Das kanadische Pensionssystem macht einen durchdachten, nachhaltigen Eindruck und ist weit weg von europäischen Problemen.

„Wir haben hier in Kanada zehn Provinzen, 35 Millionen Einwohner und elf legislative Systeme für das betriebliche Pensionswesen. Die USA mit 50 Bundesstaaten und 315 Millionen Einwohner haben eins.“ David Burke, Canadian Retirement Leader bei Towers Watson, zieht gern den Vergleich mit dem großen südlichen Nachbarn, um die Komplexität der kanadischen bAV zu erläutern. Denn von British Columbia bis Quebec hat jede Provinz ihr eigenes Betriebsrentenrecht, auf das dann on top noch Bundesrecht aufsetzt.

Wer also hierzulande über die Komplexität unserer betrieblichen Altersversorgung den Kopf schüttelt, sollte froh sein, dass im ebenfalls föderalen Deutschland das Betriebsrentengesetz Bundesrecht ist, und auf keinen Fall den Blick über den Nordatlantik richten.

Wir tun es trotzdem, und zunächst zu den Basis-Parametern des Pensionswesens im flächenmäßig zweitgrößten Land der Welt: Auch das kanadische System der Altersversorgung beruht auf mehreren Säulen, von denen schon die gesetzliche Rente aus zwei, genau genommen drei „Teilsäulen“ besteht: Das ist zunächst das Old Age Security Program (OAS), dass allen Bürgern ab 65 eine pauschale Rente zahlt, so sie denn nach Vollendung des 18. Lebensjahres mindestens zehn Jahre in Kanada gelebt haben. Den Höchstsatz von derzeit rund 550 kanadischen Can-Dollar (415 Euro) monatlich erhält man gestaffelt bei 40 Jahren Aufenthalt. Doch wer mehr als rund 69.500 Can-Dollar Bruttoeinkommen im Jahr hat, muss Kürzungen hinnehmen, ab 112.800 Can-Dollar gibt es gar kein OAS mehr. Umgekehrt beziehen Rentner mit sehr geringem Einkommen zusätzlich zum OAS das Guaranteed Income Supplement (GIS), eine Art Grundsicherung, die im Gegensatz zum steuerpflichtigen OAS steuerbefreit ist. Das GIS kann circa 740 Can-Dollar für Singles, 485 Can-Dollar für Verheiratete erreichen. OAS und GIS sind beide nicht beitrags-, sondern komplett steuerfinanziert.

Die dritte Teilsäule innerhalb der ersten Säule, also des gesetzlichen Rentensystems, bildet landesweit der Canada Pension Plan (CPP). Nur das strikt frankofone und auf Selbstständigkeit achtende Quebec verfügt mit dem Régime de Rentes du Québec (RRQ, englisch: QPP) über ein eigenes System, das jedoch zum CPP weitgehend identisch ist. CPP wie RRQ sind anders als OAS und GIS nicht steuer-, sondern als teilgefundetes Umlagesystem lohn- und gehaltsabhängig beitragsfinanziert und betreffen entsprechend nur Werktätige. Als Pflichtversicherungen angelegt, werden sie zu gleichen Teilen von Arbeitgeber und -nehmer finanziert, Selbstständige zahlen beide Teile allein, Beitragssatz derzeit moderate 9,9 Prozent (RRQ: 10,5 Prozent), Beitragsbemessungsgrenze gut 42.000 Can-Dollar. Frühestes Renteneintrittsalter ist 60, regelmäßiges 65, spätestes 70 Jahre mit jüngst angehobenen Abzügen (0,6 Prozent pro Monat) respektive Zuschlägen (0,7 Prozent). Die Rente beträgt derzeit durchschnittlich 535, maximal gut 1.000 Can-Dollar monatlich (gedeckelt bei 48.300 Can-Dollar), soll damit eine Replacement Ratio von 25 Prozent erreichen, ist inflationsindexiert und wird nachgelagert besteuert.

Knackige 172 Milliarden Can-Dollar hat der CPP derzeit auf der hohen Kante – damit der siebtgrößte Pensionsfonds der Welt –, vom fondseigenen Investment Board weltweit zu gut 50 Prozent in Aktien, gut 10 Prozent in Immobilien (der Fonds ist seit kurzem 50-Prozent-Teilhaber des CentrO in Oberhausen) und knapp 6 Prozent in Infrastruktur angelegt. Nur circa 34 Prozent des wohlgemerkt öffentlich-rechtlichen Geldes liegen in Bonds. Entsprechend vital die Vola: 2009 verlor man gute 18 Prozent, doch dem standen ordentliche, teilweise fast ebenso fette Gewinne fast in jedem der letzten zehn Jahre gegenüber (aktives Management betreibt man erst seit 2006). Über die letzte ­Dekade liegt die annualisierte Performance dementsprechend bei satten 6,7 Prozent (Nachhaltigkeitsrücklage der deutschen GRV seit 2009 zwischen geschätzt 0,4 und 1,5 Prozent Performance). Übrigens: Für 2040 rechnet der Fonds mit einem Volumen von 800 Milliarden Can-Dollar.

Zur bAV: Dort Registered Pension Plans (RPP) genannt, läuft die bAV teils über ­unternehmenseigene, teils über industrieweite Vehikel und findet in der privaten Wirtschaft wie auch im öffentlichen Dienst gleichermaßen Anwendung. Jüngste Entwicklung sind Pooled Registered Pension Plans (PRPPs), mit denen Versicherer einfachere bAV-Produkte anbieten können, bis dato ­allerdings nur für Unternehmen, die Bundesrecht unterliegen.

Wie üblich in angelsächsisch geprägten Ländern gibt es auch in Kanada die Pflicht, Pensionszusagen zu funden. Einer Invesco-Studie zufolge hatten die 1.000 größten Schemes des Landes Ende 2011 üppige 1,2 Billionen Can-Dollar unter Verwaltung (davon circa die Hälfte im öffentlichen Dienst); bis heute dürften ein paar Milliarden dazugekommen sein. Nun, genau betrachtet ist ja nicht die Pflicht zur Ausfinanzierung der Hauptunterschied zwischen den angelsächsischen Systemen und dem deutschen. Ausfinanzieren muss man einmal eingerichtete unternehmenseigene bAV-Vehikel wie Pensionskasse oder -fonds schließlich hierzulande auch. Der Unterschied ist, dass man hier statt mit einer Einrichtung der bAV auch mit Rückstellungen finanzieren darf, die nicht gefundet werden müssen. Das ist in Kanada eben anders, die bAV hat grundsätzlich über entsprechende, auszufinanzierende Einrichtungen zu erfolgen. Alle drei Jahre (in Quebec jedes Jahr) steht dann eine aktuarielle Prüfung an, und bei Unterfinanzierung muss ein Sanierungsplan aufgelegt werden. Da ist derzeit genug zu tun: Laut Aon Hewitt lag Ende März der Median der Deckung für alle privaten und öffentlichen Pension-Schemes in Kanada bei nur 74 Prozent, und 97 Prozent aller Fonds waren unterdeckt. Grund ist auch in Kanada die Niedrigzinsphase. Der Diskontsatz, der sich aus der Rendite kanadischer Govies zuzüglich 90 Basispunkten ergibt, liegt derzeit je nach Laufzeit der Verpflichtungen zwischen 2,4 und 4 Prozent, für Rentnerbestände bei gut 3 Prozent. Die Recovery-Fristen sind dabei je nach Provinz von fünf auf bis zu zehn Jahre verdoppelt worden. Übrigens gilt offenbar auch in Kanada die These von der pekuniären Omnipotenz des Staates; öffentlich-rechtliche Pensionsfonds unterliegen jedenfalls je nach Landesrecht zumindest teilweise nicht der Prüfungspflicht.

Auch Kanada hat sich dabei in den guten 80er und 90er Jahren die teuren Trends zu endgehaltsabhängigen DB-Zusagen, Frühverrentungen und automatischen Rentenerhöhungen geleistet; Sünden, die man nun nach den Krisen des frühen 21. Jahrhunderts auch hier umkehren will. Besonders setzen die Kanadier bei Rentenerhöhungen an, so wurden automatische Anpassungen gemäß Consumer-Price-Index jetzt ergänzt um Rentenfaktoren, die sich am Funding Level des Schemes orientieren. Vorreiter waren hier nicht zuletzt öffentliche Einrichtungen, so der Ontario Teachers’ Pension Plan, der Healthcare of Ontario Pension Plan und der Colleges of Applied Arts and Technology Pension Plan. Weiter lassen sich Anpassungen bei Renteneintrittsalter und Prämien beobachten. Auch der zur ersten Säule gehörige CPP hat ähnliche Neuadjustierungen vorgenommen, so die erwähnten ­höheren Zu- und Abschläge.

Es überrascht also wenig, dass auch in Kanada der Trend von Defined Benefit zu Defined Contribution um sich greift, wenn auch in den DB-Schemes mit 900 Milliarden Can-Dollar immer noch der Löwenanteil der Assets liegt. Die Unternehmen sind bestrebt, Risiko aus den Pensionsplänen zu nehmen. ­Allenthalben werden auch zwischen Montreal und Vancouver DB-Schemes für Neueintritte geschlossen, obwohl die Gewerkschaften bei den industrieweiten Pensionsfonds gern dagegenhalten. Doch im öffentlichen Dienst sind nach wie vor praktisch alle Schemes DB. Michel St-Germain, Aktuar und Partner bei Mercer in Montreal, bilanziert: „Unser Pensionssystem entwickelt sich. Der Privatsektor schwenkt von DB auf DC um, nicht jedoch der öffentliche Dienst. Das System ist nachhaltig, obwohl die Regelungen der Frühverrentung zu großzügig sind.“

Im Zusammenwirken mit den elf legislativen Systemen ist die heutige bAV-Landschaft entsprechend vielfältig: Es gibt alle möglichen Extrem- und Mischformen zwischen Defined-Benefit und Defined-Contribution-Plänen, arbeitgeber- und matching-finanziert, DC-Pläne mit und ohne Mindestgarantien oder die dem Erfolg des Unternehmens folgen (Profit Sharing Pension Plans), sogenannte integrierte DB-Pläne, die sich wie in Deutschland an dem Bezug aus der gesetzlichen Rente ausrichten et cetera.

Eine Studie von Aon Hewitt aus dem Jahr 2010 mit 277 vornehmlich privaten Arbeitgebern ergab, dass noch 62 Prozent der Unternehmen ein oder mehrere DB-Schemes führen, wovon aber bereits gut die Hälfte teil- oder vollgeschlossen ist. 88 Prozent der Unternehmen bieten DC-Pläne an, in Nordamerika redet man auch oft von Capital ­Accumulation Plans CAP: DC pur ohne ­irgendwelche Garantien oder Subsidiärhaftungen, steuerbegünstigt, oft über Life-Cycle-Fonds abgebildet und gelegentlich mit Mitarbeiterbeteiligung bei den Investment-Entscheidungen eingerichtet.

Im Trend liegen dabei sogenannte Target Benefit Plans (TB), die ein Mittelding zwischen DB und DC sein wollen: Beiträge sind fix, Auszahlung richtet sich an der Projektion der Performance aus, jede Über-Performance auf der Asset-Seite wird als Puffer ­zurückgelegt. Aber auch hier: Einzelheiten schwanken mit dem Recht der jeweiligen Provinz, in einigen laufen gerade erst die entsprechenden Gesetzgebungsverfahren.

Übrigens, Obligatorium geht auch auf der Mikroebene, zumindest in Kanada: Die Unternehmen haben die Möglichkeit, ihr bAV-Angebot für ihre Mitarbeiter verpflichtend zu gestalten, und machen davon auch regelmäßig Gebrauch. „Im öffentlichen Dienst ist die Teilnahme typischerweise obligatorisch, im Privatsektor sehen circa 60 Prozent der Pläne die zwingende Teilnahme auch bei Entgeltumwandlung vor“, berichtet Burke.

Trotzdem: Nicht ausreichende Durchdringung bleibt eines der Hauptprobleme des kanadischen Systems. Claude Lockhead, ­Senior Partner bei Aon Hewitt in Montreal, schätzt die Verbreitung im öffentlichen Sektor zwar auf über 90 Prozent. Doch in der Privatwirtschaft werden nur 25 bis 30 Prozent der Beschäftigten erreicht, so der Aktuar. Lücken tun sich ähnlich wie in Deutschland besonders bei klein- und mittelständischen Unternehmen auf.

Asset-Seitig geht die Tendenz ähnlich wie hier zu Liability Driven Investment, Duration Matching und De-Risking. Lockhead zu dpn: „Die Plansponsoren richten ihre Fixed-Income stärker an den Verpflichtungen aus, soweit es das Risiko des Lock-in für den Fall steigender Zinsen zulässt. Bei ertragreichen Anlagen suchen sie mehr Diversifikation, indem sie auf Alternativen zu Aktien ausweichen, beispielsweise Immobilien, Infrastruktur und Hedgefonds.“ Der TW Global Pension Assets Study 2013 zufolge liegt die marktweite Asset Allocation kanadischer Pensionsfonds bei 43 Prozent Aktien, 33 Prozent Bonds, 23 Prozent „Andere“ und 2 Prozent Cash. Ohnehin: „Kanadische Pensionsfonds sind auf dem internationalen Parkett ­bekannt dafür, bei Infrastruktur und Private Equity weltweit eine Vorreiterrolle einzunehmen,“ weiß auch Joachim Suter, Partner bei Altius Associates, zu berichten. Und St-Germain stellt fest: „Die meisten Sponsoren erhöhen jetzt den Anteil an Alternative Investments, vor allem im öffentlichen Sektor.“ Öffentliches Geld nicht nur in Aktien, sondern auch noch in Alternatives investieren? In Deutschland so wohl undenkbar.

Der Performance-Median der Pensionsfonds lag landesweit 2012 Aon Hewitt zufolge bei 9,2 Prozent und damit in ähnlichen Größenordnungen wie bei den Contractual Trust Arrangements der deutschen Industrie (die ihre circa 10 Prozent Rendite allerdings mit einem nur rund halb so hohen Aktienanteil erreichten). Die guten Anlageergebnisse ändern dabei hüben wie drüben nichts an den schlechten Funding Ratios, wird doch der Effekt von dem Niedrigzins überkompensiert; eine bilanzielle Problematik, die man auch 2012 in Deutschland mal wieder Dax-weit beobachten konnte.

Schließlich gibt es auch in Kanada eine dritte Säule: die Registered Retirement ­Savings Plans (RRSP). Hier handelt es sich um steuerbegünstigtes Vorsorgesparen, am ehesten vergleichbar mit der Riester-Rente. Viele Unternehmen kombinieren dabei die RRSP mit ihren DB- respektive DC-Schemes. Riester in der bAV geht also – wenn man es richtig macht. Außerdem gibt es seit Anfang 2009 die Tax Free Savings Accounts (TFSA), die kapitalertragssteuerfreies Sparen von bis zu 5.000 Can-Dollar pro Jahr erlauben.

Fazit: Die Kanadier werden zwar nicht müde, die Sorgen und Nöte zu betonen, mit denen sie sich in ihrem Pensionssystem rumschlagen müssen, doch die möchte man als Deutscher gern haben. Alles in allem ist das kanadische Pensionssystem gut positioniert (eine OECD-Studie – was auch immer man von deren Studien halten mag – sah 2011 unter 32 Staaten Kanada mit seinem Pensionssystem immerhin auf dem achten Platz bei der Vermeidung von Altersarmut). Aktuelle Probleme stellen vor allem die mangelhafte Durchdringung der bAV bei KMU und die gegenwärtige Unterfinanzierung der meisten Pensionsfonds dar. Doch ist ein Underfunding ja angesichts der Nachschusspflicht der Unternehmen im Prinzip nichts anderes als eine teilweise Rückstellungsfinanzierung analog zur deutschen Direktzusage, da die Unternehmen die Betriebsrenten dann im Zweifel beizeiten schlicht aus dem Cashflow finanzieren.

Zwar steht Kanada in seinem System der Altersvorsorge zunächst einmal vor ähnlichen, grundlegenden Herausforderungen wie Deutschland und die anderen europäischen Staaten, vor allem das Niedrigzinsumfeld und der (etwas geringere) demografische Druck pressieren; flaniert man durch Montreal, sieht man ähnlich wie in europäischen Großstädten kaum Kleinkinder. Doch schon eine einfache Inaugenscheinnahme des Pensionssystems zeigt seine stärkere Zukunftsfestigkeit. Nicht nur, dass das Land mit weniger als der Hälfte der Einwohnerzahl Deutschlands allein in der bAV über 1,2 Billionen Can-Dollar auf der hohen Kante hat; auch seine erste Säule ist beeindruckend aufgestellt: Mag er auch etwas hinken, doch macht der Vergleich zwischen dem öffentlich-rechtlichen CPP mit seinem Beitragssatz von nur 9,9 Prozent und seinem Volumen von 170 Milliarden Can-Dollar mit teils zweistelliger Performance einerseits und der deutschen gesetzlichen Rentenversicherung mit ihren 18,9 Prozent, faktischer Zero-Performance und dem nötigen Steuerzuschuss von 60 Milliarden Euro 2011 (nach 81 Milliarden im Vorjahr) andererseits schon irgendwie sprachlos (wenn auch Teile der gesetzlichen Rente in Kanada steuerfinanziert sind).

Um zu sehen, warum Kanada auch in der Altersvorsorge grundsätzlich zukunftsfester dasteht als die europäischen Staaten, sollte man – abgesehen vom Rohstoffreichtum des Landes – darüber hinaus die Makroebene ­berücksichtigen, und hier vor allem das, was das Land anders als Europa gerade nicht hat, als da wären: keine Abgabe der nationalen Souveränität an ein supranationales Staatensystem, keine übereifrige und regulierungsfreudige EU-Kommission mit rasenmäherartigen Wunschvorstellungen, keine hysterisch zusammengehaltene Währungsunion mit völlig unterschiedlich aufgestellten Volkswirtschaften, keine übergreifende Währungs- und Staatsschuldenkrise und schließlich auch keine sytematische Einwanderung in die Sozialsysteme, die gerade in Deutschland mit der weiteren Freizügigkeit ab dem Jahr 2014 nochmals völlig neue Dimensionen anzunehmen droht. Insofern gilt tatsächlich frei nach Goethe: Kanada, du hast es besser.

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