Enthaftung der -Arbeitgeber. Wenn Letzteres umgesetzt würde, könnten wir nicht mehr von bAV sprechen. Die Arbeitgeber können bereits heute zahlreiche Möglichkeiten nutzen, um ihre Haftung zu minimieren. Das aba-Zulagenmodell wiederum besticht durch geringe Komplexität sowie Kompatibilität mit allen bestehenden Durchführungswegen.

Und die Idee der Deutschland-Rente?

Auch die versucht sich an dem Kriterium der geringen Komplexität, ist allerdings von bAV weit entfernt. Schließlich fehlt ihr das systemimmanente Element der ausdrücklichen Freiwilligkeit. Als Modell mit -Kapitaldeckung verfügt es zumindest in der -Anfangsphase über keine Risikotragfähigkeit, kann also nur in sogenannte sichere Anlagen investieren. Deren Verzinsung liegt derzeit bei mehr oder weniger null Prozent. Bei einer aktuellen Inflationsrate von 0,3 Prozent nimmt der Wert eines solchen Versorgungsvermögens also ab. Der Einsatz von Erwerbs-einkommen für den Zweck der Altersvorsorge und der Verzicht auf Konsum werden nicht honoriert, sondern bestraft. Attraktivität sieht anders aus.

Was schlagen Sie also vor?

Der Schlüssel zur weiteren Verbreitung und Intensivierung der bAV liegt bei den Arbeitgebern respektive den Tarifvertragsparteien. Um hier voranzukommen, müssen Rentenpolitiker und Ministerien endlich die Karten auf den Tisch legen und den Paradigmenwechsel erklären. Bis zur Rentenreform 2001 hatte die gesetzliche Rente den Anspruch, den Lebensstandard abzusichern, zumindest für langjährig versicherte Vollzeitbeschäftigte. Die bAV galt als Ergänzung – willkommen, aber nicht notwendig. Heute ist sie unverzichtbar, um im Rentenalter den -Lebensstandard abzusichern. -Damit kommt ihr eine neue, existenzielle Rolle zu. Dies muss gegenüber den Arbeitgebern offen angesprochen werden. Diesen dürfte so klar werden, mit wie viel mehr Berechtigung sie bessere Rahmenbedingungen fordern können – sei es im Bereich der Steuern, der bilanziellen Rückstellungsbildung, der -Zulagenförderung, der Regulierung oder der -bürokratischen Belastungen.

Fazit: Von den auf den Tisch liegenden Vorschlägen benötigen wir gar keinen, vielmehr sollten die bestehenden Durchführungswege attraktiver gestaltet werden?

Es geht darum, den Spagat hinzubekommen zwischen einer flächendeckenden Verbreitung der bAV und der Aufrechterhaltung der Freiwilligkeit einschließlich der unternehmensindividuellen Ausgestaltung. Die bestehenden Durchführungswege bieten ein Höchstmaß an Flexibilität. Im Hinblick auf die Heterogenität unserer Wirtschaft in ihrer sektoralen, regionalen, gesellschaftsrechtlichen und größen- sowie personalstrukturmäßigen Ausprägung ergäbe eine bAV nach dem Motto „Aspirin für alle“ keinen Sinn. Reformvorschläge zur bestehenden bAV -liegen ja bereits vor.

Nämlich?

Ich nenne beispielsweise Maßnahmen zur Einbeziehung von Klein- und Mittelbetrieben, Förderung von Niedrigverdienern, -Abbau von bürokratischen Hemmnissen, -Erweiterung des Dotierungsrahmens des -Paragrafen 3 Nummer 63 EStG und die Einführung eines eigenständigen Aufsichtsrechts für Einrichtungen der bAV. Diese Vorschläge müssen noch harmonisiert und konkretisiert werden, um dann zügig in der nächsten Legislaturperiode in das Gesetzgebungsverfahren eingebracht zu werden. Klar ist, dass es diese Reform nicht umsonst geben kann und Anreizsysteme Geld kosten beziehungsweise Steuermindereinnahmen auslösen. Aber es geht um ein ernstes Thema, nämlich den Menschen nach einem langen Berufsleben einen würdevollen Ruhestand zu ermöglichen.

Sind Sie optimistisch, dass in dieser Legislaturperiode noch Zählbares passiert?

Es geht um nichts weniger als um eine Weichenstellung. Diese kann in dieser Legislaturperiode nicht mehr gelingen. Vor einem Schnellschuss kann ich nur warnen.

Sie haben die Chemie erwähnt. Könnte sich die Politik hier etwas abgucken?

Die Tradition der bAV in der chemischen Industrie reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. Damals stand der patriarchalisch -geprägte Fürsorgegedanke des Arbeitgebers für seinen treuen Arbeiter im Vordergrund. Heute geht es aus der Sicht des Arbeitnehmers um die Daseinsvorsorge in Kombination mit der gesetzlichen Rente. Insbesondere in der Großchemie finden sich derzeit gewachsene betriebliche Versorgungssysteme mit Pflichtmitgliedschaft und paritätischer Finanzierung beziehungsweise alleiniger Arbeitgeberfinanzierung. Seit 1998 besteht ein ständig weiterentwickelter Tarifvertrag zur Altersvorsorge mit Platz für alle fünf Durchführungswege. Er beruht auf dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit, und Arbeitnehmer können über den gesetzten Förderrahmen hinaus mit eigenen Mitteln vorsorgen. Die in der chemischen Industrie erprobte, aber auch an die zeitlichen Notwendigkeiten angepasste, moderne bAV kann in vielen Elementen allgemeines Vorbild sein.

Kommen wir zu Ihrem Haus. Wie reagieren Sie asset-seitig auf die anhaltend schwierigen Märkte? Und gehen Sie eher aktiv oder passiv vor?

Zunächst zu Ihrer zweiten Frage. Zum Aufbau neuer Asset-Klassen sind wir mit regelgebundenen Investments vorgegangen. Wir sehen das als eine Spielart zwischen rein passivem Management-Auftrag und aktivem Ansatz. Mit breiterem Anlageuniversum, zunehmender Volatilität der Kapitalmärkte und abnehmendem Gleichlauf der Wirtschafts- und Unternehmensentwicklung wird das aktive Management aber weiter an Bedeutung zunehmen. Und grundsätzlich war und ist Ausgangspunkt all unserer strategischen Überlegungen das Credo, unternehmerische Tätigkeit als Quelle der Wertschöpfung zu sehen. Die Pensionskasse stellt Unternehmen Eigen- und Fremdkapital auf öffentlichen und privaten Märkten zur Verfügung. Im Zuge der letzten Jahre hat sich diese Kapitalbereitstellung immer weiter verfeinert. Dies gilt insbesondere für die regionale Ausrichtung. In jüngster Zeit hat die Pensionskasse das Wachstum der kapitalmarktbasierten Finanzierung in Europa durch Private Debt aktiv begleitet. Mit einer erhöhten Bereitstellung von Kapital auf privaten Märkten versuchen wir, trotz des schwierigen Umfelds auskömmliche Renditen zu erzielen.

Und gelingt Ihnen das?

Das wird ein Stück weit die Zukunft zeigen. Bislang sind die Ergebnisse durchweg positiv. Klar ist aber auch, dass wir hier weiter in das Risiko gehen – was letztlich alle Institutionellen müssen, um ihre Renditeversprechen erfüllen zu können. Entscheidend ist für uns, nur diejenigen Investments zu tätigen, von denen wir uns das beste Risiko-Ertrags-Profil versprechen. Und unsere allerwichtigste Investment-Regel muss trotz zunehmender Komplexität immer noch belastbar eingehalten werden: Kaufe nur, was du bis ins Detail gesehen und verstanden hast.

Wie sieht damit Ihre strategische Asset Allocation heute aus? Von Staatsanleihen haben Sie sich ja komplett verabschiedet.

Grob gesprochen ist die Kasse zu 10 Prozent in Aktien investiert. 60 Prozent macht der breit diversifizierte Rentenblock aus, global ausgerichtet und in sich risikoadjustiert. Er enthält in der Vergangenheit erworbene, mit bestem Rating versehene Schuldscheindarlehen und reicht bis zu High Yield Bonds. Private Market Investments kommen auf circa 13 Prozent, Immobilien auf 17.

Das macht für Real Estate, Private Equity und Private Debt zusammen 30 Prozent. Sehen Sie sich damit erst mal gut aufgestellt, oder wollen Sie hier weiter zulegen? Und wie gehen Sie derzeit mit Cash um? Diese Frage stellt sich ja auch zunehmend.

Bei Immobilien halten wir einen sehr werthaltigen und ertragssicheren Direktbestand. Sinkt die Zielquote von 17 Prozent bei wachsendem Gesamtportfolio, kaufen wir Objekte nach strengen Vorgaben zu. Bei Private Equity und Private Debt erreichen wir unsere strategischen Zielgrößen mit den bestehenden Commitments. Wie derzeit die meisten institutionellen Anleger verfügen wir über hohe Liquidität. Im letzten Jahr ist es in unserem Geldmarktsegment gelungen, eine Outperformance von 1,7 Prozent zu erzielen. Dies lässt sich in diesem Jahr nicht wiederholen. Wir werden deshalb die bestehenden Mandate unter Beachtung der Strategischen Asset Allocation zügig aufstocken, das heißt, dass wir die gemäß SAA zu hohen Geldmarktpositionen ab- und die Anteile der nach aktuellem Zielportfolio untergewichteten Segmente ausbauen. Dieses Rebalancing nehmen wir regelmäßig auch in den anderen, von uns belegten Asset-Klassen vor.

Wenn Sie nach 22 Jahren zurückblicken: Welches waren die wegweisendsten Weichenstellungen in der deutschen bAV?

Hier gab es nur wenige, und die Auflage des Pensionsfonds als fünften Durchführungsweg zähle ich ausdrücklich nicht dazu. Eine nachhaltige Veränderung ist vielmehr mit der Einbeziehung der Arbeitnehmer in das Versorgungsrisiko eingetreten. Mit der heute üblichen BZML haften die Arbeitgeber nur noch sehr eingeschränkt. Als weitere systemrelevante Veränderung nenne ich den gesetzlichen Anspruch des Arbeitnehmers auf eine bAV und die damit eingeführte Entgelt-umwandlung. Die seinerzeit hier als Anreiz eingesetzte steuerliche Förderung stellt ebenfalls einen Meilenstein dar, auch wenn deren Umfang heute als nicht mehr ausreichend angesehen werden muss. Auch nenne ich eine angedachte Weichenstellung, die gottlob verhindert worden ist: die Unterwerfung von bAV-Einrichtungen unter das Regime von Solvency II mit potenziell existenzbedrohenden Folgen. Anlageseitig verweise ich auf die in den 90er Jahren einsetzenden Anfänge des heute selbstverständlichen, ganzheitlichen ALM-Ansatzes. Wir haben damals eine erste ALM-Studie bei einem Londoner Berater in Auftrag gegeben. Die Engländer haben zwar unser Finanzierungssystem nicht verstanden, uns aber mit den damals nur im angelsächsischen Raum entwickelten Kapitalmarkttheorien vertraut gemacht. Mittlerweile sind diese Allgemeingut geworden, wie Markowitz, Mean-Reversion-Effekte oder Korrelationen zwischen den Asset-Klassen. Ergebnis sind breiter diversifizierte Portfolios und ein ungleich intensiverer Umgang mit Risiko. Für dessen Messung konnte man nun etwa zurückgreifen auf die prozentuale Standardabweichung oder auf den Value at Risk. Spätestens seit den MaRisk VA verfügen kapitalgedeckte Versorgungseinrichtungen über ein dem Portfoliomanagement in der Wertigkeit gleichgestelltes Risikomanagement. Übrigens sehe ich trotz der schwierigen Situation auf der -Kapitalanlageseite die weitere Verbreitung der bAV in Deutschland auf einem guten Weg. Wie die jüngsten Initiativen gezeigt haben, ist das Problembewusstsein für den Handlungsbedarf vorhanden. Wir müssen -jedoch darauf achten, dass Gleichmacherei und Zwang verhindert und marktwirtschaftliche Prinzipien beibehalten werden. λ

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