Der technologische Wandel schreitet immer schneller voran. Die Weltwirtschaft steht vor der dritten Welle der Digitalisierung. Welche Folgen hat dieser Wandel für die Wirtschaft? Und welche Anlagestrategien ergeben sich daraus für das Asset Management – Stichwort Wachstumsfonds?

Motor dieser dritten Digitalisierungswelle, erläuterte CIO Rainer Matthes auf einem Presseworkshop des Bankhauses Metzler, sei der stetige Preisverfall bei Produkten zur Generierung, Speicherung und Verarbeitung von Daten. Beispiel Halbleiter. Nach Schätzung von Metzler sind die adjustierten Halbleiterpreise (unter Berücksichtigung von Qualitätsverbesserungen) weit deutlicher gefallen als bislang wahrgenommen – seit 2009 um sagenhafte 42 Prozent pro Jahr! Die stetig sinkenden Kosten führen zu immer breiteren Anwendungen und damit zu immer neuen Softwarelösungen. Für die Zahl der vernetzten Geräte wie Kühlschränke et cetera (sog. Internet der Dinge) projiziert Metzler insoweit fast eine Verdoppelung bis 2035 – von jetzt 15,7 Mrd. auf 27,5 Mrd. Geräte. Dahinter stehen bereits große Budgets, etwa von Google, Ali Baba, Amazon. „Daten sind zu einem der wertvollsten Rohstoffe geworden“, so Matthes abschließende Feststellung. Big Data und künstliche Intelligenz werden früher oder später jedes Unternehmen betreffen – eher früher als später. Unternehmen, die diese Daten innovativ gewinnen und nutzen können, gehört daher die Zukunft.

Mit dieser dritten Welle der Digitalisierung, warnt Metzler, werden drastische Strukturbrüche und disruptive Entwicklungen einhergehen: Neue Geschäftsmodelle werden entstehen, die etablierte und bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle teilweise verdrängen. Verglichen mit früheren Wellen, vermutet Chefvolkswirt Edgar Walk, „wird diese dritte Welle wohl die disruptivste sein!“ Gleichzeitig fügt er quasi einen Weckruf speziell an die Adresse der europäischen Unternehmen an: „Europäische Unternehmen müssen aufpassen, nicht den Anschluss zu verpassen. Wegweisende Innovationen kommen derzeit überwiegend aus den USA und Asien.“

Ein zweites Charakteristikum: Im Gegensatz zur New Economy im Jahr 2000 wird die derzeitige Entwicklung häufig von Großunternehmen angetrieben, die bereits eine sehr starke Stellung in ihren Märkten haben. IPOs und Unternehmensgründungen spielen dagegen keine so große Rolle wie früher. Allerdings kaufen die Großunternehmen zum Teil auch kleinere innovative Unternehmen auf. Folge: Für die Gesamtwirtschaft können negative Konzentrationsrisiken auftreten. Für die Aktionäre überwiegen dagegen die positiven Effekte aus höheren Gewinnmargen und Konzentrationsvorteilen.

Und ein drittes wichtiges Charakteristikum: Diese Welle ist nicht auf den Technologiesektor begrenzt. Sie wirkt sich auf fast alle Bereiche aus, so zum Beispiel auf industrielle Produktionsprozesse, das Gesundheits- und Bildungswesen, den Einzelhandel, die Mobilität, das Finanzwesen und die Energiegewinnung.

Die herausfordernde Frage für die Portfoliomanager ist dabei, wann und wo sich diese Entwicklung in den Bewertungen niederschlägt und welche Unternehmen zu den Gewinnern gehören werden. Eine generelle Antwort zum „Wann“, sprich zum Timing, gab Walk mit der Bemerkung, dass es noch keine zyklischen Warnzeichen nach Art der „New Economy“-Blase gebe. Im Gegenteil: Das Krisengerede in letzter Zeit sei zu stark gewesen. Deshalb haben viele Investoren den technologischen Aufschwung verpasst und müssen jetzt versuchen, noch auf diesen Zug aufzuspringen.

Zur Frage, welche Bereiche und Unternehmen zu den Gewinnern zählen werden, versuchte Portfoliomanager Heiko Veit, der bei Metzler für die Investmentstrategie Growth verantwortlich ist, einige Pflöcke einzuschlagen. Da es an erster Stelle darum gehe, Strukturbrüche und disruptive Entwicklungen zu identifizieren, führen passive Managementansätze nicht weiter. Zudem machen die breiten Anwendungsbereiche der Digitalisierung herkömmliche Growth-Indizes kaum brauchbar, da dort auch viele „alte“ Werte drin sind, während Gewinnerwerte auch zum Beispiel in herkömmlichen Consumer-Indizes sein können.

Besonders deutlich dürften sich die Wirkungen der dritten Welle seiner Meinung nach in drei Bereichen zeigen: in Consumer Electronics (Computer, Handy etc.), bei Industrieherstellern, die stark in der Digitalisierung sind (Maschinenbauer, Unternehmen im Gesundheitsbereich …) und im Bereich erneuerbarer Energien oder bei Mobilitätskonzepten (Automobilbereich). Bei Banken dürfte die Auswirkung der Digitalisierung zwar ebenfalls sehr ausgeprägt sein, allerdings eher mit negativen Wirkungen auf Geschäftsfelder und Zinsmargen.

Im Konsumgütermarkt sieht Veit das Risiko einer Fragmentierung für die klassischen Marken. Das Wachstum komme womöglich nicht mehr von den großen Marken, sondern von Amazon & Co. oder auch von kleineren innovativen Playern, die dann von den Großen aufgekauft werden. „Amazon killt als erstes das klassische Retail“, so Veit, „und als zweites killt es das Branding“, und zwar, indem Amazon für die angebotenen Produkte eigene Marken positioniert. Damit kann ein erheblicher Strukturbruch einhergehen, da die Marge, die normalerweise mit der Marke verbunden ist, vom Hersteller zum Verteiler (Amazon & Co) übergeht. Bereits heute werde deshalb in den USA Retail schon „extrem hinterfragt“. Das zeigen die Bewertungen. In anderen Märkten dürfte das künftig nicht anders laufen. Indessen heißt das nicht, dass Amazon unbedingt in den Wachstums-Portfolios enthalten sein muss. Denn die Bewertung sei derzeit „sehr sportlich“, so Veit.

Im Industriesegment sieht die Entwicklung etwas anders aus. Da geht die Digitalisierung dahin, dass mithilfe riesiger Computerkapazitäten – Beispiel BASF – Prozesse und Entwicklungen simuliert werden, um damit das Entwicklungstempo zu beschleunigen – über das Maß hinaus, das in den Labors und den realen Produktionsprozessen möglich ist. Verständlich, dass mittelständische Unternehmen da kaum mithalten können. „Der deutsche Mittelstand“, so Walk hinkt in der Digitalisierung weit hinterher. Das widerspricht der These, dass Deutschland führend ist in der industriellen Digitalisierung.“

Im Mobilitätsbereich – Automobile – kommen Einflüsse aus zwei Richtungen zusammen, Digitalisierung und Energie. Der Preisrückgang von Batterien wurde hier zum Teil erheblich unterschätzt. Hinzu kommt der Druck vonseiten Emissionen und Regulierung. Marktdynamik sieht Veit dabei hauptsächlich in USA und China. Allerdings investiert Metzler nicht in Tesla. Investiert werde vielmehr in ein Unternehmen wie Infineon, das Halbleiterprodukte für E-Autos liefert oder entwickelt. Und deutsche E-Autos? Den deutschen Autobauern stellt Veit eine ungünstige Prognose. Zwar werde die deutsche Automobilindustrie wahrscheinlich immer noch die besten Autos bauen, aber die Marge werde geringer, weil die Unternehmen nur noch die Hardware herstellen. Die Software komme von Google oder anderen – und die verdienen das Geld. Der Markenname verliere somit an Glanz.

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