Geopolitische Spannungen werden die Märkte noch lange beeinflussen. Doch es gibt auch Chancen. Neben den asiatischen Schwellenländern, die Aufholpotenzial haben, sollten Zinsanlagen teilweise attraktiver werden als Aktien.

Der Blick von Investoren ist längst aufs nächste Jahr gerichtet. 2023 wird in vielerlei Hinsicht spannend. „Die Fragen, in welchem Umfang und wie schnell die Inflation zurückgedrängt werden kann und wie stark die Zentralbanken die Zinsen dafür noch anheben müssen, werden im kommenden Jahr für die Kapitalmärkte das beherrschende Thema sein“, sagt Björn Jesch, Global CIO der DWS. Die Fondstochter der Deutschen Bank erwartet, dass die Zentralbanken die Zinsen länger hochhalten werden, als die Märkte dies derzeit erwarten. Für die US-Notenbank geht Investment-Manager Jesch davon aus, dass sie die Leitzinsen im nächsten Jahr auf 5 bis 5,25 Prozent anheben wird, in der Eurozone dürfte der Leitzins auf 3,0 Prozent steigen. Eine Zinssenkung sieht die DWS im nächsten Jahr nicht. Die Inflationsraten dürften 2023 zwar zurückgehen, aber dennoch auf einem hohen Niveau bleiben. Jeschs Prognose: 6,0 Prozent in der Eurozone und 4,1 Prozent in den USA.

Die globalen Spannungen zwischen den USA, China, Russland und Europa werden das politische und wirtschaftliche Geschehen in den nächsten Jahren dominieren. Der größte geopolitische Risikofaktor ist derzeit Russland. Die Wirtschaft der Eurozone leidet besonders stark unter den Folgen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Allerdings habe sie sich nach Ansicht der DWS bislang mit einem Wachstum von 3,2 Prozent trotz der Sanktionen erstaunlich gut gehalten.

Die sich abzeichnende milde Rezession in den USA und in der Eurozone werde sich erheblich von früheren Abschwungphasen unterscheiden. „Dank des demographisch bedingten, auch im Abschwung robusten Arbeitsmarktes werden die Arbeitnehmer ihre Jobs – weitgehend – behalten, die Einkommen der privaten Haushalte werden stabil bleiben und die Konsumenten werden weiter konsumieren“, so Jesch. Allerdings werde die Erholung nach dem Abschwung auch nur sehr verhalten ausfallen. Für die Eurozone prognostiziert Jesch Wachstumsraten von 0,3 Prozent (2023) und 1,2 Prozent (2024), für die USA 0,4 und 1,3 Prozent. Auf Unternehmensseite dürften die Gewinne unter Druck kommen, allerdings deutlich weniger stark als in vergangenen Rezessionen. Jeschs Fazit: „Anleihen sind angesichts des höheren Zinsniveaus deutlich attraktiver als in der Vergangenheit, als Renditebringer und als Diversifikationsinstrument.“ Generell seien die Renditeaussichten von Risikoanlagen begrenzt, aber hoch genug, um die Inflation schlagen zu können.

„Sobald in China die Einschränkungen der Null-Covid-Politik deutlich zurückgefahren werden, dürfte das chinesischen Aktien einen deutlichen Schub geben, sagt Sean Taylor, CIO APAC. „Das wird nicht über Nacht geschehen, aber ich denke, dass wir im nächsten Jahr mit einer positiven Entwicklung rechnen können.“ Mittelfristig gebe es nach wie vor einige Risikofaktoren. Der Aktienmarkt dort hatte im September und Oktober deutlich korrigiert und sei jetzt wieder günstig bewertet. Besonders interessant hier: Unternehmen aus dem Halbleiter- und Batterie-Bereich. Generell dürften sich der erwartet etwas schwächere Dollar und die nachlassende Inflation kurzfristig positiv auf die Schwellenländer auswirken. „Mittelfristig muss allerdings die globale Exportschwäche überwunden werden und die chinesische Wirtschaft wieder Fahrt aufnehmen, bevor wir Schwellenländer in unseren Portfolien übergewichten“, so Taylor.

Für eine Asset-Klasse ist die DWS ganz besonders positiv gestimmt. „Bei Euro-Unternehmensanleihen guter Bonität gibt es derzeit Renditen von knapp vier Prozent, ein Niveau, das wir zuletzt vor mehr als zehn Jahren gesehen haben,“, sagt Thomas Höfer, Head Investment Grade Credit. Damit lägen die Renditen von soliden Unternehmensanleihen sogar höher als die entsprechenden Dividendenrenditen. Die Perspektive für diese Anlageklasse sei – mit Blick auf die nächsten zwölf Monate – äußerst positiv, die Risiken überschaubar. In den Zinsaufschlägen ist die bevorstehende Rezession bereits eingepreist. Bonitätsseitig sind derzeit keine übermäßig hohen Risiken in Sicht. Besonders aussichtsreich laut Höfer: Senior-Bankanleihen und hybride Unternehmensanleihen mit Renditen von sechs bis sieben Prozent. Ebenfalls interessant seien die risikoreicheren Euro-Hochzinsanleihen, die derzeit Renditen von 7,3 Prozent aufwiesen.

Unterdessen steht den Aktienmärkten eine weitere Bewährungsprobe bevor. „Nachdem in diesem Jahr der Zinsanstieg die Bewertungen unter Druck gesetzt hat, wird im nächsten Jahr der Entwicklung der Unternehmensgewinne eine entscheidende Rolle zukommen“, sagt Marcus Poppe, Portfolio Manager globale Aktien. Generell seien die Unternehmen für die erwartete leichte Rezession aber deutlich besser aufgestellt als beispielsweise in der Finanzkrise 2008. „Taktisch gesehen sind wir für europäische Aktien recht optimistisch gestimmt.“ Der Bewertungsabschlag gegenüber US-Titeln in Höhe von 31 Prozent ist mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre (14 Prozent). Die Aussichten für Value-Aktien, die in europäischen Indizes ein höheres Gewicht haben als in US-Indizes, seien nach wie vor positiv. „Die Zeiten, in denen Wachstumsaktien zu jedem Preis gekauft werden, sind erst einmal vorbei“, so Poppe.

Der Zinsanstieg hat sich indes auch im Immobilienbereich bemerkbar gemacht. „Der Renditevorteil von Immobilieninvestments gegenüber zehnjährigen Staatsanleihen ist dieses Jahr deutlich geschrumpft; die Bewertungen von Immobilien unter Druck gekommen“, meint Jessica Hardman, Head of European Real Estate Portfolio Management. Dieser Trend dürfte sich im nächsten Jahr aber wieder drehen. Der Renditeabstand zu Anleihen werde steigen und das Segment der Wohnimmobilien für Anleger wieder attraktiver werden. Die Nachfrage in Europa sei in diesem Bereich nach wie vor hoch, das Angebot dagegen begrenzt. Hardman rückt den Fokus zudem auf Infrastruktur-Investments. Gerade im Umfeld einer ökonomischen Transformation mit einem hohen Bedarf an Infrastruktur-Investitionen seien Investments in diesem Feld aussichtsreich.

 

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