Staatsfonds horten Billionen. Doch was sie damit machen, ist meist wenig transparent. Bernhard Raos hebt den Schleier.

Hin und wieder landen Wirtschaftsmeldungen auch in der Gesellschafts-Rubrik.  Wenn etwa das mondäne „Beverly Hills Hotel“ mitten im Stadtgebiet von Los Angeles plötzlich von Prominenten boykottiert wird. Stars wie Marilyn Monroe, Frank Sinatra oder Faye Dunaway nächtigten und feierten hier, doch nun werden in der Luxusbleibe reihenweise Zimmer storniert und Veranstaltungen abgesagt.

Schuld ist ein religiös-politischer Entscheid von Hassanal Bolkiah, Sultan von Brunei und Besitzer des Beverly Hills Hotels. Der allgewaltige Herrscher hat in seinem fernöstlichen Reich ein neues Strafrecht eingeführt, das sich an die islamische Scharia hält und etwa Trunkenheit mit 40 Peitschenhieben sanktioniert oder für Ehebrecher gar die Steinigung bis zum Tode verlangt. Das ist gar nicht Hollywood-like. Das Promi-Hotel in Beverly Hills gehört zur „Dorchester Collection“, der Hotelkette des Sultans, die wiederum der Brunei Investment Agency einverleibt ist, dem 40 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds des kleinen Ölstaates. Weil das Investment-Vehikel nur den Gesetzen des Herrschers gehorcht, fungiert es auf dem Linaburg-Maduell Transparency Index mit einem von zehn Punkten am Schwanz der Tabelle.

Ganz oben auf der Transparenz-Skala rangiert mit zehn Punkten der Norges Bank Investment Management, aslo der norwegische Staatsfonds, und mit 838 Milliarden US-Dollar an Vermögen (Stand April 2014) zugleich der weltweit größte Fonds dieser Art. Monatlich werden es ein paar Milliarden mehr. Während arabische und asiatische Staatsfonds nur spärlich Einblick gewähren, machen die Norweger aus ihren Investments kein Geheimnis. Volle Transparenz ist gewährleistet. Institutionelle Investoren erfahren so, wie der Gigant tickt. Zurzeit fließen dem norwegischen Fonds aus den Öl- und Gaseinnahmen des Landes jährlich rund 250 Milliarden Kronen zu, was 30 Milliarden Euro entspricht. Noch für weitere 20 Jahre rechnen die Norweger mit solchen Geldflüssen. Die Regierung kann den Fonds beschränkt anzapfen – bis maximal 4 Prozent des Staatsbudgets. Um auf das Leben nach dem Rohstoff-Boom vorbereitet zu sein, haben die Norweger bereits in den 90er Jahren ihren Staatsfonds gegründet und die Asset Allocation im Verlauf der Zeit angepasst: Seit 1998 wird in Aktien investiert, Anlagen in Schwellenländern kamen im Jahre 2000 hinzu und 2011 wurde um den Sektor Immobilien erweitert.

Zuletzt war der Fonds zu 61 Prozent in Aktien, 37 Prozent in Anleihen und 1 Prozent in Immobilien investiert. Das Aktiendepot gilt als das größte der Welt – 1,3 Prozent der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung und rund 2,5 Prozent aller europäischen Equity-Titel sind dem norwegischen Staat zuzurechnen. Würde Fondsmanager Yngve Slyngstad in größerem Umfang umschichten, könnte er schon wegen der schieren Masse die Kurse bewegen.

Doch Slyngstad operiert mit ruhiger Hand. Seit 2008 hat er beim Fonds das Sagen und in vier von fünf Jahren schlug er den breiten Markt. Letztes Jahr schaffte der Fonds eine Performance von 15,9 Prozent, das zweitbeste Resultat seit Auflage. Es ist vor allem der guten Aktienentwicklung geschuldet – das Aktiendepot legte um über 26 Prozent zu und fing die Schwäche bei den Anleihen auf, die mit 0,1 Prozent nur marginal rentierten. Wobei der Fonds hier vom Marktkapitalisierungsansatz abweicht, um das Risiko zu senken. Auf längere Sicht wachsen auch die Bäume in Norwegen nicht in den Himmel: Seit dem Start Ende der 90er Jahre hat der Fonds insgesamt einen Durchschnittsertrag von knapp unter 4 Prozent erzielt, was unter der Zielvorgabe liegt.

Welches sind die größten Aktienpositionen im norwegischen Staatsfonds? Nach absolutem Betrag sind dies europäische Schwergewichte wie der Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der Ölkonzern Royal Dutch, das Pharmaunternehmen Novartis, die Bank HSBC und der Telekomkonzern Vodafone. Die Positionierung ist wenig überraschend, gelten doch alle fünf Werte als zuverlässige Dividendenbringer.

Auch deutsche Aktien sind im Universum von über 8.000 Titeln aus 82 Ländern gut vertreten. Laut aktuellem Jahresbericht sind die Norweger in über 200 deutschen Aktien investiert. Umgerechnet 2,4 Milliarden Euro macht das Engagement in Daimler und BASF aus, 1,8 Milliarden sind in Siemens-Papieren und 1,7 Milliarden im BMW angelegt.

Interessant auch ein Blick auf jene Werte, wo der norwegische Staatsfonds einen besonders hohen Anteil besitzt. In den Anfängen des Fonds galt eine Limite von maximal 2 Prozent, um das Vermögen möglichst breit zu streuen. Diese Obergrenze wurde mittlerweile auf 10 Prozent angehoben und bei 45 Unternehmen ist Norwegen zurzeit mit über 5 Prozent beteiligt. Spitzenwert nach dieser Kategorie ist mit 9,4 Prozent die Simurfit Kappa Group, ein Verpackungshersteller aus Irland. Hohe  Beteiligungen von über 9 beziehungsweise gut 8 Prozent bestehen auch an zwei Immobilienfirmen, der niederländischen Eurocommercial Properties und der britischen Great Portland Estates.

Auf der Liste mit den hohen Quoten rangieren auch deutsche Unternehmen. So halten die Norweger 6,8 Prozent an Deutsche Wohnen, 5,4 Prozent an Deutsche Annington – beides ebenfalls Immobilienaktien. Knapp 5 Prozent sind es beim Dax-Konzern Linde, 4,4 Prozent beim IT-Dienstleister Bechtle und 4,3 Prozent beim Automobilzulieferer Leoni.

Was die Investorengemeinde aber mehr bewegt als die Beteiligungsquoten, ist die schwarze Liste jener Titel und Branchen, die nicht ins Norweger-Depot dürfen. Dazu wurde ein Ethikbeirat eingerichtet, der entsprechende Vorschläge macht. In der Regel folgen die Fondsverantwortlichen den ethischen Vor-gaben. Die Empfehlungen werden jeweils auf der Homepage des Finanzministeriums veröffentlicht.  Untersagt sind Investments in Unternehmen, welche Menschenrechte verletzen oder die Umwelt über-mäßig belasten. Der Bann trifft ferner Tabakfirmen und Rüstungskonzerne.

Im letzten Jahr hat der norwegische Staatsfonds seine Beteiligungen an Bergbaukonzernen massiv zurückgefahren – um bis zu 75 Prozent. Verkauft wurden Anteile an den größten Goldförderern wie Anglo Gold, Ashanti, Newmont und Newcrest, aber auch an großen Erzproduzenten wie Anglo American, Yale und Peabody. Den Ausverkauf nehmen nicht alle Firmen widerspruchslos hin. So wehrt sich etwa der weltgrößte Rohstoffkonzern BHP Billiton gegen die Pläne der Norweger, die Kohlebeteiligungen aus Klimaschutzgründen abzustoßen. Norwegen selber setze ja auf fossile Brennstoffe und sein Fonds werde aus solchen Quellen gespiest. Tatsächlich haben die Norweger da ein Glaubwürdigkeitsproblem. Trotzdem gelten sie unter den Staatsfonds als Trendsetter und Leuchtturm in Sachen Nachhaltigkeit, wie Patrick Wirth, Managing Director beim Engagement-Dienstleister GES (siehe auch das Interview auf der Seite 25.), bestätigt: „Bis heute hat der Fonds eine unerreichte Signalwirkung.“

Die wirtschaftliche Bedeutung der Staatsfonds insgesamt ist schon dank ihrer schieren Größe enorm. Die Datenbank des Sovereign Wealth Fund Institute (SWF) listet aktuell 72 Staatsfonds auf, die über ein Anlagevolumen von 6,37 Billionen Dollar verfügen (siehe Abbildung auf der Seite 23). Das entspricht rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA.

Als Staatsfonds werden Fonds bezeichnet, die Kapital im Auftrag eines Staates anlegen und verwalten. Die Abgrenzung zu staatlichen Pensionsfonds ist dabei oft schwierig. Was die Geldsammler mit den Billionen genau tun, ist zudem sehr verschieden – der Internationale Währungsfonds spricht von einer „Vielzahl makroökonomischer Ziele“. Quantitativ hat das SWF-Institut für 2013 unter anderem 1.883 Direkt-Investments erfasst, die sich auf ein Gesamtvolumen von 66 Milliarden US-Dollar summierten. Demnach haben sich die Transaktionen seit 2011 mehr als verdreifacht. Gut jede vierte Transaktion entfiel dabei auf Immobilien-Investments. Es folgten Direktinvestitionen in Finanzgesellschaften mit 17 Prozent und größere Engagements in den Sektoren Material, Energie und Versorger.

Interessanter wird es, wenn man wie beim norwegischen Staatsfonds näher hinschaut. Beispielsweise auf die Herrscherfamilie aus dem kleinen Golfstaat Katar, der sich über seine diversen Fonds und Investmentgesellschaften groß in Europa engagiert. Die Transparenz ist zwar besser als beim Sultan von Brunei, aber die Grenzen zwischen dem Staatsfonds Qatar Investment Authority und anderen Anlagevehikeln sind fließend. So leisten sich die Scheiche unter anderen das illustre Investment in den Fußballclub Paris Saint-Germain und pumpen offiziell über die katarische Tourismusbehörde jährlich 200 Millionen Euro in den Verein um die sündteure Galionsfigur Zlatan Ibrahimovic.

Mit gut zwei Milliarden Euro hat sich kürzlich die Paramount Service Holding an der Kapitalerhöhung der Deutschen Bank beteiligt. Die Investmentgesellschaft gehört dem katarischen Scheich Hamad bin Jassim bin Jabor Al-Thani, in der Finanzwelt unter dem Kürzel HBJ ein Begriff und zuvor auch verantwortlich für den Staatsfonds Katars. Dazu wiederum gehört die Beteiligungsgesellschaft Qatar Holding, die mittlerweile Engagements in rund 30 Ländern hält. In Deutschland sind dies bedeutende Anteile am Autokonzern Volkswagen (17 Prozent der Stammaktien) sowie am Essener Baukonzern Hochtief (10 Prozent) und am Technologiekonzern Siemens (3 Prozent).

Aktiv ist Katar auch in Großbritannien, wo ihnen dass Nobelkaufhaus Harrods zu 100 Prozent gehört. An der Supermarktkette Sainsbury’s sind die Scheiche mit 25,2 Prozent beteiligt. 20 Prozent sind es bei der Flughafengesellschaft Heathrow und 15,4 Prozent beim Börsenbetreiber London Stock Exchange sowie 5 Prozent bei der Barclays Bank. In Frankreich ist der Staatsfonds am Medienunternehmen Lagardère (13 Prozent) beteiligt, besitzt 2 Prozent des Erdölkonzerns Total und 1 Prozent des Luxusgüterkonzerns LVMH. Auf der Investment-Liste stehen weiter das spanische Versorgungsunternehmen Iberdrola (8,1 Prozent), der schweizerisch-britische Rohstoffkonzern Glencore Xstrata (8,7 Prozent), die schweizerische Großbank Credit Suisse oder auch der TV-Sender Aljazeera (100 Prozent).

Als Investoren sind die katarischen Scheichs bei den Unternehmen hochwillkommen, weil sie sich in der Regel nicht ins operative Geschäft einmischen und sich als langfristige Anleger verstehen. Dass sie aber auch Kasse machen können, haben sie mit ihren Beteiligungen an Porsche und Volkswagen gezeigt. Der Verkauf des Porsche-Pakets brachte rund 500 Millionen Euro  und der Teilverkauf der Volkswagen-Vorzugsaktien gar 750 Millionen Euro. Dazu kommen aktuell noch Buchgewinne von rund 8 Milliarden Euro aus dem VW-Anteil – wahrlich ein goldenes Investorenhändchen.

Während Katar also einen eher opportunistischen Anlagestil pflegt und laut einer Untersuchung der Beratungsgesellschaft McKinsey oft wie ein Start-up agiert, macht etwa China mit seinen Staatsfonds gezielt Wirtschaftspolitik. Im Mittelpunkt stehen dabei die Rohstoffstrategie des Reichs der Mitte und die Sorge um die eigene Versorgungssicherheit. China fördert zwar selber viele Rohstoffe, kann aber im Land seine eigene Nachfrage nicht befriedigen. Deshalb werden Rohstoffreserven aufgebaut und es wird direkt in ausländische Rohstoffvorkommen investiert.

Konkret: Kürzlich hat Glencore Xstrata seine peruanische Kupfermine Las Bambas an eine Tochterfirma des staatlichen chinesischen Rohstoffkonzerns Minmetals für 6 Milliarden Dollar verkauft und der staatliche Agrakonzern Cofco hat sich Mehrheiten des Hongkonger Rohwarenhändlers Noble Group und am niederländischen Händler Nidera gesichert. Das passt zur Strategie, wobei chinesische Staatsunternehmen nicht nur die gesamte Wertschöpfungskette bis zum Endkunden abdecken, sondern sich bei den Investments absprechen. So treiben sie nicht gegenseitig die Preise hoch. Gleichzeitig weiß China seine Interessen zu schützen, wo das Land selber Hauptproduzent von Rohstoffen ist. Wie bei Seltenen Erden, wo der Staat ungeniert Exportbeschränkungen erlässt, um seine Produzenten zu bevorzugen.

Ins Konzept passt, dass der Börsenbetreiber Honk Kong Exchanges and Clearing die Londoner Rohwarenbörse LME übernommen hat. Das ist der wichtigste Handelsplatz für Metalle. Die „Neue Zürcher Zeitung“ warnt denn auch: „Ein staatlicher Wettlauf um Rohstoffe schadet dem Markt und damit insgesamt der effizienten Versorgung mit Rohstoffen.“

Während China auf Rohstoffe und Industriebeteiligungen setzt – nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young kaufte sich China seit 2011 beispielsweise in jeweils mehr als 20 deutsche Unternehmen ein –, greifen die Staatsfonds der Golfstaaten gezielt nach der Luftfahrtindustrie. Die Einkäufe in Europa sind Teil einer Industriepolitik, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten forciert wird. Damit wollen diese Staaten unabhängiger vom Erdölexport werden. Sie investieren auch unter dem Blickwinkel von Arbeitsplätzen, die sie in den Sektoren Tourismus und Airlines schaffen. So entsteht in Dubai die weltweit größte Verkehrsdrehscheibe, wo ein bedeutender Teil des Langstreckenflugverkehrs abgewickelt werden soll. Diese Trumpfkarte wollen die Golfstaaten einsetzen, um internationale Firmen anzulocken. Nach Schätzungen von Andreas Wittwer, Luftfahrtexperte an der Universität Sankt Gallen, haben die durch ihre Staatsfonds gestützten Airlines wie Emirates oder Etihad dank tieferer Steuersätze, Abgaben und Löhne gegenüber den europäischen Airlines einen Kostenvorteil „von mindestens 20 Prozent“. Zudem kann am Golf auch in der Nacht geflogen werden. Von 2000 bis 2012 sind die Fluggesellschaften im Nahen Osten um fast 350 Prozent gewachsen. Anders als ihre Konkurrenz müssen Golf-Airlines offenbar nicht per se rentabel operieren, sondern die Basis legen, dass die Region zum internationalen Knoten für Handel, Verkehr, Kommunikation und Finanzen wird. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Sankt Gallen über die Zukunft der Luftfahrt weltweit.

Staatsfonds sind vielerorts auch Diener vieler Interessen und fungieren als Feuerwehr. In der  Wirtschaftskrise der letzten Jahre haben Regierungen ungeniert in die Kassen ihrer Fonds gegriffen, um kurzfristig Finanzierungslücken zu stopfen oder die nationale Wirtschaft zu stützen. Auch noch in jüngster Zeit: So hat kürzlich Kasachstan einen seiner milliardenschweren Staatsfonds angezapft, um die heimischen Banken mit 5,4 Milliarden Dollar zu alimentieren. Oder Irland, das gar 33 Milliarden aus dem Staatsfonds nahm, um seine Banken vor der Pleite zu bewahren. Ein weiteres Beispiel ist der kuwaitische Staatsfonds, der mitten in der Wirtschaftskrise 2008/2009 den Kursverfall der nationalen Aktienbörse mit Käufen im Umfang von über 5 Milliarden Dollar bremste.

Solche Hauruck-Aktionen bergen nicht nur die Gefahr, dass das Geld für die eigentlich geplanten Ausgaben fehlt. Sie beeinflussen auch die Investitionsentscheidungen der staatlichen Fondsmanager. Diese werden verleitet, die Asset Allocation so anzupassen, dass Anlagen schnell zu versilbern sind. Notverkäufe bergen jedoch ein erhöhtes Risiko von Kursverlusten.

Es gibt zudem offene ordnungspolitische Fragen. Staatlich verwaltetes Volksvermögen weckt immer auch Begehrlichkeiten nach grösseren Gewinnausschüttungen und zur Stützung strukturschwacher heimischer Industrien. Eine heikle Gemengelage, weil damit auch die Unabhängigkeit der Zentralbanken tangiert wird. Vor allem in autoritär regierten Staaten bestehen zudem enge, nicht kontrollierbare personelle Vernetzungen zwischen Regierung, Staatsfonds, Zentralbank und Unternehmen. Und überall dort, wo Rendite nicht prioritär ist, leidet die Performance.

Wie stellen sich die Probleme und Investment-Herausforderungen der kommenden Jahre aus Sicht der Fonds-Verantwortlichen dar? Diese Optik hat der Research-Service von Financial-Times Remark im Auftrag von State Street im ersten Quartal 2014 untersucht und dazu 62 Vertreter von Staatsfonds, staatlichen Altersvorsorgeeinrichtungen und Zentralbanken befragt. Die Resultate: 38 Prozent nennen die Anpassung an steigende Zinsen als größte Sorge, knapp gefolgt von der Volatilität der Schwellenländer mit 37 Prozent. Die zunehmende Komplexität von alternativen Anlagen beschäftigt 25 Prozent der Befragten besonders stark.

Neue Governance-Strukturen – sprich mehr Transparenz – und das sich stark verändernde regulatorische Umfeld führen zu einem anderen Risikomanagement: 65 Prozent sehen darin eine große Herausforderung und 25 Prozent bezeichnen dies als ihre erste Priorität. Drei von vier Befragten bekunden Mühe, die sich ständig ändernden aufsichtsrechtlichen Vorschriften in ihre Prozesse zu implementieren. Wer ein flexibles Anlagemandat besitzt – die Ausgangslage ist da bekanntlich sehr unterschiedlich –, investiert verstärkt in neue Märkte und Asset-Klassen. Insbesondere im Raum Asien-Pazifik sehen 44 Prozent der Befragten das größte Problem darin, die diversen Risikoparameter zu managen.

Was die Staatsfondsmanager zudem umtreibt: 44 Prozent sorgen sich um die Liquiditätslage, weil sich Banken vermehrt aus Handelsgeschäften mit hohem Kapitalbedarf zurückziehen. Und jeder dritte befürchtet steigende Transaktionskosten. Das ist für die anderen institutionellen Investoren tröstlich: Auch wer Billionen von staatlichen Geldern verwaltet, kann die Regeln des Marktes nicht ganz aushebeln. n

Interview: 

„Der Norwegische Staatsfonds hat eine -hohe Prozessqualität“

 
Patrick Wirth, Managing Director des Engagement-Dienstleisters GES, zu vorbildlichen Investoren und mangelnder Transparenz.

Gibt es Staatsfonds, die sich zu Recht als nachhaltig bezeichnen?

Von den circa 40 bekannten Staatsfonds firmieren meines Wissens lediglich zwei mit dem Begriff Nachhaltigkeit: der norwegische Government Pension Fund sowie der New Zealand Superannuation Fund. Bezüglich Nachhaltigkeit sind Staatsfonds nicht anders einzustufen wie jeder andere Asset Owner auch. Sie firmieren zu Recht unter diesem Label, wenn das Konzept der Nachhaltigkeit in die Anlageprozesse integriert ist.

Was heißt das konkret?

Zusätzlich zu den traditionellen finanziellen Indikatoren sind auch materiell wichtige ESG-(Umwelt-, Sozial- und Corporate-Governance-)Faktoren zu berücksichtigen. Es wächst das Bewusstsein, dass verantwortungsvolles Geschäftsverhalten einen Einfluss auf das finanzielle Ergebnis haben kann – insbesondere auf längerfristige Sicht. Als Treiber werden dabei oft Aspekte wie Wahrnehmung der treuhänderischen Pflichten, effiziente Kapitalallokation, Sicherung der Reputation oder ganzheitliches Risikomanagement genannt.

Das ist wegen der schieren Größe vieler Staatsfonds anspruchsvoll.

Aufgrund ihrer Größe gilt für Staatsfonds wie auch für große Pensionsfonds, dass sie als „universelle Eigner“ sehr breit diversifiziert sind. Daher tun sie sich aus Gründen der Portfoliotheorie mit Desinvestitionen im größeren Umfang schwer. Folglich verwenden sie einen Engagement- Overlay, um ihr Portfolio dennoch anhand von ESG-Faktoren verbessern zu können.

Gibt es Fonds, die in Sachen Nachhaltigkeit vorbildlich operieren?

Das große Vorbild ist bestimmt der norwegische Staatsfonds. Dort existieren ethische Investitionsrichtlinien, welche zum Beispiel Investitionen in die Tabakindustrie oder in international geächtete Waffen verhindern. Auch Unternehmen, welche schwerwiegend und systematisch Menschenrechte missachten oder schwere Umweltschäden verursachen, können ausgeschlossen werden. Eine stringente Umsetzung dieser Richtlinien bei einer Größe von mehr als 600 Milliarden Euro sendet eine bis heute unerreichte Signalwirkung bezüglich Nachhaltigkeit an die Öffentlichkeit.

Hat das Breitenwirkung?

Dem norwegischen Staatsfonds kann man eine hohe Prozessqualität attestieren. Der Fonds führt einen konstruktiven Dialog mit Unternehmen und kann so deren Geschäftsverhalten positiv beeinflussen. Zahlreiche Finanzinstitutionen anerkennen die Vorgehensweise des norwegischen Staatsfonds und einige verwenden sogar die öffentlich publizierte Ausschlussliste des Fonds als Standard für die eigenen Anlageprozesse – allerdings ist das für die „Nachahmer“ eine reaktive Lösung ohne Rücksicht auf aktuell relevante ESG-Risiken.

Es gibt nur einen Leuchtturm?

Vorbildlich agiert auch der Fonds de compensation aus Luxemburg. Er verwaltet die Überschüsse der Rentenbeiträge und entspricht somit den Kriterien eines Staatsfonds. Vor knapp drei Jahren hat sich der Fonds de compensation Richtlinien auf Basis internationaler Standards wie zum Beispiel des UN Global Compact, der ILO Kernarbeitsnormen oder der Konventionen zu international geächteten Waffen auferlegt. Entsprechende Investitionen werden in allen Portfolios vermieden – sowohl in Aktien wie auch in festverzinslichen Anlagen.

Potente Staatsfonds aus Ländern wie China oder Katar machen auch Wirtschaftspolitik. Wie werten Sie diese Entwicklung?

Staatsfonds sollen ihre Anlageentscheide grundsätzlich wirtschaftlich und nicht politisch ausüben. Dies abzugrenzen stellt aber eine große Herausforderung dar. Zudem gibt es bei Staatsfonds große Unterschiede bezüglich Transparenz und wer welche Interessen verfolgt. Über gesetzliche Mechanismen, wie zum Beispiel das Außenwirtschaftsgesetz in Deutschland, können sich die Staaten vor unverhältnismäßigen oder fragwürdigen Investitionen absichern – umso mehr, wenn die Investitionen politisch geprägt sind und Abhängigkeiten verursachen. Problematisch wird es bei der Konstellation von Staatsfonds und Investitionen in Ländern mit wenig Rechtssicherheit oder mit Korruption.

Was ist davon zu halten, wenn europäische Banken sich mit Milliarden von Staatsfonds aus Ländern wie Katar mitfinanzieren?

Aus Sicht der Empfänger wurden dank diesen Milliarden einige taumelnde Banken vor der Insolvenz gerettet und Arbeitsplätze gesichert. Es handelt sich um längerfristige Beteiligungen im Umfang von weniger als 10 Prozent bei den entsprechenden Banken. Ich glaube, das ist positiv zu werten.

Braucht es unabhängige Expertengremien, die die Nachhaltigkeitskriterien für Staatsfonds festlegen und kontrollieren?

Nein. Gerade bei Staatsfonds wie auch bei staatlichen Vorsorgeeinrichtungen leiten sich die Nachhaltigkeitskriterien in der Regel von den internationalen Konventionen ab, die der jeweilige Staat ratifiziert oder unterzeichnet hat. Dabei werden oft die Bereiche Umwelt, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Korruption sowie international geächtete Waffen abgedeckt. Bei den wenigen beispielhaften Staatsfonds, die bis jetzt das Konzept der Nachhaltigkeit integriert haben, ist zugleich auch die Transparenz vorbildlich – ganz im Sinne von „Tue Gutes und rede darüber“. Natürlich braucht es dazu intern Ressourcen und Fachwissen.

„Nachhaltig“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Der Begriff ist nicht nur dehnbar, sondern wird auch oft missbraucht. In der Phase der Portfoliokonstruktion können ESG-Kriterien zur Selektion von Unternehmen zweckdienlich sein. Die meisten ESG-relevanten Fragestellungen mit Handlungsbedarf für Portfolio Manager treten jedoch meist nach Zwischenfällen und Ereignissen im Portfolio auf. In dieser Phase des Portfolio Managements sind daher die Handlungen als Investor im Sinne von Shareholder-Engagement von größter Bedeutung. Bei ausschließlicher Selektion anhand von ESG-Kriterien besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit in ein „Produkt“ verpackt wird und es an nachhaltigen Prozessen und Überzeugung in der Gesamtinstitution fehlt. Einer glaubwürdigen Integration von Nachhaltigkeit sollte daher eine interne Standortbestimmung vorausgehen. Wenn die Beweggründe bekannt sind, fallen die operative Umsetzung sowie die Kommunikation an die Anspruchsgruppen wesentlich einfacher.

Wer beispielsweise Anlagen in Streumunition und Antipersonenminen ausschließt, rühmt sich nachhaltig. Ein Feigenblatt?

In praktisch ganz Europa sind der Einsatz, die Herstellung oder die Weitergabe von Streumunition oder Antipersonenminen verboten. Bezüglich Investitionen in solche Waffen gibt es aber national unterschiedliche Auslegungen. So besteht etwa in Belgien oder Irland ein gesetzliches Investitionsverbot in Streumunition und Antipersonenminen. In Deutschland und in der Schweiz sind indirekte Investitionen über Aktien zwar erlaubt, doch in der Praxis haben zahlreiche Investoren dies ausgeschlossen. Wenn sich damit das Thema nachhaltige Geldanlagen bereits erledigt, ist jedoch die Feigenblatt-Kritik berechtigt.

Im Verhältnis zum gesamten Anlageuniversum sind nachhaltige Investments immer noch bescheiden. 

Gemäß dem Marktbericht des Forums „Nachhaltige Geldanlagen“ umfasst das Volumen nachhaltiger Geldanlagen im deutschsprachigen Raum 134,5 Milliarden Euro. Im Vergleich zu 2012 entspricht dies einem Zuwachs von 12 Prozent. Institutionelle Anleger werden den Markt weiter treiben, denn dazu werden sie von ihren Anspruchsgruppen vermehrt gedrängt und Asset Manager werden sich alleine schon aus Gründen des Risikomanagements und der Reputation mit dem Thema beschäftigen. BRA

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