Aktien aus den Schwellenländern bleiben attraktiv. Doch bei den Favoriten in der dpn-Umfrage gibt es einen großen Umbruch in der Gunst der Asset Manager. Dieser spiegelt sich auch in den Portfolios der Investoren wider.

So sieht ein Abstieg aus: Vor zwei Jahren zählten noch 14 Asset Manager Brasilien zu den aussichtsreichsten Schwellenländern. Das reichte ganz klar für den Spitzenplatz in der dpn-Umfrage „Emerging Markets“. Doch bereits 2011 kam Brasilien nur noch auf acht Nennungen. Und in der diesjährigen Erhebung stürzt die Samba-Nation endgültig ab.

Gerade einmal vier Asset Manager stimmten noch für das Land – und dies zwei Jahre vor der Fußball-WM und vier Jahre vor den Olympischen Sommerspielen am Zuckerhut. Häufig geben solche großen Ereignisse dem veranstaltenden Land wirtschaftlich einen kräftigen Schub nach vorne.

Der Abstieg Brasiliens ist bezeichnend für den Umbruch, der sich derzeit unter den Emerging Markets vollzieht. Das größte Land Lateinamerikas steht für das „B“ in BRIC. Eingeführt hatte diese Abkürzung vor rund zehn Jahren Jim O’Neill, der damalige Chefvolkswirt von Goldman Sachs.

Die Bedeutung von BRIC nimmt damit weiter ab.

Überraschend ist die Wucht des Umbruchs unter den Emerging Markets. Insgesamt äußerten sich in diesem Jahr 25 Asset Manager über ihre Favoriten für den größten Entwicklungssprung in den nächsten fünf Jahren – fast so viele wie vor zwei Jahren. Dennoch verloren drei der vier BRIC-Staaten in diesen zwei Jahren deutlich an Beliebtheit: Brasilien weist zehn Nennungen weniger auf, Indien fünf Nennungen, China vier Nennungen. Nur Russland konnte sich leicht steigern (plus eine Nennung).

Auch die relativen Gewinne der neuen Stars unter den Emerging Markets fallen deutlich aus. Sowohl die Philippinen als auch Mexiko gewinnen gegenüber 2010 gleich fünf Nennungen hinzu, die Türkei immerhin noch drei. Nur Indonesien schneidet etwas schlechter ab (minus eine Nennung).

Der Umbruch unter den Schwellenländern spiegelt sich auch in den Portfolios der Investoren wider. „Vor einigen Jahren lag der Schwerpunkt unserer Emerging-Markets-Aktien noch in den BRIC-Staaten“, berichtet Wolfram Gerdes, Vorstand der KZVK Rheinland-Westfalen. „Inzwischen sind wir breiter aufgestellt. Wir orientieren uns dabei am MSCI Emerging Markets.“ Dieser enthält Aktien aus rund 20 Ländern.

Die sogenannten Frontier Markets–Schwellenländer aus der dritten Reihe wie Vietnam oder Nigeria – lässt die KZVK jedoch außen vor. „Diese Länder bieten oft weniger Rechtssicherheit als die etablierteren Staaten unter den Emerging Markets“, erläutert Gerdes die Entscheidung, die auch aus Gesprächen mit anderen institutionellen Anlegern resultierte. „Außerdem ist in einigen dieser Länder Korruption ein Thema.“ Zudem hält der KZVK-Vorstand die Frontier Markets zumindest teilweise von den Interessen der Sales-Leute getrieben: „Diese brauchen eine neue Investment-Story, um Fonds mit hohen Gebühren verkaufen zu können.“

So kritisch Gerdes die Frontier Markets auch sieht – an den Zukunftsperspektiven der Emerging Markets insgesamt zweifelt er nicht: „Durch Investments in diesen aufstrebenden Märkten lässt sich der Generationenvertrag ausweiten, denn die Bevölkerung vieler Schwellenländer ist im Schnitt vergleichsweise jung.“ Für ihn bleiben daher Anlagen in den Emerging Markets attraktiv – und zwar sowohl die Anleihen als auch die Aktien.

Die Umfrageteilnehmer halten die Emerging Markets Investments ebenfalls für aussichtsreich. Sie bewerten dabei die Anleihen aus den Schwellenländern noch etwas besser als die Aktien. Auf Sicht der kommenden drei Jahre vergeben sie für die Bonds im Schnitt eine Schulnote von 1,9. Die Dividendenpapiere kommen auf eine 2,2 – also ein knappes „Gut“.

Doch während bei den Anleihen die Beurteilung der Zukunftsaussichten schlechter ausfällt als die Bewertung der vergangenen drei Jahre, verhält es sich bei den Aktien genau umgekehrt. Die Schwächephase der Dividendenpapiere aus den Emerging Markets in den vergangenen zwei Jahren wird sich nach Ansicht von sechs Asset Managern nicht fortsetzen. Baring, Frankfurt Trust, HSBC, Investec, Swiss & Global und die Union Investment vergeben für die Zukunft der Schwellenländeraktien jeweils bessere Schulnoten als für die Vergangenheit. Investec geht dabei sogar gleich zwei Stufen nach oben.

Dagegen erwarten mit J.P. Morgan und Pioneer nur zwei Gesellschaften ein schlechteres Abschneiden in den kommenden drei Jahren. Besonders Pioneer ist skeptisch. Der Asset Manager vergibt bei der Frage „Wie werden sich Emerging-Markets-Aktien-Ansätze in den kommenden drei Jahren bewähren?“ nur eine Vier, also ein „Ausreichend“.

Zu den Emerging Markets, die in den vergangenen drei Jahren besonders stark gelitten haben, zählt China. Die Aktien im Reich der Mitte verloren – je nach Index – rund ein Viertel bis ein Drittel ihres Wertes. Befürchtungen über einen Wachstumseinbruch in China drückten auf die Kurse.

Nicolas Schlotthauer teilt diese Ängste nicht. Der Head of Emerging Markets Debt bei DB Advisors hat über die Unternehmens- und Bankenreform in China promoviert. Für ihn stimmt der langfristige Trend beim Strukturumbruch im Reich der Mitte. Dass die Konjunkturdaten zeitweilig auch einmal enttäuschen, irritiert ihn nicht. „Die Feinsteuerung der kurzfristigen Wirtschaftsindikatoren kann nicht immer optimal ausfallen“, so der Volkswirt.

Gleichwohl beobachtet er ein Umsteuern nach den massiven Konjunkturspritzen im Jahr 2009 und dem dadurch ausgelösten Boom. Schlotthauer: „Die Investitionen in Infrastruktur erfolgen inzwischen ausgewogener und wesentlich breiter in der Fläche. Für diese vorsichtigere Politik ist man auch bereit, ein etwas niedrigeres reales Wachstum in Kauf zu nehmen. Trotzdem wird es im nächsten Jahr nicht zu einem massiven Wachstumseinbruch kommen.“

Fast alle Umfrageteilnehmer sehen dies ähnlich. 24 der 27 Asset Manager lehnten die These ab: „Schlechte Nachrichten aus China werden innerhalb der nächsten drei Jahre einen Crash an den globalen Aktienmärkten auslösen“ (siehe Abbildung 4 auf Seite 33). Zwei nahmen keine Stellung. Nur Frankfurt Trust befürchtet eine
solche Entwicklung.

Der insgesamt optimistische Ausblick der Asset Manager für die Schwellenländeraktien schlägt sich auch in ihren Schätzungen für die durchschnittliche Emerging-Markets-Quote institutioneller Anleger in drei Jahren nieder. Am häufigsten – elfmal – nannten sie
die Größenklasse 10,1 bis 20,0 Prozent. Insgesamt acht Gesellschaften gehen dagegen nur von 5,1 bis 10,0 Prozent aus. Das entspricht ungefähr der aktuellen Quote. Das Investor Screening 2012 der Rating-Agentur Telos und des Beratungsunternehmens Homburg & Partner beziffert den Anteil der Emerging-Markets-Aktien am Vermögen der rund 300 befragten institutionellen Anleger auf ein Prozent. Die gesamte Aktienquote beträgt 13 Prozent. „Dies entspricht einer Emerging-Markets-Quote am Aktienanteil von knapp acht Prozent“, rechnet Telos-Geschäftsführer Frank Wehlmann vor.

Einen richtig großen Sprung erwarten nur zwei Gesellschaften: Comgest setzt die durchschnittliche Schwellenländerquote bei den Aktien auf 20,1 bis 30 Prozent an. Edmond de Rothschild geht sogar von mehr als 30 Prozent aus. Auf diesem Niveau liegt auch der Anteil der Emerging Markets an der weltweiten Wirtschaftsleistung: Aktuell sind es ungefähr 36 Prozent. Und in den nächsten Jahren wird er aller Voraussicht nach weiter steigen.

Institutionelle Anleger gehen bei der Gewichtung der Emerging-Markets-Aktien sehr unterschiedliche Wege, erfuhr dpn in Hintergrundgesprächen mit Investoren. Eine mittelgroße Versicherungsgesellschaft meidet sie zum Beispiel ganz. Das Unternehmen sieht in einer Beimischung von Titeln aus den Schwellenländern angesichts einer ohnehin sehr niedrigen Aktienquote keinen Sinn. Dagegen weisen bei einer ebenfalls mittelgroßen Altersversorgungseinrichtung bereits 40 Prozent der gehaltenen Aktien einen Bezug zu den Emerging Markets auf: entweder direkt, weil sie von dort stammen, oder indirekt, weil die Unternehmen ihren Hauptsitz zwar in einer Industrienation haben, aber auch in den Schwellenländern tätig sind oder in einem starken Ausmaß dorthin exportieren.

Die Pensionskasse der Wacker Chemie berücksichtigt die Dividendenpapiere aus den aufstrebenden Märkten sogar noch stärker: „Mit ungefähr vier Prozent – also etwa der Hälfte unserer aktuell effektiven Aktienquote von rund acht Prozent des Anlagevermögens“, berichtet Gunar Lietz, Leiter Kapitalanlagen der Pensionskasse.

Diesen hohen Schwellenländeranteil bei den Aktien hat allerdings auch die Pensionskasse des international tätigen Unternehmens nicht von einem Tag auf den anderen aufgebaut. „Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Erst ein bisschen Asien. Dann wurde es immer breiter. Und schließlich hat sich ein eigenes Segment ‚Emerging Markets‘ daraus entwickelt“, schilderte Lietz beim dpn-Roundtable „Emerging Markets“ die schrittweise Entwicklung.

Auch Nokia Siemens Networks investiert einen Teil der Aktienquote von derzeit sieben Prozent in die Schwellenländer. Der Emerging-Markets-Anteil beträgt rund ein Drittel. Das Unternehmen hat dabei einen passiven Investment-Ansatz gewählt. „Wir glauben nicht an das Alpha der aktiven Manager“, erklärt Thomas Friese, Head of Global Pension Management. Überzeugen lassen würde er sich davon allerdings schon – wenn ihm der Asset Manager bei der Gebührenstruktur entgegenkäme. „Wir haben allerdings noch keine Gesellschaft gefunden, die ein solches Mandat für eine Fixgebühr auf dem Niveau eines passiven Ansatzes und eine Beteiligung am erzielten Alpha übernimmt.“

Dabei sind die Gesellschaften, die an der dpn-Umfrage teilnahmen, fast restlos von den Fähigkeiten aktiver Manager überzeugt. Nur Bayern Invest widersprach der These „Bei den Emerging-Markets-Aktien lohnen sich für die langfristige Anlage (hier: über fünf Jahre) aktiv gemanagte Portfolios eher als passiv gemanagte“.

Dass die Konkurrenz durch die passiven Investments auch bei den Schwellenländeraktien zunehmen wird, erwarten allerdings immerhin sechs Gesellschaften. Allianz Global Investors, Amundi, DB Advisors, Edmond de Rothschild, Frankfurt Trust und Raiffeisen Capital Management stimmten der Aussage zu: „Der Siegeszug der ETFs wird sich bei den Emerging-Markets-Aktien fortsetzen.“

Doch auch jetzt schon lässt sich ein Siegeszug bei den Managern für die Dividendenpapiere aus den Schwellenländern beobachten: Zum dritten Mal in Folge kommt Aberdeen auf die meisten Nennungen als „größter Wettbewerber“ bei den Emerging-Markets-Aktien.
In diesem Jahr nahmen sogar mehr Gesellschaften als je zuvor die Gesellschaft als einen der drei schärfsten Konkurrenten bei den Dividendenpapieren aus den Schwellenländern wahr. Aberdeen kam bei dieser Frage auf sieben Nennungen.

Das starke Interesse an den Produkten des Asset Managers macht sich inzwischen gleich mehrfach bemerkbar: Aberdeen schloss nicht nur einige Emerging-Markets-Aktienfonds für neue Investoren, sondern beschränkte außerdem seine Antworten in der dpn-Umfrage erstmals auf die Anleihen aus den Schwellenländern: „Da wir aktuell den Mittelzufluss in Emerging Markets Equities begrenzen wollen, haben wir zu diesem Thema keine Fragen beantwortet.“

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