16.10.2018 | Von DR. ECKHARD BERGMANN

J.P.Morgan setzt auf soft Brexit

Wie sehen die Briten die Aussichten für einen geregelten Ausstieg aus der EU – kurz vor dem entscheidenden EU-Gipfel Ende Oktober? Inwieweit ist ein soft Brexit möglich? Antworten von Karen Ward und Michael Bell von J.P.Morgan Asset Management anlässlich der „International Media Tour 2018“ in London.

Nach dem kürzlichen Parteitag der Konservativen Partei scheint eines relativ unumstritten: Ein No-Deal ist keine Option. Ein irgendwie gearteter Deal ist besser als ein ungeregelter Ausstieg.

Was Brexit dabei für die britische Regierung im Kern bedeutet, lässt sich in 5 zentrale Forderungen zusammenfassen, erläuterte Karen Ward, die bei JPMorgan Chief Market Stategist for UK and Europe ist, aber noch bis vor kurzem als Economic Adviser beim Finanzministerium (Chancellor of the Exchequer) fungierte, zuständig u.a. für Fragen des Brexit. Sie weiß also, worüber sie spricht.

Die Forderungen sind:

1) Leaving the EU … but no border on Ireland.

2) Free flow of trade in goods, services, capital … but control of migration.

3) British law made in British Courts.

4) No substantial payments to the EU and

5) Free trade agreements with non-EU countries.

Die Forderungen 3, 4 und 5 sind dabei nicht das wesentliche Problem, da darüber grundsätzlich Einigkeit zwischen London und Brüssel besteht, auch wenn diese Forderungen erst nach einer Übergangsfrist, nicht unmittelbar nach der formellen Austrittsvereinbarung im Frühjahr nächsten Jahres erfüllbar sind.

Zollunion …

Essentials sind aber die beiden ersten Forderungen, über die bislang noch keine Einigkeit erzielt werden konnte. Für einen Deal, bei dem in Irland praktisch eine (Handels-)Grenze entstünde, würde die Regierung in keinem Falle eine Zustimmung erhalten, betont Michael Bell, Global Market. Die einzige Lösung dafür wäre eine Zollunion. Dafür wird Theresa May kämpfen, meint Bell, um das Problem in Irland zu lösen. Dies ist wahrscheinlich der einfachere Verhandlungspunkt auch für die EU. Denn eine Zollunion ist separat, für sich machbar. Allerdings, so Bell, würden auch darüber schon Teile des britischen Parlaments „ziemlich unglücklich“ sein. Die Kalkulation der JPM-Manager ist aber, dass die Parlamentarier eine Ablehnung nicht riskieren werden, da dann nur noch zwei Optionen für die Regierung zur Verfügung stünden, entweder ein neues Referendum in der Hoffnung, einen Brexit ganz zu vermeiden, oder eine Neuwahl mit dem Risiko eines Machtwechsels. Diese Optionen kämen für die Konservative Partei der Wahl zwischen Scylla und Charybdis gleich.

… plus Kooperationsvereinbarungen im Handelsverkehr

 Viel kritischer noch ist aber das Thema Handelsunion. Die britische Regierung möchte die Teilnahme am freien Güteraustausch in der EU, aber Freiheiten im Dienstleistungsverkehr, insbesondere die Kontrolle über den Personenverkehr – dies ist für sie der „Knackpunkt“. Für die EU gehören in der Handelsunion aber Güter- und Dienstleistungsverkehr zusammen. Ein „Auseinanderdividieren“ der Handelsunion ist für sie unannehmbar. Dennoch sehen Ward und Bell Spielräume für eine Art pragmatischer „Kooperationsvereinbarung“, die die europäische Freihandelsunion nicht in Frage stellt. Hintergrund dafür sind die hohen Überschüsse der EU-Länder im Güterhandel mit Großbritannien. Ein No-Deal würde die EU daher härter treffen als die Briten, so das Kalkül, und sie insoweit zu Zugeständnissen bereit machen. Vorhandene Modelle wie die Vereinbarungen mit Norwegen oder der Schweiz dürften aber dafür nicht geeignet sein, da sie anders gelagert sind. Es müsste sich um Vereinbarungen handeln, die den gegenseitigen Interessen Rechnung tragen. Dazu sollten teilweise auch Dienstleistungen gehören, die im gegenseitigen Interesse liegen. In diesem Bereich hat Großbritannien deutliche Überschüsse gegenüber der EU. Dennoch geht man bei JPMorgan diesbezüglich nicht von einer geringeren Verhandlungsbereitschaft der EU aus, da viele Dienstleistungen in engem Zusammenhang mit dem Güterverkehr stehen.

Mit dieser pragmatischen Soft-Brexit-Lösung würden die Schäden des Austritts auf beiden Seiten abgemildert und in Grenzen gehalten. Ihr Vorteil wäre, dass sie in jedem Falle für beide Seiten besser ist als ein No-Deal und überdies einen sonst unvermeidlichen politischen Kollateralschaden verhindern könnte. Allerdings muss sich die Machbarkeit einer solchen Lösung noch erweisen. Insofern könnten sich die Detailregelungen hinziehen.

Kaum Beeinträchtigungen des AM-Geschäfts

Für die Asset-Management-Branche und damit für das eigene AM-Geschäft erwarten die JPMorgan-Manager ohnehin kaum Beeinträchtigungen. Denn an den wesentlichen Kundenstandorten quer über Europa sind bereits eigene Filialen und Tochtergesellschaften eingerichtet. Möglicherweise muss Personal an die Standorte auf dem europäischen Kontinent verlagert werden. Aber das sieht JPMorgan nur als einen „modest change“. Überdies, so Bell, sind UCITS inzwischen schon ein global etabliertes Instrument. Und UCITS-Manager gebe es auch außerhalb der EU. JPMorgan ist sich insofern sicher, dass es keinen disruptiven Brexit für das Geschäft mit den Kunden geben wird.

Was den Zugang für Menschen aus der EU nach Großbritannien angeht, sieht Bell ebenfalls einen „soften“ Ausgang. Der Verbleib der bislang Zugezogenen ist ja bereits von der Regierung zugesagt. Und auch nach dem Austritt erwartet Bell in der Zuzugspolitik gegenüber Europa einen weiter pragmatischen Kurs, der sich möglicherweise nach dem qualitativen Bedarf des eigenen Arbeitsmarkts richtet.

Fazit: Von den Verhandlungen zwischen London und Brüssel erwarten die Briten keine in Stein gemeißelten Austrittsgesetze, sondern softe, pragmatische Kooperationsvereinbarungen.

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